Interview_Hanitzsch

Was genau ist materialistisch an bestimmten Feminismen? Was verstehen diese unter ‚Materialitäten‘?

Anknüpfend an Sara Ahmeds Kritik am Ausrufen des neuen (feministischen) Materialismus als ganz neuer Richtung (2008) würde ich behaupten, dass Feminismus immer eine materialistische Ebene hat. Auch der Eintrag zum Stichwort ‚Material Feminisms‘ im Posthuman Glossary endet mit den Worten „In other words: feminism has never been immaterial“ (Braidotti/Hlavajova 2018, 244). Jede Form von Feminismus bezieht sich auf gesellschaftliche Machtverhältnisse, die es zu verändern gilt. Die Trennung von Reproduktionsarbeit und ‚wertschaffender‘ Arbeit sowie Privatheit und Politik wurde im Feminismus immer kritisiert: auf eher konservative (essentialistische) Art und Weise, aber auch in kritischer und linksradikaler Art und Weise.

Das heißt, die Trennung der Ebene des Materiellen – des Organischen, Unbelebten bzw./und die Ebene der Reproduktion – von der Ebene des vermeintlich Immateriellen, – der Ideologie, Utopie, der Sinn- und Bedeutungszuweisung – wird im (antifaschistischen, linken) Feminismus in Frage gestellt. Das Verständnis von Ideologie, wie es der marxistische Philosoph Louis Althusser in Ideologie und ideologische Staatsapparate dargestellt hat bzw. Michel Foucaults Machtbegriff spielen hier eine wichtige Rolle. Beides verweist zugleich auf das Scharnier, das für den ‚neuen Materialismus‘ (nicht nur meiner Meinung nach) so wichtig ist: den linguistic turn und den Poststrukturalismus. Hieß es zwar, dass der poststrukturalistische Feminismus die Dichotomie zwischen Sprache und Wirklichkeit „umarme“ (Alaimo/ Hekman 2008, 2) und der Poststrukturalismus dem Materiellen nur mit äußersten Unbehagen begegne, zeigt sich diese Kritik als zu kurz gegriffen; dies betont auch Ahmed im oben genannten Artikel. Vielmehr sind Althussers Ideologie- und Foucaults Machtbegriff Beispiele dafür, wie eine Verschränkung von materiellen Manifestationen von Macht und Widerstandsmöglichkeiten analysiert und geändert werden kann.

Trifft das auf alle Feminismen zu? Judith Butler wurde dafür kritisiert, die materielle zugunsten der symbolischen Ebene von Geschlecht zu vernachlässigen.

Ich denke, diese Kritik war eine nötige Intervention, um den Körper wieder verstärkt in die Diskussion zu bringen und zielte nicht nur auf Butler als Autorin von Gender Trouble, sondern auf eine ganze philosophische Denktradition. Daher wandte sich Barbara Duden mit ihrer Butlerkritik auch unter dem Titel Die Frau ohne Unterleib gegen eine ‚Entleiblichung‘. Solche Debatten sind letztendlich produktiv. Butler beschreibt in Gender Trouble und Bodies that Matter die Unmöglichkeit machtfreier Körper, d.h. von Körpern, die jenseits der Gesellschaft, als ‚reine Natur‘ existieren. Es stimmt schon, dass der Fokus bei Butler auf der Wirkmächtigkeit von Sprache lag. Aber – auch z.B. in Hass spricht – geht es ja um leibhaftige, verwundbare und sterbliche Körper und die Wirkmächtigkeit von Sprache. Der Hüftschwung eines Mannes führt zu dessen Ermordung: Wie kann das sein? Dies kann mit Hilfe von Butlers aber auch anderen feministischen Theoriebildungen analysiert werden – und letztendlich vielleicht auch verhindert. Verstand, Affekt und gewaltvolles Handeln sind eingebunden und geprägt durch gesellschaftliche Machtverhältnisse, die uns alle durchdringen. Macht wie Körper haben auch eine materielle Komponente: Bodies that matter – Black lives matter. Butlers Fokus liegt auf den vergeschlechtlichenden Wirkungen struktureller und symbolischer Konfigurationen auf Materialitäten.

Donna Haraway wiederum nimmt sowohl die eine als auch die andere Perspektive als Ausgangspunkt ihrer Analysen: Sie kommt in ihrem Aufsatz Monströse Versprechen z.B. einmal aus der Perspektive des Umweltschutzes zugleich auf den essentialistischen Feminismus und einer Kritik an diesem (einer Form der Repräsentationskritik) zu sprechen, ein andermal zeichnet sie anhand der Instrumentalisierung von Schimpansen für die ersten Weltraumflüge die selbstherrliche Geste androzentrischer Wissenschaft nach, die über ‚Natur‘ als Ressource verfügt. Ironischerweise fügt Haraway hier an, dass dieses Experiment auch zu einer Krise der Männlichkeit geführt habe, denn Wissenschaftler sahen sich genötigt, öffentlich in Konkurrenz zu den Schimpansen zu treten und bekannt zu geben, dass „Astronauten den Schimpanauten überlegen sein würden“ (Haraway 1995, S. 54).

Die Vorstellung von ‚Natur‘ als Ressource ist das Problem, das der neue Materialismus versucht neu zu begreifen und in den Griff zu bekommen. Katharina Hoppe verweist mit ihrem Artikel Eine neue Ontologie des Materiellen? (2017) darauf, wie alt die Fragen sind, mit denen sich der neue Materialismus beschäftigt.

Was genau ist also materialistisch im neuen (feministischen) Materialismus? Zunächst einmal sollte betont werden, dass dieser nicht so einheitlich ist und es in ihm selbstverständlich unterschiedliche Ansätze gibt. Produktiv finde ich Karen Barads aus der Quantenphysik stammenden Ansatz. In dem Merveband Verschränkungen wird deutlich, dass Materie hier als unabtrennbar wahrgenommen wird. Phänomene wie Zeit und Raum wirken auf diese ein, die Materie hinwiederum auch auf diese Phänomene. Materie wird eben nicht als Ressource, die ausgebeutet werden kann verstanden, eben nicht als Natur, die es zu beherrschen und (heutzutage am besten nachhaltig) auszubeuten gilt. Und das ist auch der Grund, weshalb ein feministischer Materialismus für die Geschlechterforschung bedeutend ist: weil er auf der Schnittstelle von ‚Natur‘ und ‚Kultur‘ angesiedelt ist. Der Materie wird eine Wirkungsmacht zuerkannt. In welchem Sinne dies zu verstehen ist, das wird in den verschiedenen Ansätzen auf unterschiedliche Art und Weise beantwortet.

Selbstverständlich gab und gibt es auch konservativere Feminismen, die sich darauf berufen, dass es natürliche geschlechtliche Unterschiede gibt und etwa eine angebliche weibliche Natur gegenüber Männlichkeit positiv aufwerten, zum Teil als bewusste künstlerische Provokation (Die römischen Votzen oder Lady Bitch Ray tun dies auf sehr unkonservative, provokante Art und Weise). Es gibt sehr unterschiedliche Strömungen feministischer Materialismen, etwa ökologische (z.B. Daniela Gottschlich, Christine Katz, Donna Haraway oder Jane Bennett), physikalische (Karen Barad) oder die objektorientierte Philosophie (Timothy Morton). Dabei geht es auch um eine neue Aushandlung der Verschränkungen zwischen Natur- und Geisteswissenschaften. Es geht um einen neuen Blick auf das Verhältnis von Materialität und Gesellschaft.

Was unterscheidet materialistischen Feminismus von anderen Materialismen? Inwieweit ist feministischer Materialismus progressiv?

Ich würde sagen, neue feministische Materialismen wollen nicht einfach zurück zu einem Materialismus vor seiner postmodernen Kritik. Sondern sie wollen diese und den lingustic turn einbeziehen und darüber hinausgehen. Progressiv ist feministischer Materialismus, insofern er ein anderes Verständnis von Materialität ins Spiel bringt, das sich des linguistic turn und der Performativität von Aussagen über Materie bewusst ist. Insbesondere bei Donna Haraway und feministischer Ökonomiekritik wird dies deutlich (vgl. u.a. Christine Bauhardt). Kerstin Palm plädiert jedoch für Achtsamkeit, wenn sie betont, dass bestimmte Begrifflichkeiten neuer Materialismen aufgrund ihrer Geschichte prinzipiell an esoterisch-völkische Ideen anschließbar seien und Handlungsfähigkeit und Verantwortung sich in totaler Beliebigkeit auflösen. Es gibt auch Verbindungen zwischen älteren und neueren Materialismen; so wurde der materialistische Ideologiebegriff Althussers feministisch rezipiert, beispielsweise von Judith Butler.

Was ist mit dem wichtigen marxistischen Begriff der Praxis? (Althusser spricht z.B. von ‚ideologischer Praxis‘) Können Steine sich aktiv am ersten Mai beteiligen? Die Übergänge zwischen Menschen und Tieren werden nicht erst seit Haraway verstärkt betont. Aber man hat praktisch noch selten Demonstrationen von Schweinen für ihr Wahlrecht gesehen. 

Timothy Morton spricht in seinem Buch Humankind. Solidarity with nonhuman people (2017) davon, auf Marx verstärkt Bezug zu nehmen und das Trennende durch ein Höchstmaß an Solidarität und durch die Auflösung von Grenzen zu überwinden. Gekämpft werden muss dann noch immer ‒ der Stein fliegt nicht von allein. Verantwortung und Solidarität mit und gegenüber (auch) nicht-menschlichen Akteuren (die aber letztendlich wieder mit den menschlichen verbunden sind), ein Eingeständnis wechselseitiger Abhängigkeiten und die Achtsamkeit im Umgang mit dem mich Umgebenden, das ist in etwa, was Karen Barad in dem Merveband Verschränkungen beschreibt: eine neue, erweiterte Form von Ethik.

Um auf oben genanntes Beispiel einzugehen: Radikale Tierschützer_innen finden es ja gerechtfertigt, von Ohrmarken z.B. bei Kühen als von Judensternen zu sprechen. Ich werde dem Schwein keinen Judenstern anheften, um so auf dessen desolate Situation hinzuweisen, aber ich kann versuchen, durch queerfeministische Ökologiekritik (vgl. Bauhardt) ein Bewusstsein für kapitalistische, ausbeuterische Systeme zu schaffen, mit dem Ziel eine utopische Zukunft zu schaffen, in der bestimmte Grenzziehungen nicht mehr vonnöten sind. Die Otherkin Bewegung, über die Martin Beck unter dem Titel Otherkin: menschliche Körper als falsche Körper schreibt, tut dies schon heute. In der Otherkin-Bewegung sehe ich u.a. kritische Ansatzpunkte wie bzw. wo der neue (feministische) Materialismus zu subversiven Grenzüberschreitungen führen kann.

Wie kann man mit feministischen Materialismen literaturwissenschaftlich arbeiten?

Hier würde ich drei Beispiele nennen. Erstens ist es möglich, Zusammenhänge von materieller Praxis (Ökologie, Ökonomie, Haushalt) und Literatur zu erforschen. Virginia Woolf hat dies in ihrem Essay A Room of One‘s Own (1929) getan und mit bzw. in diesem feministische Forderungen für die Produktion von Literatur von und durch Frauen gestellt. In der zweiten Frauenbewegung und mit dem Beginn der Institutionalisierung feministischer Literaturwissenschaft waren dann Werke wie z.B. Maxie Wanders Guten Morgen, Du Schöne (1977) von Wichtigkeit. Doch Literaturwissenschaft kann nicht in Sozialwissenschaft aufgehen, da so die Spezifik von Literatur, etwa ihr imaginativer Charakter, verlorengeht in einer reinen Bestätigung der Realität.

Zweitens kann die Materialität von Literatur im Sinne einer medialen Praxis untersucht werden. Das betrifft z.B. die Frage, wer wann und wie autorisiert war und ist, im Medium der Schrift und unter Bedingungen des Buchdrucks zu schreiben und wer Anerkennung dafür erfuhr bzw. erfährt. Inge Stephan hat unter dem Titel Meisterwerke (2005) u.a. zu diesem Thema publiziert. Klaus Theweleit und Friedrich A. Kittler sowie Christina von Braun haben sich mehr mit der medialen Seite der Schrift auseinandergesetzt und deren geschlechtliche Codierung untersucht. Theweleit beschreibt z.B. in Orpheus / Euridike die Rolle und Bedeutung der Sekretärinnen als Mittlerinnen und nicht selbst Schaffende: Sie sind Teil ihrer Schreibmaschine. Eine Bezugnahme auf feministische psychoanalytische Theoriebildung ist auch fruchtbar, da Sprache und körperliche Erkrankung – z.B. in der Hysterie – auf das engste miteinander verbunden sind.

Was jedoch für die theoretische Anwendung des sogenannten neuen (feministischen) Materialismus am ehesten zutrifft ist drittens die intertextuelle Analyse von Science Fiction wie Donna Haraway sie vornimmt. Sie verwendet Science Fiction für die utopische Neuentwicklung von Gesellschaften. Dabei bezieht sie sich vor allem auf Ursula K. Le Guin und Marge Piercy. Für den deutschsprachigen Raum kommt ein solcher Stellenwert vielen Werken von Dietmar Dath zu. Der spezifische Imaginationscharakter von Literatur (und dabei sicher auch ihre ideologische Seite) und ihr die Realität überschreitendes Potential kann so auch materialistisch erfasst werden: Welche technischen, biologischen und physikalischen Entwicklungen oder Möglichkeitsräume schaffen bessere Welten – für alle? Imaginative und materielle Aspekte werden in diesen Science Fiction-Adaptionen bzw. -analysen zu neuen Welten verbunden – dies tut z.B. auch die Otherkin-Bewegung.

 

Literatur:

Sara Ahmed (2008): „Open Forum Imaginary Prohibitions: Some Preliminary Remarks on the Founding Gestures of the »New Materialism«“. In: European Journal of Women’s Studies 15, H. 1, S. 23-39.

Stacy Alaimo, Susan Hekman (2007): „Introduction: Emerging Models of Materiality in Feminist Theory“. In: S. A., S. H. (Hrsg.): Material Feminisms. Bloomington: Indiana UP.

Louis Althusser (1977): „Ideologie und ideologische Staatsapparate. Anmerkungen für eine Untersuchung“. In: Ideologie und ideologische Staatsapparate. Aufsätze zur marxistischen Theorie. Hamburg [u.a.]: VSA, S. 108-153.

Karen Barad (2015): Verschränkungen. Berlin: Merve 2015.

Christine Bauhardt (2018): Ökofeminismus und Queer Ecologies. Feministische Analyse gesellschaftlicher Naturverhältnisse. In: Beate Kortendiek, Birgitt Riegraf, Katja Sabisch (Hrsg.) Handbuch Interdisziplinäre Geschlechterforschung. Geschlecht und Gesellschaft. Wiesbaden: Springer VS 2018 (im Erscheinen, daher s. p.).

Dies. (2018): Feministische Ökonomiekritik. Arbeit, Zeit und Geld aus einer materialistischen Geschlechterperspektive. In: Handbuch Interdisziplinäre Geschlechterforschung (s.o.).

Dies. (2017): „Living in a Material World. Entwurf einer queer-feministischen Ökonomie“. In: Gender (1), S. 99-114.

Martin Beck (2016): „Otherkin: menschliche Körper als falsche Körper“. Reihe: Postanthropologische Habitate. Otherkin, Digitalisierung, Pubertät. Drei Skizzen zu Krisen der Verkörperung. URL:  http://aproduction.org/files/gimgs/Martin%20Beck-Postanthropologische%20 Habitate%20II.pdf

Jane Bennett (2010): Vibrant Matter: A Political Ecology of Things. Durham, NC: Duke UP.

Rosi Braidotti, Maria Hlavajova (2018): Posthuman glossary. London (u.a.): Bloomsbury.

Judith Butler (1997): Excitable Speech. A Politics of the performance. New York [u.a.]: Routledge.

Dies. (1993): Bodies that Matter. New York [u.a.]: Routledge.

Dies. (1990): Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity. New York [u.a.]: Routledge.

Barbara Duden (1993): „Die Frau ohne Unterleib“. In: Feministische Studien. Zeitschrift für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterstudien 11, H. 2, S. 24-33.

Daniela Gottschlich, Christine Katz: Online-Projektdarstellung.
URL: https://www.diversu.org/.

Donna Haraway (1995): „Monströse Versprechen. Eine Erneuerungspolitik für un/an/geeignete Andere“. In: Monströse Versprechen. Die Gender- und Technologie-Essays. Hamburg: Argument, S. 11-80.

Kathrin Hoppe (2017): „Eine neue Ontologie des Materiellen? Probleme und Perspektiven neomaterialistischer Feminismen“. In: Christine Löw (u.a., Hrsg.): Material turn. Feministische Perspektiven auf Materialität und Materialismus: Leverkusen: Budrich Verlag, S. 35-50.

Timothy Morton (2017): Humankind. Solidarity with nonhuman people. London: Verso.

Kerstin Palm (2017): Vortrag „Zoë, vibrant matter, vitality. Kritische Perspektiven auf vitalistische Tendenzen im gendertheoretischen New Materialism“, URL: http://www.nds-lagen.de/download/Veranstaltungen/Zirkulation_Flyer.pdf.

Inge Stephan, Claudia Benthien (2005): Meisterwerke. Deutschsprachige Autorinnen im 20. Jahrhundert. Köln (u.a.): Böhlau.

Klaus Theweleit (1988): Buch der Könige, Bd. 1: Orpheus und Eurydike. Frankfurt a.M. (u.a.): Stroemfeld.

Maxie Wander (1977): Guten Morgen, Du Schöne. Protokolle nach Tonband. Berlin: Der Morgen 1977.

Virginia Woolf (2002): A Room of One’s Own. London: Penguin.

 

Dr. Konstanze Hanitzsch ist Forschungskoordinatorin des Göttinger Centrums für Geschlechterforschung (GCG).

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