CfA_Nationalismus_und_Germanistik

Wie gut die Germanistik sich als Zielscheibe der mehr oder weniger berechtigten Kritik eignet, lässt sich an der Debatte über ihren angeblichen Mangel an Relevanz ablesen, die Martin Doerry im Spiegel losgetreten hat. Die schnell darauf verfassten Antworten bekannter Germanistikprofessor_innen waren sich zumindest in einem Punkt einig: Dass die Zeit der von Doerry schmerzlich vermissten germanistischen „Koryphäen“ vorbei ist, sei als Zeichen ihrer Zukunftsfähigkeit, nicht ihrer Bedeutungslosigkeit zu verbuchen. „Die Absetzung des (männlichen) Großordinarius als Hüter des Wissens und Gewissens der Nation gehört doch zu den Errungenschaften erfolgreicher Distanzierung von der Germanistik als Nationalphilologie“, schreibt  Eva Geulen in ihrem Beitrag zur Debatte und schließt damit auch an ihren Text-Einstieg an, der die NS-Vergangenheit des Fachs unmittelbar thematisiert. Von dieser hatte man sich seit dem Germanistentag von 1966, spät genug, schließlich abgewandt — und sich damit auch vom intellektuellen Führungsanspruch der germanistischen Leitdisziplin distanziert.

Die zehnte Ausgabe zum fünfjährigen Jubiläum von Undercurrents fragt danach, wie konsequent diese zweifellos häufig angestrebte Abkehr von sowohl klar artikulierten nationalistischen Tendenzen wie auch von ihren weniger deutlichen Untertönen tatsächlich erfolgt ist. Die in der Folge von 1966 eingerichtete Forschungsstelle für die Geschichte der Germanistik jedenfalls, deren ursprüngliche Aufgabe es sein sollte, sich genau mit dieser Thematik zu befassen, hat mittlerweile ihren Gegenstandsbereich historisch bis zur Epochenschwelle um 1800 und damit so weit zurück datiert, dass sie als kritischer Seismograph für die Gegenwart eher ausfällt.

Dabei gibt es diesbezüglich auch jenseits eindeutiger Fälle rechter Ideologen wie Karl Heinz Bohrer durchaus einiges zu registrieren: Von drastischen Beispielen wie Tumult. Zeitschrift für Konsensstörung, die mittlerweile offen rechte Hetze gegen Geflüchtete betreibt und dabei gestandene Germanisten wie Peter J. Brenner als Autoren gewinnen konnte, durch unterschiedliche Formen des Konservatismus jedoch auch schon lange vorher hätte auffallen können; über die öffentlich ausgestellte Überdrüssigkeit einer als aufdringlich empfundenen Auschwitz-Debatte seitens einiger ehemaliger Mitglieder der Gruppe 47, die Klaus Briegleb mit guten Argumenten als von Beginn an antisemitisch und somit logischen Vorläufer der späteren rechtsideologischen Ausfälle von Günter Grass und Martin Walser kritisiert hat; oder den Erfolg der Heimatvertriebenen-Literatur, etwa von Reinhard Jirgl (Büchnerpreisträger des Jahres 2010), die nostalgisch nicht die Existenz bundesdeutscher Grenzen, sondern deren geringen Radius implizit bedauert; bis hin zu jüngeren Romanen Christian Krachts, denen eine kritische Auseinandersetzung mit ihren politischen Implikationen kaum schaden würde.

Dass die Germanistik diesen neurechten Diskurs so selten wahrnimmt, kann nicht daran liegen, dass er zu peripher gelegen wäre; schließlich sind die genannten Beispiele allesamt einschlägig für intellektuelle und literarische Debatten, nicht nur im Feuilleton. Sind Germanist_innen also darauf trainiert, an bestimmten politisch brisanten Stellen wegzusehen? Oder ist die Germanistik gerade die richtige Adresse, um nationalistische Ideologien der Gegenwart zu kritisieren, weil sie selbst an deren ideologischer Vorbereitung und Verbreitung auch in der Gegenwart aktiven Anteil hat? Wie steht es in der Praxis um die von Eva Geulen ins Spiel gebrachten Regularien, die einen national eingeschränkten Blick auf germanistische Gegenstände verhindern sollen, z.B. als „Experimente mit innertextueller Mehrsprachigkeit“ oder lebhafte Auseinandersetzungen um den Fachkanon, der ja weitgehend nationalen Tradierungen folgt? Welche theoretisch-methodische Fundierung liegt zugrunde, die nationalistische Tendenzen entweder unberührt lässt oder gar fördert? Wie ist der im Vergleich etwa zur Anglistik oder Romanistik kaum ausgeprägte Bezug auf die Postcolonial Theory einzuordnen? Wie schneidet die Germanistik im Vergleich mit anderen literaturwissenschaftlichen Fächern, der Komparatistik oder auch den German Studies in den USA und Kanada ab?

Beitragsvorschläge, die sich solchen und verwandten Fragestellungen widmen, sollten – wenn nicht ausschließlich, so doch zu einem wesentlichen Teil – auf die neuere Germanistik seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und insbesondere auf ihre Gegenwart bezogen sein.

Die Redaktion bittet bis zum 27. April 2017 um Vorschläge für Beiträge zum Thema (Abstracts für z.B. Aufsätze, Essays, Interviews, Rezensionen, Polemiken) an unsere E-Mailadresse: undercurrentsforum@gmx.de. Die ausgewählten Beiträge, die eine Länge von 3000 Wörtern nicht überschreiten sollen, sind dann bis zum 15. Juli 2017 an die Redaktion zu schicken. Die Redaktion behält sich eine Auswahl aus den eingesandten Texten vor.

 

Undercurrents – Forum für linke Literaturwissenschaft fragt nach dem Verhältnis von Literatur, Literaturwissenschaft und emanzipatorischen Bewegungen. Der Blog versteht sich als Debattenforum für linke Literaturwissenschaftler_innen und Interessierte. Mit Schwerpunktthemen wollen wir in regelmäβigen Abständen (ca. alle 6 Monate) Diskussionsanstöβe liefern.

 

Redaktion Undercurrents, Berlin/Göttingen/New York, April 2017

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