undercurrents_positionspapier_september2016

Die prekären Arbeitsbedingungen an den Universitäten verschärfen sich, trotz ständiger Ankündigung von Gegenmaßnahmen und gegenteiliger Verlautbarungen. Gut 90 % der Stellen im akademischen Mittelbau sind befristet, wobei mehr als die Hälfte der Verträge eine Laufzeit von unter einem Jahr hat; eine im internationalen Vergleich einzigartige Situation.[1] Periodische Arbeitslosigkeit, Teilzeitstellen mit Vollzeitarbeitsaufwand, kaum oder gar nicht bezahlte Lehre sind universitärer Alltag geworden. Akademische Lebensläufe enden trotz Habilitation serienweise im Nichts, da neben dem – nur von einem Bruchteil der Qualifizierten erreichbaren – Karriereziel Professur keine alternativen Laufbahnoptionen existieren. Die Diskussion über die Wirklichkeit der akademischen Arbeitsverhältnisse und die Zukunft der Hochschule wird überdies dadurch erschwert, dass in vielen Bereichen große Intransparenz herrscht.[2] Die Verfahren bei der Besetzung und der höchst seltenen Entfristung wissenschaftlicher Mitarbeiterstellen sind oft undurchsichtig.[3]

Die in diesem Jahr durch die sog. ‚Exzellenzstrategie‘ auf unbestimmte Zeit verlängerte Exzellenzinitiative stellt keine Lösung dar und steht zunehmend in der Kritik: Die erhoffte Verstetigung von Strukturen ist ausgeblieben, für junge Forscher_innen werden dadurch keine langfristigen Perspektiven geschaffen. Überdies führt die durch die Exzellenzinitiative verstärkte Fokussierung auf Drittmittel dazu, dass notwendigerweise ein Großteil der Arbeits- und Lebenszeit von Wissenschaftler_innen auf die fortwährende  Produktion immer neuer Projektanträge entfällt. Dadurch wird nicht qualitativ hochwertige Forschung gefördert, sondern antragskompatibles Wissenschaftsdesign und die Simulation von ‚Spitzenforschung‘. Die Exzellenzinitiative verstärkt bestehende soziale und ökonomische Ungleichheiten innerhalb der wie auch zwischen den Universitäten.

Einige wissenschaftliche Fachgesellschaften wie die Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS) und die Gesellschaft für Medienwissenschaft (GfM) haben bereits in öffentlichen Stellungnahmen auf die prekären Arbeitsbedingungen hingewiesen und Forderungen an Bundes- und Landesregierungen sowie Universitäten gerichtet.[4] Deshalb fordern wir den Deutschen Germanistenverband auf, zur Situation des Mittelbaus und zur Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse an der Universität insgesamt ebenfalls öffentlich Stellung zu beziehen.

Der Deutsche Germanistenverband möge:

  1. Sich für eine stärkere Grundfinanzierung der Universität aussprechen. Anstelle der zunehmenden Finanzierung durch Drittmittel ist eine deutliche Erhöhung der aktuell unzureichenden Grundfinanzierung aller Hochschulen nötig. Die Stärke des deutschen Universitätssystems lag und liegt in der Breite. Es bedarf einer Abkehr vom Leitbild der unternehmerischen Universität. Das vorherrschende Prinzip der Konkurrenz sollte auf allen Ebenen des akademischen Betriebs durch ein Prinzip der Kooperation ersetzt werden, das nicht der Maßgabe des Wettbewerbs unterstellt ist.
  2. Sich für die Ausweitung der Zahl unbefristeter Stellen und Einführung alternativer Karrieremodelle zur Professur einsetzen, die dauerhafte Berufsperspektiven im Bereich des Mittelbaus gewährleisten würden. Hier sollte gelten: Dauerstellen für Daueraufgaben. Eine langfristig orientierte Personalpolitik, die sich nicht regelmäßig gerade der Personen entledigt, die Erfahrung und Kompetenz erworben haben, ist nur möglich, wenn es für Nachwuchswissenschaftler_innen auch andere Optionen als den Ruf auf eine Professur gibt. Dies sollte mit einer Reform der universitären Strukturen einhergehen. Für die Einführung zusätzlicher Stellenmodelle ist perspektivisch eine Abkehr vom Lehrstuhlsystem, zum Beispiel in Form einer Departmentstruktur, zu wünschen. Dies würde zu größerer Freiheit in Forschung und Lehre für alle wissenschaftlich Arbeitenden beitragen.
  3. Auf eine angemessene Bezahlung von Lehraufträgen und Titellehre hinwirken, und zwar mittelfristig bundesweit im Rahmen einer bindenden, gesetzlichen sowie tariflichen Verankerung. Als Grundprinzip sollte gelten: Keine Arbeit ohne Lohn.
  4. Sich für höhere Transparenz in allen Bereichen der Universität einsetzen: Das Prinzip der Transparenz sollte sowohl in Bezug auf die Mittelvergabe aller von den Universitäten verwendeten Gelder als auch in Bezug auf die Stellenvergabe sowie hinsichtlich der tatsächlichen Arbeitsverhältnisse gewährleistet sein.
  5. Für eine Demokratisierung der Hochschule einstehen: Nur so können die Universitäten allen Personalgruppen gerecht werden und die wissenschaftliche Eigenständigkeit des ‚Nachwuchses‘ fördern, die allein eine nachhaltige Entwicklung der Forschung garantiert. Demokratisiert werden sollten in diesem Sinne auch die Mittelvergabe sowie die Einstellung von Mitarbeiter_innen.
  6. Sich für eine Selbstverpflichtung der einzelnen Hochschulen und Institute auf die genannten Punkte aussprechen. Universitäten sollten dazu angeregt werden, in Arbeitsgruppen und Diskussionsforen zur Qualität und Zukunft akademischer Arbeit Ethikkodexe zu entwickeln. Ein Modell dafür bietet der „Herrschinger Kodex“.[5]

[1] Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2013, S. 31. http://www.buwin.de/site/assets/files/1002/6004283_web_verlinkt.pdf [zuletzt abgerufen am 02.08.2016].

[2] Bereits 2014 hat der Wissenschaftsrat darauf hingewiesen, dass etwa zur Zahl und Situation der Promovierenden wie auch zur Bewerberlage bei Berufungen in Deutschland keine genauen Angaben existieren. Vgl. Wissenschaftsrat: Empfehlungen zu Karrierezielen und –wegen an Universitäten, Dresden 11.07.2014, S. 97 und 7. http://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/4009-14.pdf [zuletzt abgerufen am 31.08.2016].

[3] Vgl. ebd., S. 29f.

[4] Vgl. http://www.soziologie.de/de/nc/aktuell/stellungnahmen/single-view/archive/2016/02/03/article/stellungnahme-der-deutschen-gesellschaft-fuer-soziologie-dgs-zu-beschaeftigungsverhaeltnissen-in-der-wissenschaft-1.html; http://www.gfmedienwissenschaft.de/gfm/webcontent/files/GfM_-_Resolution_Gute_Arbeit.pdf [zuletzt abgerufen am 31.08.2016].

[5] https://www.gew.de/wissenschaft/herrschinger-kodex [zuletzt abgerufen am 31.08.2016].

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