Retzlaff_Sonnenberg

„Ohne Theorie keine Revolution“ – dieses Motto trugen um 1970 all jene durch die Straßen westdeutscher Universitätsstädte, die sich in einem der im Verband des linken Buchhandels (VLB) organisierten Buchläden mit lesbarem Rüstzeug ausgestattet hatten. Dass Karl Marx als gemeinsamer Bezugspunkt der Neuen Linken in Großdruck eine mit dieser Aufschrift versehene Einkaufstüte schmückte, zeigt, wie sehr der Markt für Marx florierte. Die ausgeprägte Theorie- und Leseobsession der späten 60er und 70er Jahre ist in den letzten Jahren Gegenstand verschiedener Untersuchungen geworden. Philipp Felsch beispielsweise historisiert in seinem vielbesprochenen Buch Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte (2015) die in seinen Augen unwiderruflich vergangene „Epoche der Theorie“ (15) einerseits in Hinblick auf die Praxis des Büchermachens, andererseits hinsichtlich der Lesarten und „Gebrauchsweisen“ (19) von Theorie. Im Fokus stehen hier die bibliophile Verlegerfigur Peter Gente und die Geschichte des Merve-Verlags, der sich 1970 zuerst als sozialistisches Kollektiv gegründet hatte. Dieses Selbstverständnis habe sich Philipp Felsch folgend allerdings aufgrund ausufernder Selbstbespiegelung rasch zugunsten eines nietzscheanisch inspirierten Hedonismus aufgelöst. Die damit einhergehende Hinwendung zu poststrukturalistischen Theorien habe schließlich dem allmählichen Abdriften der Theorie in den Kunstbetrieb den Weg bereitet. Der am Zentrum für zeithistorische Forschung in Potsdam assoziierte Uwe Sonnenberg fokussiert demgegenüber in seiner Studie weniger Rezeptionszusammenhänge und einen vermeintlich zwangsläufigen Ausverkauf der Theorie als Lifestyle-Accessoire, sondern richtet sein Augenmerk stärker auf Fragen der Organisierung sowie auf konkrete politische Auseinandersetzungen, die mit der Praxis des kooperativen Büchermachens und ihres Vertriebs verbunden waren.

Anhand des 1970 in Frankfurt gegründeten VLB, der bis etwa 1980 zahlreiche Verlage, Druckereien und Buchläden des linksradikalen und alternativen Spektrums zu einem Interessenverband zusammenschloss, verfolgt der Autor das „Agieren und die Netzwerke“ der undogmatischen Linken jenseits partei-affiner Gruppierungen, um Beiträge „für eine noch ausstehende Sozialgeschichte des westdeutschen Linksradikalismus der 1970er Jahre zu liefern“ (19). Entgegen üblicher Reflexe werden diese Netzwerke und Infrastrukturen nicht vorschnell als Wegbereiter für einen ‚neuen Geist des Kapitalismus‘ apostrophiert, sondern aus den Bestrebungen heraus abgeleitet, die seit Mitte der 60er Jahre der Herstellung von Gegenöffentlichkeit geschuldet waren. In einer weit ausgreifenden historischen Perspektive zeichnet Uwe Sonnenberg zunächst die Anfang der 60er Jahre einsetzende Wiederaneignung sozialistischer Literatur nach, die infolge der Zäsur durch den NS und einen verbreiteten Antikommunismus in der BRD nach 1945 zu großen Teilen vom Buchmarkt verschwunden war. Das selbstorganisierte Raubdruckwesen ließ in dieser Zeit die ‚Rotaprint‘ zum geflügelten Wort für die schnelle Vervielfältigung von Texten in kleiner Auflage werden und jenseits des etablierten bürgerlichen Buchmarkts zahlreiche neue Verlage und Publikationsformate entstehen. Diese veränderten nicht nur die Lesegewohnheiten nachhaltig, sondern ließen auch jene „Organisationsfragen der ‚revolutionären Literaturproduktion‘“ (Kap. II + III) auf den Plan treten, die Uwe Sonnenberg in den nachfolgenden Kapiteln beleuchtet. So formierte sich auf der Frankfurter Buchmesse 1967/68 die so genannte ‚Bewegung der Literaturproduzenten‘, die im Sinne von Brecht und Benjamin um eine Demokratisierung der Öffentlichkeit als ‚Aktionsöffentlichkeit‘ bemüht waren. Unter Berücksichtigung aller an der Literaturproduktion Beteiligten – von der Autor_in bis zur Setzer_in – sollte die Produktion von Öffentlichkeit selbst organisiert und transformiert werden. Aus den Versuchen, kollektive Eigentums- und Arbeitsformen sowie eine Infrastruktur zu entwickeln, zu der bald auch erste linke Buchläden gehörten, ging im Jahr 1970 der VLB als „direkter Ausläufer“ (162) hervor. Vor dem Hintergrund der Ausdifferenzierung der radikalen Linken nach 1968, die Sonnenberg detailliert nachzeichnet, erlebte der VLB zuerst eine marxistisch-leninistische Phase, die dem Verband kurzfristig den Beinamen ‚kommunistisch‘ einbrachte, und wurde ab 1972/73 schließlich stärker von unabhängigen, undogmatischen Projekten dominiert. Obwohl sich der VLB nun strukturell als „informelles loses Netzwerk“ (256) konstituierte, blieben Organisierungsfragen und Formen solidarischen Wirtschaftens zumindest dem Anliegen nach weiterhin von Bedeutung. Die Grenze zum „Jungunternehmer[_innentum] wider Willen“ (358) war gleichwohl, wie Uwe Sonnenberg anmerkt, manchmal schmal, das Kollektive häufig durch Fraktionierungen perforiert.

Einen ähnlichen Befund arbeitet Uwe Sonnenberg auch in Hinblick auf die anfangs vom VLB angestrebte Herstellung von Gegenöffentlichkeit heraus: Trotz der um 1972 einsetzenden so genannten politischen ‚Tendenzwende‘ und jener linksliberalen und libertären Verschiebung, im Zuge derer an die Stelle der historisch-materialistischen Analyse ein nach neuen Erfahrungsräumen wühlender Maulwurf trat – ab 1976 das neue Emblem der Einkaufstüte des VLB – hatte die Idee einer kollektiv produzierten Gegenöffentlichkeit noch eine Weile Bestand. Angeregt durch den 1974 erschienenen Band Öffentlichkeit und Erfahrung von Oskar Negt und Alexander Kluge wurde die Notwendigkeit einer proletarischen Öffentlichkeit als Alternative zur bürgerlichen Hegemonie neu diskutiert und der Anspruch von den einzelnen Buchläden insofern eingelöst, als sie „lokal als infrastrukturelle Knotenpunkte“ und „Kommunikationszentren“ (357) fungierten. Doch konnten sich diese Strukturen im Angesicht der Repressions- und Durchsuchungswelle der späten 70er Jahre, die sich vielfach auch gegen den Vertrieb von ‚Gewaltliteratur‘ und ‚Revolutionslektüre‘ richtete, langfristig nicht halten. Eine Reihe von Schließungen und die Zerstreuung der Akteur_innen in andere politische Felder besiegelten bereits 1977 das „Entschlafen des VLB“ (449) sowie eine zunehmende „Diskontinuität von Interessen“ (474). Die MEW-Ausgabe in den Regalen der nun stärker ‚Gemischtwaren‘-förmigen Buchläden musste der Anti-AKW-Plakette weichen; an die Stelle sozialistischer Kommunikationszentren trat der autonome Kampf um Freiräume.

Die Geschichte, die Uwe Sonnenberg mit seiner Studie erzählt, ist keine glatte, sondern eine, die Widersprüche und Konfliktlinien – beispielsweise in Hinblick auf den Gebrauchswert und Tauschwert von Büchern oder später hinsichtlich der Gewaltfrage –, sowie die beständigen Aushandlungsprozesse etwa bezüglich der Arbeitsorganisation des VLB miterzählt. Der Übergang von Marx zum Maulwurf wird nicht lediglich als Bruch zwischen der radikalen Linken und dem entstehenden alternativen Milieu dargestellt, sondern es werden, zumindest bis 1977, auch Kontinuitäten innerhalb dieser Entwicklung herausgearbeitet. Mögliche Kritikpunkte, die sich anbringen ließen, wie etwa das Ausblenden des DDR-Buchhandels, werden in dieser skrupulös aufgearbeiteten Studie mitreflektiert und als blinde Flecken markiert. Dass das Buch gerade durch diese genauen Verortungen und eine große Materialfülle seinen Status als Qualifikationsschrift nicht verbergen kann und sich die Leser_in durch dichte 600 Seiten wühlen muss, soll dem Autor nicht vorgeworfen werden. Die kleinteilige Gliederung ermöglicht eine schnelle Orientierung und prädestiniert das Buch nicht nur zum Materialfundus, sondern es lässt sich auch als ein Stück Zeitgeschichte lesen, das die Geschichte linker Theorie- und Leseobsession nicht ausgehend von wechselnden Paradigmen, sondern von der politischen Praxis aus beleuchtet.

                                                                                                                                             Stefanie Retzlaff (Berlin)

Uwe Sonnenberg: Von Marx zum Maulwurf. Linker Buchhandel in Westdeutschland in den 1970er Jahren, Göttingen 2016. 568 Seiten, 44€, ISBN 978-3-8353-1818-2.

 

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