Lyotard

Es gibt drei Sorten von Wissenschaft. Die erste möchte Gutes tun für das eigene Land, die zweite für die Wissenschaft selbst, die dritte für die Befreiung der Menschen in aller Welt. Die erste ist konservativ, die zweite liberal, die dritte emanzipatorisch. Die erste glaubt an den Staat, die zweite an sich selbst, die dritte an die Revolution. Alle drei haben ihre Berechtigung und ihre Grenze.

Die erste konservative Wissenschaft ist in Deutschland verbreitet, besonders bei Ratgeber_innen von Fürst_innen: von Leibniz bis Goethe, von den Aufklärern bis zur Sozialdemokratie. Sie möchte die Herrschenden überzeugen, Gutes zu tun, damit das eigene Land gedeihe, frei von Willkür und Irrtümern. Ihre Rolle ist die des Beraters/der Beraterin. Sie flüstert ein und hofft auf offene Ohren. Sie ist guten Willens. Und sie ist blind für die Interessen der Herrschenden, die blind sind für Vorschläge von Wissenschaftler_innen. Ihre Anhänger_innen lamentieren dann über „die Politik“, die einfach nicht auf sie hören wolle und sie zu wenig unterstütze. Denn täte sie das, wäre ja alles besser. Die Idee, sich an die Bevölkerung oder gar bestimmte unterworfene Gruppen zu wenden, kommt solcher Wissenschaft nur, wenn sie sich davon erhofft, bei den Herrschenden mehr Gehör zu finden. Sie glaubt nicht, dass vom Volk Gutes kommen könne. Damit hat sie manchmal und im postfaschistischen Deutschland häufiger Recht. Sie erwartet und erhofft Gutes vom Staat. Damit hat sie fast nie Recht. Und darum ist sie oft enttäuscht. Sie kann sehr ehrenwerte Anliegen haben, etwa den Staat daran zu erinnern, dass alle wissenschaftlichen Untersuchungen belegen: Armut macht krank. Der deutsche Bundestag hat daraus nachweislich noch nie Konsequenzen gezogen. Und daraus, dass Gefängnisstrafen zu mehr Kriminalität führen, schon gar nicht. Gäbe es einen guten Staat, hätte die konservative Wissenschaft eine ehrenvolle Aufgabe. Manche haben diesen guten Staat bei Bismarck oder Merkel, bei Lenin oder Chavéz gefunden. Und als gute Wissenschaftler_innen sollten sie uns gut belegen, wie sehr sie am Ende gehört wurden und etwas verändert haben.

Die zweite liberale Wissenschaft glaubt nur an die Wissenschaft selbst. Sie fürchtet den Einfluss des Staates, oft sogar aller Politik auf die Sphäre der Wissenschaft. Wissenschaft ist wahr oder unwahr, gut oder schlecht gemacht, und wenn der Staat davon nichts hören will, so ändert das an diesem Fakt überhaupt nichts. Diese Wissenschaft macht ihre Sache und ist illusionslos gegenüber der Wirklichkeit, aber nicht gegenüber der Wissenschaft selbst. Alle Politik ist ihr verdächtig, das eigene Tun aber nicht, im Gegenteil, es erscheint ihr als kritisch. Schuld daran, wenn es nicht zu einer besseren Welt führt, ist, dass man der Wissenschaft nicht die nötige Freiheit gewährt. Sie möchte ungestört forschen. Dass diese Freiheit ihr nur unter bestimmten politischen Bedingungen gewährt wird, verwickelt sie in einen Widerspruch. Sie könnte sehen, dass es sie ohne den Kampf gegen die Kirche und den Staat, gegen das Patriarchat und den ungezügelten Kapitalismus gar nicht gäbe. Doch dann müsste sie diesen Kampf führen, und das will sie nicht. Denn sie lebt ja für sich selbst. Sie schafft oft solide Erkenntnisse – manchmal sogar solche, die emanzipatorischer sind als ihre Autor_innen – und schreibt gute Bücher. Besonders wenn sie sich mit unpolitischen Fragen oder der Vergangenheit beschäftigt, ist sie in ihrem Element. Doch die Tatsache, dass es im 19. Jahrhundert zunächst kein Wahlrecht für Arbeiter_innen und Frauen gab, würde sie nie dazu bringen, heute mit all ihren Möglichkeiten für das Wahlrecht von Migrant_innen zu kämpfen. Und was kann an Wahrheiten über das menschliche Genom falsch sein? Wenn diese dazu führen, Körper von unliebsamen Menschengruppen zu scannen, ist das doch höchstens ein Missbrauch. Diese Wissenschaft liebt das Sprechen für die Wissenschaft, nicht für den Staat, aber auch nicht für die Emanzipation. Darum spricht sie meist ins Leere. Ohne emanzipatorische Kämpfe, die sie Andere ausfechten lässt, gäbe es sie nicht einmal. Sie muss sich die Frage gefallen lassen, warum sie daraus keine Konsequenzen zieht.

Die dritte emanzipatorische Wissenschaft ist die Tätigkeit der Intellektuellen. Dazu zählen nicht nur progressive Wissenschaftler_innen, sondern Alle, die eine intellektuelle Tätigkeit ausüben, die politisch emanzipatorisch genannt werden kann. Sie interessieren sich nicht dafür, ob der Staat gut funktioniert – im Gegenteil, häufig wollen sie ihm die eigene Tätigkeit schwerer machen. Sie glauben nicht, dass ihre Anliegen bei den Herrschenden oder dem Staat – und schon gar nicht dem eigenen – in den richtigen Händen und an der richtigen Adresse sind. Damit sind sie in Deutschland eine seltene Spezies. Intellektuelle sind Teil progressiver sozialen Bewegungen – und solidarisch mit drangsalierten Menschen. Sie stehen mit vor dem Flüchtlingsheim und schützen es mit ihren schwachen Körpern. Und sie schützen es mit ihren starken Argumenten, dass Rassismus Hass aus niedrigen Beweggründen ist und Menschen aller Herkünfte und Hautfarben gemeinsam am meisten erreichen. Sie bauen aus ihren Büchern Barrikaden und hoffen, es mögen genug Menschen dahinter stehen, damit nicht alle Bücher brennen, wenn die Staatsmacht ihre Polizei schickt. Sie schreiben Bücher, die zeigen, wie Menschen genau das geschafft haben, Gandhi und Mandela, die Suffragetten und die Black Panther, der Vietcong und die Zapatist_innen. Sie glauben, dass die Politik gegen den Staat die Welt ändert und nicht die Wissenschaft für den Staat. Und sie glauben, dass es dazu nicht in erster Linie, aber auch des Wissens bedarf. Sie sind gegen den Staat und die Herrschaft oft schwach, denn deren Atem ist sehr lang, ihr Geld viel, ihre Gemeinheiten und Gewalttaten unendlich. Die Intellektuellen müssen sich fragen, was für einen Sinn es hat, als Tropfen auf diesen heißen Stein das eigene Leben zu verbrauchen statt mit den Konservativen ein Buch über Bildung und Ästhetik oder eine solide unparteiische Literatur- und Kulturgeschichte mit den Liberalen zu schreiben. Ist es nicht viel schöner, im Reinen mit sich und dem Staat oder mit der Wissenschaft zu sein?

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