Editorial_Neue_Materialismen

So selbstverständlich das Stichwort ‚Materialismus‘ bis heute mit marxistischen Theorien verbunden wird, so fremd war es bis vor wenigen Jahren einer Literaturwissenschaft, die besonders in deutschen Landen jeglichem Marxismus als Karrierehindernis längst abgeschworen hatte: Ein Atavismus aus der ‚ideologischen Antike‘ (Alexander Kluge), in der Ideologien noch mit den Instrumenten des Materialismus auf den Leib gerückt wurde. Diese Situation hat sich inzwischen geändert: Die Atavismen wuchern allüberall in mannigfaltigen Spielarten, die forschungsgeschichtlich bereits unter dem Label eines
‚material turn‘ als Bewegung über einen sprachzentrierten ‚lingustic turn‘ hinaus gehandelt werden. Gemeint sein können Schreibtische wie Schreibpraktiken, menschliche Körper wie Nanopartikel, Ökosysteme oder sogar „ein[…] erneuerte[r] Materialismus, der vor allem als Signifikation […] definiert wird“ (Chow 2010, 226) und über den der marxistische Literaturwissenschaftler Terry Eagleton in seinem neuen Buch Materialismus (2018) bemerkt, ein solcher vorrangig auf Zeichenprozesse zielender Materialismus sei „die erneuerte Idee eines Nashorns, das vorrangig als Hase definiert wird“ (Eagleton 2018, 20).

Eagleton glaubt demnach zu wissen, wie ein Nashorn exakt definiert wird und dass sich diese Definition nicht ändern sollte. ‚Materialismus‘ wird damit zu einem so langfristig unwandelbaren Begriff wie ‚Nashorn‘. Der Verdacht liegt nahe, dass er damit in erster Linie, wenn nicht zum Katechismus verkommenen Konzepten wie dem historischen Materialismus, so doch einem vergangenen Marxismus Tribut zollen möchte. Zu fragen wäre, ob eine solche Rückbesinnung mehr einbringt als eine Verständigung auf einer recht abstrakten philosophischen Ebene. Für die Weiterentwicklung materialistischer Methoden und Analysen in der Literaturwissenschaft wäre es hingegen vorteilhafter, auf diejenigen Fragen zurückzukommen, die vergangene marxistische Materialismen für die Literaturwissenschaft stellten und beantworteten – oder die ungeklärt blieben. Auf der anderen Seite benennt Eagletons Essay das Problem eines neuen Materialismus, der sein Verhältnis zu älteren Definitionen des Materialismus, seinen Problemen, aber auch seinen Errungenschaften nicht einmal mehr explizit zur Debatte stellt.

Um zwischen reiner Reaktivierung marxistischer Philosopheme und geschichtsvergessener Beliebigkeit einen Weg in die Zukunft zu finden, ist deshalb die heutige Aufgabe, eine Archäologie abgebrochener marxistischer Forschungen mit einem Projekt künftiger materialistischer Literaturwissenschaft zu verbinden, das sich durchaus von neuen Materialismen inspirieren lassen darf. Einen kleinen ersten Beitrag dazu möchte der Schwerpunkt der 11. Ausgabe von Undercurrents – Forum für linke Literaturwissenschaft leisten und dabei besonders zwei Fragen nachgehen. Als erstes wird zu bestimmen versucht, was unter Materialismus in unterschiedlichen Ausprägungen dieses sehr extensiven Konzepts historisch wie aktuell verstanden wird. Dariya Manova reflektiert in einem Interview mit Undercurrents aktuelle Gebrauchsweisen materialistischer Ansätze in der Literaturwissenschaft. Helmut Peitsch untersucht in seinem Beitrag, wie eine der prominentesten marxistischen Zeitschriften, Das Argument, seit den 1960/70er Jahren  Debatten zu literaturwissenschaftlichem Materialismus führte. Konstanze Hanitzsch diskutiert im Gespräch mit Undercurrents die Spezifik von feministischen Materialismen.

In diesen Beiträgen ist es besonders um eine historische und theoretische Situierung materialistischer Ansätze zu tun. So ist gut möglich, dass ein wesentliches Problem hierbei die Frage ist, was unter Materialität zu verstehen sei. Haben die meisten Ansätze gemein, dass sie Materie nicht als unwandelbare Natur jenseits der Geschichte ansiedeln, so ist damit noch ungeklärt, was diese in ihrer Spezifik kennzeichnet – Ding oder Stoff (vgl. Espahangizi/Orland 2014)? Soziohistorische Praxis? Unendliches Prozessieren? Abhängigkeit der Kultur von Naturprozessen? – wie auch, in welchem Maße und auf welche Weise Materialitäten als Bedingungen von Kultur, Kunst und Literatur verstanden werden.

Eine zweite Frage unseres Schwerpunkts ist darum, inwiefern materialistische Ansätze die Literaturforschung methodisch bereichern und wie sie analytisch angewendet werden können. Anne Peiter widmet sich in ihrem Artikel dem Problem der literarischen Repräsentation atomarer Strahlung im Kontext des Kalten Krieges. Dennis Borghardt erprobt einen neomaterialistischen Ansatz anhand der Poetik des deutschsprachigen Punkrocks seit der Wendekultur.

Mit diesen Beiträgen möchten wir einen Rahmen für Diskussionen zu wesentlichen Fragen nach möglichen Anwendungsgebieten und Anwendungsweisen materialistischer Literaturwissenschaft vorschlagen. Wenn Dinge und individuelle Praktiken – etwa Schreibtische oder Schreibszenen – als Ausgangspunkt zu nehmen einer Fetischisierung des unmittelbar Gegebenem jenseits soziohistorischer Kontextualisierung gleichkommen könnte, so ist die Gefahr einer Sozialgeschichte der Literatur, Erkenntnisse sozial- und geschichtswissenschaftlicher Disziplinen zu vergangenen und gegenwärtigen Gestalten der Realität schlicht zu adaptieren oder zu reproduzieren und damit wenig zur Erforschung formal-ästhetischer und imaginativ-utopischer Eigenlogiken von Literatur beizutragen. Was sind die jeweiligen genuinen Bedingungen der Produktion, Distribution und Rezeption von Literatur? Wie hängen Gattungen, Schreibweisen und Stile mit materiellen Umständen in der Geschichte von Gesellschaften zusammen? Diese Fragen zu beantworten ist eine Aufgabe, die weitaus schwieriger zu lösen ist als mithilfe einer willkürlichen Neudefinition, und selbstverständlich ist sie Aufgabe einer gleichfalls historisch wie materialistisch argumentierenden „Kritik“ (Hennig 2016), die ihrem Namen gerecht wird.

Für eine Neuentdeckung sozialgeschichtlicher Ansätze plädiert außerhalb des Schwerpunkts Katharina Kreuzpaintner anhand ihrer Rezension von Patrick Eiden-Offes Studie Die Poesie der Klasse, die in diesem Zuge ein erweitertes Verständnis des marxistischen Klassen-Begriffs liefert.

Redaktion Undercurrents, Berlin/New York, Mai 2018

 

Literatur

Chow 2010: Rey Chow: „The Elusive Material: What the Dog Doesn´t Understand“. In: Diana Coole / Samantha Frost (Hg.): New Materialisms. Ontology, Agency, and Politics. Durham (NC): Duke University Press, S. 221-233.

Eagleton 2018: Terry Eagleton: Materialismus. Wien: Promedia.

Espahangizi/Orland 2014: Kijan Malte Espahangizi/Barbara Orland (Hgg.): Stoffe in Bewegung. Beiträge zu einer Wissensgeschichte der materiellen Welt. Zürich/Berlin: diaphanes.

Hennig 2016: Fabian Hennig: „Materialismus ist kein Synonym für Kritik. Thesen zu New Materialism, Posthumanismus und Feminismus“. In: Outside the Box. Zeitschrift für feministische Gesellschaftskritik 6, S. 67-73.

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