Liske

Im Oktober des Jahres 2000 machte der damalige Fraktionsvorsitzende der CDU Friedrich Merz einen Begriff hof- bzw. bundestagsfähig, der bereits zwei Jahre zuvor von Theo Sommer, seinerzeit Herausgeber der Wochenzeitung Die Zeit, in die seit den Achtzigerjahren schwelende Debatte um Zuwanderung und Integration eingebracht worden war: die „deutsche Leitkultur“. Eine Wortwaffe, randvoll mit völkisch-nationalistischem Sprengstoff, im Handling unberechenbar wie ein Weltkriegsblindgänger und ebenso aus der Zeit gefallen.
Zu dem Zeitpunkt, als Merz diese Waffe zur Anwendung brachte, war die am 11. September 1990 von US-Präsident George Bush d. Ä. verkündete „New World Order“ zur „Globalisierung“ umfirmiert und unter dem Vorzeichen der Liberalisierung des Welthandels weitgehend unumkehrbar geworden. In Europa hatte man bereits die Personenkontrollen an vielen Binnengrenzen aufgehoben, die Gemeinschaftswährung Euro existierte schon als Buchgeld, und in ihrer Lissabon-Strategie hatte sich die EU endgültig als gemeinsamer Wirtschaftsraum definiert.

Auf keine dieser Entwicklungen zielte der CDU-Fraktionsvorsitzende mit seiner Wortwaffe. Vielmehr ging es ihm darum, der rot-grünen Bundesregierung unter Kanzler Gerhard Schröder eine konservative Fundamentalopposition entgegenzusetzen, indem er deren konzeptionell ungestaltete und eher behauptete bzw. der normativen Kraft des Faktischen folgende Ideologie einer multikulturellen Gesellschaft ins Fadenkreuz nahm. Das Unbestimmte, Dräuende, das dem Begriff „deutsche Leitkultur“ per se innewohnt und in das folglich jeder Rezipient des merzschen Ergusses beliebige Inhalte hineinhalluzinieren konnte, kam dem Fraktionsvorsitzenden dabei gerade recht: Irgendwie mit Goethe, Schiller, Wagner gegen irgendwelche Kulturschädlinge anderer Herkunft sein.

Im Jahr 2000 stand man mit einem solchen Ansinnen politisch noch auf ziemlich verlorenem Posten. Zwar gab es seit 1990 – insbesondere, aber nicht nur in Ostdeutschland – zahlreiche No-go-Areas für alle, die kein Solarium brauchen, um sich einer Hautfarbe jenseits von kukluxklanmützenweiß erfreuen zu können. Außerdem waren die Protagonisten der rechten Jugendbewegung, die sich in den Wendejahren konstituiert hatte, inzwischen wahlberechtigt. Aber die zivilgesellschaftliche Grundhaltung schien weiterhin doch eher bürgerlich-liberal geprägt. Rechtsextremes Gedankengut kam zu großen Teilen noch in Bürgerschreckkostümierung (Glatze, Springerstiefel, Hakenkreuz) daher, und die hässlichen Onkels von der NPD stellten die einzige Wahlalternative in diesem Kontext dar. Insofern ließ die Parteivorsitzende und spätere Kanzlerin Angela Merkel ihren Scharfmacher Merz ungescholten – die bürgerlicherer Ästhetik zugeneigten Teile des rechtsextremen Rands gehörten schließlich zum Wählerpotential.

Knapp 17 Jahre später – Merkel bereitet sich als Bundeskanzlerin gerade auf ihre vierte Legislaturperiode vor – ist nun erneut die Rede von einer „deutschen Leitkultur“. Diesmal ist es aber kein zeternder Oppositionspolitiker, der damit auf Stimmenfang gehen will, es ist der amtierende Innenminister Thomas de Maizière höchstpersönlich, der unter dem fetzigen Slogan „Wir sind nicht Burka“ versucht, dieses Begriffsungetüm in zehn Punkten klar zu definieren. Und damit auch ja niemand auf die Idee kommt, er rede von europäischen oder gar universellen Werten, stellt er schon in der Vorrede klar: „Demokratie, Achtung der Verfassung und Menschenwürde gelten in allen westlichen Gesellschaften“, doch explizit für Deutschland gäbe es, so der Innenminister, „etwas, was uns im Innersten zusammenhält, was uns ausmacht und was uns von anderen unterscheidet.“

„What the fuck soll das sein?“ möchte man dem Herrn schon an dieser Stelle spontan zurufen, denn sicher, es gibt zwar ein paar mehr Restaurants mit „deutscher Küche“ in diesem Land als in anderen, aber prozentual fallen derlei „Dorfkrüge“, „Goldene Löwen“ und „Haus Vaterlands“ im Vergleich mit italienischen Restaurants, türkischen Imbissen, amerikanischen Fast-Food-Läden und anderen international geschätzten Gastronomien (zumindest im urbanen Raum) auch zwischen Mosel und Oder kaum ins Gewicht. Die Speisezutaten kommen eh aus aller Welt, die Autos, mit denen sie transportiert werden, und die Musik aus dem Autoradio ebenso. Die erfolgreichsten Fernsehserien und Spielfilme stammen zu nahezu hundert Prozent aus den USA, hippe Jugendklamotten aus Sweat Shops in Bangladesh und … gibt es eigentlich eine deutsche Handymarke?

Die Wahrheit ist: Der globalisierte Kapitalismus schafft überall dieselben Gesetzmäßigkeiten und bügelt vormalige kulturelle Unterschiede in rasender Geschwindigkeit aus. Eine Metropole wie Berlin ist heutzutage bereits anderen Metropolen wie London, Rom, Madrid oder sogar New York ähnlicher als deutschen Provinzstädten wie Erfurt, Bayreuth oder Tübingen – sowohl in Sachen moderne Architektur (was immer man davon halten mag) als auch bezüglich Lebensstil und Lebensart. In den Bars, Cafés und Clubs von Neukölln, Kreuzberg oder Prenzlauer Berg wird Englisch zunehmend zur Umgangssprache, und erst kürzlich war ich gezwungen, meine Bestellung in einer Bar mit französischem Namen auf Spanisch aufzugeben.

Solche Entwicklungen kann man selbstverständlich bedauern und – wie der Innenminister ein paar Sätze weiter – mit einer Träne im Knopfloch der romantischen Vorstellung vom Reisen in fremde Kulturen nachhängen. Der Prozess selbst allerdings ist (jedenfalls ohne einen neuen Weltkrieg) unumkehrbar, denn in diesem Zusammenhang begann die Globalisierung schon mit der Erfindung von Eisenbahn, Auto und Flugzeug. Hippies, die in den Sechziger- und Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts nach Asien reisten, mochten dieses so inspirierend fremd empfinden, wie sie wollten – sie waren dennoch den heutigen Easy-Jettern bereits näher als Abenteurern wie Ella Maillart und Peter Flemming, die sich in den Zwanzigerjahren dorthin aufmachten, von Marco Polo ganz zu schweigen.

Es mag einem gefallen oder auch nicht, wir leben faktisch in einer Zeit, in der sich zunehmend eine globale Lebenskultur herausbildet, von der allerdings heute noch niemand sagen kann, welche konkrete Gestalt sie in hundert Jahren aufweisen wird. Momentan entwickelt sie sich in erster Linie nach kapitalistischen Maßgaben, d.h. quasi nebenbei. Denn das eigentliche Ziel des Prozesses ist der möglichst ungehinderte Austausch von Geld und Gütern. Zu den Gütern zählen selbstverständlich auch Kulturgüter, und dem Fluss des Geldes folgen Menschen, die kein Grenzzaun auf Dauer wird abhalten können. Die Paradigmen jedoch, die der deutsche Innenminister als gegeben voraussetzt, nämlich „Demokratie, Achtung der Verfassung und Menschenwürde“, sind kein integraler Bestandteil dieser Entwicklung, denn für das Kapital ist derlei absolut bedeutungslos. Aktuell ist zwar zu konstatieren, dass der Wirtschaftsliberalismus im selben Maße wie er sozialstaatliche Strukturen abschafft, individuelle Freiheitsrechte (etwa im weiten Feld der sexuellen Selbstbestimmung) zumeist fördert – Verlass ist darauf aber nicht. Wer also die entstehende Weltkultur im Sinne der aus der Aufklärung geborenen universellen Menschenrechte prägen möchte, sollte nationale Perspektiven schnellstens über Bord werfen.

Dummerweise erleben wir stattdessen sowohl in Europa als auch in den USA derzeit einen massiven nationalistischen Backlash, der zwar vom rassistisch-chauvinistischen Volksmob des provinziellen Kleinbürgertums auf die Tagesordnung gesetzt wurde, an dem sich aber auch antiimperialistische Bewegungslinke und große Teile der Linkspartei ebenso beteiligen wie die üblichen Verdächtigen der bürgerlichen Rechten, von Horst Seehofer (CSU) bis Sigmar Gabriel (SPD). Die „Linken“ motiviert, dass sie sich dem globalisierten Kapitalismus machtlos gegenüber sehen und daher auf die absurde Vorstellung vom „Sozialismus in einem Land“ rekurrieren. Die bürgerlichen Rechten versuchen im Sinne des früheren bayrischen Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß zu verhindern, dass ihnen dieser Teil ihrer Basis entgleitet und zu rechtsextremen Parteien wie der AfD überläuft.

Man könnte Thomas de Maizières Vorpreschen in Sachen „deutsche Leitkultur“ durchaus in diesem Kontext lesen. Wenn er jedoch schreibt: „Kaum ein Land ist so geprägt von Kultur und Philosophie wie Deutschland“, dann spricht daraus ein hoch problematischer identitärer Nationalbegriff, der über alle Parteigrenzen hinweg und bis in die tiefsten Strukturen der Gesellschaft, also auch von Forschung und Lehre, leider bis heute wirksam ist und zahlreiche Schnittstellen für kulturalistische rechtsextreme Graswurzelbewegungen bietet, wie sie nahezu überall in Europa auf dem Vormarsch sind. Diese neuen Bewegungen haben eine Schnittstelle zwischen hakenkreuztätowierten Nazi-Orks, Pegida-Kleinbürgern und NPD-Provinzhäuptlingen mit Hitlerschnauzer einerseits sowie linken Strömungen andererseits besetzt und empfehlen sich dieser heterogenen Wutbürgermelange mit elitärer Coolness, universitärer Vernetzung und Adaption von popkultureller Symbolik als intellektuellem Überbau. Michel Houellebecq beschrieb diesen Typus bereits 2015 in seinem Roman Unterwerfung, zu einem Zeitpunkt also, als man sich hierzulande noch vor allem über marodierende Kleinbürger vor Flüchtlingsheimen Gedanken machte. Wie gefährlich viral diese Szene agiert, zeigte sich dann ein Jahr später, als ihr bis dahin weit unter dem Radar hiesiger Medien agierender amerikanischer Ableger, die Alt-Right-Bewegung, im Gefolge Donald Trumps ins Weiße Haus einzog.

Ideologischer Kern der international bestens vernetzten identitären Strömungen ist die Rücküberführung der globalisierten Weltgemeinschaft in völkisch definierte Leitkulturen innerhalb nationalstaatlicher Hochsicherheitsgrenzen. In diesem Rahmen sind sie vorerst sogar bereit, einer europäischen Kultur- bzw. Völkergemeinschaft auf der Basis religiöser und ethnischer Paradigmen („das weiße, christliche Abendland“) das Wort zu reden und – so weit bzw. lange sie ihnen in ihrem kulturalistisch-rassistischen Kampf dienlich sind – Meinungs- und Pressefreiheit sowie die Gleichberechtigung von Mann und Frau und andere demokratische Freiheitsrechte zu proklamieren, obschon all das in einem identitär-faschistischen Staatsgebilde, wie es ihnen vorschwebt, selbstverständlich keinen Platz hätte.

Was nun aber bedeutet „Kultur“ im identitären Kontext, und was bedeutet der Begriff bei Thomas de Maizière? Kurz gesagt: Dasselbe. Die einen wie der andere gehen von einem statisch existierenden Volkskörper aus, der dauerhaft über konkrete Eigenschaften verfügt, die ihn von anderen Volkskörpern unterscheiden. Die einzige Differenz zwischen dem deutschen Innenminister und den Identitären ist die, dass letztere diesen Volkskörper unverblümt ethnisch definieren, was – wie jede Form von Rassismus (und um nichts anderes handelt es sich hier) – selbstverständlich hanebüchener Bullshit ist.

Träger jeder Nation ist ein über Jahrtausende entstandener Populationsmix, in den fortgesetzt weiter eingewandert wird. Hervorgegangen sind all diese ach so unterschiedlich erscheinenden „Kulturen“ aus einer kleinen Gruppe reisefreudiger Homo Sapiens-Individuen, die sich, nachdem sie Afrika Richtung Eurasien verlassen hatten, hier und da sogar noch in artübergreifender Notgeilheit mit allen bereits dort lebenden Neandertalern und Denisova-Menschen verpaarten, die nicht bei drei wieder in der Höhle waren. Dann wurde sich eine Weile lang regional ausdifferenziert, bevor die ersten auch schon wieder reiselustig wurden. Die so entstandenen frühen Kulturen werden gemeinhin nicht über ethnische oder sprachliche Besonderheiten definiert (da weiß man halt nix), sondern über den jeweiligen Kenntnisstand in Fragen der Stein-, Ton- oder Metallverarbeitung. Diesen anthropologischen Maßstab auf die heutige Zeit angelegt, gibt es – wie oben bereits ausgeführt – schon seit langem nur eine einzige Weltkultur.

Aber gut, spätestens in der frühen Antike lassen sich anhand von Bauweisen, Werkzeugen, Kunstgegenständen recht unterschiedliche Kulturräume konstatieren und sogenannten Völkern zuordnen. In großen Teilen von Mittel- und Westeuropa waren nach dieser Kategorisierung zuerst Kelten zu Hause, die sich ihren Lebensraum aber schon bald mit Römern teilen mussten, die ihrerseits aus allen Provinzen des Reiches kamen – aus Italien oder Griechenland ebenso, wie aus Ägypten, Syrien oder Palästina. In diesen schon hübsch heterogenen Mix wanderten dann diverse Germanen- oder Slawenstämme ein, und weil das Leben keinen Stillstand kennt, ging es auch hernach noch kunterbunt hin und her. Eine deutsche Ethnie gibt es somit ebenso wenig wie eine englische, französische oder italienische.

Was sich allerdings herausbildete, waren die bereits genannten Kulturräume, welche sich meist (aber nicht immer) über Sprache definierten und schließlich zur Grundlage für die Entstehung von Nationalstaaten wurden. Doch auch die neuen Nationen entwickelten sich nicht unter Käseglocken weiter, sondern in kontinuierlichem Austausch von (Kultur-)Gütern und Menschen. Ein Hugenottensproß wie der deutsche Innenminister müsste das eigentlich aus der eigenen Familiengeschichte kennen. Erst im 18. Jahrhundert begannen Bestrebungen, das im Wortsinn natürliche Kulturenwirrwarr mittels Repression zu bändigen, indem man Bevölkerungen als Ethnien konstruierte und ihnen eine Art ursprünglichen Wesenskern zusprach. Dieser – so wollte der damalige Zeitgeist wissen – sei durch all den Kulturaustausch und die ewige Herumwanderei nur verschüttet, könne aber gezielt gefördert werden, wenn es nur gelänge, fremde Einflüsse fortan auszuschalten. Genau dieser Gedanke beförderte das bis heute herumspukende Gespenst des Rassismus, lag parallel auch Johann Gottfried Herders Forderung nach einer „Nationalliteratur“ zugrunde, wurde zu einem tragenden Element der sogenannten deutschen Revolution 1848/49, beflügelte später den deutschen Faschismus und manifestiert sich heute im Begriff Leitkultur.

Die Vorstellung, man könne sich auf einzelne Elemente dieser rund vierhundertjährigen nationalkulturellen Irrfahrt positiv beziehen, ohne den kompletten rassistisch-völkischen Wahn mitzubedienen, mutet bizarr an. Ganz davon abgesehen, dass die einzelnen „Projekte“ dieser theoretischen Leitlinie zu allen Zeiten scheiterten, scheitern mussten, weil sich Kultur nicht dauerhaft einpferchen lässt.

Selbst in der von Herder proklamierten „Nationalliteratur“ blieben deutsche Schriftsteller von den Stoffen und Gedanken der französischen, englischen oder italienischen Kollegen inspiriert, thematisierten griechische Mythologie oder historische Ereignisse und Persönlichkeiten anderer Länder. Heutzutage ist die Unterscheidung zwischen deutscher und beispielsweise angloamerikanischer Literatur unzulässiger denn je. Außerhalb künstlich geschaffener Reservate lässt sich weder thematisch noch stilistisch irgendein relevanter Unterschied feststellen. Wenn wir heute schreiben, schreiben wir immer Weltliteratur, unabhängig davon, ob ein Buch in andere Sprachen übersetzt und somit tatsächlich der Welt zugängig gemacht wird. Einzig die Sprache unterscheidet die deutsche Literatur von anderen, und man muss wahrlich kein Prophet sein, um zu der Erkenntnis zu gelangen, dass auch hierfür zwar nicht die Tage aber doch zumindest die Jahrhunderte (wenn nicht gar Jahrzehnte) gezählt sind. Im akademischen Segment werden Bücher hierzulande inzwischen häufig in englischer Sprache verfasst, weil das einerseits den Absatz vergrößert und es andererseits nahezu keine Themen mehr gibt, die nicht international verhandelt würden. Akademisch, literarisch, künstlerisch (wer hätte je von einer Nationalmalerei gehört) ist die „deutsche Leitkultur“ also bestenfalls eine Realitäten verneinende Absurdität.

Wenn es jedoch am Ende nur darum geht, Flüchtlingen und anderen Zuwanderern hiesige Gebräuche klarzumachen? „Wir geben uns zur Begrüßung die Hand“, heißt es beispielsweise im leitkulturellen Ratgeber des deutschen Innenministers. Stimmt das? Ich würde sagen: nein. In meiner Generation wird sich unangenehm häufig umarmt, jüngere Leute machen gerne komische Faxen anstelle des Handschlags und – ja – gläubige Muslime geben Frauen ebenso wenig die Hand wie Hindus oder orthodoxe Juden. Wollen wir sie per Dekret dazu verpflichten? Wollen wir sie ausbürgern, wenn sie mit ihrem antiemanzipatorischen Religionskokolores nicht aufhören? Und vor allem: Wer sind „wir“ überhaupt?

„Wir sind nicht Burka“, beendet de Maiziere den Absatz übers Händeschütteln und müsste eigentlich – gäbe es eine innere Logik in seinen Thesen – noch anfügen: „Wir sind auch nicht Kipa oder Turban.“ Aber nein, an dieser Stelle geht es ihm plötzlich gar nicht mehr ums Händeschütteln, sondern ums „Gesicht zeigen“. Das tun „wir“ ihm zufolge nämlich auch – außer eben jene Teile des real existierenden Wirs, die es halt nicht tun. Neben den Burkaträgerinnen fallen mir da spontan noch jene Jugendlichen mit OP-Masken ein, denen man inzwischen irritierend häufig in Berliner Trendbezirken über den Weg läuft. Angst vor Feinstäuben? Manga-Kostümierung? Keine Ahnung, was die jungen Leute motiviert, aber es interessiert mich auch nicht. Ich kann derlei zwar nach Herzenslust blöd finden, muss jedoch davon ausgehen, dass andere meine Marotten für ebenso dämlich erachten. Insofern würde ich – schon aus purem Selbstschutz – gerne von Umerziehungsideen Abstand nehmen. Ich denke, eine Gesellschaft sollte Leuten, die aus menschenverachtenden Religions- oder sonstigen Gemeinschaften ausbrechen wollen, Hilfe anbieten, gerne auch offensiv. Sie aus dem staatsbürgerlichen Wir auszuschließen ist ungefähr das Gegenteil davon.

Was aber, wenn wir das Adjektiv deutsch vor Leitkultur einfach streichen? Der eigentliche Erfinder des über Theo Sommer auf Friedrich Merz gekommenen Begriffs, der Politologe Bassam Tibi, wollte 1996 seine Leitkultur auf der Basis von Laizismus, Aufklärung, Menschenrechten, etc. errichten, und erst kürzlich blies ein intellektuellen Tiefgangs eher unverdächtiger Berliner SPD-Lokalpolitiker in dieselbe Tröte. Im ersten Moment mag das gar nicht schlecht klingen, aber beim näheren Hinhören offenbart sich auch hier ein hässlicher Missklang. Dieser liegt im Wort Leitkultur selbst begründet. Denn dem Leiten wohnt immer ein Führen inne, und damit wird der schöne aufklärerische Gedanke bereits in einen repressiven Kontext gesetzt. Das Wir wird zur Burka des Ichs.

In westlichen Demokratien werden Regeln des Zusammenlebens gemeinhin über die Verfassung und die auf dieser beruhenden Gesetzbücher möglichst klar definiert. Kultur dagegen entsteht aus dem Zusammenspiel einer Vielzahl von Einflüssen unterschiedlichster Provenienz. Man kann sie weder leiten noch führen. Diese Erkenntnis sollte einen zwar nicht davon abhalten, in allen zur Verfügung stehenden Medien für die Gedanken der Aufklärung zu trommeln, sofern man nicht eines Tages in einem wie auch immer gearteten Gottesstaat oder sonstigem faschistischen Regime aufwachen möchte. Aber der Ausbreitung repressiver Heilsideen in der Bevölkerung mit kultureller Repression zu begegnen, ist schlicht und einfach Bullshit. Ebenso gut könnte man den „Wir sind das Volk!“-Krakeelern entgegenrufen: „Nein, wir sind das Volk!“ Wer sich auf diese Ebene begibt, macht sich gemein, ob er will oder nicht. Aufklärung klingt anders. Eine überzeugende Variante hat der Humorist Gerhard Polt formuliert: „Wer ist wir? Ich nicht.“

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