„There’s a ghost in our home, just watching you without me.“ (Kate Bush)

Nach Jutta Paesch und Frau Dr. E treibt eine andere Frauenfigur ihr Unwesen im neuen Roman von Juliane Beer. Schauplatz ist Neukölln. Genauer: Ein Haus in Neukölln. Die ver-rückten, sich dem alltäglichen Wahn entziehenden und doch dem Wahn ausgesetzten Frauenfiguren der vergangenen Romane haben sich in diesem Roman als „mad woman in the attic“ geflüchtet. Doch anders als in der literaturwissenschaftlichen feministischen Analyse des gleichnamigen wissenschaftlichen Buches (Gilbert/Gubar The madwoman in the attic, 1979) über „wahnsinnige“ Frauenfiguren, die sich in den Dachstuhl flüchteten bzw. dort gefangen gehalten wurden – man denke nur an die grandiose Novelle „The yellow wallpaper“ (Charlotte Perkins Gilman, 1892) – bleibt Beer auf dem Boden der Tatsachen. Oder?

Mit gekonntem Gespür für tagesaktuelle Problematiken und kriminalistischer Fines erzählt Beer von dem Mord an einem unliebsamen Vermieter. Um ihn herum gruppiert sich eine Geschichte von Familiengeheimnissen – oder auch Neuköllner Geheimnissen. Anders als in Heinz Strucks Roman „Der goldene Handschuh“, der in die sozialen Abgründe Hamburgs eindringt und uns das Gruseln lehrt und über die Grenzen des Erträglichen hinaus geht, bewahrt Beer eine (fast immer freundliche) Distanz zu ihren Figuren. Die Lesenden werden von einer Kommissarin und ihrem (manchmal) Dutt tragenden Assistenten und Studienabbrecher durch die Handlung geführt. Tür für Tür öffnet sich den beiden der ganz normale Alltag Neuköllns: Das Fenster zum Hof auf Berlinerisch. Da gibt es Misstrauen und Sympathie, neue Wohnzimmereinrichtungen, die Neid erregen, den nach Jahren wieder bei seiner Mutter lebenden Sohn, das alte, vertraute Ehepaar, dem ein Geständnis doch nicht den Boden unter den Füßen wegreißt, obwohl es das sollte und auch die junge in Charlottenburg in einer Politgruppe aktive Tochter. Auch ein mehr oder weniger willkommenes Zeitungsabo spielt eine wichtige Rolle. Und erinnert an die Zeiten, in denen man selbst mal wieder ein Zweiwochen-Abo bestellt hatte. Neben ironischen Klischeebildern wie dem beißendem Pitbull, steht die Geschichte einer nach Deutschland geflohenen Figur, die weitere Rätsel aufgibt.

Und es gibt einen Geist. Oder doch nicht? Schaut der Geist den Figuren des Romans zu? Oder eher den Lesenden über die Schulter? Geister – so heißt es – erscheinen, wenn ihnen im Leben Unrecht wiederfahren ist. Sie sind auf Rache aus. Zumindest fordern sie Gerechtigkeit ein. Daher sind sie durchaus mit den sozialen Problemen der Welt verbunden. Verkleidete sich Frau Paesch aus „Arbeit kann zu einem langsamen und schmerzhaften Tod führen“ des Nachts, um Neukölln unsicher zu machen, so geht die Kommissarin in Beers neuem Roman offen ihrer Wege – und wird unvermeidbar beeinflusst – von dem, was da spukt.

Beers Roman ist eine kriminalistische Sozialstudie der Neuköllner Wirklichkeit. Fokussiert auf ein (Puppen-)Haus, das sich dem/der Lesenden öffnet und auch Nichtberliner_innen einen Teil aktuellen deutschen Alltags zeigt.

Juliane Beer: Unvermeidbare Beeinflussung. Hamburg: Marta Press, Verlag Jana Reich 2016. ISBN 978-3944442570. 156 Seiten. EUR 14.00.

Advertisements