Rezension_Poesie_der_Klasse

Die bei Matthes & Seitz erschienene Studie Die Poesie der Klasse. Romantischer Antikapitalismus und die Erfindung des Proletariats des Berliner Literatur- und Kulturwissenschaftlers Patrick Eiden-Offe zählt mit Sicherheit zu den meistbesprochenen akademischen Neuerscheinungen des letzten Jahres. Undercurrents hatte Eiden-Offe zusammen mit Eva Blome bereits 2012 zum Thema interviewt. Mit der Klasse widmet sich die Studie einer lange Zeit aus öffentlichen wie wissenschaftlichen Diskussionen verschwundenen und einst fundamentalen linken Kategorie, die er historisch-philologisch differenziert: Die „literarische Vergangenheit“ der proletarischen Klasse, war, so zeigt Eiden-Offe durch eine Fülle von Materialien überzeugend, nämlich viel „reicher […] als es durch den Filter der Literaturgeschichte erscheinen mag.“ (S. 114) Ebenso war die Klasse der Proletarier_innen selbst ursprünglich keineswegs nur auf männliche und ‚weiße‘ Arbeiter festgelegt. Zumal, wie die Studie in Erinnerung ruft, am Beginn der Industrialisierung eben nicht nur Männer, sondern auch Frauen in den Fabriken arbeiteten; was sowohl weibliche Alleinstehende ökonomisch abgesichert, als auch das Alleinerzieher_innen-Modell zum gangbaren Lebensentwurf gemacht hat. Und zwar so sehr, dass letzteres sogar häufiger gelebt wurde als heutzutage. Aber nicht nur der weiblichen Kolleginnen als potentiell revolutionäre Subjekte hat sich die Arbeiterklasse im Lauf ihrer Konstituierung entledigt. Auch die weitgehend fehlende Solidarisierung mit den in Sklaverei Arbeitenden in den Kolonien ist für Eiden-Offe ein beschämendes Faktum in der Geschichte der Arbeiter_innenklasse, das nicht mehr länger als Nebenschauplatz außer Acht gelassen werden sollte.

Literaturwissenschaftliche Archäologie betreibt Die Poesie der Klasse dabei allerdings nicht nur, weil im Laufe historischer Begriffsbildungen und -politiken viele literarische Facetten des Phänomens Klassenbildung verloren gegangen sind. Auch methodisch schließt Eiden-Offe an die Hochzeit marxistischer Debatten in der Literaturwissenschaft an: Die Poesie der Klasse ist auch als Versuch der Neuentdeckung und Differenzierung sozialgeschichtlicher Ansätze zu lesen, wie sie vor allem die Literaturwissenschaft der 1970er Jahre dominiert hatten. Als zu faktengläubig und positivistisch war die Sozialgeschichte seitdem in die Kritik geraten, als pedantische Ausprägung (zumeist) linker Literaturwissenschaft der es „nur darum“ ging »wie es eigentlich gewesen ist«.“ (S. 33) Eiden-Offe teilt diese Kritik zwar, legt aber jene methodische Perspektive eben nicht ad acta, sondern deklariert seine Studie als „Sozialgeschichte mit Möglichkeitssinn“ (S. 33), die angesichts einer bislang eingeschränkten Rezeption die Vielfältigkeit und das Potenzial einer literarischen Vergangenheit aus der Vergessenheit hebt. Mit der Sozialgeschichte der Literatur teilt er dabei  nicht nur das Interesse für den marxistischen Begriff der Klasse, sondern durchaus auch den Textzugang.

Denn die Sozialgeschichte der Literatur hat nicht nur marxistische Begriffe für die Literaturwissenschaft erschlossen, sondern ganze Textkorpora und neue Gattungen, die auch im Sinne eines späteren kulturwissenschaftlichen Zugangs den Blick über den bekannten hochkulturellen Kanon hinaus erweitert und damit revolutioniert haben. Für Die Poesie der Klasse bedeutet dies:  „Das — ästhetisch vielleicht mediokre — »sociale Gedicht« eines heute weithin vergessenen Poeten verspricht den gleichen Erkenntnisgewinn wie das sozialtheoretische Traktat eines später weltberühmten Philosophen“ (S. 34). In Bezug auf die Sozialgeschichte der Literatur hätte Eiden-Offe diese Lektürehaltung vielleicht noch einmal anders reflektieren können als einerseits ziemlich untertourig als „ausgewilder[t], selbst undiszipliniert“ (S. 34) und andererseits intellektuell pathetisch als ‚Rettungshistoriografie‘. Nicht nur, weil die produktive Inspiration, die die Sozialgeschichte für Die Poesie der Klasse darstellt, so besser hätte gewürdigt werden können. Sondern auch weil dann vielleicht auch die Absetzung davon besser funktioniert hätte: Die Poesie der Klasse behandelt zwar eine Menge an Materialien, aber bleibt dabei meist auf diskursiver Ebene; so bleiben etwa mediale Aspekte unberücksichtigt.

Auch wenn die Studie sehr fundiert recherchiert ist, kommt es tatsächlich ja weniger auf die nun endlich hergestellte Vollständigkeit eines Inventars der Arbeiter_innenliteratur im Vormärz an. Die Pointe der Poesie der Klasse besteht vielmehr darin, dass sie gerade in Bezug auf die Klasse festgefahrene Gewissheiten verschiebt. Nicht nur, was die Tatsache angeht, dass jene Klasse überhaupt erst über eine Fülle diffiziler Textmanöver gefiltert und hergestellt werden musste, also neben einer sozioökonomischen Kategorie nicht zuletzt eine poetische Figur ist. Sondern auch die Feststellung betreffend, dass Poesie dabei ein entscheidendes proletarisches Mittel war, Vorstellungen einer besseren Welt zu entwickeln. Denn Poesie ist nach Eiden-Offe ebenso wie die Bildung nicht nur ein Monopol des Bürgertums, sondern immer schon auch ein Medium der weniger gut Gestellten; eben weil sie nicht nur bestimmte Werte und Verhaltensweisen aufoktroyiert, sondern auch Luxus, Freizeit und Utopie bedeuten kann.

Revolutionäres Potenzial hatte diese Klasse also nicht in erster Linie, weil ihre Arbeits- und Lebensbedingungen so schlecht waren. Sondern weil die „»einfachen Leute[ ]« bei all ihrem Elend“ deutlich mehr wollten als „das bloße Fressen“ (S. 64). Eine nicht nur sympathische, sondern auch für die Literaturwissenschaft signifikante Einsicht: Schließlich erweist sie die Fokussierung auf den bildungsbürgerlichen Kanon einmal mehr als äußerst beschränkt.

Gerade für Literaturwissenschaftler_innen ist diese Pointe jedoch noch in anderer Hinsicht aufschlussreich. Und zwar weil sie ihren eigenen Status verschiebt. Zwar schrieben z.T. schon ihre stets männlichen Vorgänger im 19. Jahrhundert über das Proletariat und zählten sich selbst zum Bildungsbürgertum. Doch mit der Einsicht, dass Bildung eben nicht Alleinstellungsmerkmal der bürgerlichen Klasse ist, wirft Eiden-Offe durchaus auch mit Blick auf „unsere moderne Geschichte“ (S. 13) die Frage auf, wohin seit dem 19. Jahrhundert eigentlich die Intellektuellen gehören. Denn: „Jeder »freie Schriftsteller«, jeder Wissenschaftler diesseits der Lebenszeitstelle bleibt »virtueller Pauper«“ (S. 114). Die Poesie der Klasse beschäftigt sich also auch mit der Vergangenheit des Vormärz, um die Prekarisierung in der eigenen Gegenwart kenntlich zu machen. Und damit auch, um nicht nur Reflexions-, sondern auch Widerstandspotential freizusetzen. So heißt es in der literaturwissenschaftlichen Studie etwa:

„Dass die »freie« Lohnarbeit schon allein deshalb nicht exklusiv an die Kampfform Streik gebunden ist, weil diese Kampfform aus anderen Arbeitsverhältnissen stammt, dass also mithin der Streik auch im Regime der freien Lohnarbeit nur eine Waffe unter anderen im »Arsenal[der] Kampfmittel« sein sollte, dies wurde im Vormärz noch vielfach bedacht (und seitdem zunehmend vergessen), und dies wird auch — in diesem Buch wie in der sozialen Wirklichkeit — weiter zu bedenken sein.“ (S. 302)

Auch die Volte, die eigene Gegenwart in der Vergangenheit der proletarischen Klasse im 19. Jahrhundert zu erkennen, kann als Modifikation der Sozialgeschichte der Literatur der 1970er Jahre gelesen werden. Schließlich geriet dieser (da wo sie sich explizit marxistisch verortete vielleicht etwas unfreiwillig) der Bürger zum Held, weil man hoffte, in der Geschichte Einsichten über die eigene Zeit zu gewinnen. Nur dass die Literaturwissenschaft der 1970er Jahre, angesichts des damals prosperierenden Bildungssektors eben noch nicht der Pauper, sondern der Bildungsbürger aus dem Spiegel der Geschichte anblickte.

Doch so einsichtsreich manche sozialhistorischen Studien waren, und so instruktiv, klug und lesbar Eiden-Offes Studie ist, die tatsächlich einen gelungenen Versuch, literaturwissenschaftlichen Möglichkeitssinn zu entwickeln, darstellt: War der Blick in die Vergangenheit als Beginn  „unsere[r] moderne[n] Geschichte“ (S. 13) also als einzig ausschlaggebender Zeitpunkt um die Gegenwart zu verstehen, nicht schon in den 1970ern etwas paradox? Und verstellt die historisch-philologische Fixierung auf die Geschichte nicht auch den Blick für die Potentiale der eigenen Zeit? Schließlich lässt sich durchaus in Frage stellen, ob in den 1970er Jahren ausgerechnet die Zeit ‚um 1800‘ das größte Potential hatte, die einsetzende postindustrielle Moderne im 20. Jahrhundert zu verstehen. Und bleibt der Blick in die Vergangenheit zur Erklärung der eigenen Gegenwart nicht auch heute schwierig, selbst wenn man in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts weniger kanonische Autoren wie Ernst Willkomm (Weisse Sclaven oder die Leiden des Volkes) oder Otto Peters (Schloss und Fabrik) entdeckt? Eiden-Offes Lektüre ihrer Texte ist zwar äußerst bereichernd. Doch gerade weil der Fluchtpunkt der Poesie der Klasse die heutige Gegenwart ist, stellt sich doch die von Eiden-Offe nur teilweise beantwortete Frage, wie ein nicht in der Vergangenheit rekonstruierter, sondern in der Gegenwart entwickelter Möglichkeitssinn eigentlich aussehen könnte. Schließlich läuft die Romantisierung möglicher Vergangenheiten durchaus Gefahr, den Blick für die Prekarität der eigenen Gegenwart, den Die Poesie der Klasse ja entwickelt, auch schnell wieder zu verstellen.

Patrick Eiden-Offe: Die Poesie der Klasse. Romantischer Antikapitalismus und die Erfindung des Proletariats, 460 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, erschienen bei Matthes & Seitz 2017.

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