Editorial_Juli_2016

Die Arbeitsbedingungen an deutschen Hochschulen sind desolat. Gut 90 % der Stellen im akademischen Mittelbau sind befristet; Durststrecken zwischen unterschiedlichen Anstellungsverhältnissen, Teilzeitstellen mit Vollzeitarbeitsaufwand, kaum oder gar nicht bezahlte Lehre sind universitärer Alltag geworden, und akademische Lebensläufe enden trotz Habilitation serienweise im Nichts. Lange wurden diese prekären Verhältnisse als selbstverständlich hingenommen. Inzwischen sind die Probleme, die sich nicht zuletzt aus dem Umbau der Universitäten in den letzten Jahren ergeben, z.B. aus der zunehmenden Bedeutung von Drittmitteln und den Kehrseiten der Exzellenzinitiative, auch für eine breitere Öffentlichkeit sichtbar geworden. Die politische Konsolidierung der gegenwärtigen Verhältnisse zeigt jedoch, dass die bislang geübte Kritik weitgehend folgenlos geblieben ist.

Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich die achte Ausgabe von Undercurrents mit den Arbeitsbedingungen an deutschen Hochschulen, die nicht nur in den Geisteswissenschaften unzumutbar sind. In der neoliberalisierten Universität stehen die meisten Beschäftigten unter ständigem Vorbehalt: Wo schon verbeamtete Professor_innen neben Forschung, Management des eigenen Lehrstuhls und Lehre permanent die eigene Exzellenz unter Beweis stellen und Drittmittelgelder einwerben müssen, ist der Mittelbau umso massiver von prekären Arbeitsbedingungen betroffen. Die so genannten ‚Nachwuchsforscher_innen‘ sind zu einem großen Teil von bewilligten Projektgeldern und damit sowohl von den Konjunkturen verwertbarer, marktgängiger Forschungsinteressen als auch von feudalistisch erscheinenden Netzwerken der Patro- bzw. Matronage abhängig. Weil sich die flexibilisierte, projektförmige Arbeit an der Universität im Zeitraum von einigen Monaten bis zu wenigen Jahren abspielt, stehen und fallen biographische Entscheidungen mit dem nächsten Anstellungsverhältnis und dem nächsten Arbeitsort. Die Wenigen, die regulär an der Universität beschäftigt sind, sind dies in der überwiegenden Zahl ebenfalls nur im Rahmen von befristeten Zeiträumen. Zumutungen, wie das (wenngleich geringfügig reformierte) Wissenschaftszeitvertragsgesetz, schließen für die meisten längerfristige Perspektiven nach dem Ende von Nachwuchsfördermechanismen aus. Dass viele Stellen zwar in Teilzeit bezahlt werden, aber ein Vollzeitarbeitsaufwand verlangt ist, wird meist geflissentlich verschwiegen. Auch wenn dies angesichts der Ideologie von Wissenschaft als Berufung und Privileg nicht weiter überraschen mag, zeichnet sich der Arbeitsort Universität neben der übergreifenden Neoliberalisierung bei gleichzeitiger Protektions- und Günstlingswirtschaft durch die beinah vollständige Abwesenheit einer Thematisierung der eigenen Arbeitsverhältnisse als Lohnarbeit aus.

In essayistischen, (fiktional)biographischen, polemischen und theoretischen Beiträgen setzt sich diese Ausgabe mit den Arbeitsbedingungen in der Literaturwissenschaft auseinander.

 

Zum selben Thema findet eine Podiumsdiskussion mit Vertretern des Fachs auf dem 25. Deutschen Germanistentag in Bayreuth statt:

„Wie wollen wir arbeiten? Germanistik zwischen Prekariat und Exzellenz“

Dienstag, 27. September 2016, 14-16 Uhr

Panelleitung/Moderation: Dr. Safia Azzouni (Berlin), Dr. Florian Kappeler (Göttingen)

Organisation: undercurrentsforum (https://undercurrentsforum.com/)

Advertisements