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„Selbstreflexion des Bourdieu’schen Habituskonzeptes. Zwischen Kritik der Wissenschaftspraxis und Distinktionsgewinn. – Warum denke ich das? Warum schreibe ich das?“

Sie saß vor den verschlossenen Türen des Konferenzraums und sah auf ihre tauben Hände. Die Pause hätte schon vor einer halben Stunde beginnen sollen. Auf den improvisierten Buffet-Tisch hatte sie fünf große Thermoskannen Kaffee gestellt, drei Kannen Tee, drei einfache Marmorkuchen, aufgeschnitten, und zwei Plätzchensortimente verteilt auf Desserttellern.

Sie bekam den vorläufigen Titel ihrer geplanten Doktorarbeit nicht mehr aus dem Kopf. Gestern hatte sie den Plan ihrer Promotion aufgegeben; sie hatte am Nachmittag mit ihrer Doktormutter gesprochen: finanziell am Ende und die unentwegte Konkurrenz der Menschen im Universitätsbetrieb kaum mehr ertragend, verzweifelt. Heute Morgen war die Zusage für das Stipendium gekommen. Das konnte sie nicht ausschlagen.

Bis jetzt, nach insgesamt zwei Tagen, hatte eine einzige Tagungsteilnehmerin ein Wort mit ihr gewechselt. Sie hatten zufällig nebeneinander gesessen bei einem Vortrag, auf den sie sich gefreut hatte. Sie kannte zwei Bücher und mehrere Aufsätze des vortragenden Professors. Ihr gefiel, wie er Diskurse um Identität als Formen der Subversion thematisierte. Sie wollte diesen Menschen gerne einmal sehen und hören.

Der Vortrag hatte am Vormittag stattgefunden. Erst hatte sie sich gewundert, dass ihr der Zusammenhang seiner Sätze nicht deutlich wurde. Warum begriff sie nicht? Schließlich fiel ihr auf, dass nichts von dem, was er sagte, auch nur entfernt etwas mit dem Tagungsthema zu tun hatte. Die ganze Zeit hatte er ein DIN-A4-Blatt vor sich liegen, das er nicht einmal umdrehte. Offensichtlich hatte er sich darauf handschriftlich ein paar Stichwörter gemacht, über die er improvisierte. Der auf 20 Minuten angesetzte Vortrag dauerte 55 Minuten. Danach eröffnete der Moderator das Gespräch. Ein Doktorand, den sie flüchtig aus der Mensa kannte, meldete sich: „Vielen Dank für Ihren bemerkenswerten, ideenreichen und außergewöhnlich lehrreichen Vortrag.“ Sie suchte in seinem Gesicht nach Zeichen von Ironie. Dann erinnerte sie sich daran, dass er immer, wenn er sich vorstellte, erwähnte, er sei Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes und schreibe für die FAZ, die Süddeutsche und Spiegel online. Unwillkürlich hatte sie tief durchgeatmet. Da sagte ihre Nachbarin: „Unglaublich, oder?“

Ihre Hände blieben vollkommen fühllos, während sie sie bewegte.

„Der Soziologe, der seine eigene Welt in dem ihm Nächsten und Vertrautesten zum Gegenstand der Analyse erhebt, soll nicht, wie der Ethnologe, das Exotische heimisch machen, vielmehr das Heimische durch den Abbruch der Primärbeziehung der Vertrautheit mit Lebens- und Denkweisen, die ihm, weil zu vertraut, fremd bleiben, sozusagen ‚exotisieren‘, dem Gewohnten die Dimension des Exotischen zurückgeben.“

Es war eine der üblichen Vorstellungen: „Herr Professor B hat an der Universität Hamburg und an der Ludwig-Maximilians-Universität München von 1995-2000 Anglistik und Komparatistik studiert. Zusätzlich absolvierte er 1998-2000 ein Masterstudium der Europäischen Literaturen in Paris und London. Alle Studien schloss er mit Auszeichnung ab.

Promoviert hat Herr B von 2000-2005 am in Tübingen angesiedelten, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Graduiertenkolleg „Kulturen der Schrift“ zum Thema „Der Begriff der Schreibbarkeit bei W. G. Sebald“. Die mit dem Wissenschaftspreis für Nachwuchswissenschaftler des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnete gleichnamige Dissertation wurde 2006 im Wallstein-Verlag veröffentlicht.

Habilitiert hat sich Professor B 2011 in Göttingen mit der herausragenden Arbeit: Diskurse des Anderen in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. Die deutschsprachige Literaturwissenschaft zwischen philosophischer Opposition und hermeneutischem Konformismus. Sie ist 2012 in der von H. F. und G. G. herausgegebenen Reihe „Diskurs Theorie(n)“ bei Vandenhoeck & Ruprecht erschienen.

Herr Professor B hat Aufsätze zu einer beeindruckenden Vielzahl von Themen verfasst, ich möchte, neben Sebald und dem ideologiekritischen und wissenschaftsgeschichtlichen Blick auf die literaturwissenschaftlichen Diskurse der sechziger Jahre, nur folgende Schwerpunkte erwähnen: Schrift als Medium von Narrativen, Darstellungen von Identität in der barocken Literatur, die psychoanalytische Literaturwissenschaft und die Diskursanalyse im Anschluss an Foucault.

Zudem hat Herr B bisher 5 Sammelbände herausgegeben. Auf zwei dieser Bände sei besonders hingewiesen:

2010 erschien bei de Gruyter in der Reihe „Narratologie“ der inzwischen zum Standardwerk gewordene Band: Erzählen von der Schrift. Erkundungen zu Narrativen eines Mediums.

Anlass einer längeren und fruchtbaren Diskussion war außerdem der gemeinsam mit H. D. und D. L. herausgegebene Band Diskursanalyse und Diskriminierung. Repräsentationen randständiger Identitäten in der europäischen Literatur des Barock, der 2012 bei transcript erschien.

Zudem ist Herr B seit einigen Jahren Mitherausgeber der Zeitschrift Narrative sowie der im Wallstein-Verlag erscheinenden Reihe Schrift/Kulturen Europas; er ist Vorstandsmitglied des Interdisziplinären Zentrums für die Erforschung von Schrift(en) in Berlin und hat seit 2014 eine Gastprofessur für Cultural Studies and Discourse Analysis an der Universität Berkeley inne.“

Während der Vorstellung stand B neben dem Rednerpult: aufrecht, im Anzug, gedecktes Blau, schlank, faltenloses weißes Hemd, zufriedener Gesichtsausdruck, dezente Krawatte, feingliedrige, lange Finger. Die ganze Zeit sah er unverwandt umherschweifend ins Publikum. Hier und da nickte er, grüßte, lächelte.

Der Moderator hatte gerade aufgehört zu sprechen, als eine Zuhörerin aufstand und unvermittelt sagte: „Herr B, wir haben uns jetzt alle ihre Verdienste anhören dürfen. Angesichts dieser vielen Leistungen, Posten und Positionen möchte ich Sie vor Ihrem Vortrag gerne um etwas bitten: Können Sie mir einen einzigen Punkt nennen, an dem Sie ohne Unterstützung durch Ihre Familie etwas haben leisten können? Nur einen, an dem Sie tatsächlich vollkommen alleine etwas geleistet haben, ohne auf das Fundament, das Ihnen Ihre Familie mitgegeben hat, zurückzugreifen?“

Kurz herrschte Schweigen im Raum – und der Vortrag begann.

„Die biographischen Ereignisse definieren sich […] als Plazierungen und Deplazierungen im sozialen Raum, also, genauer, in den verschiedenen aufeinander folgenden Zuständen der Verteilungsstruktur der verschiedenen Kapitalsorten, die in dem betreffenden Feld im Spiel sind.“

„Das Subjekt und das Objekt der Biographie (der Fragende und der Untersuchte) haben in gewisser Weise das gleiche Interesse, das Postulat der Sinnhaftigkeit der berichteten Existenz (und, implizit, der gesamten Existenz) zu akzeptieren.“

„Habilitation 2015 an der Universität Duisburg-Essen“, ergänzte er auf seiner offiziellen Universitätsseite im Internet. „Seit 2010 Lehrbeauftragter für Neuere deutsche Literaturgeschichte an den Universitäten Bochum, Dortmund, Duisburg/Essen und Köln“, schrieb er außerdem. Keiner seiner Studierenden wusste, was das bedeutete.

In zwei Wochen würden die vier neuen Lehrveranstaltungen beginnen. Er hatte noch keine einzige Sitzung vorbereitet. Morgen würde er ein Gespräch mit B moderieren. Ein Kollege hatte ihn darum gebeten. Neben seinem Schreibtisch standen in zwei Kartons ungefähr 150 unkorrigierte Hausarbeiten aus den letzten beiden Semestern. Daneben drei Stapel mit Kopien für die Vorbereitung von vier ungeschriebenen Aufsätzen.

Er las, er schrieb, er lehrte. Er fuhr seit Jahren nicht in Urlaub. Er konnte es sich nicht leisten. Seine letzte Beziehung war vor fünf Jahren zu Ende gegangen. „Du hast verdammt noch einmal niemals Zeit“, hatte sie gesagt. „Weihnachten liest du, Silvester schreibst du einen Aufsatz, zum Tanz in den Mai gibst du ein Blockseminar und an meinem Geburtstag bist du auf einer Tagung!“ – „Hauptantrag / Antrag auf Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts nach dem Zweiten Buch Sozialgesetzbuch (SGB II)“ las er auf dem Formular in seinen Händen.

Nachts drehte er sich von einer Seite auf die andere. Es war, als sei etwas in seinem Körper verrutscht und er bekam es nicht mehr in die richtige Lage. Seit drei Jahren war das immer wieder so. Schließlich stand er auf und setzte sich zurück an den Schreibtisch. Lesen konnte er nicht, schreiben konnte er nicht. „Verdammte Denktaubheit“, dachte er. Die Arme mit den Ellbogen auf den Tisch gestützt, legte er das Gesicht in seine Handflächen. – „Weitermachen!“

Er nummerierte die Titel in seiner Publikationsliste; er formatierte die Übersicht über Tagungsorganisationen; er ergänzte die Übersicht über eingeworbene Drittmittel; er las den Antrag auf eine eigene Stelle bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft erneut Korrektur.

„Die soziale Welt, die dazu neigt, die Normalität mit der Identität zu identifizieren, die als Konstanz eines vernünftigen Wesens mit sich selber aufgefaßt wird – also vorhersehbar oder, mehr oder weniger, verständlich im Sinne einer gut konstruierten Geschichte (im Gegensatz zu der Geschichte, die ein Idiot erzählt) –, verfügt über alle möglichen Institutionen der Totalisierung und Vereinheitlichung des Ich.“

„Übermorgen werde ich vorsingen.“

„–“

„Hast du von der Stelle in Göttingen gehört?“

„Göttingen, hm.“

„Ich will gleich noch Ideen für Kooperationen dort ausarbeiten. Harald, weißt du, sagt, besonders wichtig sei die Zusammenarbeit mit dem interdisziplinären Zentrum dort. Sie haben doch gerade erst neue DFG-Mittel dafür bekommen.“

„–“

„Harald hat es mir erzählt.“

„Harald?“

„Ja, ja. Du weißt schon. Und ich werde auf jeden Fall auch das Graduiertenkolleg ins Spiel bringen, dass B dort gerade erst erfolgreich beantragt hat. – Davon hast du gehört! Er hat das zusammen mit P und O gemacht.“

„–“

Dann machte er einen Witz. Ein Mal im Monat durchforstete er das Internet, um bei allen Professurbesetzungen für die Neuere deutsche Literaturgeschichte im deutschsprachigen Raum auf dem Laufenden zu sein. Davon hatte er ihr erzählt.

Er gehörte unter den Mittelbauern zu den Pendlern: Jede Woche fuhr er von Hamburg ins Rheinland, wo er ein kleines möbliertes Zimmer hatte: Matratze, Schrank, Stuhl, Küchentisch, Doppelkochplatte, kein Kühlschrank. Er arbeitete den ganzen Tag im Universitätsbüro und ging fast jeden Abend mit Kolleg_innen in der einzigen Campuskneipe essen. Er kannte nach einem halben Jahr jedes Büro auf den langen Fluren aller vier Etagen des Instituts für Philologie und war immer über alles informiert. Studiert hatte er an drei Universitäten: eine in Deutschland, eine in den USA, eine in Frankreich. Er ging so lange mit den wichtigsten Professor_innen Kaffee trinken, bis er sie duzte. Im Gespräch mit anderen wissenschaftlichen Mitarbeiter_innen, die die Professor_innen siezten, nannte er sie gerne beim Vornamen.

„Wenn er das erste Mal seit Wochen zu mir kommt, um mit mir über Göttingen zu sprechen, kann das nur eins bedeuten: Er weiß, dass ich mich dort ebenfalls um die Stelle beworben habe. Warum weiß ich von allem anderen nichts?“ Ihr wurde übel. Sie öffnete das Fenster, um etwas frische Luft hinein zu lassen. Im Hof sah sie ihn stehen, rauchend, mit einer anderen Kollegin scherzend. Ihr war weiter schlecht. Sie erinnerte sich an den Vormittag, an die Vorstellung dieses großkopferten Professors und ihre Reaktion darauf. Ihr Chef war noch in der Senatssitzung. Wahrscheinlich wusste er noch nichts davon. Alle Kolleg_innen hatten sie entgeistert angestarrt. Natürlich musste er jetzt B ins Spiel bringen. Der Vortrag dieses Großkopferten war grotesk gewesen; und dann noch dieser unsägliche Doktorand. Ihr Bauch schmerzte.

„[W]as sich derart [durch die Erworbenheit des Geschmacks] einstellt, ist ein unmittelbares Verhaftetsein bis hinein in die Tiefen des Habitus, bis hinein ins Innerste des Geschmacks und des Ekels, der Sympathien und Antipathien, der Phantasmen und Phobien, welche weitaus nachdrücklicher als die erklärten Meinungen und Ansichten im Unbewußten die Einheit einer Klasse begründen.“

„Der Geschmack: als Natur gewordene, d.h. inkorporierte Kultur, Körper gewordene Klasse, trägt er bei zur Erstellung des ‚Klassenkörpers‘; als inkorporiertes, jedwede Form der Inkorporation bestimmendes Klassifikationsprinzip wählt er aus und modifiziert er, was der Körper physiologisch wie psychologisch aufnimmt, verdaut und assimiliert, woraus folgt, daß der Körper die unwiderlegbarste Objektivierung des Klassengeschmacks darstellt, diesen vielfältig zum Ausdruck bringt […].“

„Selbstreflexion des Bourdieu’schen Habituskonzeptes“ dachte sie immer und immer wieder. Bevor sie zur Tagung ging, hatte sie in einem Buch geblättert, das ein Freund ihr geschenkt hatte. Heute Morgen war sie zufällig auf ein Zitat darin gestoßen, das sie sofort herausgeschrieben hatte:

„Das Leben als Ertrag des Lebens. – Der Mensch mag sich noch so weit mit seiner Erkenntniss ausrecken, sich selber noch so objectiv vorkommen: zuletzt trägt er doch Nichts davon, als seine eigene Biographie.“

„Selbstreflexion des Bourdieu’schen Habituskonzeptes“ dachte sie. Als fünfjährige Portugiesin nach Deutschland gekommen, Vater ungelernter Arbeiter, Mutter Hausfrau ohne Schulabschluss; Hochhauskindheit; während des Studiums Stipendiatin der Hans Böckler-Stiftung; jetzt Doktorandin; seit heute Stipendiatin der Rosa-Luxemburg-Stiftung. „Sei vorsichtig“, hatte ihr ein Kollege geraten, der schon seit einer ganzen Weile wissenschaftlicher Mitarbeiter war. „Wenn Du in der Politikwissenschaft promovieren würdest oder in der Soziologie, aber Du willst Literaturwissenschaftlerin werden.“ „Selbstreflexion des Bourdieu’schen Habituskonzeptes“, dachte sie. Und: „Das Leben als Ertrag des Lebens“.

„‚Bildung‘, die ein hoher Ausbildungsabschluß angeblich gewährleistet, ist ein Grundelement dessen, was nach herrschender Meinung persönliche Vollendung ausmacht. Nicht gebildet sein wird deswegen als Verstümmelung der Person empfunden, die sie in ihrer Identität und Würde beschädigt und bei allen offiziellen Anlässen, bei denen man ‚öffentlich in Erscheinung zu treten‘, sich vor den anderen mit seinem Körper, seinen Umgangsformen, seiner Sprache zu zeigen hat, mit Stummheit schlägt.“

„Warum habe ich mich heute Morgen nur zu dieser dummen Reaktion hinreißen lassen? – Weißglut! Es war diese absolute Selbstsicherheit ohne die Spur eines Selbstzweifels dieses makellosen Menschen. Was soll ich mit Menschen anfangen, die keine Brüche in ihren Biographien haben?! Keine!“ Anzüge in gedeckten Farben ertrug sie seit dem letzten Germanistentag nicht mehr; dezente Krawatten wirkten nach 10 Jahren Arbeit an der Universität auf sie wie quietschende Kreide; und bestimmt hatte dieser Mensch, seit er Mitte Zwanzig war, mindestens fünf braune Sakkos mit ovalen Ellenbogenpatches im Schrank. Sie stöhnte auf.

„Das Leben als Ertrag des Lebens“ – völlig unvermittelt fiel ihr dieser Anfang eines Zitats ein, an das sie lange nicht mehr gedacht hatte. Es erinnerte sie an eine verzweifelte Zeit während ihrer Promotion. Ihre Stelle bei einem Drittmittelprojekt war überraschend nicht verlängert worden und sie hatte für mehrere Monate keinen neuen Vertrag bekommen können. Es war die Endphase der Arbeit an ihrer Dissertation gewesen. Sie lebte in dieser Zeit von ihren letzten Ersparnissen. Der Druck, die Arbeit gut schreiben zu müssen, um danach an der Universität überhaupt irgendeine auch nur vage Perspektive zu haben; der Druck, schnell fertig werden zu müssen, bevor sie im vollsten Sinne des Wortes vollkommen pleite war; der Druck, überhaupt fertig werden zu müssen, damit die Arbeit der letzten Jahre nicht umsonst war – diese Kombination hatte ihr zeitweise so zugesetzt, dass sie jedes Mal in Tränen ausbrach, sobald sie sich an den Schreibtisch setzte. Trotzdem brachte sie in dieser Zeit irgendwie jeden Tag ein paar Zeilen zu Papier – weinend und mit aller Gewalt. „Sprachliches Ausdrucksvermögen als implizites Bildungsideal in der neueren deutschsprachigen Literatur seit dem 18. Jahrhundert“ hatte sie sich als Thema gesucht. Es wurde erst besser, als sie anfing, ihre Krise schreibend zu reflektieren. Als Mädchen war sie immer rot geworden und stumm geblieben, sobald sie in der Schule etwas sagen sollte. In Klausuren gab es immer wieder Momente, in denen etwas in ihr blockierte. Es war wie ein Krampf: in der Brust, im Bauch, im Kopf. Nach der mittleren Reife, die sie gerade eben schaffte, brach sie die Schule ab, die sie einfach nicht mehr aushielt. Einige Jahre jobbte sie, reiste, jobbte. Immer waren es schlecht bezahlte Hilfsarbeiten. Schließlich war ihr Verlangen nach einer anderen Perspektive so groß geworden, dass sie ihr Abitur nachholte. Das Studium ergab sich als Rückkehr zu Leidenschaften ihrer Jugend: Lesen, Schreiben, Reflektieren, Denken. Dieses Mal, während ihrer Promotion, sprach und schrieb sie. Sie hatte die Zwischenjahre vorher gebraucht.

Als sie ihre Dissertation endlich als Buch in der Hand hielt und ein Exemplar ihrem Doktorvater überreichte, gab es einen Moment, in dem ihr klar wurde: „Das ist der Ertrag meines bisherigen Lebens. Dass ich nach allem Literaturwissenschaftlerin bin, das ist mein Leben.“ Sie liebte, was sie als Literaturwissenschaftlerin tat. Aber die Universität brachte sie fortwährend zur Verzweiflung. Jeder Satz wurde immer von allen auf zweite und dritte Bedeutungen abgetastet. Jedes Wort bekam immer für alle eine zusätzliche strategische und taktische Bedeutung, ob sie intendiert war oder nicht. Niemand war jemals direkt. Lobe waren vergiftet oder Kritik Anerkennung oder beides nichts von alledem. Wieder wurde ihr übel.

Uns „beruhigt“ „die Aufreihung alles dessen, was in Raum und Zeit geschehen ist, auf einen Faden, auf jenen berühmten ‚Faden der Erzählung‘, aus dem […] auch der Lebensfaden besteht. Wohl dem, der sagen kann, ‚als‘, ‚ehe‘ und ‚nachdem‘! Es mag ihm Schlechtes widerfahren sein, oder er mag sich in Schmerzen gewunden haben: sobald er imstande ist, die Ereignisse in der Reihenfolge ihres zeitlichen Ablaufs wiederzugeben, wird ihm so wohl, als schiene ihm die Sonne auf den Magen. […] Die meisten Menschen sind im Grundverhältnis zu sich selbst Erzähler […] und wenn in den Faden des Lebens auch ein wenig ‚weil‘ und ‚damit‘ hineingeknüpft wird, so verabscheuen sie doch alle Besinnung, die darüber hinausgreift: sie lieben das ordentliche Nacheinander von Tatsachen, weil es einer Notwendigkeit gleichsieht, und fühlen sich durch den Eindruck, daß ihr Leben einen ‚Lauf‘ habe, irgendwie im Chaos geborgen.“

„Schicke ich diesen verdammten DFG-Antrag wirklich ab?“ Er nippte am Kaffee, stellte die Tasse hin, hielt die Hand vor die Lippen. „Warum das alles? Anfang vierzig, habilitiert, arbeitslos, Lehrbeauftragter, Hartz IV-Empfänger.“ Unwillkürlich ballte er die Hand zu einer Faust und drückte sie fest auf seine leicht geöffneten Lippen. Der Vormittag wirkte noch in ihm nach. Die Moderation hatte er abgespult. Der Vortrag war einer dieser Totalausfälle gewesen, die ihm inzwischen als Normalfall erschienen. „Absolut frustrierende, zutiefst deprimierende, vollkommene Zeitvergeudung!“ Der Glockenton einer eingehenden Mail lenkte ihn ab. „Leben“ lautete der Betreff der Nachricht einer guten Freundin:

„Mein Lieber, sieh mal, was mir gerade wieder eingefallen ist. Ich dachte, das könnte Dir gefallen:

„Das Leben als Ertrag des Lebens. – Der Mensch mag sich noch so weit mit seiner Erkenntniss ausrecken, sich selber noch so objectiv vorkommen: zuletzt trägt er doch Nichts davon, als seine eigene Biographie.“

Er las es noch einmal. Ja, das gefiel ihm: „Die Wissenschaft prägt Biographien. Und man trägt seine eigene Biographie ganz sicher, vielleicht sogar unvermeidlich in die Wissenschaft. Und im besten Fall ist der Ertrag des eigenen Lebens das Leben als Wissenschaftler_in. – Aber was ist der Ertrag meines Lebens? Will ich wirklich weiter dieses Leben an der Universität?“

Sie schrieb: „Ich habe so lange nicht mehr an diese Sätze gedacht. Erinnerst Du Dich noch an die Schlussphase meiner Promotion? Ich habe damals über alles in meinem Leben geschrieben, um irgendwie durchzuhalten. Ich konnte Dir alles zeigen und Du hast mit mir über alles gesprochen. Ich bin mir gar nicht sicher, ob ich Dir jemals gesagt habe: Danke. Ohne Dich hätte ich diese Zeit nicht überstanden. Und noch etwas möchte ich Dir gerne sagen: Es tat unendlich gut, dass Du heute Vormittag nicht von mir entsetzt warst. Ich danke Dir von Herzen.“

„Let us define a plot. We have defined a story as a narrative of events arranged in their time-sequence. A plot is also a narrative of events, the emphasis falling on causality. ‚The king died and then the queen died‘ is a story. ‚The king died, and then the queen died of grief‘ is a plot. The time-sequence is preserved, but the sense of causality overshadows it.“

Schrilles Piepen. – E-Mails mit Kaffee; Kaffee mit E-Mails. – Telefonat mit dem Deutschen Akademischen Austauschdienst wegen des Antrags auf Förderung einer internationalen Tagung. – Blockseminarvorbereitung: Zeitberechnung: 100 Seiten: zwei Stunden. D.h. definitiv ohne Arbeitsblatt und ohne Notizen. – Kaffee. E-Mails zum Tagungsband: Mahnungen; Bitten um Korrekturen; Mahnungen; uneingerichtete Texte einrichten; Mahnungen. Den Kopf schütteln. Sich an die Rundmail eines Kollegen erinnern: „Stylesheets lesen überfordert die besten Köpfe. Die allerbesten Köpfe. Die allerallerbesten Köpfe.“ Lächeln. Der Band war nicht erschienen. Der Kollege war gegangen. – E-Mails lesen. Tee. – Wahl des Mittelbauvertreters im Fachvorstand. Auf zu A: Sie will nicht kandidieren. Auf einen Kaffee mit C: Er würde D vorschlagen. Telefonat mit D. D wird kandidieren. Gang zu E: E würde ihn vorschlagen. E und F würden ihn sicher wählen. Bei I, J und K war er sich ohnehin sicher. – E-Mails von Studierenden wegen des bevorstehenden Semesters: löschen. – Mensa mit L und M. Sie machen mit bei der Wahl. – Recherchen zum Vorsingen: Lehrstuhlinhaber; Publikationslisten; Sammelbände und Mitherausgeber; Funktionen in Forschungszentren, Zeitschriften, Buchreihen; Kooperationen der Teilfächer; internationale Kooperationen des Fachs. – Verdammte B.A.-Thesis: Korrektur-Grundsatz: maximal eine halbe Stunde: Einleitung, Schluss, Mittelteil: anlesen. Vielleicht 10 Fehler, in Ordnung, Gutachten, befriedigend oder gut, kopieren, verändern, angleichen. Gut ist besser. – E-Mails: Call for Papers für die nächste Tagung verschicken. Einladungen zur Ringvorlesung „Literaturwissenschaftliche Methoden in der germanistischen Fachdidaktik“ verschicken. – G nicht vergessen, organisiert selbst eine Didaktik-Tagung. Mittel der Zukunft. Sicher. Vielleicht springt ein Vortrag raus. Themenvorschlag machen. – Neue E-Mail: Abstract für die Vierteljahrsschrift angenommen. E-Mail an Harald schreiben: Danke! – Neue E-Mail: Wahl zum Mittelbauvertreter gelaufen. Wunderbar! Das war gut vorbereitet. – Neue E-Mail von Harald: „Sei übermorgen vorsichtig. In der Kommission sitzt Ulrike. Du weißt, wen sie auf dieser Stelle will. Sie sitzt in deinem Nachbarbüro. Heute ist doch B bei Euch. Er sitzt mit in der Kommission. Er arbeitet gerade zur Didaktik. Lade ihn zur Ringvorlesung und zum Sammelband ein. Sprich mit ihm.“ – Das hatte er getan. Jetzt in das Nachbarbüro gehen. Lächeln. Zigaretten nicht vergessen.

„Es ist die Freiheit, die in der Gelehrtenrepublik regiert. Diese Republik ist ein außerordentlich freier Staat. Dort wird allein die Herrschaft der Wahrheit und der Vernunft anerkannt. Und unter ihrer Führung bekriegt man in aller Unschuld jeden, wer immer es auch sei. Dort müssen sich Freunde vor ihren Freunden hüten, Väter vor ihren Kindern, Schwiegerväter vor ihren Schwiegersöhnen: es ist wie ein Zeitalter des Schwertes […]. Jeder ist dort zugleich vollkommen souverän und der Gerichtsbarkeit eines jeden anderen unterworfen.“

 

Die Zitate in diesem Text stammen von Pierre Bayle, Pierre Bourdieu, Edward Morgan Forster, Robert Musil und Friedrich Nietzsche. Die vollständigen bibliographischen Nachweise werden auf Anfrage verschickt.

In einer kürzeren und abweichenden Fassung erscheint dieser Text im Herbst 2016 auch in folgendem Sammelband: Utta Isop (Hg.): Gewalt im Betrieb – Wie Hierarchien, Einschlüsse und Ausschlüsse wirken! Neu-Ulm: AG Spak Bücher.

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