Schwitters_Intellektuelle

  1. Satz: Schweigen

Erich Maria Remarque liegt in einem kleinen Ort bei Ascona begraben. Heute, in einer Zeit neuer Kriegsbegeisterung, die sich noch als Terrorismusabwehr und Kontrolle von Flüchtlingen mehr schlecht als recht tarnt, und ihrer intellektuellen Flankierungen, ist die Erinnerung an ihn – so wie an Ascona als Ort der Künstler_innen und Intellektuellen – ein Echo aus ferner Zeit. Ich sitze am Ufer des Lago Maggiore, im Ohr die Stimmen der herrschenden Klassen, ihres makellos brutalen Gehabes, hohl und leer. Die Stimmen der Beherrschten werden nicht gehört. Sie befinden sich diesseits solch edler Zentren vor Grenzen oder Zäunen, wenn wir sie nicht haben ertrinken lassen. Sind sie unter uns, gelten sie als Bittsteller_innen, nicht als Fordernde, die zu Recht vom Leben mehr verlangen als vom ‚Westen‘ produzierte Kriege und elende Lebensverhältnisse. Man wünschte sich ein ‚Gegenwort‘ (Paul Celan); doch auch viele Intellektuelle schweigen, werden nicht gehört oder hetzen mit.

Remarques Antikriegsroman Im Westen nichts Neues (1929) wurde bis heute 20 Millionen Mal verkauft, mehr als jeder andere deutschsprachige Roman. Remarque ist der tote Beweis, dass Intellektuelle sprechen können und gelesen werden. Auch Kriegsbegeisterte lasen ihn; und wenn schon, demokratische Literatur kontrolliert ihre Rezeption nicht. Begraben liegt er in Ronco sopra Ascona. Walter Benjamin grüßt aus Portbou, zu Lebzeiten kaum gehört, heute Stichwortgeber eines saturierten akademischen Diskurses. Benjamin, wie Remarque Flüchtling.

 

  1. Satz: Sprechen

Gleichwohl: Ein apokalyptischer Ton hat niemandem je geholfen, und Resignation mündet, nicht nur Robert Musil zufolge, in Konservativismus. Wenn nichts getan werden kann, warum dann etwas tun? Wer könnte denn ein Gegenwort sprechen? Können Intellektuelle, hier und heute, sprechen? Die Antwort scheint so klar, dass im Allgemeinen bereits die Frage nicht gestellt wird. Werden Intellektuelle derart selbstverständlich mit dem Sprechen assoziiert, dass ihre Verbindung für untrennbar gehalten wird? Das wäre so richtig wie banal: Was ist schon leeres Sprechen ohne Wirkung? Oder geht man gar davon aus, intellektuelles Sprechen sei derart wirkmächtig, dass sich die Frage erübrigt? Ich fühle mich nicht wirkmächtig: Im schlechtesten Fall spreche ich in den Wind, im besten antworten mir, irgendwo, irgendwann, einige Stimmen.

Zum politisch effektiven Sprechen gehört aber das Gehört-Werden wie zum Handeln die Wirkmacht. Die/der einsame Sprecher_in im Speaker’s Corner und die/der Sprecher_in, deren Wort die Massen ergreift, sind zweierlei. Hören meint das potentielle Gehört-werden-können sowie auch das faktische Hören, das Wirkungen zeitigt: Beschreibt das erste die medialen Zirkulationsbedingungen, welche Intellektuellen einen Resonanzraum verleihen (oder eben nicht), so zielt das zweite auf die Frage der Rezeption. Die herrschenden Bedingungen der Zirkulation und Rezeption können mit den Begriffen ‚Massenmedien‘, ‚Kulturindustrie‘ und ‚bürgerliche Öffentlichkeit‘ umschrieben werden. Diese liegen in den Händen der Kapitalist_innen und des Staates, nicht denen der Intellektuellen und schon gar nicht der beherrschten Massen.

Ganz im Gegenteil dazu hat die Intellektuelle Gayatri Chakravorty Spivak in ihrem einflussreichen Essay Can the Subaltern speak? (1988) die Frage des ‚Sprechen-Könnens‘ anhand der Unterworfenen aufgeworfen, die sie mit einem über den indischen Historiker Ranajit Guha dem italienischen Philosophen Antonio Gramsci entlehnten Begriff als die ‚Subalternen‘ bezeichnet. Sie setzt das Sprechen der Subalternen dabei wie bereits Gramsci durchgängig in Beziehung zum Sprechen der Intellektuellen, denn zumindest emanzipatorische Intellektuelle stehen – anders als ihre reaktionären Widerparte – in einer so grundlegenden wie prekären Beziehung zu den Subalternen. Es geht also um die politische Frage, in welchem Verhältnis beherrschte Gruppen und intellektuelle Tätigkeiten standen, stehen und stehen sollten: Sprechen Intellektuelle zu den Subalternen – oder ist es umgekehrt, und intellektuelle Arbeit sollte in erster Linie subalterne Stimmen hören und hörbar machen? Unter welchen Bedingungen kann es dann Gegenöffentlichkeiten geben? Hören wir zunächst Stimmen aus der jüngeren Geschichte.

 

  1. Satz: Hören

1968: Teile der ‚Neuen Linken’ brechen mit den marxistischen Partei-Intellektuellen, die der Arbeiter_innenklasse erzählen wollen, was sie zu tun habe. Traditionelle kommunistische Parteien rufen, etwa während des Pariser Mai, zum Stillhalten auf. Dogmatische „K“-Gruppen in der BRD drücken an Fabriktoren ihre Druckerzeugnisse denen in die Hände, die sie für die politische Avantgarde halten – und verpassen dabei wilde Streiks wie bei Ford 1973, die durch Migrant_innen und andere Subjekte, mit denen sie nicht gerechnet hatten, geführt werden. Und selbst kritische Marxist_innen wie Louis Althusser sind zunächst teilweise noch in einem Theoretizismus befangen, welcher eine prioritäre Rolle von Intellektuellen vorauszusetzen scheint. Dagegen lehnen sich Intellektuelle wie Michel Foucault, Gilles Deleuze oder Jacques Rancière zunehmend an eine Linke an, die vom italienischen Operaismus und den Autonomen beeinflusst ist: Sie will unter dem Eindruck der spontanen Erhebungen um und nach 1968 gegen den Avantgardismus und Theoretizismus traditionsmarxistischer Parteien und ihrer intellektuellen Funktionäre die Beherrschten selbst sprechen lassen. Gemeint sind damit zunächst Arbeiter_innen, doch zunehmend auch Migrant_innen, Homosexuelle, Gefangene etc.

1988: Spivak wirft Foucault und Konsort_innen vor, ihre eigene privilegierte Position als ‚westliche‘ und männliche Metropolen-Intellektuelle unsichtbar zu machen, indem sie sich als transparentes Medium angeblich authentischer Stimmen der Subalternen inszenierten. Die Kritik richtet sich – erstens – gegen eine autonome ‚Politik der ersten Person‘, welche suggeriert, für die Beherrschten sei unmittelbar einsichtig, aufgrund welcher Verhältnisse sie beherrscht würden und allein sie selbst seien legitimiert, die Stimme dagegen zu erheben. Heute können wir etwa an bestimmte Richtungen der Antidiskriminierungspolitik denken, welche die Stimmen von people of color oder Trans*personen verabsolutieren, indem sie diese als allein durch ihren authentischen Sprechort legitimiert ansehen. Foucault sagt 1971 in „Untersuchung über die Gefängnisse: Zerbrechen wir die Gitter der Schweigens“: „Das Wissen über die Haftbedingungen […] – all das ist auf individueller Ebene ja längst vorhanden, aber es kann sich kein Gehör verschaffen […]. Die Information muss zirkulieren“ (Foucault, 216). Die Intellektuellen sind in dieser Perspektive nur Medium der Zirkulation. Spivak zufolge neutralisiert ein solcher Sprechort von Metropolen-Intellektuellen – zweitens – die eigene ‚westliche‘, männliche etc. Privilegierung, was zu einer Überhöhung privilegierter Intellektueller als transparentes Medium für ebenso transparente subalterne Stimmen führe.

Dass diese Fragen gerade in den 1980 und 1990er Jahren aufgeworfen werden, ist kein Zufall, agierten doch in dieser Zeit mächtige Bewegungen gegen die globale Herrschaftsordnung und deren Institutionen wie die Weltbank und den Internationalen Währungsfond (IWF), der bereits damals an Staaten des Trikonts Spardiktate vorexerzierte, die heute unter deutscher Führung auch Staaten wie Griechenland zu Grunde richten. Im Zuge dieser Bewegungen stellte sich die Frage nach dem Verhältnis von subalternen Klassen im Trikont und Metropolen-Intellektuellen in zugespitzter Form. Dies setzte sich in der globalisierungskritischen Bewegung fort, die in den ‚westlichen‘ Medien häufig von privilegierten Intellektuellen gemäßigter Gruppen wie attac dominiert schienen, während weniger privilegierte Kämpfende im globalen Südens (zusammengeschlossen etwa bei People’s Global Action) hier nicht in demselben Maße zu Wort kamen.

Spivaks These weist allerdings zwei Probleme auf, ein Problem der Aporie und ein Problem der Opposition. Erstens wurde innerhalb ihrer ‚westlichen‘ Rezeption nämlich teils unterstellt, eine Repräsentation subalterner Stimmen in Diskursen ‚westlicher‘ Metropolen-Intellektueller sei prinzipiell unmöglich. Was Spivak als Problem galt, wird damit in einer Aporie stillgestellt, die herrschaftsaffirmativ gewendet werden kann: Den Intellektuellen wird die Legitimation entzogen, zu oder von beherrschten Gruppen zu sprechen, und deren Stimmen wird die Repräsentierbarkeit abgesprochen. Spivak selbst hat sich zwar gegen eine solche Lektüre verwahrt; gleichwohl prägte eine Position, welche das (Nicht-)Sprechen der Subalternen nicht als konkretes politisches Problem, sondern als Aporie versteht, postmoderne Debatten. Und zumindest mit ihrer Bestimmung von Subalternität als grundlegend randständige Position, deren „Nicht-Sprechen […] im Begriff der Subalternität selbst liegt“ (Spivak 2008, 119ff.) hat Spivak einer solchen Interpretation Vorschub geleistet. Denn in diesem Fall ist qua definitione subaltern, wer nicht sprechen darf, und wer es vermag, ist es nicht mehr – keine analytisch und politisch allzu produktiv erscheinende, sondern eine rein apodiktische Bestimmung.

Spivak verwickelt sich zudem selbst in einen Widerspruch: In ihrem Text fungiert der Suizid einer indischen Subalternen in der öffentlichen Form des Witwenopfers als Platzhalter eines subalternen Sprechens. Von entscheidender Bedeutung ist dabei aber: Handelt es sich um die historische Rekonstruktion eines widerständigen Sprechens der Subalternen selbst? Dann verfiele Spivak ihrer eigenen Kritik an Foucaults Authentifizierung der subalternen Stimmen – oder sie müsste diese in Frage stellen. Entspringt die Subversion der Handlung hingegen Spivaks Deutung, welche die Handlung, die ja innerhalb eines traditionellen Rahmens erfolgt, gegen den Strich liest, so wird der Interpretation durch die Intellektuelle recht großes Gewicht beigemessen, was die Frage aufwirft, ob dagegen nicht doch Foucaults Anliegen, die Subalternen selbst sprechen zu lassen, als eher bescheidene denn anmaßende Position erscheinen könnte.

Ein damit zusammenhängendes zweites und grundlegenderes Problem von Spivaks Text ist eine ihm immanente Opposition von ‚Subalternen‘ und ‚Intellektuellen‘, die daraufhin zu hinterfragen ist, inwieweit sie heute noch gültig ist und inwiefern sie je galt. Denn zum Einen können in Zeiten der Prekarität weite Teile der Intellektuellen auch in den ‚westlichen‘ Metropolen zu einem gewissen Grad selbst als subaltern gelten: Ihre Arbeitsbedingungen (befristete oder gar keine Verträge, schlechte oder gar keine Entlohnung etc.) ähneln mehr denen unterprivilegierter Dienstleister_innen als denen von Bildungseliten, und ihr Sprechen über diese Zustände scheint – wenn es denn überhaupt versucht wird – kaum gehört zu werden. Die Frage wäre dann eher, in welchem Maße Intellektuelle heute ihre eigene Subalternität erkennen und politisch organisieren. Man kann in postmoderner Rhetorik der Differenz nun darauf verweisen, die Metropolen-Intellektuellen seien vergleichsweise privilegiert und dies mit dem Bourdieu’schen Argument unterfüttern, sie verfügten immerhin über kulturelles Kapital. Man kann dem in (post-)operaistischer Diktion entgegenhalten, die Klassenposition der prekären und mobilen Intellektuellen und die migrantische Internationale näherten sich innerhalb der derzeitigen Globalisierungstendenzen des Kapitalismus einander an. Ein Problem bleibt dabei jedoch weiter ausgeblendet: Die Annahme, Intellektualität gehe per se einher mit einer bestimmten sozialen Position. Doch stimmt das?

 

  1. Satz: Handeln

Also, wer ist ein_e Intellektuelle_r? Jacques Rancière hat zu Recht darauf hingewiesen, Intellektualität sei in erster Linie eine Tätigkeit und gerade nicht die Bezeichnung einer sozialen Position. Dies erinnert an den marxistischen Philosophen Antonio Gramsci, für den Intellektualität im Prinzip allen, also auch den Subalternen zugeschrieben werden kann. Die Frage ist für Gramsci vielmehr, wie solche Ansätze der Intellektualität sich zu einer Massenintellektualität vereinigen können, die imstande ist, den Kampf um die politische Hegemonie zu gewinnen. Eine entscheidende Schlüsselfigur ist bei Gramsci die/der ‚organische‘ Intellektuelle, die/der den beherrschten Klassen selbst entstammt. Damit dreht sich das Problem um 180 Grad: Nicht eine privilegiertere Gruppe von Intellektuellen klärt die Subalternen auf, sondern deren intellektuelle Tätigkeit selbst ist der entscheidende Faktor. Die daran anschließenden Fragen sind: Wie organisieren die Subalternen ihre Intellektualität? Und wie erringen sie dabei auch auf dem Feld der Diskurse der herrschenden Klassen die Hegemonie?

Dies ist von entscheidender Bedeutung – zumal der Verdacht naheliegt, derzeit sei zumindest in Deutschland die/der organische Intellektuelle, die/der den beherrschten Gruppen entstammt, Mangelware. Dies ist im Grunde das Problem, auf welches auch das derzeit viel rezipierte Buch Rückkehr nach Reims von Didier Eribon verweist, welcher der Arbeiter_innenklasse entstammt, aber bezweifelt, in dieser Hinsicht als organischer Intellektueller agiert zu haben. Das Problem verschärft sich, wenn – wie es mir heute ganz besonders in Deutschland der Fall zu sein scheint – als Intellektuelle_r agieren genau nicht bedeutet, von und mit den Beherrschten zu sprechen, sondern mit den und über die herrschenden Klassen: Wie ist es sonst zu erklären, dass von der Arbeiter_innenklasse etwa in der historischen Forschung immer seltener die Rede ist, wohl aber vom Bürgertum? Vermittelt werden solche Forschungen dann wiederum von Vertreter_innen der herrschenden Klassen in den herrschenden Medien, etwa in Form von wissenschaftlichen Aufsätzen, Feuilletonartikeln etc. In der Perspektive der Subalternen lautet die Antwort auf die Frage „Können Intellektuelle sprechen?“ dann: Nein, sie können es nicht, ihr Sprechen ist selbstreferentieller Hall, leeres Echo allein der herrschenden Klassen.

Das Problem sind also nicht so sehr die Subalternen, sondern die privilegierteren Intellektuellen, die zumindest durch Unterlassung mit daran arbeiten, dass die Stimmen diesseits der edlen Metropolen hinter Grenzen oder Zäunen eingepfercht bleiben oder gar vom Meer verschluckt werden. Nehmen wir einmal an, unsere intellektuelle Tätigkeit sei im relativ privilegierten Umfeld ‚westlicher‘ Universitäten angesiedelt: Haben wir es verlernt (oder nie gelernt), von, zu, mit den (noch) weniger Privilegierten zu sprechen? Wie können wir dann wieder in Beziehung mit deren eigenen politischen und intellektuellen Tätigkeiten treten? Im Klartext: Privilegiertere Intellektuelle müssen nicht unumwunden oder gar in überheblichen Gestus zu den weniger Privilegierten sprechen, sie sollten aber deren Worte und Kämpfe zur Kenntnis nehmen, in ihrer Arbeit wie in ihrer Politik. Eine Geschichte bürgerlicher Kultur ohne Arbeiter_innen ist allerhöchstens eine bürgerliche Kulturgeschichte. Literatur von Migrant_innen oder Arbeiter_innen ist keine exotische Sparte, sondern gehört ins Zentrum der Literaturgeschichte, oder diese ist kanonische Eliten-Selbstbeweihräucherung. Eine Organisation von Akademiker_innen zur Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen, die nicht von der Situation etwa des Reinigungspersonals spricht, ist Standespolitik. Wer das Klima retten will, aber nicht die Menschen in Nordafrika hört, die den Folgen seines Wandels ausgeliefert sind oder vor ihnen fliehen, und nicht mit ihnen zusammen handelt, kann allenfalls Berater_in ‚westlichen‘ Regierungen werden.

Privilegierte Metropolenintellektuelle sprechen und handeln zumeist aber gerade nicht in Kooperation mit emanzipatorischen Bewegungen. Sie nehmen sie häufig nicht einmal zur Kenntnis. Ich habe einmal auf einer Konferenz über Walter Benjamin die Frage aufgeworfen, ob wir uns nicht in dessen Geiste zum Streik bei Opel äußern sollten. Dies wurde als Witz verstanden. Dabei ist genau das die Frage: Wie können wir in unserer intellektuellen Arbeit von den Beherrschten (inklusive uns selbst) sprechen, von ihrer Politik – wie können ihre Stimmen Eingang in unsere Arbeiten finden? Wie befördern wir ihre Politik?

 

  1. Satz: Herrschen

Zurück zur heutigen intellektuellen Lage, und die ist schlecht. (Linke) Intellektuelle können nicht sprechen. Der reaktionäre Guru, der sich als Diagnostiker tarnt, sagen wir: Peter Sloterdijk, kann nicht sprechen, weil er ganz wörtlich nicht sprechen kann: In elitären Worten, die unfähig sind, eine verständliche These zu formulieren, wirft er Linken Elitarismus vor. Die TV-Ulknudel, sagen wir Richard David Precht, spricht smarte Worte, und viele scheinen ihnen zuzuhören, obwohl nichts Gehaltvolles gesagt wird. Einige könnten tatsächlich gehaltvolle Worte finden, wenn sie wollten, doch Akademiker wie Axel Honneth oder Joseph Vogl sind letztlich bloß Intellektuelle am Herrentisch, die mit Kämpfen der Beherrschten wenig zu tun haben, ob sie wollen oder nicht. Die Zeitschrift Cicero zählt zu den ersten zehn unter den 500 wichtigsten Intellektuellen aktuell Tilo Sarrazin, Alice Schwarzer, Margot Käßmann, Hans-Werner Sinn und Stefan Aust sowie (auf den Plätzen 1 und 2) Martin Walser und Sloterdijk, was ich eines Kommentars für überflüssig halte.

Bleibt Intellektualität aber auf das Wissenschaftssystem und die herrschende Öffentlichkeit – sei sie Kulturindustrie, bürgerliches Feuilleton oder beides zugleich – fixiert, dann verkümmert sie zu einer sozialen Position jenseits politisch emanzipatorischer Bewegungen und Kämpfe und bleibt so an die Eigentums-, Zirkulations- und Rezeptionsbedingungen des etablierten Wissenschaftssystems bzw. der herrschenden Öffentlichkeit geknüpft. In diesem Kontext nicht von und zu den Beherrschten sprechen zu können, muss keine Frage des bösen oder guten Willens sein. Wenn das Sprechen (und damit auch das Gehört-Werden) als Intellektuelle_r genauso wie das Sprechen als Subalterne_r abhängt von medialen und sozioökonomischen Bedingungen, die ‚Massenmedien‘ und die ‚bürgerliche Öffentlichkeit‘ aber in den Händen der Kapitalist_innen und des Staates liegen, läge die Lösung dann nicht in den Öffentlichkeiten und Medien, die nicht der Macht der herrschenden Klasse und des Staates unterliegen: den Gegenöffentlichkeiten? Also, was ist eine Gegenöffentlichkeit? Zunächst eine Realität mit recht klarem historischem und sozioökonomischem Index. Um sie nutzen zu können, muss es zunächst ein Wissen um ihre Bedingungen geben. Auf dieser Basis stellt sich die Frage nach der Herrschaft: Wie kann diese mittels emanzipatorischer Gegenöffentlichkeiten angegriffen werden?

Der Begriff der Gegenöffentlichkeit wird meist in den Bewegungen um und nach 1968 situiert und häufig verbunden mit Alexander Kluges und Oskar Negts Buch Öffentlichkeit und Erfahrung. Zur Organisationsanalyse von bürgerlicher und proletarischer Öffentlichkeit (1972). Bildete eine Gegenöffentlichkeit dort das Vorstadium einer proletarischen Öffentlichkeit, so markierte sie bald schon eher die Öffnung der Neuen Linken für politische Subjekte neben der Arbeiter_innenklasse. So wandelte sich mit den politischen Bewegungen und den von ihnen adressierten politischen Subjekten auch der Begriff der proletarischen Öffentlichkeit zu dem einer Gegenöffentlichkeit. Damit wurde nun begrifflich der reine Antagonismus zu irgendeiner angeblich vorherrschenden Ordnung betont und nicht mehr die Situierung innerhalb einer konkreten Klasse. Einer Gegenöffentlichkeit im Sinne eines solchen abstrakten Antagonismus entsprechen mehr als die Arbeiter_innen– die Alternativ- und Bürger_innenbewegungen der 1970er/80er Jahre.

Wie breit das konkrete Spektrum alternativer Medien dabei war, mag der Vergleich des italienischen Radios Alice im Bologna der Jahre 1976/77 mit der Berliner Zeitschrift zitty andeuten: Wurde das freie Radio, das aus der autonomen Bewegung in Italien hervorgegangen war, von der Staatsmacht ausgeschaltet, so ist die zitty, ein ehemals in Selbstverwaltung produziertes und auf die politische Gegenkultur ausgerichtetes Stadtmagazin, heute ein braves bürgerliches Medium. Andere Medien wurden in den Untergrund oder die Subkultur abgedrängt oder marginalisierten sich teils auch selbst. Zudem wäre aus heutiger Perspektive zu fragen, ob nicht eine Fokussierung auf einen abstrakten Antagonismus zu irgendeiner herrschenden Ordnung einer heute wesentlichen Gegenöffentlichkeit, nämlich des vermeintlichen Widerparts der ‚Lügenpresse’, den Rechtsintellektuellen, Tür und Tor geöffnet hat (vgl. dazu den Beitrag zur Zeitschrift Tumult in dieser Ausgabe).

Haben wir linken Schreiberlinge uns – auch noch bei Undercurrents und vergleichbaren Foren – nicht zu lange auf Theorien und Texte fokussiert statt auf die politisch-sozialen Bedingungen unseres Sprechens? Müsste, soweit diese Frage die Medien betrifft, nicht zudem Abschied genommen werden von technikfixierten Medientheorien vom Schlage einer auch politisch fragwürdigen ‚Kittler-Jugend’? In jedem Fall ist eine Opposition aufzubrechen: Die einer Staatsfixiertheit, welche im Rahmen von Feuilletons und Wissenschaftsjournalen mit Professor_innen und anderen Angehörigen herrschender Klassen spricht statt mit den Beherrschten, und eines reinen Antagonismus, der im Ausstieg aus oder abstrakten Angriff auf Institutionen per se weder bestimmen kann, wogegen er angeht noch was er konkret erzielen soll und kann.

Soll die Frage verhandelt werden, ob Intellektuelle sprechen können, so wäre eine Aufgabe zunächst eine Bestandsaufnahme alternativer Medien, die Gegenöffentlichkeiten bilden, sodann eine Bestimmung ihrer Möglichkeiten und Grenzen. Das Spektrum der Medien der Gegenöffentlichkeit reicht von Plakaten, Flugblättern und Zeitschriften, Theater und Kabarett bis zum Radio und Film. In der gegenwärtigen Situation dürfte auch das Internet eine wichtige Rolle spielen. Eine Typologie solcher Formen, die nicht auf Technologien anstelle von Eigentums-, Zirkulations- und Rezeptionsbedingungen beschränkt bleibt, müsste mit der Frage verbunden werden, wodurch manche von ihnen eingemeindet, besiegt oder ins Abseits gedrängt werden und andere nicht. Wer verfügt dank welcher Mittel über welche Medien und Öffentlichkeiten? Wie und wodurch wird organisiert, was wohin zirkulieren darf? Wer kann, darf, soll was rezipieren?

Anzunehmen ist, dass die Verlaufsform eines ‚Marsches durch die herrschenden Medien‘ derjenigen des ‚Marsches durch die Institutionen‘ der bürgerlicheren 1968er ähnelt: Die Eigentumsverhältnisse der Medien sorgen zumindest langfristig für eine Eingemeindung. Ein Kampf gegen die herrschenden Medien allein mittels alternativer Formen und Öffentlichkeiten kann hingegen in der Marginalisierung oder wie im Fall von Radio Alice einer Niederlage gegen die Staatsmacht enden. Wie aber sähe ein Kampf um die Medien und Öffentlichkeiten aus, der intellektuellem Sprechen im Rahmen emanzipatorischer Bewegungen Raum verleiht? Welche Gestalten nimmt eine solche Intellektualität an, die nicht zu den Subalternen spricht – und auch nicht nur von ihnen –, sondern mit ihnen und als Teil von ihnen?

 

Letzter Satz: Gegenwort

Gesucht ist ein Gegenwort. Eingekeilt zwischen der kapitalistischen Gummizelle für Pseudo-Intellektuelle, querfrontanfälliger Apokalyptik und – nun zuletzt – analytisch-historisierendem Ton wirkt es weder gegen das gefrorene Meer in uns noch gegen das tötende Meer an den Grenzen der Metropolen. Darum: Wie kritisch eine_r auch immer zu der von Spivak erhobenen Forderung, die Stimmen der Subalternen delirieren zu lassen, steht – und stehen sollte –, mitunter kulminieren solche Delirien in präzisen Worten von Metropolen-Intellektuellen, die auf ein neues Sprechen zielen. Nicht als humanitäre Geste, sondern in ihrer schieren Dringlichkeit angesichts fortdauernder und künftiger Barbarei:

„Im Herzen der Finsternis. Unter der Sonne der Folter. An die Metropolen der Welt. Im Namen der Opfer […]. Nieder mit dem Glück der Unterwerfung […]. Wenn sie mit Fleischermessern durch eure Schlafzimmer geht, werdet ihr die Wahrheit wissen.“

 

Karl Schwitters

 

 

Literatur

Cicero 2016: Cicero-Redaktion: „Martin Walser ist der wichtigste Intellektuelle“. In: Cicero. URL: http://cicero.de/salon/cicerorangliste-2016-martin-walser-ist-der-wichtigste-intellektuelle (01.03.2017).

Foucault 2002: Michel Foucault: „Untersuchung über die Gefängnisse: Zerbrechen wir die Gitter der Schweigens“. In: Schriften in vier Bänden. Dits et Ecrits. Hg. von Daniel Defert und François Ewald. Band 2. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S. 215-222.

Kluge/Negt 1972: Alexander Kluge und Oskar Negt: Öffentlichkeit und Erfahrung. Zur Organisationsanalyse von bürgerlicher und proletarischer Öffentlichkeit. Frankfurt a.M.: Suhrkamp  1972.

Remarque 1929: Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues. Roman. Berlin: Propyläen.

Rancière 2011: Jacques Rancière: „Was »Intellektueller« heißen kann“. In: Ders.: Moments politiques.
Interventionen 1977-2009. Zürich: Diaphanes, S. 77-80.

Spivak 1988: Gayatri Chakravorty Spivak: „Can the Subaltern Speak?“ In: Cary Nelson / Lawrence Grossberg (Hg.): Marxism and the Interpretation of Culture. Chicago: University of Illinois Press.

Spivak 2008: Gayatri Chakravorty Spivak: „Ein Gespräch über Subalternität“. In: Dies.: Can the Subaltern speak? Postkolonialität und subalterne Artikulation. Mit einer Einleitung von Hito Steyerl. Wien: Turia + Kant.

 

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