Interview_Link

Jürgen Link studierte deutsche und romanische Sprachen und Literaturen in Göttingen, Caen und München. In den 60er Jahren verbrachte er drei Jahre in Frankreich, unter anderem als Lektor in Besançon, wo er mit unterschiedlichen theoretischen Strömungen in Verbindung kam. Vor allem strukturalistische und diskurstheoretische Ansätze waren daran anschließend für Links Arbeit als Assistent in der Neueren Deutschen Literaturwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum von Bedeutung. 1980 wurde Jürgen Link Professor an der RUB. Nach einem Jahr als Gastprofessor in Paris-VIII (Saint Denis) wurde Link 1993 an die TU Dortmund berufen, wo er bis zu seiner Emeritierung 2005 tätig war.

In seiner Forschung verfolgte Link verschiedene Projekte zur nationalen Kollektivsymbolik und zum „Normalismus“ (Versuch über den Normalismus. Wie Normalität produziert wird, 1996, Normale Krisen? Normalismus und die Krise der Gegenwart, 2013). Politisch engagiert er sich in der Friedensbewegung, in der GEW, sowie in alternativen Industrie-Gewerkschaften. Darüber hinaus ist Jürgen Link Mitherausgeber der 1982 gegründeten Zeitschrift kultuRRevolution. zeitschrift für angewandte diskurstheorie und hat 2008 den Roman bangemachen gilt nicht. Auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee. Eine Vorerinnerung publiziert. Seit einiger Zeit lassen sich Texte von ihm auch in seinem themenverwandten Blog bangemachen.com finden.

 

undercurrents: Als Literaturwissenschaftler, der sich bereits in den 1960er Jahren auf poststrukturalistische Theorien bezog und zugleich politisch links positioniert war, stellen Sie in Deutschland in gewisser Weise eine Ausnahme dar. Welchen (politischen) Einsatz hatte die Rezeption französischer Theorie in den 1960er und 70er Jahren für Sie?

Jürgen Link: Gleich die erste Frage gibt mir die Gelegenheit, etwas zur eventuell ein bisschen „eigensinnigen“ (Kluge und Negt) Art zu sagen, wie ich denke und arbeite. In der Frage stecken zwei Etikettenbegriffe oder Flaggenwörter: „Poststrukturalismus“ und „links“. Natürlich funktioniert unsere Kultur so, dass die Gatekeeper der Diskurse einen Kanal nur öffnen (oder schließen), wenn man ein Passwort wie „poststrukturalistisch“ oder „links“ eingegeben hat. Dagegen habe ich das unmögliche Pass- und Flaggenwort gesetzt (sowohl in meiner „Vorerinnerung“ Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee, wo es die „Zwischen-allen-Stühlen-Profs“ gibt, wie in der Zeitschrift „kultuRRevolution“): WNLIA, die Abkürzung für „Weder-Noch, Lieber Irgendwie Anders“. Also „Poststrukturalismus“: das impliziert ein anderes Flaggenwort: „Strukturalismus“. Und das wiederum impliziert Etiketten wie „ahistorisch“ und „subjektfeindlich“. Eine ganze Generation von MarxistInnen spielte entsprechend die Gatekeeper und ließ „Strukturalismus“ nicht durch – anders gesagt: las „strukturalistische“ Texte wie Saussure, Lévi-Strauss, (den frühen) Barthes, Lacan, Althusser und teilweise bereits Foucault erst gar nicht. Wenn man dagegen etwa Saussure wirklich las, merkte man schnell, dass die Etiketten „ahistorisch“ und „subjektfeindlich“ auf einem dummen Missverständnis beruhten: Man behauptete, Saussure habe die synchronische Analyse anstelle und gegen die diachronische proklamiert und deshalb sei der „Strukturalismus ahistorisch“ – ein Jahrhundertschwachsinn, um es krass zu sagen. In Wirklichkeit vertrat Saussure die These, dass diachronische Änderungen und Neuerungen (im Hintergrund lauerten radikale Änderungen: Revolutionen) nicht längs isolierter Elemente erklärt werden können, sondern dass alle diachronischen Mutationen bzw. Innovationen über Synchronien laufen, dass es Synchronien sind, die sich ändern, dass jede Änderung eines Elements sofort das ganze synchrone System beeinflusst. Woraus dann folgte, wenn man etwa wie Althusser von der Sprache auf die Gesellschaft hinüberdachte, dass Revolutionen als Umstürze ganzer sozialer Synchronien gedacht werden müssten, und nicht isoliert-binär nur Bourgeoisie-Proletariat betreffen.

Ich habe das dann am Beispiel der synchronen Systeme von Kollektivsymbolen („sysykolls“) entwickelt[1], will aber eine konkrete und aktuelle Anwendung erwähnen: Auch die sogenannten „Nationalcharaktere“, die uns in der Eurokrise wieder aufgetischt werden (Deutsche diszipliniert, Briten eigensinnig, Mittelmeervölker faul usw.), bilden ein synchrones System, und ihre Änderungen (etwa die Änderung von der Romantik zum Realismus im deutschen Charakter durch Bismarck) sind ebenfalls stets Änderungen des ganzen synchronen Systems. Ich habe das in meiner letzten Buchpublikation am Beispiel der deutsch-griechischen Kollision dargestellt[2] und dabei oft genug den Kopf schütteln müssen über unsere mediopolitische Klasse. Eine andere Synchronie ist das politische Normalitätsdispositiv, wie ich sage, also die kontinuierliche horizontale Achse links-Mitte-rechts-Extreme. Die Frage ordnet mich ja links ein. Würden wir versuchen, einem Alien unser politisches System zu erklären, gäbe es sicher großes Staunen: Wieso wissen wir, dass jede politische Position links oder rechts von einer angrenzenden steht? Bin ich jetzt linke Mitte oder linksextrem? Wenn ich linke Mitte oder auch noch einfach links bin, bin ich noch im normalen Spektrum, also „politikfähig“ oder sogar (linke Mitte) „regierungsfähig“, wenn aber linksextrem, bin ich anormal und weder das eine noch das andere. Und wenn ich linksextrem bin, bin ich dann das symmetrische Äquivalent von rechtsextrem? Berühren sich die Extreme? Ich habe das historisch und systematisch analysiert, wie sich das System seit der Französischen Revolution entwickelt hat[3]: zuerst als symbolischer Bürgerkrieg der Linken gegen die Rechte (wobei an den Endsieg einer Seite gedacht war), und dann im Normalismus als Gleichgewichtungswaage, wobei immer die Mitte (der Durchschnitt als Maximum des Normalen) das Höchste der Gefühle ist – abwechselnd als linke oder als rechte Mitte oder gleich als Große Koalition beider Mittehälften. Jedenfalls: Wieder kann man das nur als Diachronie von Synchronien erklären – der Strukturalismus ist das Gegenteil von ahistorisch.

Und er ist das Gegenteil von subjektfeindlich; er behauptet keineswegs, dass die Individuen von einem „Übermächtigungswillen“, wie Manfred Frank sagt, des Systems vergewaltigt würden. Er leugnet nicht das Subjekt, wie Manfred Frank unterstellt: Er ist gerade umgekehrt eine Theorie der Subjektivierung. Ich habe das mehrfach bezüglich Foucault ausgeführt und nenne mal einen Text exemplarisch für Leute, die bereit sind, Flaggenwörter infrage zu stellen[4]. Wenn nun aber schon der Strukturalismus nicht ahistorisch und subjektfeindlich (also mit marxianischem Denken nicht unvereinbar) ist: wie steht es dann mit dem „Poststrukturalismus“? Unter diesem Etikett wird in erster Linie die Diskursanalyse (Foucault) mit der Dekonstruktion (Derrida) und dem dekonstruktiven Feminismus (Judith Butler) zusammengefasst. Die beiden Richtungen sind in Wirklichkeit sehr verschieden: Foucault setzt das synchron-diachrone Denken operativ fort, während man die Dekonstruktion als eine „posthermeneutische“ (um auch einmal mit dem „post“ zu spielen) philosophische Verzweigung der Psychoanalyse auffassen kann. Aber das müsste man wirklich sehr ausführlich entwickeln.

Ich lebte in den 1960er Jahren in Frankreich, zuletzt als Lektor für Deutsch an der Universität Besançon, wo ich durch die Maibewegung spezifisch politisiert wurde. Es gab dort eine direkte Kooperation mit KollegInnen des Althusserkreises, aber auch mit MitarbeiterInnen von Henri Lefèbvre. Nach meiner Rückkehr an die Universität Bochum versuchte ich, mein erworbenes Wissen zum einen (in Form der UTB-Bände[5]) propädeutisch anzubieten, um die Studierenden möglichst rasch in die Lage zu versetzen, die neuen Theorien selbständig zu rezipieren. Ich habe oft gesagt: Ich warne davor, sich in den „Poststrukturalismus“ zu stürzen, ohne die Methodologie des „Strukturalismus“ solide kennengelernt zu haben. Zum anderen habe ich das erworbene Wissen eigenständig weiterzuentwickeln versucht, indem ich Foucaults Modell der Werkzeugkiste, aus der man sich für neue Projekte bedienen solle, beim Wort genommen habe. Dabei kamen hauptsächlich vier Instrumente heraus: Kollektivsymbolik, Interdiskurs, Normalismus, Simulation. Dass ich nicht die Flaggenwörter und ihre Label-Reduktionen bediente und bediene, hat sicher nicht zur breiten Rezeption beigetragen.

undercurrents: In welchem Verhältnis stehen Ihre damaligen Überlegungen zur kulturwissenschaftlichen Kanonisierung dieser theoretischen Ansätze seit den 1990er Jahren? Was hat sich Ihrer Ansicht nach im Hinblick auf das Politische dieser Ansätze verändert? Vielleicht könnten Sie diese Frage anhand der deutschsprachigen Rezeption Foucaults, der auch für Ihre Arbeiten eine große Rolle spielt, beantworten?

Jürgen Link: Hat es wirklich eine „Kanonisierung“ des Poststrukturalismus, um bei diesem Etikett zu bleiben, gegeben? Beispiele für wirkliche Kanonisierungen (Aufnahme in die kulturelle Hegemonie, wie man auch sagen könnte) wären meines Erachtens die der Annales-Schule in der Geschichtswissenschaft und einerseits diejenige der Theorie von Habermas (mit seinem Diskurs-Begriff, der mit demjenigen Foucaults nichts zu tun hat) und anderseits der Systemtheorie von Luhmann querbeet durch die Kultur- und Gesellschaftswissenschaften. Wenn man sich kultur-, medien- und gesellschaftswissenschaftliche Doktorarbeiten seit den 1980er Jahren auf ihr „Theoriedesign“ hin anschaut, kommen zu den genannten Kanons vor allem postkoloniale und feministische Ansätze hinzu. Obwohl Luhmann zwar Derrida, nie aber Foucault rezipiert hat (als ob ein negativer Magnetismus der Abstoßung vorläge: bei Luhmann fehlt symptomatisch die Kategorie der Macht und damit der Antagonismus), werden beide „Franzosen“ relativ oft in gemixte „Theoriedesigns“ eingebaut. Es würde sich sicher lohnen, etwa mit dem Hegemonie- und Antagonismus-Ansatz von Laclau/Mouffe zu untersuchen, wie etwa Foucault der antagonistische Zahn gezogen wurde und wird, und wie er im Gegensatz dazu in den Arbeiten der um die kultuRRevolution und um das DISS (Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung) beibehalten und geschärft wird. Dabei wäre auch eine Diskursanalyse des Begriffs „Subversion“ (sowie zum Beispiel auch von „undercurrents“!) interessant.

undercurrents: Sie sind seit 1982 Mitherausgeber der Zeitschrift kultuRRevolution. zeitschrift für angewandte diskurstheorie und haben dieser 2008 den blog Bangemachen gilt nicht an die Seite gestellt, um kürzere Textformate und eine größere Unmittelbarkeit zu ermöglichen. Welchen Stellenwert messen Sie solchen Zeitschriftenprojekten als linke Interventions- und Debattenform für die Geistes- und Literaturwissenschaft zu? Hat sich in Ihren Augen die Notwendigkeit, Relevanz oder der Stellenwert im Vergleich zwischen den 80er Jahren und heute verändert

Jürgen Link: Ausgehend von der Diskurstheorie Foucaults könnte man als Kriterium der kulturellen Hegemonie eine „Problematik“ im Sinne Althussers auffassen, also ein synchrones System möglicher Fragestellungen und Basisaxiome, das andere Fragestellungen ausschließt – mit Foucault unfragbar, unsagbar, unsichtbar und schließlich unwissbar macht. Zu diesen Unsagbarkeiten in hegemonialen Diskursen gehört die Frage nach dem gesellschaftskonstitutiven Antagonismus (mit dem marxianischen als klassischem Fall) und damit aber auch die nach einem möglichen Ende unserer „demokratisch-kapitalistischen“ Gesellschaften (wie Francis Fukuyama es mutig ausbuchstabiert hat, während ansonsten schwammig von „modern“ oder „postmodern“, allenfalls von „sozialer Marktwirtschaft“ die Rede ist). Die kultuRRevolution und mein Blog Bangemachen.com versuchen das Kunststück, die Fragbarkeits- und Sagbarkeitsgrenze nach dem Antagonismus offen zu halten, ohne in einen Diskurs zu verfallen, der sich sozusagen selbst ausschließt. Man kann nicht so tun, als ob spätestens 1989 ein ganzes Bündel marxistischer Diskurse nicht kollabiert wäre. Dieser Kollaps von „Relevanzen und Stellenwerten“ hat sich allerdings intellektuell schon früher abgespielt, und zwar definitiv in der „Normalisierung“ von 68 – und die kultuRRevolution wurde von Anfang an auf dieses Ereignis begründet. Das Entscheidende war also der Kollaps des „dialektischen Antagonismus“ und der darauf gegründeten Geschichtsphilosophie (darum ging es im Grunde zwischen Sartre und Foucault). Unter diesem Aspekt ist es das Ziel der kultuRRevolution und des Blogs, die Frag- und Sagbarkeit des Antagonismus in operativer, nicht „semdialektischer“ Weise, wie ich sage, offen zu halten bzw. erneut zu öffnen. Das führt zu Diskursen, die sehr konkret sind, die aber in den hegemonialen Medien unsagbar sind. Ich nenne einige konkrete Beispiele: Deutschland ist Weltmacht Nr. 2 (oder allenfalls 3) geworden. – Ein funktionsfähiger „Raketenschirm“ würde den USA bzw. der NATO den nuklearen Erstschlag wieder ermöglichen. – Griechenland ist infolge der Schuldenerpressung um eine ganze Normalitätsklasse herab gestuft worden. Das sind Beispiele für hegemonial nicht fragbare, sagbare und wissbare Aussagen. Man kann daran ermessen, für welche „linken“ Diskurse solche Aussagen ebenso unsagbar sind, woraus folgt, dass sie innerhalb der Hegemonie reden.

undercurrents: Inwiefern können Universitäten als „ideologische Staatsapparate“ Ihrer Ansicht nach ein geeigneter Ort für politische Interventionen sein? Welche Erfahrungen haben Sie dabei – sowohl während Ihres Universitätswechsels als auch im Hinblick auf die Transformationen der Hochschullandschaft in den letzten Jahrzehnten – gemacht?

Jürgen Link: Universitäten sind nach Althusser „ideologische Staatsapparate“. Wir haben im Literatursoziologischen Propädeutikum diesen Begriff kritisiert. Würde es in einer hypothetisch staatsfreien Gesellschaft noch Universitäten geben? Mindestens ein funktionales Äquivalent dafür. Es handelt sich also um zivilgesellschaftliche Institutionen mit heutzutage enger Kopplung an den Staat, aber teilweise autonom durch das Prinzip der Wissenschaftsfreiheit. Das Berufsverbot war dagegen Staatsapparat pur. Insgesamt würde ich aber meinen, dass die zweifelsfreie Entpluralisierung und Ausschließung antagonismustheoretischer Positionen seit den siebziger Jahren dominant eine Folge des oben erörterten diskursiven Kollapses und des seither in der Zivilgesellschaft herrschenden Radikalkapitalismus („Neoliberalismus“) ist, der die Unis zu Firmen unter Profitzwang gemacht und dementsprechend die Studienzeiten verkürzt hat. Willkommene Nebenfolge: Die Studis haben keine Zeit mehr für den Erwerb außerhegemonialen Wissens oder auch nur für Fachschaftsarbeit.

undercurrents: In Ihrem Buch Bangemachen gilt nicht. Auf der Suche nach der Roten Ruhr Armee widmen Sie sich der ‚Vorerinnerung‘ an eine revolutionäre Arbeiter_innenbewegung des frühen 20. Jahrhunderts. Welche Rolle spielte und spielt gewerkschaftliche Organisierung an und jenseits der Hochschule für Sie? Kommt dem politischen Umfeld des ‚Ruhrpott‘ hier für Sie ein besonderer Stellenwert zu? Welches Konzept des Umgangs mit der Geschichte sozialer Bewegungen verbirgt sich hinter dem Begriff der ‚Vorerinnerung‘?

Jürgen Link: Ich bin seit kurz nach 68 in der GEW, war eine Zeitlang aktiv und arbeitete damals und teils noch heute eng mit oppositionellen Mitgliedern der IG Metall (etwa bei Opel Bochum, das seither „plattgemacht“ ist) sowie heute Verdi zusammen. Das ist in die „Vorerinnerung“ (Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten Ruhr-Armee) eingegangen, natürlich fiktionalisiert. Ein Problem für die GEW-Arbeit an der Uni war schon immer die schwierige Kooperation mit der heutigen Verdi. Warum keine Einheit zustande kam, habe ich im Einzelnen nicht mehr verfolgt, aber ich bedaure es. Bei dem aktuellen Griechenland-Engagement arbeiten im Ruhrgebiet jedenfalls KollegInnen aus GEW und Verdi aufs engste zusammen. Was die „Vorerinnerung“ angeht: Es ist die Geschichte der Normalisierung von 68, am konkreten Beispiel von kulturrevolutionären Intellektuellen im Ruhrgebiet und ihren Versuchen, sich mit ArbeiterInnen zu verbünden. „Vorerinnerung“ meint ein enges Spiel zwischen den drei Ekstasen der Zeit: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Vergangenheit war der offene antagonistische Klassenkampf, Gegenwart ist 68 und seine Normalisierung, Zukunft sind Simulationen des 21. Jahrhunderts, die auf der Prognose eines Wiederausbruchs von Antagonismen und eines Kollapses des Normalismus beruhen. Vielleicht sind wir bereits in diese Zukunft hineingerutscht: Ich spiele damit auch in meinen Blog – zum Beispiel kommen in den Simulationen der Zukunft Bürgerwehren vor – und nun gibt es tatsächlich solche „Bürgerwehren“ gegen die Flüchtlinge usw. Leider ist es bisher nicht wirklich gelungen, Leute zum Mitspielen oder auch nur zu „Comments“ zu gewinnen.

undercurrents: Unsere aktuelle Ausgabe hat den Schwerpunkt „Nicht berufen. Prekäre Arbeitsverhältnisse im Literaturwissenschaftsbetrieb“. Wie schätzen Sie die Situation von Nachwuchswissenschaftler_innen an der neoliberalen Hochschule ein? Welche Möglichkeiten sehen Sie, auf strukturell prekäre Arbeitsbedingungen zu reagieren, welche Organisationsformen würden Sie für angemessen halten?

Jürgen Link: Das ist sehr schwierig, darauf eine wirklich operative Antwort zu finden. Es sagt sich leicht, dass der erste Schritt wäre, sich trotz aller Schwierigkeiten Zeit für außerhegemoniale Wissensentwicklung abzuzwacken. Man braucht ja Geld: Der gewerkschaftliche Kampf zum Beispiel wenigstens für eine bessere Bezahlung der Lehraufträge ist ein Minimum. Die kRR hat ein Schwerpunktheft zur Prekarisierung herausgebracht (mit Beiträgen u.a. von Robert Castel und Patrick Cingolani) und dabei die Kategorie eines „transversalen Prekariats“ entwickelt, wozu die prekären WissenschaftlerInnen zählen. Bekannt ist die Schwierigkeit, diese Art Prekariat zu organisieren, oder sogar gemeinsam mit dem „armen“, abgehängten Prekariat. In den frühen 1980er Jahren gab es in der Germanistik eine Initiative, wo man durch regelmäßige Spenden und Patenschaften arbeitslose habilitierte KollegInnen unterstützen konnte. Das Projekt wurde später eingestellt, und es war von Anfang an von Zweifeln umgeben. Ganz ideal wäre natürlich die Emergenz finanziell starker Verlags- und ähnlicher Projekte (auch Volksuniversitäten), so wie der Malik-Konzern in der Weimarer Republik – mit entsprechenden Arbeitsmöglichkeiten. Ich müsste lügen, wenn ich aus meinen Erfahrungen mit der kultuRRevolution und der Vorerinnerung Optimismus herauszaubern wollte. Die Abos der kultuRRevolution schmelzen besorgniserregend durch drei Faktoren: Viele FreundInnen der 68er Generation „sterben weg“ – die Bibliotheken bestellen ab, weil sie angeblich das Geld für die teuren naturwissenschaftlichen Online-Abos brauchen (grotesk, wenn man bedenkt, dass ein kRR-Abo nicht mehr als drei Kinokarten kostet) – und für die jüngere Generation ist ein Zeitschriftenabo quasi unmöglich, da der „Papierära“ verhaftet (es gibt aber auch die Möglichkeit des Online-Abos: siehe die Homepage zeitschrift-kulturrevolution.de, wo auch alle Hefte, Themen und AutorInnen einsehbar sind). Für DoktorandInnen besteht die Förderungsmöglichkeit durch ein Stipendium, speziell der Böll- oder der Luxemburg-Stiftung – aber danach beginnt das Problem, eine Stelle zu finden.

Nun aber ein entscheidender Zusatz: Die Entwicklung außerhegemonialer, nicht antagonismusblinder Wissenschaft kann nur auf der Grundlage beruhen, dass eine solche Wissenschaft nicht nur solide Wissenschaft, sondern die wissenschaftlichere Wissenschaft ist. Wenn daran Zweifel beständen, sollte man die Wissenschaft an den Nagel hängen und etwa Nur-GewerkschafterIn oder Nur-PolitikerIn werden. Meine Erfahrung ist, dass die Filterungs- und Ausschlussmechanismen der kulturellen Hegemonie zwar auf allen Ebenen wirken (Berufungen, Finanzierung von Projekten, Besprechungen, insbesondere in hegemonialen Medien, also Totschweigen, Verlage, Rezeptionsbedingungen), dass aber unter Bedingungen relativer Autonomie der Zivilgesellschaft und ihrer Institutionen und eines relativen, eingeschränkten Pluralismus dennoch innovative wissenschaftliche Diskurse, die sich nicht selbst durch stereotype Simulierbarkeit, stures Festhalten an kollabierten Begriffen und Dogmatismus „unlesbar“ machen, bis zu einem gewissen Grade wahrnehmbar werden. Das gilt für die Konzepte Kollektivsymbolik, Interdiskurs, Simulation und insbesondere Normalismus. Mit solchen Konzepten lässt sich eben „positiv“ und operativ arbeiten – sie erweisen sich als Werkzeuge zum Erarbeiten wichtiger konkreter neuer Erkenntnisse. Der Versuch über den Normalismus erreichte bisher fünf Auflagen, und dieses Konzept wie auch das des Interdiskurses wurde auch von Positionen an der Grenze des hegemonialen Spektrums aufgenommen[6].

Den Schwerpunkt des gerade erschienenen Heftes 70 der kultuRRevolution bildet ein partieller Vorabdruck meines nächsten Buches Normalismus und Antagonismus in der Postmoderne, in dem alle hier angesprochenen Fragen in einer Art Synthese behandelt werden. Insbesondere geht es um den Gegensatz zwischen zwei basalen Denkweisen (Diskursarten), die ich „semsynthetisch“ (einschließlich „semdialektisch“: seit Hegel) und „operativ“ nenne. Es geht darum, die Kategorie des Antagonismus operativ statt semdialektisch zu begründen – das geschieht mittels des Normalismuskonzepts. Der Vorabdruck versteht sich als Bitte um Diskussion (kritische und/oder ergänzende) – die Bitte richtet sich konkret auch an undercurrents.

[1] Gleich ausführlich in Heft 1 der kultuRRevolution (1982). Zu nahezu allen in vorliegendem Interview behandelten Problematiken erschienen Schwerpunkte der kRR, insbesondere auch zu Foucault, Althusser, Bourdieu, Luhmann usw. sowie zu Normalismus, Interdiskurs, Kollektivsymbolik, Simulation usw. Unter der Homepage zeitschrift-kulturrevolution.de lassen sich alle Themen und AutorInnen einsehen.

[2] Anteil der Kultur an der Versenkung Griechenlands. Von Hölderlins Deutschenschelte zu Schäubles Griechenschelte, Würzburg  2016.

[3] Auch dazu mehrere Hefte der kultuRRevolution.

[4] „Subjektivitäten als (inter)diskursive Ereignisse. Mit einem historischen Beispiel (der Kollektivsymbolik von Maschine vs. Organismus) als Symptom diskursiver Positionen“, in: Reiner Keller u.a. (Hg.): Diskurs – Macht – Subjekt. Theorie und Empirie von Subjektivierung in der Diskursforschung, Wiesbaden 2012, S. 53-67.

[5] Literaturwissenschaftliche Grundbegriffe, München 1974 (6 Auflagen); (mit Ursula Link-Heer:) Literatursoziologisches Propädeutikum, München 1980.

[6] Exemplarisch etwa Andreas Reckwitz: Das hybride Subjekt. Eine Theorie der Subjektkulturen von der bürgerlichen Moderne zur Postmoderne, Weilerswist 2006.

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