Interview_Bogdal

Klaus-Michael Bogdal, geboren in Gelsenkirchen, studierte Germanistik, Philosophie und Slavistik an der Ruhruniversität Bochum. Sein Studium schloss er 1972 mit dem Ersten Philologischen Staatsexamen ab. 1976 wurde er dort mit einer Arbeit über den Naturalismus promoviert, die 1978 unter dem Titel „Schaurige Bilder. Der Arbeiter im Blick des Bürgers“ im Syndikat-Verlag in Frankfurt a. M. erschien. Nach dem Zweiten Staatsexamen 1977 war er bis 1991 Lehrer an einem Dortmunder Gymnasium und Fachleiter für Deutsch am Studienseminar Dortmund. Im gleichen Zeitraum lehrte er als Lehrbeauftragter an der Universität Essen. Dort habilitierte er 1991 mit einer Studie „Zwischen Alltag und Utopie. Die Arbeiterliteratur als Diskurs des 19. Jahrhunderts“. Von 1991 bis 1996 war er Professor an der Pädagogischen Hochschule Freiburg, von 1996 bis 2001 an der Mercator-Universität Duisburg und danach an der Universität Bielefeld. Seine Forschungen konzentrieren sich auf die Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts und die Gegenwartsliteratur (u.a. Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas, 1981), die Literaturtheorie (Einführung in die neueren Literaturtheorien, 1990; Historische Diskursanalyse der Literatur, 1999/2007; Die Abwesenheit des Werks. Nach Foucault, 2006), die Fach- und Wissenschaftsgeschichte (u.a. Innovation und Modernisierung. Germanistik von 1965-1980, 2005) und die Dimensionen symbolischer Gewalt. 2007-09 im Opus-Magnum-Programm der Initiative Pro Geisteswissenschaften. 2013 erhielt er den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung für sein Buch „Europa erfindet die Zigeuner Eine Geschichte von Faszination und Verachtung“, 2011.

 

undercurrents: Sie haben über Literatur zu Arbeiter_innen promoviert und sich über Arbeiter_innenliteratur habilitiert. Hatte diese Themenwahl einen politischen Hintergrund – und welchen genau? Galten diese Themen als subversiv und nicht karrierefördernd oder waren sie eher im Trend dieser Zeit?

Klaus-Michael Bogdal: Meine Dissertation „Schaurige Bilder“. Der Arbeiter im Blick des Bürgers ist 1978 im Syndikat-Verlag, einer vom Kursbuch-Herausgeber Karl-Markus Michel begründeten Autor_innenedition, erschienen. Der Erscheinungsort signalisiert, dass es sich um ein Werk handelte, dass auf der Linie gesellschaftskritischer Wissenschaft lag. Anderseits zählte es als Qualifikationsschrift zu den Pionierarbeiten der neueren Naturalismusforschung. Für meine wissenschaftliche Entwicklung war die Dissertation wichtig, weil es mir gelang, das ursprünglich sozialhistorische Konzept durch die Auseinandersetzung mit den zu Beginn der 1970er in der Germanistik noch kaum rezipierten ‚französischen‘ Theorien von Althusser und Macherey über Bourdieu bis zu Foucault zu überwinden und den Fallstricken literaturwissenschaftlicher Widerspiegelungstheorien zu entkommen. Trotz der Begeisterung Michels für das Buch hat er mich dazu überreden können, den ca. achtzigseitigen Theorieteil zugunsten einer anschaulichen Einleitung nicht zu publizieren, einschließlich meines Versuchs, unter dem enigmatischen Titel Metapher als Ort Blumenberg, den damals kaum ein_e Literaturwissenschaftler_in auf dem Schirm hatte, und Foucault zusammenzubringen.

Die Arbeit an den „Schaurigen Bildern“ habe ich immer auch als sehr persönliche Angelegenheit begriffen: als Möglichkeit der Schicht, aus der ich stamme, einer politisch und gewerkschaftlich engagierten Bergarbeiterfamilie aus dem Ruhrgebiet, in meinem Metier etwas zurückzugeben, indem ich die Wahrnehmungsmuster der Eliten als Formen der Macht offenlege. Das schien mir eine Möglichkeit zu sein, mein Herkunftsmilieu nicht zu ‚verraten‘, obwohl ich mich kulturell und habituell immer weiter von ihm entfernen musste. Insofern habe ich mich wohl subversiv verhalten, aber nicht hinsichtlich des Themas, das zum Erneuerungsprogramm der Germanistik gehörte. Dass es Themen mit einem höheren Dignitätsgrad gab (und gibt), war mir gleichgültig und ist es bis heute geblieben. Gemerkt habe ich aber, dass mir mein 1981 erschienenes Buch über Heinrich von Kleist, obwohl es nicht wenige politische Anspielungen enthält, einen Seriositätsbonus eingebracht hat.

Die Habilitationsschrift Zwischen Alltag und Utopie. Arbeiterliteratur als Diskurs des 19. Jahrhunderts ist aus einem ‚Nebenprodukt‘ hervorgegangen, aus einem Beitrag für Hansers Sozialgeschichte der Literatur. Eigentlich beschäftigte mich unter dem Arbeitstitel Vergnügen am Leiden der Zusammenhang von politischer (praktischer) Philosophie, Affektenlehre und Dramentheorie im 18. Jahrhundert: mit dem Schwerpunkt auf Werken von Schiller und Kleist. Davon schlummern noch hundertfünfzig mit der Schreibmaschine getippte Seiten in einer Mappe. Doch als Lehrer mit vollem Deputat an einem Dortmunder Gymnasium, ohne die Möglichkeit, länger in Archiven zu arbeiten, musste ich mit meiner knappen freien Zeit haushalten. Da lag es nahe, auf Material zurückzugreifen, das ich für die Sozialgeschichte der Literatur zusammengetragen hatte.

Während die „Schaurigen Bilder“ meine Biographie stark berührten, suchte ich in der Habilitationsschrift die Auseinandersetzung mit den Ideen und Konzepten, die mein politisches Handeln während meines Studiums bestimmt hatten. Genauer lässt sie sich als früher Versuch über Zeitschichten, Zeitrhythmen, über Temporalität in der Geschichte der Literatur des 19. Jahrhunderts lesen bzw. als Versuch, sperriges Material im Sinne der Historischen Diskursanalyse in seiner jeweiligen geschichtlichen Präsenz zu untersuchen und dabei von Projektionen aus unserer Gegenwart und den sich aufdrängenden Geschichtsnarrativen freizuhalten. Deshalb spreche ich im Vorwort ironisch von Nekrophilologie.

undercurrents: Wo würden Sie die „Abbrüche und Steinbrüche“ der damaligen Forschung zu Arbeiter_innenliteratur verorten? Wo und warum brach sie ab und was bleibt heute zu tun?

Klaus-Michael Bogdal: Die Gründe für den Abbruch der Forschungen zur Arbeiter_innenliteratur sind vielfältig. Mit dem Ende der DDR verschwand auch die gut ausgestattete Auftragsforschung zum proletarischen Kulturerbe, bis auf wenige, innerhalb der Germanistik kaum noch beachtete Ausnahmen. In der DDR hatte diese Forschung von Beginn an eine identitätsstiftende Funktion und war Teil des Konstrukts einer „sozialistischen deutschen Nationalliteratur“. Die Germanistik in der BRD hatte im Zuge der ‚Wiedergutmachung‘ an verdrängter, vergessener und verbrannter Literatur, unterstützt durch die Kulturarbeit der Gewerkschaften und beflügelt von literarischen Bewegungen wie der Gruppe 61 und dem Werkkreis Literatur der Arbeitswelt, ihr besonderes Interesse auf autobiographische Texte (Emmerich, Bollenbeck) und auf die engagierte Literatur der Weimarer Republik (Gallas, Fähnders) gerichtet. Ausgehend von der sozialen Realität, der größten sozialen Schicht der kapitalistischen Industriegesellschaft, und nicht von den ästhetischen Dimensionen der Literatur, wurde eine sektorale Geschichte der Arbeiter_innenliteratur konstruiert (z.B. Frank Trommler). Das Interesse an diesem Thema verlor sich aber auch, als nach dem ‚Prager Frühling’, der Ausbürgerung Biermanns, dem Anwachsen von Solidarność usw. die Illusionen über den realen Sozialismus zerstoben. Und die neuen sozialen Bewegungen wie jene gegen die Atomkraft wurden von den Arbeiter_innen nicht mitgetragen. Soziale Vertikalen spielten im Unterschied zu horizontalen Vernetzungen eine immer geringere Rolle. Das ‚Verschwinden‘ der Arbeiter_innen wurde in den Literaturwissenschaften nicht einmal reflektiert. Oder es ‚wanderte‘ über die Cultural Studies im Gefolge der Schule von Birmingham in die Sozial- und Geschichtswissenschaften.

In meiner Habilitationsschrift habe ich zu plausibilisieren versucht, dass man von Arbeiter_innenliteratur nur innerhalb eines begrenzten und begrenzbaren Zeitraums sprechen kann. Außerhalb dieses Zeitraums von einem halben Jahrhundert ist Arbeiter_innenliteratur kein wissenschaftlicher Begriff, sondern eine Metapher mit starken politischen Konnotationen. Ich erinnere mich daran, dass der Berliner FU-Germanist Gerhard Bauer mir – bei viel Zustimmung – in einem Brief vorgehalten hat, dass ich Volkstradition und Volksliteratur abgetrennt habe. Aber genau das war meine Grundüberlegung: Nicht Einflüsse und Ähnlichkeiten zu konstruieren, sondern der Entstehung und dem Verschwinden bestimmter Diskursregeln und dem Wandel ihrer Möglichkeitsbedingungen nachzuspüren. Moretti hat ja vor nicht allzu langer Zeit Ähnliches hinsichtlich des Verhältnisses von Bürgertum und bürgerlicher Literatur versucht. Vielleich könnte sich heutige Forschung zur Arbeiter_innenliteratur, was immer darunter zu verstehen ist, in diese Richtung bewegen und stärker ‚class’ als ‚gender’ und ‚race’ beachten.

undercurrents: 1975 haben Sie u.a. mit einem späteren Systemtheoretiker ein Buch zu materialistischer Literaturtheorie publiziert. Später haben Sie sich um eine Rezeption poststrukturalistischer Theorien in Deutschland verdient gemacht – für die westdeutsche Germanistik ungewöhnlicher Weise ohne die erste Forschungsrichtung aufzugeben. Sehen Sie zwischen diesen Ansätzen also statt eines Bruchs eher Verbindungslinien? Welche?

Klaus-Michael Bogdal: Der Sammelband Arbeitsfeld: Materialistische Literaturtheorie von 1975 hat eine lange Vorgeschichte, zu der ich nur ein paar Stichworte liefern möchte. 1968/69 verließen die ‚Praktiker_innen‘ der Revolution die Universität Bochum, an der ich studiert habe, um sich in Betriebsgruppen und kleinen Parteien zu organisieren. Zurück blieben die ‚Theoretiker_innen‘, unter ihnen der genannte Systemtheoretiker, aber auch der spätere Mitherausgeber der historisch-kritischen Benjaminausgabe. Sie trafen sich regelmäßig in der Basisgruppe „Methodologie“ und debattierten gründlich,­ einschließlich der provisorischen Übersetzung französischer und englischer Texte, Strukturalismus, Marxismus und Kritische Theorie und entdeckten für sich Theoretiker wie Althusser, Foucault, Lacan, Bourdieu, Derrida, Barthes. Hinzu kam die Beschäftigung mit den europäischen Kunstavantgarden. Von Jürgen Link und dem Slavisten Hans Günther wurden sie stets mit neuem Material versorgt. Die Einleitung der drei Herausgeber schließt emphatisch-melancholisch mit dem Satz: „Denn nicht zuletzt darin müßte eine materialistische Kunsttheorie ihre Überlegenheit beweisen, daß sie entgegen der Vergangenheitfixiertheit traditioneller Literaturwissenschaft eine Zukunftsorientiertheit geltend machen kann.“

Vielleicht mag man das auch noch heute als Systemtheoretiker unterschreiben.

Nach dem Ende unseres Theorielaboratoriums habe ich 1977 in der alternative einen Aufsatz unter dem Titel Zu retten, was zu retten ist veröffentlicht, um für mich erneut zu reflektieren, was wir zusammen mit dem Hilfsbegriff „Materialistische Literaturtheorie“ belegt hatten. Nur weil diese Marke im akademischen Handelshaus zum Ladenhüter geworden war, wollte ich nicht verramschen, was ich für erkenntnisfördernd gehalten hatte.

In der alternative habe ich die Akademisierung einer Theorie des Aufbegehrens und der Revolte (auch gegen den orthodoxen Marxismus und den realen Sozialismus) thematisiert und auf den blinden Fleck unserer Debatten hingewiesen: das Ausschweigen über ihre Möglichkeitsbedingungen. Zu ihnen gehörte konstituierend die Verbindung von Literaturwissenschaft–Soziologie–Politischer Ökonomie, die an Plausibilität verloren hatte.

Dass die Entkopplung der Bereiche voreilig war, zeigen heute die Untersuchungen von Joseph Vogl zum Verhältnis von Ökonomie und Literatur. Entscheidender für mich war jedoch, dass ‚Materialistische Literaturtheorie‘ immer nur mit ‚Geschichte aus zweiter Hand‘, mit der eigenen Analyse vorgelagertem Wissen der Historiker_innen und Gesellschaftstheoretiker_innen gearbeitet hatte und deshalb über die Sozialgeschichte der Literatur nicht weit hinaus gekommen war. Diese Kritik bildete die Brücke zu Foucaults Diskursanalyse und Genealogie des Wissens.

undercurrents: In welchem Verhältnis stehen Ihre damaligen Überlegungen  zur kulturwissenschaftlichen Kanonisierung poststrukturalistischer Ansätze und dem Abbruch materialistischer Literaturforschung seit den 1990er Jahren? Wie würden Sie deren jeweilige Relevanz (methodologisch und politisch) aus heutiger Perspektive beurteilen?

Klaus-Michael Bogdal: Grundsätzlicher stellte sich mir das Problem dar, dass die Germanistik seit den späten 1960ern Methoden des Fachs diskutierte und ‚anhäufte‘, ohne sich auf eine Theorie der Literatur einlassen zu wollen, während gleichzeitig die Soziologie mit dem Positivismusstreit eine Theorie der Gesellschaft auf die Tagesordnung setzte. Durch die Einführung in Neuere Literaturtheorien von 1990 habe ich dieses Problem mit einigem Erfolg in die Fachdiskussion einbringen können. Es war zu fragen, wie das explodierende Wissen über Geschichte, Gesellschaft, Arbeit und psychische Vorgänge wie Kreativität, Genialität, Phantasie, Emotionen usw. in die Literaturwissenschaft integriert werden könnte, anstatt es zu verdrängen oder theorielos zu selektieren? Wie könnte eine Fachsystematik aussehen, wie ihre Metasprache? Wie könnte der Unbestimmtheitsgrad der Terminologie überwunden werden? Wie sähen aus epistemologischer Perspektive Theorie und Praxis der Literaturwissenschaft auf so unterschiedlichen Feldern wie der Literaturgeschichtsschreibung und der Analyse und Deutung einzelner Texte aus? Die Schwäche der Germanistik bestand und besteht, im Unterschied etwa zur Geschichtswissenschaft und Soziologie, darin, dass ihre innerdisziplinäre Kommunikation zu schwach ausgebildet und zu unverbindlich ist, um noch zu nachhaltigen Ergebnissen zu kommen und als ‚Einheit‘ wahrgenommen zu werden.

Ohne Anspruch auf Innovation habe ich in meiner Freiburger Antrittsvorlesung Kann Interpretieren Sünde sein? (1992) eher pragmatisch und programmatisch versucht, Verbindungen zu schaffen zwischen ideologiekritischer Tradition und Dekonstruktion, zwischen Gesellschaftsgeschichte und Foucaultscher Archäologie und Genealogie, zwischen ‚strukturalistischer‘ Deskription und ‚Interpretation‘. Es ging mir um eine ‚kleine‘, flexible Theorie, die nicht den Gegenstand beherrscht, sondern neues Wissen produziert. Es sollten  keine ‚Anwendungen‘ von Foucault, Althusser oder Bourdieu in Aussicht gestellt werden, sondern die kritische Distanz zu ihnen gewahrt bleiben. Das hieß auch, keinen anderen turn als den linguistischen anzuerkennen und die ästhetische Dimension von Literatur nicht zu vernachlässigen. Dem Ergebnis habe ich 1999 den Namen Historische Diskursanalyse der Literatur gegeben.

Danach ist für mich in den Auseinandersetzungen um die Grenzen der Germanistik zwischen Rephilologisierung und kultur- und medienwissenschaftlicher Erweiterung die wissenschaftstheoretische und -historische Einsicht in den Vordergrund gerückt, dass die ‚Einheit‘ nicht allein über die Theorie, sondern ebenso über den disziplinären Kernbestand an Fachwissen hergestellt werden kann, über Wissensbestände an Gattungstheorien und gattungsspezifischen Analysen, über ein disziplinäres Grundmuster von Regeln und kanonisierten Beispielen usw. Wenn ich also seitdem Verbindungen herstelle mit nicht-literaturwissenschaftlichen Theorien und anderen Disziplinen, dann von diesen Kernbeständen und Grundmustern her. Das ist der Hauptgrund, weshalb ich mich skeptisch gegenüber den Entdifferenzierungen der Cultural Studies verhalte.

undercurrents: (Inwiefern) Verstehen Sie ein Buch wie Europa erfindet die Zigeuner auch als politische Intervention? Welche Erfahrungen (Revisionen, Anknüpfungspunkte…) aus der/ihrer Geschichte innerhalb der Germanistik sind darin (politisch und methodologisch) eingegangen?

Klaus-Michael Bogdal: Das Buch, das nur durch das Privileg abgeschlossen werden konnte, in das opus-magnum-Programm der Volkswagenstiftung aufgenommen worden zu sein, beschäftigt sich intensiv und beharrlich mit einem vernachlässigten und verdrängten Phänomen: dass nämlich Kultur, und mit ihr Literatur und Kunst, nicht nur zur Humanisierung der Gesellschaft, sondern ebenso zu ihrer De-Zivilisierung beigetragen hat. Der ursprüngliche Untertitel lautete noch Eine Geschichte kultureller Gewalt.

In den 1990ern erreichten die literaturtheoretischen Debatten über Hermeneutik und Poststrukturalismus ihren Höhepunkt. Ebenso nahmen die wachsende Orientierungslosigkeit der Geisteswissenschaften und die Zerfaserung von Disziplinen wie der Germanistik zu. In diesem Zusammenhang und während der Euphorie über das Ende des Kalten Krieges war mit randständigen Forschungen über ‚Zigeunerbilder‘ kein fachlicher Reputationszuwachs zu erreichen und ebenso wenig öffentliches Interesse zu wecken.

Schon gar nicht konnte ich ahnen, dass dieses Buch preisgekrönt und nach den Männerphantasien von Theweleit wohl das am meisten besprochene Werk eines Germanisten sein würde. Obwohl es aus meiner Sicht wegen der historischen Breite und Tiefe und vor allem wegen der genauen Textanalysen sperrig ist, hat es im politischen Raum durchaus Wirkungen hinterlassen. Es hat, so ist zu vermuten, z.B. dazu beigetragen, dass der öffentliche Diskurs über Sinti und Roma in Deutschland anders geführt wurde als in unseren Nachbarländern. Dort ist es aber ebenfalls auf viel Interesse gestoßen, wurde in Le Monde, El Pais usw. besprochen. Obwohl ich längst über andere Themen arbeite, werde ich immer noch regelmäßig in ganz Europa als ‚Romaexperte‘ angefragt und sitze in entsprechenden Beratungsgremien.

Zu Beginn des Projekts, mit dem ich dann fast zwanzig Jahre verbracht habe, wollte ich über ‚Zigeunerbilder in der deutschen Literatur‘ schreiben. Allmählich und über die Erweiterung auf einen Zeitraum von sechshundert Jahren und auf sämtliche europäische Nationalliteraturen wuchs die Erkenntnis, dass ich mit der Verachtung der Romvölker, und der Faszination an ihnen, eine zweite dunkle Seite der europäischen Moderne zeigen kann, die nicht mit dem Antisemitismus gleichzusetzen ist. Ich fragte, wann und wo Ausgrenzung, Verfolgung und Vernichtung beginnen und in welchen historischen Konstellationen Normalität in Abgründiges umschlägt.

Indem ich aber nicht politische Ereignisse, sondern Kultur, und damit die Macht des Imaginären und Symbolischen in der Vordergrund gerückt habe, konnte ich etwas sichtbar machen, das ich dann das ‚böse Gedächtnis‘ der Gesellschaft genannt habe. Mit ihm beschäftigt sich, stärker theoretisch ausgerichtet, mein nächstes Buch. In der Studie über die Erfindung der Zigeuner, die sich am historischen Material abarbeitet, habe ich, um Ihre Frage nach dem Bezug zur jüngsten Geschichte der Germanistik zu beantworten, eine komplexe Verbindung zwischen einer Genealogie des Wissens über ‚Zigeuner‘, einer Archäologie der Formen, in denen dieses Wissen literarisch repräsentiert wurde, mit einer Kulturgeschichte dessen gesucht, was in das historische Gedächtnis Europas eingegangen ist und zur Gegenwartsdiagnose führt. Womöglich habe ich damit gegen das poststrukturalistische Verbot verstoßen, eine ‚große Erzählung‘ in die Welt zu setzen. Gerade deshalb ist das Buch am Ende vielleicht doch wieder politisch, weil es vor dem Hintergrund von Prozessen langer Dauer Zeichen der Gefährdung der Zivilgesellschaft früh erkannt und mit altmodischer Gelehrsamkeit und der Erkenntniskraft der eigenen Wissenschaft darauf reagiert hat: und nicht mit Meinungen und Mahnrufen.

undercurrents: Sind Universitäten und Schulen – Sie haben in beiden Institutionen gearbeitet – als „ideologische Staatsapparate“ überhaupt ein geeigneter Ort für politische und politisch-theoretische Interventionen? Welche Erfahrungen haben Sie dabei von den 1970er Jahren bis zur neoliberalen Transformation der Hochschulen gemacht

Klaus-Michael Bogdal: In der Schule war ich zu einer günstigen Zeit, in den 1970ern und 1980ern. Weil ich die Arbeit dort nicht als Strafe oder als falsches Leben am falschen Ort gedeutet habe, konnte ich Erfahrungen sammeln, die ich heute nicht mehr missen möchte. Rasch habe ich gelernt, wie man komplexes Wissen vermittelt, ohne es zu simplifizieren, und wie wichtig die historische ‚Kontextualisierung‘ für die Lektüre ist. Irgendwann entdeckte ich, dass es befriedigend sein kann, Menschen für sogenannte schwierige Literatur zu begeistern und Jugendliche aus ‚bildungsfernen‘ Milieus dazu anzustiften, sich nicht mit dem ihnen in ihrem Lebensalltag angebotenen Kulturschrott zufrieden zu geben. Im Klima unübersichtlicher Bildungsreformen fand ich dafür genügend Spielraum, mehr als erwartet. Diese Schule existiert nicht mehr. Aber wem muss man das noch erzählen!

Die Universität hat sich zur gleichen Zeit auf eine noch dramatischere Weise verändert. Dazu nur eine kleine Reminiszenz. Jürgen Habermas sah sich 1979 noch in der beneidenswerten Lage, „Stichworte zur geistigen Situation der Zeit“ liefern zu können. Welcher Intellektuelle würde es heute wagen, von einer ‚geistigen Situation‘ zu reden? Die Hegemonialverhältnisse im intellektuellen Feld haben sich spürbar verändert. ‚Geist‘ wird nicht mehr umstandslos mit Wissen identifiziert, ‚Geistiges‘ ist ein abgesunkenes Kulturgut. Sein Glanz ist verblasst. Die Medien seiner Kommunikation sind besetzt. Auch an den Universitäten verspürt man mit jedem neu beginnenden Abiturjahrgang, dass die Reichweite des Bildungswissens abnimmt und seine Orientierungsfunktion schwindet, wie gerade der Essener Germanist Clemens Kammler in einer empirischen Studie gezeigt hat.

Trotz der empirischen Befunde und trotz einer sich ausbreitenden Logik des Nicht-Verstehens komplex-ästhetischer Wissensformen möchte ich bestreiten, dass diejenigen, die Bildungswissen hervorbringen und tradieren wie die Germanist_innen, ihren Konkurrent_innen auf dem intellektuellen Feld in Sinngebungs- und Orientierungsprozessen wirklich unterlegen sind. Ihr symbolisches Kapital ist aber in der Tat bedrohlich geschrumpft.

undercurrents: Unsere aktuelle Ausgabe hat den Schwerpunkt „Nicht berufen. Prekäre Arbeitsverhältnisse im Literaturwissenschaftsbetrieb“. Wie schätzen Sie die Situation von Nachwuchswissenschaftler_innen an der heutigen Hochschule ein? Welche Möglichkeiten sehen Sie, auf strukturell prekäre Arbeitsbedingungen zu reagieren, welche Organisationsformen würden Sie für angemessen halten?

Klaus-Michael Bogdal: So gefragt, neigt man in den Ton des Staatsmännischen oder Apokalyptischen zu fallen. Ich versuche, sachlich zu bleiben. Der angemessene Umgang mit Nachwuchswissenschaftlern war noch niemals eine Stärke der deutschen Universität, nicht im 19. und nicht im 20. Jahrhundert, und nicht nur gegenüber jüdischen Gelehrten.

Daran haben auch die seit 1949 in beiden deutschen Staaten schrittweise erfolgten Verbesserungen kaum etwas geändert. Jede der zahlreichen Maßnahmen wie z.B. die Überleitungen von Zeit- auf Dauerstellen oder die befristete Doppelbesetzung hat zu Nachteilen an anderer Stelle geführt. Solange sich der akademische Betrieb zwischen den Beschäftigungsmodellen ‚Staatsbeamter‘ und ‚Wirtschaftsunternehmen‘ bewegt und die Grenzlinie für die Nachwuchswissenschaftler in ihrer Karriere genau zwischen diesen beiden verläuft – vom prekär Beschäftigten zum Lebenszeitbeamten – wird sich nichts ändern.

Die Frage nach neuen Organisationsformen wurde vor allem in den 1980ern, einer Phase hoher Akademikerarbeitslosigkeit, immer wieder aufgeworfen, ohne zu wirklichen Änderungen zu führen. In dieser Zeit setzte man viel Hoffnung auf gewerkschaftliche Organisierung und erprobte Modelle wie Unterstützungsfonds beamteter Hochschullehrer für aus dem System gefallene Nachwuchswissenschaftler_innen.

Fasst man die Situation abstrakter, so lässt sich diagnostizieren, dass das Verhältnis ‚disziplinärer‘ Wissensproduktion, ob individuell oder in Forschungsverbünden, und institutioneller Wissensvermittlung an Studierende inzwischen seit mehr als dreißig Jahren aus dem Gleichgewicht geraten ist. Selbst bei steigenden Studierendenzahlen oder wachsender Belastung durch administrative Aufgaben blieben und bleiben durchgreifende strukturelle Veränderungen aus. Es fällt mir schwer, Rezepte auszustellen, solange die beteiligten Akteure sich geschmeidig der zwischen Dirigismus und Neoliberalismus mäandrierenden Entwicklung anpassen und allzu viele davon träumen, irgendwann als Großordinarien ihren dornigen Karriereweg vergessen zu dürfen.

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