Kreuzpaintner

Die letztes Jahr erschienenen Krisen von Hans Peter Herrmann kommen im grauen Paperback-Cover unscheinbar daher. Inhalt des Bandes ist eine Auseinandersetzung mit Freiburg als exemplarischem Standort westdeutscher Universitätsgeschichte. Für diesen Fall hat sich der Verfasser deshalb entschieden, wie Untertitel und Backcover suggerieren, weil er ihn eben am besten kennt. Herrmann studierte ab Anfang der 1950er Jahre in Freiburg Germanistik und Geschichte; am dortigen deutschen Seminar arbeitete er danach zuerst für mehrere Jahre als wissenschaftlicher Assistent und wurde 1973 schließlich zum Professor für neuere deutsche Literaturgeschichte berufen.

Neben zwei Einführungstexten enthält Krisen acht Artikel, zwischen 1986 und 2012 entstanden und z.T. bereits mehrfach abgedruckt, die in kompakter Form zwei unterschiedlich gelagerte universitäre Krisen erläutern: Einerseits geht es um die schwerfällige Auseinandersetzung einer im Selbstbild konservativ-traditionsreichen Universität mit dem Nationalsozialismus zwischen den 1950er und 1980er Jahren. Andererseits differenzieren die Texte notorische Erzählungen über die Studierendenbewegung und 1968, indem sie sowohl zeigen, dass es kritische studentische Initiativen in der BRD schon vorher gab, als auch einen bilanzierenden Blick auf die dadurch mit angestoßene Hochschulreform werfen. Letztere führte zwar zu methodischen Neuerungen und Innovationen, wie Herrmann an konkreten Details wie der Auseinandersetzung um unterschiedliche Formen der Lehre zeigt. Umgekehrt wird in Krisen aber auch deutlich, dass diese strukturellen Modernisierungsmaßnahmen nach einem kurzen Ausbau des Mittelbaus bereits Anfang/Mitte der 1970er Jahre in eine seither andauernde Prekarisierung von Forschung und Lehre mündeten. Die Dichte der einzelnen Texte variiert jeweils, was der Tatsache geschuldet ist, dass sie aus Vorträgen, einer Rede sowie einem Feuilletonartikel bestehen und damit in ihrem ursprünglichen Kontext ganz unterschiedliche Gattungsansprüche bedienten.

 

Beide im Band behandelten Krisen fallen auf die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts – wenn sie auch ihre jeweiligen Vorgeschichten in der NS-Zeit haben. Herrmanns Fokus liegt dabei primär auf den Geisteswissenschaften bzw. meist noch konkreter auf der Germanistik; auch wenn der Untertitel der Publikation eine etwas breitere Beschäftigung mit der „Universitätsgeschichte 1933-2010“ verspricht. Darstellungen der Umbrüche in der (germanistischen) Literaturwissenschaft zur Zeit der Studierendenbewegung gibt es mittlerweile relativ viele; etwa von Jörg Schönert, Petra Boden, Oliver Müller oder Silvio Vietta. Ihren besonderen Reiz gewinnt Krisen durch den Fokus auf den Freiburger Kontext. Dieser ist, anders als stärker beforschte Reformuniversitäten, strukturell weniger innovationsaffin; typische Modernisierungs- und Reformbestrebungen fallen dabei jedoch nicht einfach weg, sondern erfahren eine spezifische Ausprägung, die Herrmann unter Rückgriff auf eine ganze Reihe von Archivmaterialien plastisch darstellt: So z.B. im Fall der germanistischen Vorlesungsverzeichnisse, die in einem der dichtesten Aufsätze des Bandes, „Die Widersprüche waren die Hoffnungen“, in Auszügen abgedruckt sind (S. 175-233). Auch darüber hinaus werden Freiburger Diskussionsschwerpunkte und entsprechende Materialien vorgestellt und gruppiert — und damit gewissermaßen auch als von der Forschung überhaupt noch zu hebende Quellen markiert. Die dadurch sichtbar gemachten Facetten der Geschichte der Germanistik werden in Krisen stets aus linker Perspektive beleuchtet: Im oben bereits genannten Aufsatz wird z.B. die „Geschichte der »Gruppenarbeit« am Deutschen Seminar“ vorgestellt, die sich vor allem im Rahmen alternativer, sogenannter ‚Koordinierter Lehrveranstaltungen‘ (KLv) abspielte (S. 210). Andere Texte markieren die Freiburger Studentenzeitung als materialreichen Fundus einer kritischen Studierendenschaft, für deren Charakterisierung die historische Chiffre ʼ68 nicht präzise genug erscheint (S. 131-152).

Vor allem aber erweisen sich in Krisen vermeintlich „unproduktiv[e] Tätigkeiten“ (S. 259), die durch manifeste Forschungsergebnisse oftmals in den Schatten gestellt werden, als integrativer Bestandteil (literatur)wissenschaftlicher Arbeit: Immer wieder wird die Relevanz konkreter Praxen, wie das Abhalten von Seminaren, das Erledigen von Verwaltungstätigkeiten oder auch von Arbeitskämpfen des Mittelbaus, hervorgehoben.

 

Dabei nimmt Herrmanns Band nicht nur als aufschlussreich vorgestellte Dokumente in den Blick, sondern er dokumentiert auch die Auseinandersetzung des Autors mit den eigenen Arbeitsbedingungen im Laufe einer wissenschaftlichen Karriere. Das wiederum wirft die Frage nach dem Verhältnis von literaturwissenschaftlicher Forschung und den Praktiken und Strukturen auf, die diese konstituieren: Im Fall von Herrmann haben derartige Reflexionen die eigene Arbeit als Wissenschaftler offenbar schon früh begleitet. Schließlich beginnen sie ja nicht erst 1986 mit dem ersten dezidierten Text zum Thema, sondern spätestens bei der konkreten Kritik an herkömmlicher Lehre durch die Durchführung antihierarchischer Seminare im Rahmen der „KLv“ ab Anfang der 1970er Jahre.

Leider erfährt man dabei nur wenig zum Zusammenhang von praktischen Tätigkeiten und Forschungsergebnissen: Weder wird erwähnt, wie die von Herrmann beschriebenen alternativen Arbeitsformen sich auf seine eigenen Publikationen (etwa zu Brecht oder Kleist) oder die der eigenen Schüler_innen auswirkten; noch wird die Forschung am Deutschen Seminar eingehender behandelt.

Das ist insofern legitim, als Krisen lediglich den Anspruch hat, eine Reihe von unterschiedlich perspektivierten Reflexionen über die Universität kompakt zugänglich zu machen, die in heterogenen Kontexten entstanden sind. Doch entstehen so auch Lücken und Ungleichgewichte in der Darstellung der Freiburger Geisteswissenschaften in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die nicht zuletzt die Frage nach der adäquaten Art und Weise einer linken Geschichtsschreibung, die Herrmann mit Krisen vorlegt, berühren.

 

Das hat wohl zum Teil mit dem in Krisen implizit mitschwingenden Universitätsbegriff zu tun, der im Untertitel zwar unterdeterminiert erscheint, sich in den Texten selbst jedoch deutlich am Ideal einer linken Universität orientiert, das wiederum, wie schon die Einleitung deutlich macht, durch eine starke Präferenz für die akademische Lehre gekennzeichnet ist. Und diese wurde von Herrmann und der (ausschließlich homosozialen) Dozentengruppe um ihn „»kundenorientierter«“ (S. 191) ausgerichtet „auf die künftige Praxis der Studierenden“, und „das hieß damals: auf den gymnasialen Deutschunterricht“ (S. 207). Diese Konzeption stellte einen klaren Kontrapunkt zur traditionellen Germanistik dar, die nicht zuletzt durch ihre strenge Orientierung am bildungsbürgerlichen Kanon vornehmlich auf eine überschaubare Anzahl von Studierenden aus gutem Hause ausgerichtet war.

Die Bildungsexpansion der 1960er Jahre — einerseits kamen immer mehr Studierende mit immer heterogeneren sozialen Hintergründen an die Universitäten, andererseits galt dasselbe für die Gymnasien, so dass immer mehr Lehrer_innen gebraucht wurden — bot dafür auch gute Gründe. Trotz der Humboldt’schen Vorstellung einer Einheit von Forschung und Lehre, die in den Untertönen von Krisen anklingt (z.B. S. 17), richtete die Dozentengruppe um Herrmann also ihre akademische Tätigkeit besonders stark auf die Lehre aus, deren Inhalte wiederum selbst zu großen Teilen didaktische Überlegungen waren. Favorisiert wurde dabei eine Lehrpraxis, die im Lernen durch antihierarchische Gruppenarbeit bestand, was elitäre Großforschung erst recht verzichtbar erscheinen ließ. Die Studierenden sollten durch die intensive Auseinandersetzung mit Geschichte und Soziologie der Literatur eigene, kritische Standpunkte entwickeln, anstatt sich von Ordinarien belehren zu lassen. Diese Reformexperimente, die auch die Semesterferien stark vereinnahmten (S. 211), sahen also einen ‚langen Sommer des historischen Quellenstudiums‘ vor; was auch die im Umkreis der Freiburger KLv beim Verlag Roter Stern publizierten Materialienzusammenstellungen wie Geschichte Weimarer Republik (1971), oder Das Räuberbuch (1974), belegen. Auch wenn man hier historischen Materialismus im Sinne eines intensiven Geschichtsstudiums groß schrieb, wurde die nach Philipp Felsch für die 1960er bis 1990er Jahre so dominante ‚Theorie‘ im Großen und Ganzen zwar nicht ignoriert, aber weitgehend eher kritisch beäugt (S. 221). Denn der für die von Herrmann beschriebenen linken Reformvorhaben so wichtige Antagonismus zwischen kritischer Ausbildungsanstalt und elitärer Bildungsinstitution lief in der Praxis auch auf denjenigen zwischen intensivem literaturhistorischem Studium und als abgehoben eingestuften (strukturalistischen und poststrukturalistischen) Theorien hinaus.

 

Gerade im Fall der Freiburger Geisteswissenschaften führt dies zu einer etwas einseitigen Schilderung. Schließlich stellen sie nicht nur, wie der Titel des Bandes suggeriert, eines von vielen Beispielen für westdeutsche Wissenschaftsgeschichte dar, sondern sie haben diese maßgeblich beeinflusst, und zwar nicht zuletzt durch Theorie-Diskurse. Selbst einige Feuilletonerfolge der letzten Zeit machen darauf aufmerksam: Neben Martin Heideggers Schwarzen Heften (2014) hat soeben Baggersee (2015), ein Band, der frühe und kurze Texte Friedrich Kittlers zugänglich macht, für Aufsehen gesorgt. In Krisen spielen die damals wie heute einflussreichen Arbeiten Heideggers oder Kittlers kaum eine Rolle, obwohl sie eng mit dem Freiburger akademischen Milieu verbunden sind.

Nun hat man über den Philosophen Heidegger und den Medientheoretiker Kittler auch schon so viel gehört, dass gerade der Blick auf die Ränder dieser theoretischen Großereignisse vielversprechend ist. Doch auch wenn Krisen mit Recht andere Gegenstände in den Blick nimmt, wäre zu fragen, ob die Darstellung der Freiburger Literaturwissenschaft im Band nicht noch an kritischem Potential im Sinne einer linken Geschichtsschreibung gewinnen würde, wenn auch Theorie und Forschung stärker in Rechnung gestellt würden.

 

Eine Fülle von Anhaltspunkten für mögliche Anschlüsse bietet Krisen jedenfalls: Abgesehen davon, dass es angesichts der Tatsache, dass akademische Tätigkeit auch heute noch nach Kriterien wie ‚Exzellenz‘ und ‚Elite‘ bewertet wird, wohl produktiv wäre, sich aus linker Perspektive durchaus selbstkritisch zu fragen, inwiefern Reibungen zwischen antihierarchischen und elitären Universitätsidealen in den 1970ern zur Hochschule von heute geführt haben, seien hier abschließend nur zwei Punkte genannt, die auch an aktuelle Debatten anknüpfen.

Eine der großen Stärken von Herrmanns Band ist die detaillierte Beschreibung der literaturwissenschaftlichen Tätigkeit als Arbeit, die aus unterschiedlichen Praktiken besteht. Gerade in dieser Hinsicht wäre es wichtig, die von Herrmann beklagte „Misere der akademischen »Lehre«“ (S. 14) stärker als eine der akademischen Lehrenden zu perspektivieren. Und zwar nicht insofern, als eine historische Rückschau den Blick darauf eröffnen könnte, dass und welche Arbeitskämpfe es schon früher gab, sondern vielmehr, indem hier ein belastbarer Konnex zwischen ‚unproduktiver Tätigkeit‘ und erfolgreicher Forschung herzustellen wäre. Denn Nachwuchswissenschaftler_innen setzen sich heute, trotz desolater Arbeitsverhältnisse, zum Teil wohl auch deshalb nur so wenig für eine Verbesserung ihrer Situation ein, weil Literaturwissenschaft überhaupt nur selten als Arbeit verstanden wird, sondern als etwas, dessen Erfolg maßgeblich von der individuellen Begabung der einzelnen Forschenden abhängt. Doch diese Haltung tabuisiert die faktisch existierenden skandalösen Arbeitsbedingungen und viel zu geringen Finanzierungsmöglichkeiten.

Zudem könnten die in Krisen hervorgehobenen zeitgenössischen Hotspots kritischer akademischer Tätigkeit die heute aktuelle Debatte darüber, ob die Geschichte der Theorie nunmehr geschrieben werden kann, weil Letztere ihre besten Zeiten hinter sich hat, noch einmal anders beleuchten. Denn der Band zeigt, dass der ‚Sommer der Theorie‘ gleichzeitig ein Sommer des intensiven Geschichtsstudiums war. Beide stehen im Zeichen einer Kritik der traditionellen Wissenschaft und wären demzufolge vielleicht besser auf ihren spezifischen Zusammenhang hin zu befragen, anstatt sie als bloße Gegensätze einzuordnen. Das könnte auch einer linken politischen Geschichtsschreibung zuträglich sein, und zwar insofern, als Theorie eben nicht nur verlässliche Komplizin elitärer Forschung, sondern stets auch außerhalb der Universitäten angesiedelter Diskurs der antiakademischen Kritik sein kann.

Auch wenn Herrmanns Krisen einige Punkte unausgeführt lässt, bietet der Band viele Anregungen und Überlegungen, vermeintliche Gewissheiten durch unterschiedlich gelagerte Seitenblicke zu differenzieren: Sei es durch einen historisch breiten Fokus auf die Forderungen der Studierendenbewegung, auf Arbeitsformen und Universitätsstrukturen, die erfolgreiche Forschung überhaupt erst ermöglichen oder – wie die Wahl des Gegenstands Freiburg deutlich macht – auf nicht zuletzt geographisch vermeintlich randständig wirkende intellektuelle Milieus, die gerade aufgrund von traditionellen und konservativen Strukturen dennoch eigene Formen des Alternativen und Innovativen hervorgebracht haben.

Hans Peter Herrmanns Krisen. Arbeiten zur Universitätsgeschichte 1933-2010 am Beispiel Freiburgs i. Br. Rombach 2016. 276 S.  ISBN 978-3793098249.

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