Filippo

„Das köstliche Gut der deutschen Sprache / die alles ausdrückt, das tiefste [sic] und / das flüchtigste [sic], den Geist, die Seele, / die voll Sinn ist. / Unsere Sprache wird die Welt / beherrschen. / Die Sprache ist der Spiegel einer / Nation, wenn wir in diesen Spiegel / schauen, so kommt uns ein großes / trefliches [sic] Bild von uns selbst daraus / entgegen.“ (Schiller 1983, 432, Z. 15-25)

Herbst 1997. Vor den Fenstern Nieselregen, tiefe Wolkendecken, dunkler Himmel. „Die Germanistik ist die Wissenschaft von der deutschen Sprache und Literatur sowie ihrer Vermittlung“, sagt der Dozent einleitend. In den Glasscheiben spiegeln sich die Deckenlichter des Seminarraums. Die Universitätsgebäude befinden sich auf einem flachen Hügel, von wo der Blick auf die Stadt und die sie umgebende Landschaft fällt. Sie bildet den nebligen Hintergrund, von dem sich auf den Scheiben die Konturen der 50 oder 60 Studierenden im Grundkurs Literaturwissenschaft abheben. Die Neonlichter summen. Die Bologna-Reform nimmt Anlauf. Unwort des Jahres wird der Menschen bezeichnende Ausdruck „Wohlstandsmüll“. Die gespiegelten Silhouetten unserer Körper und Gesichter haben gebrochen im Glas mehrfache Ränder. „Bitte lassen Sie den Seminarplan herumgehen. Darauf finden Sie nicht nur eine Übersicht zu den Inhalten der nächsten Sitzungen, sondern auch ein Verzeichnis der wichtigsten Literatur, für dieses Seminar ebenso wie für Ihr gesamtes weiteres literaturwissenschaftliches Studium. Für die Anwendung der grundlegenden Terminologie, die Sie hier lernen, werden wir uns hauptsächlich mit Texten von Friedrich Schiller beschäftigen.“

Die Gründungsakte der Germanistik waren politisch motiviert. Ihre Basis bildete die Suche nach einer Einheit der Nation (vgl. Müller 2000, 44f.), in deren Zentrum als Mittel der Kultur die Sprache ihren Wert verbürgen sollte.

„Der Geist eines Volkes, der die Referenz für die Abgrenzung des Eigenen vom Fremden liefert, drückt sich am reinsten in dessen Poesie aus. Und diese ist wiederum mit der »heimatlichen Sprache« aufs engste verwoben. Jacob Grimm kann deshalb auf die einfache Frage: »Was ist das Volk?« die einfache Antwort geben: »Ein Volk ist der Inbegriff der Menschen, welche dieselbe Sprache reden.«“ (Habermas 1999, 26)

Das hatte Folgen für die Bedeutungszuschreibung an die Literatur:

„Da Herder […], wie viele nach ihm und nicht zuletzt die Brüder Grimm, die Poesie als den reinen Ursprungszustand der Sprache auffasste, der Unschuldsstand also, in dem Klang und Sinn noch einig und Wahrheit demgemäß sinnlich erfaßbar war, so mußte deutsche Dichtung, soweit sie nur ursprünglicher Schöpferkraft entsprang, die tiefsten, ja die eigentlichen Wahrheiten über das deutsche Wesen aussagen. Ein solcher Glaube an die unmittelbar wahrheitsverkündende Kraft des Dichterworts führt geradlinig dahin, den Dichter als ein vor anderen begnadetes Individuum zu achten und ihn vor anderen vom Volksgeist als dem Individuum höherer Potenz durchtönt zu sehen.“ (Lämmert 1967, 25)

Sprache – Volk – Poesie – begnadete Individuen – Volksgeist – ‚deutsches Wesen‘ – Nation: die Disziplin weiß um die Konsequenzen der zwischen diesen Wörtern hergestellten Zusammenhänge. Spricht man ihre Vertreter_innen auf die damit einhergehenden Leichen an, verweisen sie auf den Germanistentag in München von 1966, dessen Thema ursprünglich „Nationalsozialismus und Germanistik“ hätte heißen sollen und schließlich „Nationalismus in Germanistik und Literatur“ lautete. Die Wahrnehmung der Disziplin versagt bei ihrer zur Vertrautheit entstellten Geschichte. Sie verhält sich, als sei ihre Geschichte durch die damalige Thematisierung und die späteren Publikationen zu ihren Verstrickungen in den Nationalsozialismus gebannt. Aber dass ihre Kooperationen mit Nationalismus, Faschismus, Rassismus und Antisemitismus bekannt sind, ändert nichts an der gesellschaftlichen Relevanz ihrer weit gehenden politischen Abstinenz von heute. Sie äußert sich an den Universitäten durch Schweigen bis hin zur Sprachlosigkeit. Das die Disziplin von Anfang an begleitende politische Moment spielt gegenwärtig in der Regel keine Rolle. Eine Stichprobe: Ich sehe in vier deutschsprachige Einführungen in die Literaturwissenschaft aus den Jahren 2013, 2014, 2015 und 2017. In keiner einzigen findet sich ein Kapitel zur politischen Bedeutung ihrer Auseinandersetzung mit der Sprache und Literatur einer ‚Nation‘. Der entschieden auf die ‚deutsche Nation‘ bezogene Charakter der Germanistik wird hingegen überdeutlich in den Reflexionen ihrer Gründer. Als erster ‚Germanistentag‘ gilt ein Treffen von Wissenschaftlern, dass im September 1846 in Frankfurt stattfand. Mit Bezug auf Äußerungen Jacob Grimms während dieses Treffens schreibt ein Vertreter des Fachs: „Daß sie“, nämlich die damaligen Teilbereiche der gerade erst entstehenden Disziplin Germanistik, d.h. „Geschichte“, „Recht“, „Sprachforschung“ und „Poesie“, „»auf dem Boden des Vaterlandes« stehen, besagt, daß sie in dreifacher Hinsicht deutsch sind: ihr Gegenstand ist deutsch; die, die sie betreiben, sind deutsch; und sie betreiben sie für Deutschland.“ (Müller 2000, 8)

„Wir denken in Worten!“ (KSA 9, Herbst 1880, 289) Erst gegen Ende meines Studiums bin ich auf diesen Satz gestoßen. Sein Denken ist nackt. Gleichzeitig will er sich nicht anstarren lassen. Vor ihm stehen andere Sätze wie diese: „Die Sprache, scheint es, ist nur für Durchschnittliches, Mittleres, Mittheilsames erfunden. Mit der Sprache vulgarisiert sich bereits der Sprechende.“ (Götzen-Dämmerung, KSA 6, 128) Das ebenfalls Menschen bezeichnende Unwort des Jahres zur Zeit meines Studienabschlusses lautet „Humankapital“. Im Jahr meiner Zwischenprüfungen schlägt ein CDU-Politiker mit dem Begriff „Leitkultur“ auf andere ein.

In einem Seminar sprechen wir über den Motivbegriff und seine Mehrdeutigkeit. In diesem Zusammenhang verweist die Dozentin auf einschlägige Lexika von Elisabeth Frenzel, die bis heute in wahrscheinlich jeder Universitätsbibliothek mit für die Germanistik relevantem Bestand stehen. Sie wurde 1915 geboren und starb 2014. 1940 veröffentlichte sie ihre Dissertation mit dem Titel Judengestalten auf der deutschen Bühne. Sie hatte danach 74 Jahre Zeit in den Spiegel zu sehen. Ein herausgegriffenes Zitat:

„Mit der Vernichtung aller sittlichen Werte, mit der anmaßenden Arroganz, mit dem hypertrophen Machtbewußtsein der letzten zwei Dezennien war das Schicksal der Juden in Deutschland vor der historischen Gerechtigkeit entschieden. Sie mußten stürzen. Was in den viel gefährlicheren Jahren des Aufbaus der jüdischen Macht aus Blindheit und falsch verstandener Humanität gebilligt und übersehen worden war, das ließ jetzt, wo die Maske des Unterdrückten fiel, die machtlos gewordenen Förderer dieser Entwicklung erschauern.“ (Frenzel 1940, 250f.)

„Die Sprache ist der Spiegel einer / Nation“, hatte Schiller geschrieben, „wenn wir in diesen Spiegel / schauen, so kommt uns ein großes / trefliches [sic] Bild von uns selbst daraus / entgegen.“

Ich ziehe an meinem Bild aus den ersten Semestern. Ich hänge es an die Wand gegenüber, wo es sich weiter mit mir bewegt. Es ist, anfangs noch weitgehend unreflektiert, die Sprache, wegen der ich mein Studium beginne. Die Komplexität literarischer Texte fasziniert mich, sie begreifen zu wollen, motiviert mich. Mein Gegenüber nimmt eine schwarzrote und eine rote Fahne, faltet beide sorgsam und verstaut sie in einer Kommode. „Die Sehnsucht nach der großen Erzählung ist für den Großteil der Menschen selbst verloren.“ (Lyotard 1999, 122) Jetzt schüttelt das Gegenüber vor dem Spiegel den Kopf. Es sei schließlich die Sehnsucht nach Utopie nicht zu unterdrücken gewesen. Das Gegenüber im Spiegel erwidert, es habe in der sprachlichen Auseinandersetzung mit in Worten verfasster Kunst ein Mittel undogmatischer Politik auf der Basis präzisen Denkens zu finden gehofft. Und schließlich fügt es mit einem Lächeln hinzu: „Die wahre Sprache der Kunst ist sprachlos […].“ (Ästhetische Theorie, GS 7, 171) – Was soll ich jetzt zu meinem Gegenüber sagen: Wie dumm du warst? Oder: Das ist pointiert formuliert und scharf gesehen, aber doch, ohne Vorsicht, eine politische Sackgasse der Philosophie Adornos? Mein Gegenüber nimmt mir die Entscheidung ab, indem es zwei andere Sätze aufklaubt und zitiert: „Es gibt kein Signifikat, das dem Spiel aufeinander verweisender Signifikanten entkäme, welches die Sprache konstituiert […].“ Und der zweite sekundiert: „Ein Text-Äußeres gibt es nicht.“ (Derrida 2000, 17 u. 274) „Das war nun tatsächlich eine unvorsichtige und selbstbezügliche Sackgasse“, denke ich. Vorsichtig ergänze ich aus einer unwillkürlichen Erinnerung heraus: „Die Dynamik, die jedes Kunstwerk in sich verschließt, ist sein Sprechendes. […] Sprachähnlich wird das Kunstwerk im Werden der Verbindung seiner Elemente, eine Syntax ohne Worte noch in sprachlichen Gebilden. Was diese sagen, ist nicht, was ihre Worte sagen.“ (Ästhetische Theorie, GS 7, 274)

„Für Ihre literaturwissenschaftlichen Arbeiten werden Werkausgaben eine große Bedeutung haben. Die wichtigste Werkausgabe für die Texte Friedrich Schillers ist die sogenannte Große Nationalausgabe. Herausgeber des Bandes, in dem sich das uns in den nächsten zwei Sitzungen beschäftigende Drama Die Jungfrau von Orleans befindet, ist Benno von Wiese, der außerdem bis heute einschlägige Interpretationen zu Schillers Dramen sowie eine Biographie zu demselben verfasst hat.“ Der Dozent macht eine längere Pause und sieht dabei aus dem Fenster. Unsere Stifte kratzen über das Papier unserer Blätter und Hefte. – Internationales Germanistenlexikon. 1800-1950. Band 3: R-Z. S. 2025f.:

Wiese, Benno von / (urspr. Wiese und Kaiserswaldau) […] Sonstiges zu Herkunft und Familie Schlesischer Uradel […] Lebensumstände • 1933 Mitgl. der NSDAP 1933 Mitgl. im NS-Lehrerbund (NSLB) 1934 Mitgl. der NS-Volkswohlfahrt (NSV), seit 1937 Blockwalter Mitgl. im NS-Dozentenbund (NSDDB) […] Febr. 1943 Einberufung in die Wehrmacht […], entgeht Fronteinsatz.“ (Rossade 2003, 2025f.)

Schiller bestimmt das ‚Deutsche‘ in dem Textentwurf, dem man den Titel „Die deutsche Größe“ gab, als eine „sittliche Größe“, die „in der Kultur“ wohne (Schiller 1983, 431, Z. 20 u. 22) Manchmal füllt das Schweigen in germanistischen Seminaren den gesamten Raum und beginnt auf die Köpfe zu drücken und die Gesichter zu verformen.

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ (Wittgenstein 1997, Tractatus Satz 5.6.) Wahrscheinlich stellt dieser Satz tatsächlich die wichtigste und mir lange unbewusste Motivation für mein Studium dar. – Dieses Mal lacht das Gegenüber vor dem Spiegel: „Fast grenzenlose Naivität also!“ Und dann ergänzt es, es sei zeitweise über die Sprache der Kunst politisch sprachlos geworden. Wie viele Jahre habe es das Wort ‚deutsch‘ in der Germanistik denn eigentlich überhört? Wie lange denn habe es seine politischen Konnotationen im Kontext dieser Disziplin schlechtweg ignoriert?

Manche betonen das emanzipatorische Moment des Nationalismus im Kontext des 19. Jahrhunderts. Nationalismus sei bei der Mehrheit der ersten Germanistengeneration nicht Chauvinismus, sondern politisches Engagement im Dienste von Demokratisierung und Liberalismus gewesen:

„Es ist […] festzuhalten […], daß die große Mehrheit der Germanisten der ersten Jahrhunderthälfte liberal bis demokratisch-progressiv eingestellt war. […] Trotz ideologischer und wissenschaftlicher Differenzen waren sich die meisten Germanisten in ihrem Ziel einig, und dieses Ziel hieß ›Deutsche Einheit‹. Den meisten unter ihnen blieb nicht verborgen, daß die Fürsten und deren Delegierte im Frankfurter Bundestag an ökonomischer, politischer und kultureller Einheit Deutschlands, mithin an bürgerlicher Emanzipation nicht interessiert waren.“ (Müller 2000, 44)

Es ist einfach, dabei stehen zu bleiben. Der bürgerliche Nationalismus des 19. Jahrhunderts wäre unschuldig, das legen solche Darstellungen nahe. Aber dabei will ich nicht stehen bleiben, nicht heute und jetzt. Ich erinnere mich an den Antisemitismus des 19. Jahrhunderts (vgl. Greive 1983, 24-89) und dann an das Wort Dialektik. Es bezeichnet ein „Organon des Denkens“ (Negative Dialektik, GS 6, 66). Im wissenschaftlichen Denken hat man sich dieses Werkzeugs weitgehend entledigt. „Wer für Erhaltung der radikal schuldigen und schäbigen Kultur plädiert, macht sich zum Helfershelfer, während, wer der Kultur sich verweigert, unmittelbar die Barbarei befördert, als welche die Kultur sich enthüllte.“ (Negative Dialektik, GS 6, 360) Das ist mit Blick auf den Nationalsozialismus und die Shoah geschrieben. Ich denke: Diesen Widerspruch musst du aushalten, wenn du dich mit der deutschen Sprache und Literatur beschäftigst.

„Es ist eine der Wirkungen der Ideologie, dass durch die Ideologie der ideologische Charakter der Ideologie geleugnet wird.“ (Althusser 2016, 89) Schweigen ist ein möglicher Ausdruck dieser Leugnung. Die Blindheit für die politische Dimension des eigenen wissenschaftlichen Fachs erscheint als eine Konsequenz der Ideologie vom unpolitischen Charakter sowohl seiner Gegenstände als auch seiner Verfahren. Sichtbar werden die Manifestationen einer Ideologie in „Praktiken“ und „Rituale[n]“ (Althusser 2016, 83). Sie reflektieren sie. Wir pflegen in der Germanistik bis heute hauptsächlich die Sprache einer Nation, die Literatur einer Nation, die Geschichte der Sprache und Literatur einer Nation und versuchen sie im Rahmen und als zentrales Moment einer ‚nationalen Kultur‘ zu vermitteln – stillschweigend. Die Trias Deutschland, Österreich, Schweiz ändert nichts am nationalen Charakter der weitaus meisten diese Vermittlung jeweils vollziehenden Institutionen.

Ich erinnere einen weiteren Satz, der hinter dem nackten „Wir denken in Worten!“ (KSA 9, Herbst 1880, 289) steht:

„Grundlösung: / wir glauben an die Vernunft: diese aber ist die Philosophie der grauen Begriffe, die Sprache ist auf die aller naivsten Vorurtheile hin gebaut // […] // wir hören auf zu denken, wenn wir es nicht in dem sprachlichen Zwange thun wollen, wir langen gerade noch bei dem Zweifel an, hier eine Grenze als Grenze zu sehn.“ (KSA 12, Sommer 1886-Herbst 1887, 193)

Die Ambivalenz von Sprache gehört zu den Widersprüchen ihrer Verwendung: zwischen gesellschaftlicher wie kultureller Fremdbestimmtheit und individuellem Ausdruck, zwischen begrifflicher Allgemeinheit und der Möglichkeit zu einer eigenen und besonderen, in Reden und Texten gebildeten Konstellation.

Ich sehe mich weiter an. In den viel zu oft schweigenden Universitäten wird es zunehmend unbehaglich, will ich meinem Alter Ego sagen, aber es hört mich nicht. Als es schließlich doch reagiert, lese ich ihm alte Lektüre vor:

„Der Nationalsozialismus lebt heute ja wohl überhaupt weniger darin nach, daß man noch an seine Doktrinen glaubte – wieweit das überhaupt je der Fall war, ist fraglich –, als in bestimmten formalen Beschaffenheiten des Denkens. Zu ihnen rechnet beflissene Anpassung ans je Geltende, zweiwertige Aufteilung nach Schafen und Böcken, Mangel an unmittelbaren, spontanen Beziehungen zu Menschen, Dingen, Ideen, zwangshafter Konventionalismus, Glaube an Bestehendes um jeden Preis. Derlei Denkstrukturen und Syndrome sind als solche, dem Inhalt nach, apolitisch, aber ihr Überleben hat politische Implikationen.“ (Eingriffe. Neun kritische Modelle, GS 10.2, 484)

Ich denke an akademisch geschulte Köpfe, erinnere mich an einige Jahre im Wissenschaftsbetrieb und an eine treffende Diagnose:

„[D]ie Disziplin diszipliniert und wirkt wie ein Gravitationsgesetz, das die WissenschaftlerInnen wieder in die Bahnen des konventionellen Wissens zurückzwingt […] Wenn die Fragen […] zu radikal werden und an die Bedingungen der gesellschaftlichen Verhältnisse […] rühren, wirkt der soziale und wissenschaftliche Konsens der WissenschaftlerInnengemeinschaft als Form der Zensur: Die Thesen werden ignoriert, Einladungen nicht ausgesprochen, Veröffentlichungen behindert, Drittmittel nicht gewährt, Berufungen vermieden oder verhindert.“ (Demirović 2015, 94-95)

1981 gab das „Heidelberger Manifest“ ein Beispiel, wie leicht verführbar gebildetes Denken ist: „Mit großer Sorge beobachten wir die Unterwanderung des deutschen Volkes durch Zuzug von vielen Millionen von Ausländern und ihren Familien, die Überfremdung unserer Sprache, unserer Kultur und unseres Volkstums.“ (o.A. 1981, 6) Unterzeichnet wurde das Manifest damals von 15 Hochschullehrern: „Prof. Dr. phil. habil. Bambeck, Prof. Dr. Fricke, Prof. Karl Götz, Prof. Dr. phil. Haberbeck, Prof. Dr. rer. nat. Illies, Prof. Dr. theol. Manns, Prof. Dr. Dr. Oberländer/Bundesminister a. D., Prof. Dr. jur. Rasch, Prof. Dr. Riedl, Prof. Dr. med. Schade, Prof. Dr. rer. pol. Schmidt-Kahler, Prof. Dr. rer. nat. Schröcke, Prof. Dr. med. Schurmann, Prof. Dr. phil. Siebert, Prof. Dr. phil. Stadtmüller“ (vgl. o.A. 1981, Nachdruck in Die Zeit). Wie viele Hochschullehrer_innen würden sich heute finden, die bereit wären, ein ähnliches Manifest zu unterzeichnen, das die Angst vor Überfremdung schürt? Und wie viele davon in der Germanistik?

Dass die Disziplin Germanistik weitgehend schweigt, bedeutet nicht etwa, dass Germanist_innen immer schwiegen. Silvio Vietta etwa hat jüngst in der unentwegt gegen Geflüchtete hetzenden Zeitschrift Tumult einen Beitrag veröffentlicht, in dem er „auf Europa“ „Masseninvasionen von Armutsflüchtlingen“ zukommen sieht. Als Reaktion darauf habe die „europäische Politik langfristig nur zwei Optionen: (A) die Flüchtlingsströme unbegrenzt nach Europa einfließen zu lassen oder sie (B) mit allen Maßnahmen, die zu Gebote stehen, vernünftig zu steuern.“ Als eine Voraussetzung für Option B bezeichnet dieser Germanist – etabliert, renommiert und dekoriert – schließlich die „Bereitschaft zur Wehrhaftigkeit“ (vgl. Vietta 2017, 20). Dem würde sicher Beatrix von Storch beipflichten – zu schweigen von weiteren Vertreter_innen aus der AfD oder anderen rechten und rechtsextremen Parteien und Organisationen –, die Anfang 2016 den Gebrauch von Schusswaffen befürwortete, um Geflüchtete an den Grenzen Deutschlands abzuwehren, d.h., um es deutlich zu sagen, ihr Leben zu bedrohen, sie ggf. zu verletzen oder umzubringen. Und die Disziplin?

Ich sehe eine an der Sprache orientierte Disziplin, die sich weitgehend weigert, über das Leben vor den Fenstern der Seminarräume zu sprechen. Natürlich ist das nicht der eigentliche Gegenstand der Germanistik. Aber es bildet die ‚Nation‘, mit deren Sprache wir uns unentwegt beschäftigen. Und unsere Sprache reflektiert das Leben auf den Straßen. Die Leute dort schreien immer häufiger, brüllen und gehen sich sowohl ‚an die Gurgeln‘ wie ‚an die Köpfe‘ – während die Germanistik als Disziplin wegsieht und schweigt. „Die grossen Probleme liegen auf der Gasse.“ (Morgenröthe, KSA 3, 117) Heute marschieren dort Tag für Tag Nationalismus, Rassismus und Hass vorbei. Mein Gegenüber wird sichtlich unruhig, und dann bricht es aus ihm heraus: „Verdammt, habe wenigstens den Mut, dich deiner Sprache zu bedienen!“

 

Literaturverzeichnis

Althusser 2016: Althusser, Louis: „Ideologie und ideologische Staatsapparate. (Notizen für eine Untersuchung)“. Übers. v. Peter Schöttler u. Frieder Otto Wolf. In: L.A.: Gesammelte Schriften. Ideologie und ideologische Staatsapparate. 1. Halbband. Hg. v. Frieder Otto Wolf. 2., unveränderte Aufl. Hamburg: VSA Verlag. S. 37-102.

Demirović 2015: Demirović, Alex: „Von der bedingten Universität zum emanzipatorischen Wissen … Für eine demokratische Hochschulreform – jenseits von »Bologna«“. In: A.D.: Wissenschaft oder Dummheit? Über die Zerstörung der Rationalität in den Bildungsinstitutionen. Hamburg: VSA Verlag 2015, S. 91-110.

Derrida 2000: Derrida, Jacques: Grammatologie. Übers. v. Hans-Jörg Rheinberger u. Hanns Zischler. 8. Aufl. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Frenzel 1940: Frenzel, Elisabeth: Judengestalten auf der deutschen Bühne. Ein notwendiger Querschnitt durch 700 Jahre Rollengeschichte. München: Deutscher Volksverlag [zugl.: Dissertation Berlin 1940 u.d.T. Die Gestalt des Juden auf der neueren deutschen Bühne].

Greive 1983: Greive, Hermann: Geschichte des modernen Antisemitismus in Deutschland. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

GS: Adorno, Theodor W.: Gesammelte Schriften. Zwanzig Bände. Hg. v. Rolf Tiedemann unter Mitwirkung von Gretel Adorno, Susan Buck-Morss und Klaus Schultz. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1970-1986.

Habermas 1999: Habermas, Jürgen: „Was ist ein Volk? Bemerkungen zum politischen Selbstverständnis der Geisteswissenschaften im Vormärz am Beispiel der Frankfurter Germanistenversammlung von 1846“. In: Zur Geschichte und Problematik der Nationalphilologien in Europa. 150 Jahre Erste Germanistenversammlung in Frankfurt am Main (1846-1996). Hg. v. Frank Fürbeth, Pierre Krügel, Ernst Erich Metzner u. Olaf Müller. Berlin: Max Niemeyer Verlag, S. 23-39.

KSA: Nietzsche, Friedrich: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden. Hg. v. Giorgio Colli u. Mazzino Montinari. Berlin/München/New York: Deutscher Taschenbuch Verlag/Walter de Gruyter 1999.

Lämmert 1967: Lämmert, Eberhard: „Germanistik – eine deutsche Wissenschaft“. In: Nationalismus in Germanistik und Dichtung. Dokumentation des Germanistentages in München vom 17.-22. Oktober 1966. Hg. v. Benno von Wiese u. Rudolf Henß. Berlin: Schmidt, S. 15-36.

Lyotard 1999: Lyotard, Jean-François: Das postmoderne Wissen. Ein Bericht. Übers. v. Otto Pfersmann. 4. Aufl. Wien: Passagen Verlag.

Müller 2000: Müller, Jörg Jochen [d.i. Berns, Jörg Jochen]: „Germanistik – eine Form bürgerlicher Opposition“. In: Germanistik und deutsche Nation 1806-1848. Zur Konstitution bürgerlichen Bewusstseins. Hg. v. J.J.M. u. Reinhard Behm. Reprint der Ausgabe von 1974. Stuttgart: Metzler, S. 5-45.

o.A.: „Heidelberger Manifest“. In: Deutsche Wochen-Zeitung Jg. 24 (6.11.1981) Nr. 46, S. 6.

URL zu einem Nachdruck der Erstveröffentlichungen in Deutsche Wochen-Zeitung und Tageszeitung inklusive der Namen der Erstunterzeichner:

http://www.zeit.de/1982/06/heidelberger-manifest/komplettansicht

Rossade 2003: Rossade, Klaus-Dieter: „Wiese, Benno von“. In: Internationales Germanistenlexikon. 1800-1950. Band 3: R-Z. Hg. v. Christoph König. Berlin/New York: Walter de Gruyter, S. 2025-2028.

Schiller 1983: Schiller, Friedrich: „[Deutsche Größe]“. In: F.S.: Schillers Werke. Begründet v. Julius Petersen, fortgeführt von Lieselotte Blumenthal und Benno von Wiese, herausgegeben im Auftrag der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur in Weimar (Goethe- und Schiller-Archiv) und des Schiller-Nationalmuseums in Marbach v. Norbert Oellers u. Siegfried Seidel. Bd. 2,1: Gedichte in der Reihenfolge ihres Erscheinens 1799-1805 – der geplanten Ausgabe letzter Hand (Prachtausgabe) – aus dem Nachlaß (TEXT). Hg. v. Norbert Oellers. Weimar: Böhlau, S. 431-436.

Vietta 2017: Vietta, Silvio: „Deutschlands Grenzenlosigkeit und die kommenden Konflikte der Welt-Gesellschaft“. In: Tumult. Vierteljahresschrift für Konsensstörung Jg. 5 (2017) H. 2, S. 16-20.

Wittgenstein 1997: Wittgenstein, Ludwig: Werkausgabe in 8 Bänden. Band 1: Tractatus logico-philosophicus. Tagebücher 1914-1916. Philosophische Untersuchungen. Frankfurt a.M.

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