Pahle

Die Prekarität der akademischen Existenz zerteilt die Biographie in Bruchstücke. Intermezzo und Abbruch sind ihre Namen. Vor diese Situation gestellt gibt es zwei Handlungsmöglichkeiten: Entweder ich akzeptiere die Prekarität nur als etwas Vorübergehendes – etwa als Vorstufe zu einer Professur, die ich mir als ihr Gegenstück vorstelle und für die ich bereit bin zu entsagen, weil ich mir von ihr (mit gleich viel Recht oder Unrecht wie andere Gläubige) Erlösung im Jenseits der Prekarität erhoffe. Die Prekarität selbst erscheint dann als verlängerte Adoleszenz, als Lehr- und Wanderjahre einer klassisch bürgerlichen Beamtenlaufbahn. Scheitert diese allerdings – dies ist in der Mehrzahl der Fälle so –, dann stellt sich die Frage: Revidiere ich meinen Glauben an den gütigen Gott der bürgerlichen Existenz? Beklage ich diesen Verlust, oder beklage ich nur mein eigenes Los?

Oder ich richte mich von vorneherein in der Prekarität ein. Im besten Fall habe ich die Kraft, mich bürgerlichen Normen – sicherer Job, Haus, Familie etc. – zu entziehen und die Zerstückelung als Vervielfältigung von Handlungsoptionen zu feiern: Mehrere wechselnde Jobs und Projekte statt Beruf und Berufung, serielle Monogamie oder Polyamorie statt Ehe und Familie, Sharing und Access statt Sparen und Besitzen. Ich sehe die abwertend Adoleszenz genannte Phase nicht als etwas Vorübergehendes an und scheitere nicht an den bürgerlichen Normen, sondern scheiße auf sie und bescheiße sie damit (an ihrer Reaktion auf Worte dieser Art können Sie Ihre eigene Verstrickung in das konservative Modell, Ihren guten Geschmack, erkennen). Am Ende lande ich zufällig vielleicht sogar doch im warmen Schoß einer bürgerlichen Existenz – Glück gehabt! Oder: Selbstbeschiss. Revidiere ich dann meinen Glauben an den postmodernen Prinz Pluralität? Werde ich ein „Philister so gut wie die anderen auch“ (Georg Wilhelm Friedrich Hegel)? Oder sehe ich meine Position als rein zufälliges und äußerliches Schein-Glück? Laufe ich Sturm dagegen, dass es anderen versagt bleibt – und damit auch gegen meine eigenen Privilegien?

Fakt ist, dass die große Mehrheit der Menschen die Wahl zwischen den geschilderten Handlungsmöglichkeiten nicht hat. Sie eröffnen sich privilegierten Akademiker_innen in westlichen Metropolen, die meist über ökonomisches (geerbtes) und kulturelles Kapital verfügen. Sie beklagen als Betrug oder feiern als Bohème, dass sie nicht sorglos zu den Bevorzugten dieser Welt gehören. Denn alle sind ihres Glückes Schmied, ob klassisch bürgerlich oder prekär, so lautet eine alte und zugleich neo-liberale Mär.

Was sind die Alternativen? Schon diese Frage, individuell gestellt, ist durch und durch privilegiert bürgerlich, denn für die meisten Menschen gibt es keine Alternativen. Das führt auf die bescheidene, aber nicht sehr verbreitete Erkenntnis, dass es eine nicht individuelle Antwort auf die Frage nach der Biographie geben könnte. Damit ist nicht gemeint, die individuellen Handlungsmöglichkeiten innerhalb der eigenen prekären Biographie und damit das Kind mit dem Bade auszuschütten. Sondern zu versuchen, die eigene Situation politisch und das heißt kollektiv, zu wenden. Welche Handlungsmöglichkeiten gibt es dann?

Dazu in aller Kürze, als Aufruf zu einer Diskussion, drei Thesen. Vorweg: Handlungsalternativen sind uns nicht gegeben – wie auch, zwischen Arbeits- und Beziehungsstress, Kindererziehung, Mobilität und Flexibilität. Sie sind uns aufgegeben. Nicht als Hausaufgaben, also als gelehrte Freizeitpolitik, sondern gerade als Aufgaben mitten in dem unmöglichen Feld, das gerade auch unser beruflicher Alltag ist. Es geht dabei in allen Fällen darum, nicht im sozialen Subsystem der Universität aufzugehen (und unterzugehen: betriebsblind oder wahnsinnig zu werden), sondern es zu öffnen. Progressive Politik bedeutet immer, die eigene Situation und Position in Frage zu stellen, sich mit Anderen zu verbinden und neue Situationen und Positionen zu schaffen.

  1. Bürgerliche Privilegien verpflichten. Nämlich zu einer kollektiven Verantwortung gerade der Professor_innenschaft: zu zahlen für Prekäre und Kämpfe der Prekären, öffentlich Stellung zu beziehen für sie und verstetigte Jobs für sie zu schaffen.
  2. Die prekäre Bohème ist immer noch eine vergleichsweise privilegierte Situation, die geeignet ist, kollektivem Handeln Raum zu geben. Wer nicht völlig in den Zwängen der Akademie aufgeht, sollte ihnen auch nicht in vorauseilendem Gehorsam nachgeben – auch wenn alles und alle sie/ihn dahin drängen möchten. Sondern öffentlich ihre/seine Stimme und ihr/sein Wissen in emanzipatorische soziale Bewegungen einbringen. Wie viele öffentliche Intellektuelle waren denn je Professor_innen?
  3. Umgekehrt hat das etwas privilegiertere prekäre Kollektiv der Akademiker_innen die Aufgabe, die nicht-akademischen Widerstandsbewegungen zur Kenntnis zu nehmen und deren Wissen und Praxis in die eigene wissenschaftliche und politische Arbeit aufzunehmen: Die Kämpfe der Prekären insgesamt und nicht nur der relativ privilegierten Akademiker_innen zu hören – nicht als Lärm und Rauschen im Hintergrund, sondern als artikulierte Praxis – und zu unterstützen.

Dr. Birgit Pahle, begrenzt privilegiert Prekäre

Advertisements