Hitzke

„Für die Einzelsprachlichkeit der Literatur“ – so lautet der Titel eines als Kommentar zur jüngsten Germanistik-Debatte (dazu ausführlich ebd.) verfassten Blogbeitrags von Eva Geulen (2017). Nationalphilologie und Literaturwissenschaft werden darin teils explizit, teils implizit verschränkt:

„[I]m ungebremsten Affekt gegen die Nationalphilologie wird ohne Not an dem Ast gesägt, auf dem alle Literaturwissenschaften sitzen. Die Nationalphilologie ist das Feindbild, auf das man sich offenbar rasch einigen kann. Und wo die Geschichte der heroischen Selbstbefreiung der Germanistik nicht ausreicht, ist das Argument ihrer Obsolenz im Zeitalter der Globalisierung rasch zur Stelle.“ (ebd.)

Im weiteren Verlauf ihres Textes entwickelt Eva Geulen ein Argument, das sich nicht nur auf die deutsche oder deutschsprachige Literatur (oder was auch immer man als Gegenstandsbereich der Germanistik definieren möchte) bezieht, sondern auf die Literatur im Allgemeinen. Mit diesem Argument möchte ich mich im Folgenden auseinandersetzen – und da es sich eben nicht auf die Germanistik beschränkt, möchte ich aus der Perspektive einer Komparatistin und Slavistin dagegen argumentieren. Geulen schreibt: „Zu den Besonderheiten aller Literatur (im Unterschied zur Malerei oder zur Musik) gehört jedoch unverzichtbar ihre jeweilige Einzelsprachlichkeit, was Experimente mit innertextueller Mehrsprachigkeit nicht in Frage stellen, sondern markieren und unterstreichen“ (ebd., Hervorhebung von mir). Mehrsprachigkeit verweist nach Geulen also immer wieder nur auf Einzelsprachlichkeit. Das Deutsch der Germanistik soll also einzelsprachlich – deutsch – bleiben?

Literatur und Mehrsprachigkeit

Ich möchte bestreiten, dass die Texte von den vielen Autor_innen, die sich mit Mehrsprachigkeit – auch mit Bezug auf die deutsche Sprache – auseinandersetzen, immer nur auf die Einzelsprachlichkeit zurückverweisen. Denn auf welche einzelne Sprache verweisen etwa Róža Domašcynas Gedichte, die das Sorbische und das Deutsche verbinden und eben nicht als zwei Einzelsprachen nebeneinanderstellen? Was gewinnt man, wenn man etwa Dragica Rajčićs Texte als „Experimente mit Mehrsprachigkeit“ bezeichnet, die nur Einzelsprachlichkeit markierten? Warum kann Mehrsprachigkeit nicht gleichberechtigt neben Einzelsprachlichkeit stehen? Und zwar einfach als eine andere Ausdrucksmöglichkeit?

Nicht nur die literarischen Texte selbst thematisieren Mehrsprachigkeit. Auch in der Forschung finden sich Positionen, die nicht davon ausgehen, dass Einzelsprachlichkeit die Grundlage von Mehrsprachigkeit ist. Mehrsprachige Texte sind Gegenstand von Forschungen, die sich als interdisziplinär verstehen und im Dialog zwischen verschiedenen Philologien und anderen Disziplinen diskutiert werden. Beispiele für mehrsprachige Texte und literaturwissenschaftliche Zugänge dazu lassen sich in verschiedenen Publikationen finden (vgl. Binder u.a. 2016, Drath u.a. 2014, Yildiz 2012). All diese verschiedenen Publikationen belegen, dass keineswegs Einsprachigkeit vorausgesetzt werden muss, damit „das Feld der Verflechtungen, […] der Übersetzungen […], wechselseitigen Beeinflussungen [und] intertextuellen Bezüge […] überhaupt beobachtbar wird“ (Geulen 2017). Natürlich kann man zum Beispiel russischsprachiges Vokabular in englischsprachigen Texten als solches erkennen, weil man Russisch und Englisch als Sprachen unterscheidet. Mehrsprachige Texte verfahren allerdings oft um einiges subtiler (vgl. Binder u.a. 2016, Drath u.a. 2014). Gerade durch ihre Lektüre wird sichtbar, dass Standard- und Nationalsprachen kulturelle Konstrukte sind. Es gibt darüber hinaus Privatsprachen, unterschiedliche Sprachen der Dichter_innen (Deleuze 2000), Dialekte, ältere Sprachschichten, regionale Varietäten, usw. Politische, psychologische, kulturelle und wirtschaftliche Faktoren bestimmen mit, ob Sprachen als einander nah oder fern, als gleich oder verwandt verstanden werden. Auch aus philosophischer Sicht ist die Grenze zwischen einzelnen Sprachen – und die Möglichkeit von Einsprachigkeit – überzeugend in Frage gestellt worden (Derrida 2003). Um die Vielfalt von Sprachen erkennen zu können, muss man keineswegs einzelne Sprachen voneinander unterscheiden, man kann die Vielfalt auch an Übersetzungs- und Verflechtungsprozessen festmachen und „Kultur als Übersetzung“ (Bachmann-Medick 2009, 245) verstehen.

Nun wird aber von Eva Geulen nicht nur ein Vorrang der Einzelsprachlichkeit vor einer mehrsprachigen Perspektive nahegelegt, darüber hinaus wird ihre Existenzberechtigung in Frage gestellt. Sie schreibt: „Das alles gerät aber nicht in den Blick, wenn man so tut, als gäbe es irgendwo eine Literatursprache, die nicht einzelsprachlich ist, oder als gäbe es eine Existenzberechtigung der Literaturwissenschaften jenseits der jeweiligen Einzelsprachlichkeit“ (ebd.).

Warum soll es für nicht auf Einzelsprachlichkeit beruhende Ansätze keine Existenzberechtigung geben? Unterstellt man, dass damit gemeint sein soll, das Lesen von Literatur setze die Beherrschung derjenigen Sprache voraus, in der der Text geschrieben worden ist, so zeigt sich darin nicht nur ein Misstrauen gegen Übersetzungen. Es zeigt sich darin auch, dass die Ignoranz gegenüber einer Vielzahl von Sprachen und Literaturen blind in Kauf genommen wird. Derzeit gibt es etwa 7000 Sprachen auf der Welt (in der genauen Zahl lasse ich mich gern korrigieren). Wo findet man für jede dieser Sprachen und Literaturen einzelsprachliche Spezialist_innen? Wenn keine gefunden werden, dann gäbe es aber nach diesem Argument keine „Existenzberechtigung“ für die wissenschaftliche Beschäftigung mit diesen Texten. Diese Versuche damit abzutun, sie wären „entweder vormoderne Universalwissenschaft oder fiele[n] unter das bereits erreichte wissenschaftliche Niveau“ (ebd.) wird nur aus einer Perspektive verständlich, aus der man sich keine Sorgen machen muss, immer eine genügend große Zahl an Spezialist_innen zur Verfügung zu haben und an den Universitäten gut verankert zu sein.

Sprache statt Nation?

Aber wie verhalten sich nun Einzelsprachlichkeit, Nation(alismus) und Nationalphilologie zueinander? Das Hauptargument von Eva Geulen, die den Begriff der Nationalphilologie scheinbar nicht nur nicht problematisch findet, sondern in ihrem Artikel auch häufig verwendet, ist nun, dass es der Nation gar nicht bedarf, um Nationalphilologie betreiben zu können. Die „Existenzberechtigung“ der „Nationalphilologien als separate Fächer“ sei „die Sprache und nicht die Nation“ (Geulen 2017). Die Literatursprache als Entität zu begreifen, die der Gegenstand der jeweiligen Philologien wäre, und zwar über räumliche und zeitliche Grenzen hinweg, scheint durchaus plausibel und bietet eine gute Grundlage für eine Diskussion. Auf diesen Vorschlag werde ich später noch eingehen.

Warum aber sollte man die Philologien – wenn die Nation nicht als ihre Grundlage gelten soll – weiterhin als Nationalphilologien bezeichnen? Bezogen auf den Gegenstandsbereich der Anglistik etwa, den Geulen durchaus im Blick hat, ergeben sich daraus problematische Fragen. Gehören afrikanische oder indische Texte, die in englischer Sprache geschrieben sind, dann zur anglistischen/anglophonen/amerikanistischen „Nationalphilologie“?

Es findet sich weiterhin folgende Formulierung: „Andere Nationalphilologien wie Romanistik oder Slawistik vereinen verschiedene Sprachen zu einem Fach“ (ebd.). Ich möchte das Problem aus der Perspektive der Slavistik kurz skizzieren. Geht man nur von den in Deutschland dominierenden Sprachen der Slavistik aus, dann hat man es mindestens mit Russisch, Polnisch, Tschechisch, Bosnisch-Kroatisch-Serbisch, Bulgarisch und Slowenisch zu tun. Wie lässt sich diese Summe völlig unterschiedlicher sprachlicher und kultureller Konstellationen als Nationalphilologie begreifen? Darüber hinaus lässt sich an diesem Beispiel auch gut zeigen, dass der Status etwa der Polonistik oder der Kroatistik, die in Deutschland im Fach Slavistik subsumiert werden, natürlich in Polen oder in Kroatien ein ganz anderer ist.

Kann man aber die „Nation“ als Grundlage der Nationalphilologie, wie Eva Geulen vorschlägt, einfach durch Sprache ersetzen? Es entsteht fast der Eindruck, dass es ausreicht, sich von „den Verstrickungen der Nationalphilologie“ (ebd.) zu distanzieren und sich eine „Abkehr von sowohl klar artikulierten nationalistischen Tendenzen wie auch von ihren weniger deutlichen Untertönen“ (Undercurrents 2017, vgl. den CfA zu dieser Ausgabe https://undercurrentsforum.files.wordpress.com/2017/04/cfa_nationalismus_und_germanistik.pdf) einfach nur zu wünschen.

Andreas Wimmer und Nina Glick Schiller haben in ihrem viel beachteten Aufsatz „Methodological nationalism and beyond: nation-state building, migration and the social sciences“ darauf hingewiesen, dass sich Nationalismus auch in den Methoden, in den impliziten Annahmen und Voraussetzungen sowie in der institutionellen Organisation eines Faches zeigen kann. „We are designating as methodological nationalism the assumption that the nation/state/society is the natural social and political form of the modern world“ (Wimmer/Glick Schiller 2002, 302). Durch diese Annahme werde in der entsprechenden Forschung die Perspektive der Nation bevorzugt und unterschiedlichste Phänomene in der Welt würden dadurch nur einseitig erfasst. Die beiden Autor_innen beschreiben in diesem Zusammenhang drei Formen des Nationalismus:

ignorance, naturalization and territorial limitation. The three modes intersect and mutually reinforce each other, forming a coherent epistemic structure, a self-reinforcing way of looking at and describing the social world. The three variants are more or less prominent in different fields of enquiry. Ignorance is the dominant modus of methodological nationalism in grand theory; naturalization of ‚normal‘ empirical science; territorial limitation of the study of nationalism and state building.“ (ebd., 308)

Methodischer Nationalismus liegt demnach auch vor, wenn nicht explizit nationalistisch oder für die Nation argumentiert wird. Die drei beschriebenen Varianten wirken subtiler. Zum einen wird ignoriert bzw. nicht mitreflektiert (ignorance), wie das Konzept der Nation gesellschaftliche Entwicklungen (und Theorien darüber) prägt. Dies führt dazu, dass die Gesellschaft als nationale naturalisiert wird (d.h. die Gebundenheit vieler Diskurse an das Konzept der Nation wird nicht reflektiert oder es wird zum Beispiel nicht zwischen Staat und Nation differenziert). Des Weiteren werden nationale Gemeinschaften zum Objekt der Analyse, wodurch Differenzierungen und Abgrenzungen produziert werden.

Ersetzt man das Konzept der Nation einfach durch Sprache werden sich implizit oder explizit einige hiermit angedeutete Probleme einschleichen, die man nicht einfach unter den Teppich kehren sollte.

Konzepte wie „Nation“ und „Kultur“ produzieren immer auch Ausschlusskriterien bzw. Ausschlüsse (vgl. exemplarisch Derrida 2002, Lavorano u.a. 2016). Sprache ist in dieser Hinsicht keinesfalls unschuldig. Den Gegenstandsbereich der Germanistik auf deutschsprachige Texte zu beschränken, lässt darüber hinaus auch kulturelle, nationale und territoriale Faktoren völlig außer Acht – dies ist vor allem in Hinblick auf ältere Texte entscheidend. So widmet sich Jürgen Joachimsthaler in einer dreibändigen Studie (2011) anderssprachigen Texten, die sich nicht einfach aus dem Gegenstandsbereich der Germanistik ausschließen lassen.

Deutschland war ja trotz aller national(istisch)en Propaganda (und teilweiser brutaler Verfolgungen) immer schon ein multikulturelles Land, die sorbische Minderheit (mit ausgebautem Literatursystem) etwa lebt seit über einem Jahrtausend hier, bis 1919 bzw. 1945 gab es polnische und litauische, kaschubische und masurische, französische und (bis heute) dänische Minderheiten auf dem Territorium des jeweiligen deutschen Staates (von zahlreichen Migranten vorrangig aus Frankreich, Polen und Italien ganz abgesehen.“ (Joachimsthaler 2009, 20, meine Hervorhebung).

Werden durch die imaginierte „Einzelsprachlichkeit“ der Literatur und Philologie also einerseits anderssprachige, in Deutschland entstandene und entstehende Literaturen ausgeschlossen, wird andererseits die gemeinsamkeitsstiftende Wirkung von Sprache überschätzt. Selbst wenn die Grundlage der Anglistik allein die englische Sprache wäre, müsste sich der_die Anglist_in dennoch völlig verschiedene kulturelle Kontexte und historische Konstellationen erschließen. Das hängt davon ab, ob er_sie zu postkolonialen indischen oder afrikanischen Texten, zu amerikanischen Texten des 19. Jahrhunderts oder etwa zu britischer Lyrik forscht. Dass Texte in derselben Sprache geschrieben sind, ist nur einer von vielen Faktoren. Textkonstellationen (zum Begriff der Konstellationen siehe Thomsen 2008) lassen sich auch nach thematischen oder regionalen Kriterien analysieren (am Beispiel Galiziens tut dies z.B. Annette Werberger, 2009). Die Texte können dabei in verschiedenen Sprachen verfasst sein. So haben Forschende, die sich etwa mit portugiesisch- oder französischsprachigen postkolonialen Texten aus Afrika beschäftigt haben, sicher einen besseren Zugang zu englischsprachigen Texten aus derselben Region als ein_e Anglist_in, der_die sich zuvor mit Shakespeare beschäftigt hat. Die postkoloniale Literatur bildet – über Sprachgrenzen hinweg – einen Forschungsgegenstand. Grundlage einer solchen Literatur ist nicht ihre Einzelsprachlichkeit. Um auf deutsche Texte zu sprechen zu kommen: Zu den deutschsprachigen Texten von Olga Grjasnowa oder Saša Stanišić haben Slavist_innen sicher etwas beizutragen, auch wenn sie nicht Expert_innen für die deutsche Sprache sind. Diese Beispiele kann man als Grenzfälle abtun oder als Kernproblem einer nationalsprachlich orientierten Philologie betrachten.

Eine andere problematische Seite der Sprache – nämlich ihr Einsatz als Herrschaftsinstrument – wird ebenfalls unterschlagen. Das Oxford Handbook of World Englishes macht etwa auf Folgendes aufmerksam:

„When colonies acquiered political independence, a number of competing factors – the language profile of the new elites, ‚aid’ and dependence – resulted in the continuation of the language policies of the colonial period till the present […]. In language education, five tenets have been of decisive influence since the 1960s, each of which is false, i.e. a fallacy […]: English is best taught and examined monolingually (the monolingual fallacy); the ideal teacher of English is a native speaker (the native speaker fallacy); the earlier English is taught, the better the results (the early start fallacy); the more English is taught, the better the results (the maximum exposure fallacy); if other languages are used much, standards of English will drop (the substractive fallacy)“ (Phillipson/Skutnabb-Kangas 2017, 315, meine Hervorhebung).

Auch Yasemin Yildiz hebt hervor, dass durch die Fokussierung auf Einsprachigkeit Mehrsprachigkeit nicht nur aus dem Blick gerät, sondern dass auch aktiv und einseitig Einsprachigkeit produziert wird: „The pressures of this monolingual paradigm have […] also led to active processes of monolingualization, which have produced more monolingual subjects, more monolingual communities, and more monolingual institutions, without, however, fully eliminating multilingualism” (Yildiz 2012, 2f., meine Hervorhebung).

Komparatistik und mehrsprachige Philologien

Die Bevorzugung von Einzelsprachlichkeit mag im Kontext der Germanistik (in Deutschland) vielleicht anschlussfähig sein, was heißt das alles aber für die Komparatistik, für mehrsprachige Philologien oder für die World Literature Studies? Dass sich Philologien, die mehrere Sprachen umfassen, nicht als Nationalphilologien verstehen lassen, habe ich weiter oben bereits ausgeführt. Auch für Komparatist_innen dürfte es sich keinesfalls von selbst verstehen, dass sie Nationalliteraturen miteinander vergleichen. Dem Vergleich von Literaturen steht der Vergleich von Texten gegenüber – nach thematischen, gattungstypologischen oder anderen Kriterien. Warum sollten solche Ansätze keine Existenzberechtigung haben? Vielleicht sind sie nicht „diszipliniert“ genug?

In seiner Einleitung zu einer Bestimmung der „Indiscipline of Comparison“ schreibt Jacob Edmond: „Comparative literature might equally be envisaged as a discipline forged from indiscipline. The history of the field has been characterized by an energetic effort to change the rules of the game“ (Edmond 2016, 649). Edmond macht in seinem Aufsatz deutlich, dass es der Komparatistik immer wieder gelingt, „implicit disciplinary assumptions and national paradigms of literary studies“ (649) sichtbar zu machen. Haun Saussy und David Damrosch diskutieren im selben Heft (Comparative Literature Studies, Special Issue: The Indiscipline of Comparison 53/4 [2016]) die Unterschiede zwischen der Komparatistik und den World Literature Studies sowie zwischen interdisziplinärem Vergleich und transkulturellen sowie interlingualen Ansätzen (Edmond / Saussy / Damrosch 2016). David Damrosch macht dabei deutlich, dass man sich um das wissenschaftliche Niveau keine Sorgen machen muss: „most serious work in the field today concentrates on a carefully studied set of cases, grounded in deep engagement with the selected writer’s languages and cultures of origin“ (ebd., 677). Wen das noch nicht überzeugt, der kann sich von einer Reihe ausgewählter Werke überzeugen lassen, die Damrosch aufzählt (ebd.)

Von der Einzelsprachlichkeit zur „Postmonolingual Condition“ (Yildiz 2012)

Doch selbst wenn man eine dialogische, mehrsprachige Perspektive wünschenswert findet, ist der Forschende bzw. Studierende nicht mit dem Erlernen mehrerer Sprachen überfordert?

In Deutschland lernen Schüler bis zum Abitur normalerweise zwei Fremdsprachen. Dies entspricht den Zielen der EU-Sprachenpolitik, zu denen gehört, „dass jeder europäische Bürger zusätzlich zu seiner Muttersprache zwei weitere Sprachen beherrschen sollte“ (http://www.europarl.europa.eu/atyourservice/de/displayFtu.html?ftuId=FTU_5.13.6.html).

Dazu kommt, dass nicht jede_r nur eine „Muttersprache“ hat. In Europa „gibt [es] […] über 300 europäische Minderheiten und jeder 7. Europäer gehört einer autochthonen Minderheit an oder spricht eine Regional- oder Minderheitensprache“ (https://www.fuen.org/de/europaeische-minderheiten/allgemein/).

Mads Rosendahl Thomsen reflektiert die ältere Übereinkunft, nach der Komparatist_innen vier bis fünf Sprachen beherrschen müssten, davon eine nicht-indoeuropäische, um dann auf folgendes Problem hinzuweisen: „In the present system of education there is rarely time for people to learn more than two or three foreign languages, and even if they did, this would represent only a fraction of the world’s languages” (Thomsen 2008, 22). Während also an den Universitäten das Erlernen mehrerer anderer Sprachen zum Problem wird, ist Mehrsprachigkeit andererseits überall präsent.

Mehrsprachigkeit ist auch (längst) nicht (mehr) als Privileg einer ökonomisch gut gestellten Bildungselite zu denken. Beispiele dafür lassen sich in verschiedenen literarischen Texten finden. So ist etwa Farouq, Betreiber eines Internetladens und intellektueller Gesprächspartner des Protagonisten in Teju Coles Open City wie selbstverständlich mehrsprachig: „Er sprach Französisch, Arabisch, Englisch; mit einem Mann, der nach Kolumbien telefonieren wollte, wechselte er ein paar Worte Spanisch. Er konnte schnell einschätzen, welche Sprache für welchen Kunden angemessen war […]“ (Cole 2012, 148). Andere literarische Texte machen darauf aufmerksam, dass Mehrsprachigkeit auch zum Mittel sozialer Distinktion werden kann. Olga Grjasnowa beschreibt in Der Russe ist einer, der Birken liebt, wie ein neuer Mitschüler aufgenommen wird:

Der Junge konnte kaum Deutsch, aber alle hielten ihn für wahnsinnig intellektuell, weil er Franzose war und weil sie dachten, dass er schon nächste Woche perfekt Deutsch sprechen würde. Und da habe ich mich in meiner Klasse umgeschaut: lauter Kanaken. Marcel sprach italienisch, Georgi griechisch, Taifun türkisch, Farid persisch und armenisch, genau wie seine Zwillingsschwester. Und wir alle sprachen auch Deutsch, akzentfrei. Aber keiner von uns wurde als intelligent genug erachtet, um auf das Gymnasium wechseln zu können […]. (Grjasnowa 2012: 221).

Mehrsprachigkeit ist nicht nur in der uns umgebenden Welt präsent, sie prägt auch die Literatur. Das monolinguale Paradigma (Yildiz 2012) zur Grundlage eines Faches zu erklären, grenzt mehrsprachige Texte und Literaturen aus oder erklärt sie zu exotischen Grenzfällen. Dass ein Großteil der Literatur einzelsprachlich ist, möchte ich nicht bestreiten. Dass zu „den Besonderheiten aller Literatur“ (Geulen 2017) ihre Mehrsprachigkeit gehört, möchte ich nicht behaupten. Es gibt jedoch Literatur, deren Grundlage die Mehrsprachigkeit ist. Und es gibt literaturwissenschaftliche Ansätze, die nicht auf Einzelsprachlichkeit beruhen. Ihre Existenz ist nicht unberechtigt, sondern begrüßenswert.

Literaturverzeichnis

Bachmann-Medick 2009: Doris Bachmann-Medick: Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.
Binder u.a. 2016: Eva Binder / Sieglinde Klettenhammer / Birgit Mertz-Baumgartner (Hg.): Lyrik transkulturell. Würzburg: Königshausen & Neumann.
Cole 2012: Teju Cole: Open City. Berlin: Suhrkamp.
Deleuze 2000: Gilles Deleuze: Kritik und Klinik. Frankfurt/M: Suhrkamp.
Derrida 2002: Derrida, Jacques: Politik der Freundschaft. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Derrida 2003: Derrida, Jacques: Die Einsprachigkeit des Anderen. München: Fink.
Drath u.a. 2014: Marie Drath / Stefanie Heine / Tatjana Hofmann / Reto Zöllner (Hg.): Mehrsprachigkeit/Polylinguisme/Polylinguism. In: Variations. Literaturzeitschrift der Universität Zürich 22.
Edmond 2016: Jacob Edmond: „No Discipline: An Introduction to ‚The Indiscipline of Comparison‘”. In: Comparative Literature Studies. Special Issue: „The Indiscipline of Comparison“ 53 (2016) 4, S. 647-659.
Edmond / Saussy / Damrosch 2016: Jacob Edmond / Haun Saussy / David Damrosch: „Trying to Make It Real: An Exchange between Haun Saussy and David Damrosch”. In: Comparative Literature Studies. Special Issue: „The Indiscipline of Comparison“ 53 (2016) 4, S. 660-693.
Geulen 2017: Eva Geulen: „Für die Einzelsprachlichkeit der Literatur. Nebenbemerkung zum jüngsten Streit um die Germanistik“ (17.02.2017). In: ZfL Blog. Blog des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung, Berlin. URL: http://www.zflprojekte.de/zfl-blog/2017/02/17/eva-geulen-fuer-die-einzelsprachlichkeit-der-literatur-nebenbemerkung-zum-juengsten-streit-um-die-germanistik (zuletzt aufgerufen am 21.07.2017).
Grjasnowa 2012: Olga Grjasnowa: Der Russe ist einer der Birken liebt. München: Hanser.
Houellebecq 2015: Michel Houellebecq: Unterwerfung. Köln: DuMont.
Joachimsthaler 2009: Jürgen Joachimsthaler: „‚Undeutsche‘ Bücher. Zur Geschichte interkultureller Literatur in Deutschland“. In: Helmut Schmitz (Hg.): Von der nationalen zur internationalen Literatur. Transkulturelle deutschsprachige Literatur und Kultur im Zeitalter globaler Migration. Amsterdam u.a.: Rodopi, S. 19-39.
Joachimsthaler 2011: Jürgen Joachimsthaler: Text-Ränder. Die kulturelle Vielfalt in Mitteleuropa als Darstellungsproblem deutscher Literatur. Heidelberg: Winter.
Lavorano u.a. 2016: Stephanie Lavorano / Carolin Mehnert / Ariane Rau (Hg.): Grenzen der Überschreitung. Kontroversen um Transkultur, Transgender und Transspecies. Bielefeld: Transcript.
Phillipson / Skutnabb-Kangas 2017: Robert Phillipson / Tove Skutnabb-Kangas: „English, Language Dominance, and Ecolinguistic Diversity Maintenance.“ In: Markku Filppula / Juhani Klemola / Devyani Sharma (Hg.): The Oxford Handbook of World Englishes. Oxford, New York: Oxford University Press, S. 312-332.
Thomsen 2008: Mads Rosendahl Thomsen: Mapping World Literature. International Canonization and Transnational Literature. London/New York: Continuum.
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Wimmer/Glick Schiller 2002: Andreas Wimmer/Nina Glick Schiller: „Methodological nationalism and beyond: nation-state building, migration and the social sciences“. In: Global Networks 2 (2002) 4, S. 301-334.
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