Editorial

Die neunte Ausgabe von Undercurrents – Forum für linke Literaturwissenschaft widmet sich der Diskussion historischer und zeitgenössischer Formen von literarischen Gegenöffentlichkeiten. Während der Begriff ‚Gegenöffentlichkeit‘ ursprünglich auf die 1970er Jahre zurückdatiert und die Herausforderung bezeichnet, der sich die hegemoniale (bundesrepublikanische, bzw. westliche) Öffentlichkeit ausgesetzt sah, haben sich vergleichbare Äußerungsformen auch abseits und nach dem Ende der linken Bewegungen dieser Zeit erhalten. Von der Samisdat-Literatur der Ostblockländer bis zum Entstehen (queer-)feministischer Gruppen sind in diesem Zusammenhang unterschiedlichste Beispiele zu nennen.

Der vorliegenden Ausgabe liegt dementsprechend ein breiter Begriff von Gegenöffentlichkeit zu Grunde, der sich nicht auf einen bestimmten historischen Zeitrahmen beschränkt. Zudem ist für uns die Annahme leitend, dass sich Gegenöffentlichkeiten nicht nur durch antihegemoniale Inhalte bestimmen lassen, sondern dass der Frage nach ihren kulturellen Praktiken und ästhetischen wie medialen Formen eine besondere Bedeutung zukommt. Dabei spielt die Produktion und Zirkulation von geschriebenen und gesprochenen Texten eine entscheidende Rolle, durch welche die an ihnen partizipierenden Akteur_innen als Gegenöffentlichkeit erst adressiert werden.

Trotz weiterhin bestehenden linken und kritischen Kontexten beschreibt die Entgegensetzung von guter Gegenöffentlichkeit und schlechter, weil ideologisch verdächtiger und verdummender Mainstream-Öffentlichkeit die heutige Lage nicht mehr präzise. So sind feministische und antirassistische Diskurse längst im Pop angekommen. Und Megastars wie Beyoncé oder Rihanna vereinnahmen diese nicht einfach, um publikumswirksamen Songs einen edgy touch zu verpassen, sondern politische Statements werden als ebensolche diskursmächtig in den Vordergrund gestellt. Währenddessen bemächtigt sich in Zeiten der offensichtlichen politischen Durchschlagskraft ‚alternativer Fakten’ und unter Anlehnung an Populismus statt Pop die politische Rechte zusehends ursprünglich linker, gegenöffentlicher Argumentationsstrategien: Nicht immer sind die Rechten dabei sofort durch ‚Lügenpresse’-Choräle zu identifizieren. Denn Querfront-Bündnisse tauchen plötzlich auch dort auf, wo man sie eher nicht vermutet hätte.

Gerade unter diesen Bedingungen ist es geboten, noch einmal einen kritischen Kassensturz gegenöffentlicher und alternativer Strategien seit den 1970er Jahren zu machen. Denn während sich in der Rückschau klären lässt, welche Praktiken und kommunikativen Strategien emanzipatorische Effekte gezeitigt haben, die durchaus auch anschlussfähig sein können, ist es mindestens ebenso wichtig, diejenigen Diskurse, Orte und Kontexte zu identifizieren, die offen sind für mehr oder weniger explizite rechte Hetze.

In einem ersten Beitrag fragt Karl Schwitters in Auseinandersetzung mit Gayatri Spivaks Kritik an Michel Foucault in ihrem Essay Can the Subaltern Speak?, inwiefern Intellektuelle in der derzeitigen Situation widerständig sprechen können. Der Blick auf die Geschichte linker Debatten soll die Frage nach möglichen heutigen Konfigurationen von Gegenöffentlichkeit historisch unterfüttern. Im Anschluss formuliert Clément Sauvage eine Kritik des aktuell vielleicht prägnantesten Beispiels einer Querfront-Öffentlichkeit: Der einst auf Vorschlag von Michel Foucault gegründeten Zeitschrift Tumult, die heute zum Krieg gegen Migrant_innen aufruft.

Mit der Autobiographie eines tatsächlich von der bürgerlichen Öffentlichkeit ausgeschlossenen, weil im Gefängnis sitzenden und schreibenden Mythos der 1970er Jahre, Jacques Mesrine, beschäftigt sich Jonas Frick. Praxis und Organisation der politisch-kulturellen Revolte, die der Begriff Gegenöffentlichkeit anfangs einmal bezeichnete, stellt Stefanie Retzlaff in ihrer Besprechung von Uwe Sonnenbergs Studie Von Marx zum Maulwurf. Linker Buchhandel in Westdeutschland in den 1970er Jahren vor. Wie eine kritische Gegenöffentlichkeit ein Jahrzehnt später in der DDR ausgesehen hat, zeigt Birgit Dahlke in ihrem Beitrag Öffentlichkeit als Problem. Zur Geschichte der inoffiziell publizierenden Literaturszene in der DDR ab 1979.

Über die Möglichkeit kritischen Schreibens unter der Bedingung einer Management-Welt, die sich der Literatur als Medium einer neoliberalen Subjektivierung entschieden zuwendet, macht sich Florian Kappeler anhand von Philipp Schönthalers Portrait des Managers als junger Autor. Zum Verhältnis von Wirtschaft und Literatur Gedanken. Filippo Smerilli fragt anhand von Alex Demirovićs Wissenschaft oder Dummheit? Über die Zerstörung der Rationalität in den Bildungsinstitutionen nach dem aktuellen Stand der Neoliberalisierung der Hochschulen und dem Widerstand gegen diese.

 

Redaktion Undercurrents, Berlin – Göttingen – New York, März 2017

 

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