Interview_Manova

Gibt es den „Neuen Materialismus“ überhaupt — und wenn ja, inwiefern?

Dass das Interesse der Geisteswissenschaften für das Materielle in seinen verschiedensten Ausrichtungen und Lesearten als „neu“ bezeichnet wird, hat vor allem auch strategische Gründe. Ich würde dieses Interesse literarischer Texte, aber auch der Forschung (von historischer, literaturwissenschaftlicher, philosophischer Seite) als beinahe ununterbrochen beschreiben.  So lässt sich ein golden spike dieser Forschungstendenz nur sehr schwer ausmachen. Dass die Gender Studies und die ANT eine signifikante Rolle für die Institutionalisierung des Interesses für Objekte, Körper, Dinge, Materien, Materialien, Substanzen und Stoffe hatten, ist sehr einleuchtend. Würde man jedoch anfangen, diesen Gegenstandsbereich historisch genauer zu verorten, wird schnell klar, dass man bis in die 50er Jahre und zu Aufsätzen wie Thure von Uexkülls und Ernesto Grassis „Über den Begriff der Materie“ (1951) gehen kann. Von dort ist es nur ein kleiner Sprung in die 20er und 30er Jahre, die mehrere Debatten zu Realismus und Materialismus der Literatur und Kunst anbieten. Trotzdem sind mehrere Beiträge der Geisteswissenschaften, die in den letzten Jahren aus der Faszination für Materie hervorgegangen sind, nicht zu übersehen: Karen Barads Konzept eines agentiellen Realismus, das Niels Bohrs Quantentheorie als Grundlage für das Postulieren einer Performativität der Materie und die Überwindung des Repräsentationalismus nutzt, aber auch geschichtswissenschaftliche Arbeiten wie Andrea Westermanns Plastik und politische Kultur Westdeutschlands (2007) oder Sven Beckerts Empire of Cotton (2014).

Du schreibst Deine Dissertation über Rohstoffdiskurse in der Zwischenkriegszeit. Inwieweit spielen materialistische Ansätze als theoretisches Konstrukt für Deine Arbeit eine Rolle?

Die Literatur und Publizistik der 20er und 30er Jahre fungieren für mich und meine Arbeit als ein eigenständiges Korpus, das materialistische Narrative konstruiert und exemplifiziert. Texte von Brecht und Piscator, von Tretjakow und Gorkij stellen eigenständige Zugänge und Motive für das Schreiben und Lesen „neuer“ materialistischer Texte dar. Schriftsteller und Journalisten wie Heinrich Eduard Jacob, Anton Zischka, Ilja Ehrenburg, B. Traven oder Ruth Landshoff-Yorck entwerfen zum Teil vollkommen unabhängig von diesen Metadiskussionen neue Genres (wie die Stoffbiographie oder den Sachroman) und thematisieren die aktive Teilnahme konkreter Materien und Stoffe am gesellschaftlichen und politischen Leben. Insofern sind die materialistischen Ansätze und die Reflexion darüber in meiner Arbeit dem Gegenstand bereits inhärent. Nützlich sind trotzdem spezifischere Ansätze, die sich mit Rohstofflichkeit beschäftigen (z. B. die Gruppe Petrocultures: http://petrocultures.com).

Wie genau gestaltet sich dabei das Verhältnis zwischen materialistischer Theorie und den Materialien, über die Du schreibst?

Die Materialien, für die ich mich in der Arbeit interessiere und die aufgrund ihrer industriellen Anwendbarkeit als Rohstoffe bezeichnet werden (Erdöl, Kohle, Baumwolle, Kautschuk) sind nur ein Teil und nur eine der vielen Richtungen, in die materialistische Theorien und wissenschaftliche Praktiken gehen können. Sie stellen aber auch ein spezifisches Verständnis des Begriffs Materie dar, nämlich als etwas quantitativ Messbares und Teilbares, das gefördert und bearbeitet werden kann. Die Stärke des Begriffs „Rohstoff“ im Deutschen liegt vor allem auch darin, dass er eine leicht erkennbare etymologische und konzeptionelle Verbindung zur Literatur (Stoff einer Erzählung) und zur Literaturwissenschaft (Stoff- und Motivforschung) bietet. Darüber hinaus beleuchte ich in der Arbeit die materiellen Voraussetzungen, unter denen bestimmte Publikationen der s.g. Unterhaltungsliteratur entstanden sind. Auch dies ist ein Teilgebiet und eine literaturwissenschaftliche Lesart des Neuen Materialismus, Praktiken, Bedingungen, Institutionen, Medien und Materialien der Literaturproduktion aufzuarbeiten.

Welche Chancen bieten (neue) materialistische Ansätze für die Literaturwissenschaft?

Die Nähe zu Materie, zu Gegenständen, Dingen und Stoffen wurde in der Theorie und Philosophie immer wieder mit dem bloß Inhaltlichen, Weiblichen und Niedrigen in Verbindung gebracht und als Gegensatz zu Idee und Form konstruiert, die männlich konnotiert sind. So sind die materialistischen Tendenzen der Literaturwissenschaft heute, wie diejenigen der 70er Jahre, ein Versuch die historische und wissenschaftliche Relevanz gerade marginalisierter Stimmen und Gattungen, vergessener Themen, Verlage und Autoren, die jedoch große Verbreitung und Popularität genossen, zu unterstreichen und zu untersuchen. Allerdings nicht immer. Denn materialistische Ansätze werden und wurden auch dazu in Anspruch genommen, um kanonische Texte und Autoren noch einmal mit anderen Schwerpunkten in den Blick zu nehmen. Dadurch werden oft bereits bekannte, die Genieästhetik weiterführende Narrative über bestimmte Autoren und Autorengruppen reaktiviert.

In der Literaturwissenschaft der 1970er Jahre wurde besonders das herrschaftskritische Moment materialistischer Ansätze betont. Siehst Du heute kritisches politisches Potenzial auch in den neuen materialistischen Ansätzen?

Auch materialistische Ansätze können für gefährliche und diskriminierende Sprache sowie politische Praktiken eingesetzt werden. Dass das Rohstoffinteresse der Weimarer Zeit eine Steilvorlage für hetzerische Propaganda nach 1933 geboten hat, ist dafür exemplarisch. Ich denke hier an bedrohlich-verschwörerische Berichte über die Erdölwirtschaft der Zeit sowie an Lobeshymnen auf die deutschen Bestrebungen zur Autarkie. So wie in den 30ern Erdöl und Kautschuk als Produkte eines blutvergießenden Kolonialismus (Karl Fischer: Blutgummi, 1938) und schroffer Gegensatz zur humanen, Gerechtigkeit und Frieden sichernden deutschen Chemiewirtschaft beschrieben wurden (Anton Zischka: Wissenschaft bricht Monopole, 1936), so bieten auch die aktuellen materialistischen Ansätze (u.a. der Ecocriticism und das jüngere Interesse literaturwissenschaftlicher Forschung für geologische Konzepte wie das Anthropozän oder für Funktionsmodelle der Ökologie) eine sehr heterogene Breite an Erzählmustern. Diese bieten Anhaltspunkte sowohl für eine Kritik im Sinne einer linken Literaturwissenschaft, als auch für kulturkonservative Bewahrungsphantasien.

 

Dariya Manova ist Doktorandin an der HU Berlin und Mitglied des PhD-Net „Das Wissen der Literatur“. Sie forscht zu Rohstoffdiskursen in der Zwischenkriegszeit.

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