Fuchs

Dezember 2016, in einem Zug quer durch die Vereinigten Staaten. Vor dem Fenster die Wüstenlandschaften Nevadas, neben mir auf dem Tisch im Panoramawagen: The History of White People, ein dickes, in strahlendem Weiß gebundenes Buch der Autorin Nell Irvin Painter. Es ist nur wenige Wochen her, dass Teile der wahlberechtigten Bevölkerung den 45. Präsidenten der USA wählten. Die Reisenden im Raum zwischen den „blauen“ Küsten im Osten und Westen des Landes werfen sich abschätzende Blicke zu – auf wessen Seite steht das Gegenüber? Nell Irvin Painters Buchtitel erregt Aufmerksamkeit.

Der historische Aufbau des Buches macht sofort klar, dass das Konzept „Weißsein“ eine zentrale und determinierende Rolle in der nordamerikanischen Geschichte wie Gegenwart spielt. Aber nicht nur: schon das Inhaltsverzeichnis zeigt, dass die Entstehung der Idee vom„weißen Menschen“ unbedingt auch in kulturwissenschaftlichen ausgerichteten Studien zur Vergangenheit und Gegenwart Europas Beachtung finden sollte – die germanistische Disziplin bildet dabei keine Ausnahme, ganz im Gegenteil. Die Anthologie The Making and Unmaking of Whiteness beschreibt „Weißsein“ als eine Ausgeburt europäischer Geschichte: „Whiteness is the institutionalization of European colonialism“ (Brander Rasmussen et al 2001, 13). Nell Irvin Painters Buch bietet eine erstaunliche Menge an Anschauungsmaterialien dafür, wie deutschsprachige Literaturen und Philosophien bei dieser Institutionalisierung mitwirkten.

Die weiße Haut der deutschen Aufklärung

The History of White People erschien 2010 bei W.W. Norton & Company, die Autorin ist emeritierte Professorin für Geschichte an der Princeton University. Sie ist bekannt für zahlreiche Publikationen zur amerikanischen Geschichte als einer Geschichte der Rassentheorien und Formen gewaltvollen Rassismus’. In The History of White People arbeitet sich Painter durch mehrere Jahrhunderte philosophischer, anthropologischer und literarischer Texte, um der Entstehung des ideologischen Konstrukts „Weißsein“ auf die Spur zu kommen. Ihre Erforschung der Praxen gegenseitiger Versklavungen von europäischen Völkern führt weit zurück in die Kulturgeschichte des europäischen Kontinents. Die konzeptuelle Verbindung von Hautfarbe und der Idee angeborener Superiorität bzw. Minderwertigkeit erweist sich dabei als historisch relativ jung. Sie wird, so Painters Ergebnis, hauptsächlich von Autoren der deutschen Aufklärung hervorgebracht und durch die Rezeption der Schriften eines kleinen Kreises Gelehrter propagiert. Die Leseliste, die einen guten Teil der ersten hundert Seiten von History of White People ausmacht, liest sich wie die einer germanistischen Einführung in die deutsche Klassik: Kant, Winckelmann, Goethe, Herder, Blumenbach, Germaine de Staël und andere. Im Gegensatz zu gängigen Praxen in der Germanistik konzentriert sich Painters Analyse genau auf die offen rassistischen Stellen in den Texten der Periode, die die Literaturwissenschaft mit der beiläufigen Bemerkung „Zeitgeist“ abzuhandeln neigt. So führen mich die ersten sieben Kapitel der History of White People nicht nur durch den nordamerikanischen Kontinent, sondern auch zurück ins „klassische“ Zentrum meiner eigenen, der germanistischen Disziplin. Eine Frage tut dabei besonders weh: Warum hat die germanistische Forschung so wenig zu den Stellen in deutschsprachigen Schriften des 18. und 19. Jahrhunderts zu sagen, an denen eine Professorin amerikanischer Geschichte den Ursprung der Idee von „white supremacy“ entdeckt? Politisch relevant ist dieses Nachdenken über disziplinäre Ausrichtungen allemal, handelt es sich doch um Ideengut, das im Winter 2016/17 ein weiteres Mal und aufs äußerste destruktiv im nordamerikanischen, aber auch europäischen Raum stark gemacht wird.

Die Aufklärungskritik boomt seit einigen Jahrzehnten, bei Themen wie Vernunftskritik ist die Literaturwissenschaft ganz vorne mit dabei. Doch selbst in diesem Kontext finden die Kategorisierungen von „weißer“ versus „nicht-weißer“ Hautfarbe bisher wenig Beachtung. Sowohl die jüngste Sammlung zu dem Thema – eine Sonderausgabe des Women in German-Jahrbuchs zu Intersektionalität und Inklusion – und die jüngste umfassende Monographie – Wendy Sutherlands Buch Staging Blackness and Performing Whiteness in Eighteenth-Century German Drama – entstammen den englischsprachigen German Studies. Dieser Forschungsvorsprung der anglophonen Germanistik ist wenig überraschend: Sowohl Critical Race Theories als auch Critical Whiteness Studies begannen als Gegenstände der nordamerikanischen Forschung und greifen vielfach auf die Arbeit und Texte von People of Color-Literat_innen und Akademiker_innen zurück. Sutherlands Buch bietet ein einleitendes Kapitel zur deutschsprachigen Diskussion von Hautfarbe im 18. Jahrhundert und ergänzt damit Nell Irvin Painters Auseinandersetzung mit der Rezeption „weißer“ griechischer Skulptur in den ästhetischen Schriften derselben Periode. (Wie tief die Verbindung „weiß=griechisch=gut“ im Selbstverständnis gewisser Nordamerikaner_innen heute verankert ist, zeigen die aggressiven Gebärden, die Erwähnungen der ursprüngliche Farbigkeit griechischer Skulptur selbst im 21. Jahrhundert noch hervorrufen; siehe Flaherty 2017.) Zusätzlich zeichnen sowohl Painter als auch Sutherland Verbindungslinie zwischen den hierarchischen Kategorisierungen von ‚Rassen‘ (Kant), ‚Völkern‘ (Herder) und ‚Varietäten‘ (Blumbenbach) in den Texten der genannten und weiterer Autoren (v.a.: Lavater, Sömmerring, Meiners und Villers). Auch wenn die Abgrenzungsmerkmale verschiedener Gruppierungen in den einzelnen zitierten Werken geringfügig voneinander abweichen, laufen alle Ein- und Zuteilungen auf mindestens einen gemeinsamen Nenner hinaus: der „weiße“ mittel- bis nordeuropäische Mann ist vernünftiger, originaler, origineller, aufgeklärter und (warum nicht?) schöner als irgend andere Bewohner_innen dieser Erde. Die deutsche Obsession mit der Überlegenheit des mittel-/nordeuropäischen Mannes beruft sich u.a. auf die bereits erwähnte Fehlinterpretation und Vereinnahmungen „weißer“ antiker Kunst – hierauf liegt der Schwerpunkt von Painters Analyse. Darüber hinaus beflügelt gerade die Unkenntnis weit entfernt lebender Menschen die Vorstellungskraft deutscher Gelehrter, die sich auch gern bereit zeigten, anthropologisches „Wissen“ englischer und französischer Schriftsteller einfach zu übernehmen und auszuschmücken. Hinter diesen dilettantischen wie gefährlichen „Theorie“bildungen zur Klassifizierung von Menschen stand das Bedürfnis, das Konstrukt Hautfarbe als ein weiteres Abgrenzungsmerkmal in den Prozess deutscher Identitätsbildung miteinzubeziehen – auf diesen Aspekt konzentriert sich Sutherlands Arbeit.

„Weißsein“ im transatlantischen Transfer

Dass der Rassismus der deutschen Aufklärung nicht mit der Bemerkung „Zeitgeist“ abzuhandeln ist, liegt an seiner tragischen Fortsetzung in der europäischen wie nordamerikanischen Geschichte und Gegenwart. Während es Bestrebungen gab und gibt, das Weiterleben ideologisch problematischer Teile der deutschsprachigen Literaturen des 18. und 19. Jahrhunderts und ideologisch problematische Vereinnahmungen bestimmter Texte und Autoren im deutschsprachigen Raum zu erhellen, ist der Export deutscher Rassentheorien in den nordamerikanischen Raum wenig erforscht. An dieser Stelle wird Painters Buch für die germanistische Disziplin besonders interessant. Sie beschreibt, wie die Publikation des auch auf Englisch erschienenen Buchs De l’Allemange/On Germany der französischen Intellektuellen Germaine de Staël die deutsche Literatur und Philosophie um 1800 einem internationalen Publikum zugänglich machte. Dieser äußerst erfolgreiche Text hat schon auf den ersten Seiten einiges zur Einteilung verschiedener „Menschenrassen“ zu sagen. Welchen Einfluss de Staëls wichtigster deutschsprachiger Tutor Charles de Villers auf diesen Teil der Schrift hatte, lässt sich nur spekulieren. Gewiss ist, dass Villers eng mit dem Kreis rund um Chistopher Meiners an der Universität Göttingen verbunden war, der heute noch für die Entwicklung und Lehre deterministischer Rassentheorien bekannt ist. Auf dem nordamerikanischen Kontinent ist de Staël nicht nur mit Präsident Thomas Jefferson bekannt – ihre Texte werden weithin rezipiert und sind u.a. ausschlaggebend in der Erziehung Ralph Waldo Emersons. Emerson wächst zu einem begeisterten Anhänger deutscher Literatur heran, sein Hund trägt den Namen „Goethe“. Der in Boston, New England, ansässige Autor lebt die deutsche Griechenlandphilie weiter und übertragt die Idee der überlegenen „weißen Menschen“ seiner Abstammung entsprechend auf die britischen Inseln. Das sodann in seinem einflussreichen Werk English Traits zur Geltung kommende Gedankengut macht ihn, so Painter, zum „philosopher king of American white race theory“. Auf Emersons in English Traits entwickelte Ideen bauen schließlich weitere Rassentheorien des 19. und 20. Jahrhunderts auf (Painter 2010, 151). Ebenfalls einer Faszination für vergangenes deutsches Kulturgut verfallen ist der ein halbes Jahrhundert nach Emerson geborene Theodor Roosevelt. Weniger bekannt als Roosevelts militärische und politische Karriere sind seine Erfolge als Verfasser zahlreicher „teutonischer“ Geschichtstexte und Biographien, die ihm u.a. den Titel des Präsidenten der American Historical Association einbrachten.

De Staël, Emerson und Roosevelt sind nur die bekanntesten Namen in einer langen Reihe an Beispielen, mit denen Painter den Transfer der Idee „Weißsein“ vom deutschsprachigen Raum des 18. Jahrhunderts in die USA des 19. und 20. Jahrhunderts belegt. Wiederholt zeigt die Autorin realpolitische Konsequenzen der Rezeption ideologisch motivierter Texte auf. So trägt Roosevelt aktiv zu dem zu seiner Zeit erstarkenden Diskurs vom Untergang der anglo-sächsischen Bevölkerung der USA aufgrund der Ankunft neuer, „nicht-weißer“ Immigrant_innen bei. Ähnliche rassistische Einstellungen und Paranoia liegen auch den theoretischen Auswüchsen der American School of Anthropology zugrunde und wirken sich in auf Intelligenztests beruhenden Immigrationsregulierungen und einer Politik der Sterilisierungen „degenerierter“ Individuen aus. Den extremsten Ideologien stellen sich ab dem ersten Weltkrieg progressivere Stimmen innerhalb der Anthropologie entgegen; starker Gegenwind formiert sich schließlich als Reaktionen auf den auf Rassentheorien basierenden Holocaust im nationalsozialistischen Deutschland.

Beendet ist damit die Geschichte der Idee von „white supremacy“ noch lange nicht, wie nicht nur die Ernennung von Stephen Bannon, Mitbegründer von Breitbart News, dem Sprachrohr der nationalistischen, sexistischen, rassistischen und anti-semitischen „Alternative Right“ Bewegung, zum Chief Strategist unter dem 45. US-Präsidenten mehr als deutlich macht. Lernen lässt sich aus Painters Ausführungen auch für die Gegenwart. Wiederholt zitiert The History of White People nicht nur den starken Einfluss den ideologisch fragwürdige Publikationen aufgrund der prestigeträchtigen Namen der akademischen Institutionen und Titel ihrer Autoren erlangen konnten. Immer wieder weisen sowohl Painter als auch Sutherland auf Stimmen hin, die bereits im 18. und 19. Jahrhundert moralisch und intellektuell empört auf die Idee weißer, europäischer Überlegenheit reagierten. So zitiert Painter David Walkers „Walker’s Appeal“ aus dem Jahre 1829 und Hosea Eastons lange übersehene Anklage „A Treatise on the Intellectual Character and Civil and Political Condition of the Colored People of the U. States“ (1837) sowie den ebenfalls bis ins 20. Jahrhundert vergessenen Roman Marie, ou L’esclavage aux États-Unis (1835) von Gustave de Beaumont (Reisebegleiter und Freund des viel rezipierten und weitaus unkritischeren USA-Besuchers Alexis de Tocquville). Sutherlands germanistischer Fokus fügt der Liste u.a. die kritisch zu untersuchenden „Neger-Idyllen“ Herders und Lichtenbergs Verurteilung der Physiognomie hinzu. Diese anti-kanonischen Lektürevorschläge schärfen den Blick auf historische Rezeptionsvorgänge und damit im Idealfall auch unsere Wahrnehmung gegenwärtiger akademischer Gewohnheiten. Die Wahl, wer oder was rezipiert, erforscht, analysiert und zitiert wird, steht den Literaturwissenschaften offen und begründet eine ihrer zentralen disziplinären Verantwortlichkeiten.

Germanistik und Critical Whiteness Studies

Eine Formulierung der Aufgabe, die sich im Bezug auf die Rezeption von Critical Whiteness Studies in der Germanistik stellt, findet sich am Beginn von Sutherlands Arbeit. Sie benennt ihr Vorhaben mit den Worten: „to ‚race‘ the gaze by changing the way in which we look at and read German texts, be they literature, philosophy, anthropology, or art“ (Sutherland 2016, xii). Dieser Prämisse folgen auch die Texte der 2016 erschienenen Ausgabe des Women in German Yearbook, deren Schwerpunkt sich dem Thema „Intersectional Inclusivity: Race and Ethnicity in Feminist German Studies“ widmet. Die versammelten Aufsätze unterstreichen die Bedeutung von Black Feminist Thought, stellen neue Fragen an die deutsche Kolonial- und Nachkriegsgeschichte, setzen sich mit den Erfahrung von Deutsch-Afrikaner_innen auseinander und rezipieren deutsch-afrikanisches Theater sowie die Rolle schwarzer Protagonist_innen auf deutschen Bühnen. Am konkretesten mit den Institutionen und Praxen der eigenen Disziplin setzt sich Beverly Webers Artikel „Whiteness, WiG, Talking About Race“ auseinander. Weber votiert für eine Politik des Zuhörens und Lernens, die vor allem „weiße“ Vertreter_innen der Literaturwissenschaft praktizieren sollten. Literaturwissenschaftliche Bemühungen, die auf den Fragenkatalog eingehen, der eine solche Politik und feministische Praxis umreißt, versprechen spannende Forschungsansätze innerhalb der germanistischen Disziplin und über diese hinaus:

„What can white women at WiG learn from the activism of Women of Color in Germany and the United States? To what must white women listen without assuming that such listening will necessarily lead to good feelings? What can feminist German studies scholars learn from ethnic studies? How can we do so in a way that acknowledges the tensions, conflicts, and transformations happening in ethnic studies just as in any other field?“ (Weber 2016, 196)

Painters The History of White People und ihre Studie der transatlantischen Migrationen der Idee „Weißsein“ bietet eine Vielzahl an Denkanstößen und Analysematerialien für germanistisch interessierte Forscher_innen. Damit ist nur ein Anfang der vielen noch zu leistenden Arbeit gemacht. „Weißsein“ als das „Unsichtbare“ und „Unmarkierte“ und das gleichzeitig „Gewaltvolle“ und „Terrorhafte“ (Brander Rasmussen et al 2001, 10) der mitteleuropäischen Kultur muss regelmäßig ins Zentrum des literaturwissenschaftlichen Blickes und der institutionellen Selbstbefragung rücken. Unbehagen ist dabei, wie Weber ebenfalls betont, nur erwünscht.

Susanne Fuchs studierte an der Universität Wien und dem University College London Germanistik. Sie unterrichtete Sprach-, Literatur- und Philosophiekurse an der Universität Zürich und der New York University. Im Hebst 2016 schloss sie ihren PhD in German Studies an der New York University ab (Titel der Dissertation: „Scenes of Surrender. Figures of War, Sociality, and Subjectivity in German Drama around 1800“).

Diskutierte Publikationen

Nell Irvin Painter: The History of White People. New York: W. W. Norton 2010. 496 S. EUR 25,95 ISBN 978-0393049343.

Wendy Sutherland: Staging Blackness and Performing Whiteness in Eighteenth-Century German Drama. London, New York: Routledge 2016. 272 S. EUR 121,50. ISBN 978-140944024

Women in German Yearbook. Feminist Studies in German Literature and Culture. Volume 32, 2016. Special Section: Intersectional Inclusivity: Race and Ethnicity in Feminist German Studies. Lincoln, NE: University of Nebraska Press. ISBN 1058-7446.

Literaturverzeichnis

Brander Rasmussen et al 2001: Birgit Brander Rasmussen, Eric Klinenberg, Irene Nexica, Matt Wray (Hrsg.): The Making and Unmaking of Whiteness. Durham, London: Duke University Press 2001.

Painter 2010: Nell Irvin Painter: The History of White People. New York, London: W. W. Norten & Company 2010.

Sutherland 2016: Wendy Sutherland: Staging Blackness and Performing Whiteness in Eighteenth-Century German Drama. London, New York: Routlegde 2016.

Flaherty 2017: Colleen Flaherty: „Threats for What She Didn’t Say“ (17.6.2017) In: Inside Higher Ed Online. URL: https://www.insidehighered.com/news/2017/06/19/classicist-finds-herself-target-online-threats-after-article-ancient-statues (7.7.2017).

Weber 2016: Beverly Weber: „Whiteness, WiG, and Talking about Race“. In Women in German Yearbook 32, 2016. S. 189-202.

 

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