Peiter

  1. Wissenschaft und Beichte

(Kleine Anmerkung vorab: Im Folgenden wird – um der leichteren Lesbarkeit willen – oft allein von weiblichen Wissenschaftlerinnen gesprochen. Die Männer sind aber genauso mit gemeint.)

Die Universität als Markt bringt Rechtfertigungsstrategien hervor, die eine genauere Analyse verdienen. Die Wissenschaftler_innen müssen ihre Produktivität nachweisen, sind also gezwungen, in regelmäßigen Bilanzen zu zeigen, dass niemand ihnen das Wasser reichen kann. Eine Rhetorik der Überbietung entwickelt sich. Am meisten überbietet man sich selbst: All die Projekte, die man und frau im zu evaluierenden Zeitraum verfolgt hat, sind konsequenter denn alles, was zuvor gemacht wurde. Es gibt keine Irrwege, keine Sackgassen, sondern stets ist der eingeschlagene Weg der kürzeste, mithin der schnellste und effizienteste. Mit dieser Rhetorik ist der Gedanke verbunden, dass die Wissenschaftlerin genau weiß, worauf ihre Forschung hinauslaufen wird. Perfektes Zeitmanagement, perfekte Planbarkeit herrschen. Hinzu kommt, dass abgeschlossene Projekte der Wissenschaftlerin keinen „Kredit“ geben, dass alles Neue stets von Neuem unter extremem Vorbehalt steht. Insofern hat man/frau sich noch nie „bewiesen“, sondern steht stets wieder vor der neuen, alten Aufgabe.

Die Frage nach Altem und Neuem führt uns in einem Sprung in die Religionsgeschichte, denn angesichts der Angst, die die Wissenschaftler_innen vor der Evaluierung empfinden, stellt sich die Frage, inwieweit diese Praxis auf Traditionen zurückgreift, die mit dem Verhältnis von Gott und seinen Gläubige(r)n zu tun haben. Werfen wir zunächst einen Blick auf die Institution der katholischen Beichte, in der es ja auch um eine Form von Bilanzierung geht. Während der Beichtende hier erst in dem Moment erleichtert – d.h. nicht länger von Sünden beschwert – ist, in dem der Priester die Absolution erteilt, tut die Rhetorik der Forschungsbilanzen von vornherein so, als gehe die Absolution der Beichte voran. Die Wissenschaftlerin erteilt sich selbst umso nachdrücklicher die Absolution, je stärker die Gefahr von Nachfragen priesterlicher Evaluierungskommissionen droht. Sie spielt das Spiel der Beichte, doch nicht, um die Erkenntnis der Sünde zu vertiefen, sondern um den Priester zum Zugeständnis zu bringen, dass die Beichte hätte unterbleiben können.

Die protestantische Kultur hat die Fähigkeit der Individuen, in sich selbst hineinzublicken und vor sich selbst Rechenschaft abzulegen, mit besonderer Intensität entwickelt. Selbstzweifel und das Gefühl der eigenen Fehlbarkeit, das den Gläubigen in Folge der Reformation von keinem Geistlichen mehr abgenommen werden konnte, sind für die Wissenschaftlerin in die Zeit vor der Abfassung ihrer Bilanz verlegt. Sie kann gut und gern ein klares Bewusstsein für die Schwächen ihrer laufenden Forschung haben – klar ist dennoch, dass der Selbstzweifel nicht laut werden darf. Man könnte also sagen: In den Wissenschaftseinrichtungen gibt es – ähnlich wie im Protestantismus – keine Beichtmöglichkeiten mehr, die Selbstbefragung wird zu einer überaus intimen Prozedur. Während jedoch im Protestantismus das Schuldgefühl des einzelnen mit seiner Selbstdarstellung korrelierte oder zumindest korrelieren konnte, ist dies bei der heutigen Selbstdarstellung im Wissenschaftsbereich nicht mehr der Fall. Wichtig ist nicht länger eine Kohärenz von Selbstwahrnehmung und Selbstdarstellung, sondern vielmehr die Fähigkeit, den schizophrenen Widerspruch zwischen beiden auszuhalten. Mit anderen Worten: Die Rhetorik des Erfolgs fördert eine flächendeckende, die gesamte Wissenschaft erfassende Verlogenheit.

Negativ an der Institutionalisierung der Lüge ist nicht so sehr, dass man an Ehrlichkeit einbüßt. Negativ ist, dass die Rhetorik, wenn sie gegenüber der Evaluierungskommission funktioniert, auf die Wissenschaftlerin zurückwirkt. In dem Maße, in dem ihr bestätigt wird, dass die Perfektion ihrer Selbstdarstellung der Perfektion ihrer selbst entspricht, ist sie der kritischen Überprüfung ihrer Forschung enthoben. Die Entwicklung von Selbstdarstellungstechniken entscheidet stärker über die Einwerbung von Geldern als die Qualität der Forschung selbst. Garant für Qualität wäre der Realismus der Selbsteinschätzung. Indem jedoch alle Wissenschaftler_innen gleichermaßen vorgeben, nicht den geringsten Anlass zum Selbstzweifel zu haben, fördern sie eine Idee von Bildung, die sich teleologisch auf die Zukunft zu entwickelt. Es gibt keine unerwarteten Entdeckungen, keine überraschenden Wendungen, keine Eigendynamik des Schreibens wissenschaftlicher Texte – Bildung stellt sich dar als perfekte Selbststeuerung. Das Argument der perfekten Planbarkeit gilt schon für das Schreiben von Anträgen als unerlässlich. Würde die Möglichkeit überraschender Entdeckungen erwähnt, sänken seine Erfolgschancen rapide. Niemand also schreibt, dass er nicht alles planen kann. Auch dies gehört zum Aspekt der Lügenhaftigkeit.

 

2. Wissenschaft und Superlativ

Je stärker die Wissenschaftlerin jedoch vorgibt, konsequent vorzugehen, desto weniger konsequent ist die Rhetorik, mit deren Hilfe sie den eigenen unausgesetzten Bildungsweg beschreibt. Bildung ist Werbung für sich selbst. Werbung kennt kein Eingeständnis von Schwächen. Das Produkt sagt von sich: „Ich bin mir meiner selbst gewiss.“ Der Superlativ regiert die Forschung. Das kann sich in zwei Richtungen auswirken. Erstens: Die Wissenschaftlerin weiß, dass dieser Superlativ nicht der Realität entspricht – nicht etwa, weil sie, die Forschende, nicht arbeitete, sondern schlicht, weil Forschung anders funktioniert als in Evaluierungspapieren behauptet. Zweite Möglichkeit: Die Wissenschaftlerin verlernt, anders als in Superlativen zu sprechen. Damit geht ihr jedoch die Sprache verloren, die für die Entwicklung der Untersuchung des eigenen Selbst im Laufe der Geschichte des Protestantismus mit einem ökonomischen Erfolg verbunden war. Die Weber’sche These vom entscheidenden Einfluss des Calvinismus auf den sich entwickelnden Kapitalismus scheint sich in den letzten Jahren in Vergessenheit geraten zu sein. Der realistische Blick auf sich selbst ist nicht länger gefragt. Ob das dem Profit förderlich ist, ist fraglich.

Dennoch kann die allgemeine Verbreitung der Logik des Superlativs eine paradoxe Konsequenz zeitigen: Der Überdruss, den viele Wissenschaftler_innen beim schon erwähnten „Antragsschreiben“ oder Evaluierungsbögen-Ausfüllen empfinden, mag ein Zeichen dafür sein, dass die Selbsterkenntnis in dem Maße steigt, in dem man regelmäßig, d.h. von Evaluierung zu Evaluierung, mit dem Widerspruch zwischen Behauptung und Realität konfrontiert ist. Die Evaluierungskommission also als böser Gott, vor dem man seine Schuld möglichst verbergen muss? Doch dadurch, dass man sie verbirgt, steigt gerade das Bewusstsein für das eigene Ungenügen? Diese Interpretation erscheint zweifelhaft. Wahrscheinlicher ist, dass die meisten Wissenschaftler_innen sich wohl der Leere ihrer Rhetorik bewusst sind, dass sie jedoch nicht die intellektuelle (und noch weniger die finanzielle) Kraft die  finden, sich dem Ritual der Evaluierung gänzlich zu widersetzen.

 

3. Wissenschaft und Ritual

Eine Einebnung von Unterschieden tritt ein, die vor allem eine Uniformierung der Sprache ist. Da aber nicht zuletzt die Geisteswissenschaften auf Sprache angewiesen sind, führt die Ritualisierung der Selbstbewertung zu einer Einbuße bezüglich des Reflexionsniveaus derjenigen, die sich selbst beschreiben sollen. Vielleicht bestand der Vorteil des Forschens vor Einführung der Evaluierung von allem und jedem zumindest in einer größeren, sprachlichen Vielfalt? Und in der Chance, wenigstens in Ansätzen jargonfrei zu schreiben? Heute sieht die Wirklichkeit so aus: Über dem Zwang, die Rhetorik des Rituals zu erlernen, über der Zeit, die dafür aufgewendet werden muss, Formulare mit einer bestimmten Sprache zu füllen, geht die Möglichkeit verloren, zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu unterscheiden. Wichtig wäre es, Zeit für seine Forschung zu haben. Da aber die Forschung nur dann auf Finanzierung hoffen kann, wenn dem Ritual entsprochen wird, wird die Investition von Zeit für die Abfassung von Anträgen und Bilanzen immer bedeutender gegenüber der Investition von Zeit für die Forschung und für die Entwicklung einer angemessenen Sprache für diese.

Diese Entwicklung muss darum als gefährlich für die Kritikfähigkeit der Wissenschaft betrachtet werden, weil die Evaluierung nicht nur eine einzelne Person betrifft, sondern sich auswächst zu einem Apparat. Der Apparat aber entwickelt eine Eigendynamik, d.h. beschleunigt sich. Je mehr Zeit eine Wissenschaftlerin für das Feilen an ihrer Rhetorik aufwendet, desto größer ist der Druck für die anderen Wissenschaftler_innen, sich einzureihen in die Abläufe des Rituals und eine bestimmte Sprache mitzusprechen. Die Effizienz des Wissenschaftsapparates wird also auch dadurch in Frage gestellt, dass in Bezug auf das Problem, wofür die zur Verfügung stehende Zeit verwendet wird, eine Homogenisierung eintritt. Die Wissenschaftler_innen organisieren sich nicht mehr auf je verschiedene Weise, sondern werden zu Rädchen im Getriebe einer Maschine, die sie bewegt – statt umgekehrt. Bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft mag man von „Prozessoptimierung“ sprechen – in Wirklichkeit wird nur der Prozess der Begutachtung „optimiert“ (will heißen: beschleunigt) und nicht die Güte dessen, was vielleicht schlicht einer anderen Sprache bedürfte, um „gut“ zu sein.

 

4. Wissenschaft und Angst

Für die Rechtfertigungsrhetorik ist kennzeichnend, dass die Instanz, vor der man sich zu äußern hat, in einer ersten Phase nicht antwortet. Es ist die Wissenschaftlerin, die eine Vorstellung davon entwickeln muss, in welcher Hinsicht sie sich wohl rechtfertigen soll. Es ist, als stehe man/frau vor einem Prozess, in dem die Anklage nur schemenhaft bekannt ist. Der Prozess unterstützt also die Angeklagten nicht im Gefühl, sich problemlos rechtfertigen zu können, sondern schafft durch die zeitlich versetzte Mitteilung des Urteils, der keinerlei Austausch vorangeht, ein Klima der Angst.

Die Angst wird als ein produktivitätssteigender Faktor betrachtet. Die Ideologie des Marktes sagt, dass Menschen nur unter der Voraussetzung, dass man sie einem Druck aussetzt, zu ihrer Höchstleistung finden. Die Konkurrenz soll den einzelnen daran hindern, an Spannung und Leistungsbereitschaft nachzulassen. Ohne Vergleich keine Konkurrenz und ohne Konkurrenz keine Hoffnung, bestimmen zu können, wer für die Arbeit nicht in Frage kommt. Die Möglichkeit zum Vergleich ist also die Voraussetzung für die Verbreitung von Angst. Das Wesen des Vergleichs beruht auf der Idee, dass das, was verglichen wird, vergleichbar ist. Ist diese Bedingung nicht erfüllt, verliert der Vergleich seinen Sinn. Bevor man vergleicht, muss also stets sichergestellt werden, dass zumindest eine partielle Übereinstimmung zwischen den Vergleichsobjekten (hier: den Kolleg_innen) gegeben ist. Wenn es nicht die geringsten Berührungspunkte zwischen ihnen gibt, kann schwerlich eine Rangordnung aufgestellt werden.

Das System der Konkurrenz hat leichtes Spiel, denn so verschieden (d.h. unvergleichlich) Menschen auch sein mögen – so sehr bleiben sie doch durch das Kriterium des Profits in die Vergleichbarkeit einbezogen. Doch wie bemisst sich der Profit, der aus geisteswissenschaftlicher Forschung gezogen werden kann? Der Profit, der sonst garantiert, dass selbst Äpfel und Birnen in einen Topf geworden werden können, entzieht sich hier der Messbarkeit. Doch dann wird eine neue Form der Messung eingeführt: Ausgehend von der These, dass auch in den Geisteswissenschaften der Profit da am größten isst, wo am meisten „produziert“ wird, wird das Quantum an „produzierten“ Texten benutzt, um die Vergleichbarkeit von Wissenschaftler_innen wiederherzustellen. Es wird also in der Evaluierung nach Zahlen gefragt. Und da vage der Einwand antizipiert wird, die Quantität könne nicht unbedingt mit Qualität gleichgesetzt werden, werden Parameter aufgestellt, um dann auch die Publikationsorgane in ein hierarchisches System von schlecht, besser und am besten bringen zu können. Dass damit dann jedoch alternative Publikationsorgane und die Neugründung von Zeitschriften als unrentabel erscheinen müssen, wird als Nebeneffekt nicht bedacht. Und selbst wenn man sich über diesen Zweifel hinwegsetzt, ist das Ergebnis doch ein zweifelhaftes. Es besteht die Gefahr einer Geschäftigkeit, eines „Neumachens“ von Allem und Jedem, das in Parallele steht zum Zwang, sich mit Allem und Jedem zu „vernetzen“, um „wahrgenommen“ zu werden. Die Wahrnehmung steigt jedoch keineswegs, sondern nur der zeitliche Aufwand für die Herstellung der eigenen Wahrnehmbarkeit. Und dieser Aufwand senkt erneut die zur Verfügung stehende Zeit für die Forschung. Und die Senkung der Zeit für die Forschung senkt deren Niveau. Und das sinkende Niveau senkt die Ehrlichkeit der Forscherin sich selbst gegenüber – wenn es nicht die Frustration steigert, weil man/frau ja in Wirklichkeit sehr gut weiß, was Erfolg „verdient“ und was nicht.

 

5. Wissenschaft und Erfolg

Was aber ist Erfolg? In der deutschen Sprache ist das Verb „erfolgen“ ein durchaus neutrales. „Etwas erfolgt“ heißt schlicht, dass etwas vor sich geht, passiert. Damit ist kein Werturteil ausgedrückt. Das Substantiv hingegen ist, ebenso wie das Adjektiv „erfolgreich“, ein Wort, das unmittelbar die Idee von Wertung enthält. Das Adjektiv ist in dieser Hinsicht vielleicht sogar noch sprechender als das Substantiv: Erfolg und Reichtum scheinen direkt zusammenzugehören. Der Sinn des Kompositums ist natürlich erst einmal ein anderer: Erfolgreich heißt nicht, Erfolg zu haben und reich zu sein, sondern „reich an Erfolg“ zu sein. Strukturell ist das Adjektiv „erfolgreich“ dem Ausdruck „reich an Erfahrung“ (als eine Umschreibung des schlichteren „erfahren“) vergleichbar. Doch merkwürdigerweise ist es im Deutschen nicht üblich, das Adjektiv „erfolgreich“ in ein Substantiv zu überführen – das Wort „Erfolgreichtum“ würde als ungebräuchlich empfunden. Für das Substantiv „Erfahrungsreichtum“ gilt das nicht. „Erfahrungsreichtum“ ist ein durchaus übliches Wort. Wie kann man aber diesen Unterschied erklären? Geht die Pragmatik hier ihre eigenen Wege?

Wichtig erscheint, dass der Erfolg in unserer Gesellschaft als ein überaus positives Ziel gilt. Erfolgreich zu sein, heißt, es „geschafft“ zu haben. Was dieses „es“ von „es schaffen“ ist, kann nicht leicht in eine allgemeine Formel gefasst werden, doch klar ist, dass man eine Person mit einer ganz bestimmten Aura umgibt, wenn man von ihr sagt, sie sei erfolgreich. Diese Aura erklärt sich aus dem verbreiteten Wunsch, Anerkennung für das zu finden, was man tut. Erfolg zu haben, bedeutet, von allen Seiten des Umstands versichert zu werden, dass man in der Hierarchie der Wertungen ganz nach oben geklettert ist. Erfolg können nicht alle haben. Der Sinn des Wortes „Erfolg“ würde verblassen, wenn alle Erfolg hätten. Erfolg setzt also voraus, dass man die Vergleiche so gestaltet, dass nur wenige es nach oben schaffen. Die Aura des Erfolgs ist eine der Seltenheit. Mit der Aura des Erfolgs geht darum eine Einschüchterung einher, die bewirkt, dass der Erfolgreiche sich in der Konkurrenz dann auch das nächste Mal leichter behaupten kann.

 

6. Wissenschaft und Leben

Das Italienische kennt zwei unterschiedliche grammatische Verwendungsweisen für das Wort „successo“. Es gibt das Wort „successo“ erstens als Substantiv und entspricht dann dem deutschen Substantiv „Erfolg“; und zweitens gibt es das Wort als Partizip zum Verb „succedere“, d.h. „geschehen, passieren“. Etwas ist also geschehen – qualcosa è successo –, aber etwas hat auch Erfolg – qualcosa ha successo. Beide Sätze sind lautlich fast identisch – allein das Verb ändert sich. Einmal wird das Wort „haben“ verwendet, im anderen Fall das Verb „sein“. Wenn man von diesen beiden Verwendungskontexten ausgehend, die Bedeutung des „successo“ weiterdenkt, kann man sagen, dass nur das Erfolg hat, was passiert ist – oder, bewusst anders verstanden, Erfolg ist. Dass etwas als Geschehnis wahrgenommen wird, d.h. dass Anerkennung findet che è successo qualcosa, ist die Voraussetzung für den Erfolg. Wenn die Außenwelt nicht wahrnimmt che è successo qualcosa (dass etwas passiert ist), wird sich der Erfolg nicht einstellen können – non si puo’ aver successo. Niemand kann also für sich selbst entscheiden, zu den Erfolgreichen zu gehören. Der Erfolg kommt von außen, weil nur die Außenwelt darüber verfügt, was als Geschehenes, als „successo“ zu gelten hat. Wenn kein Interesse für das besteht, was jemand tut und geschehen macht, ist es so, als wäre es nicht geschehen. Und daraus resultiert unmittelbar der Satz: Was nicht „successo“ ist, hat auch keinen „successo“ im Sinne von Erfolg. Insofern aber die Anerkennung che qualcosa succede, dass etwas sich ereignet, in gewisser Weise auch einer Bestätigung gleichkommt, dass es jemanden hinter dem Ereignis gibt, jemanden, der das Ereignis hervorbringt, kann man die Erfolglosigkeit als ein Urteil deuten: das Urteil, dass der Erfolglose im Gegensatz zum Erfolgreichen gar nicht existiert hat. Denn da, Erfolg zu haben, in der italienischen Sprache in direkte Verbindung zum „Erfolg(t)sein“ tritt, muss ein Leben ohne Erfolg als nicht erfolgtes qualifiziert werden. Erfolg ist Seltenheit, so die anfängliche These. Wenn also die Erfolglosen die Erfolgreichen quantitativ übertreffen, dann muss die große Mehrheit des Urteils gewärtig sein, dass ihr Leben gar nicht erfolgt ist. Schon vor dem Tod steht durch die Erfolglosigkeit fest, dass die Erfolg(t)losen nicht erinnert werden müssen, aus der Geschichte ebenso ausscheiden, wie sie schon zu Lebzeiten aus der Gegenwart ausschieden. (Übrigens ist die Bezahlung an deutschen – und nicht nur deutschen – Universitäten durchaus geeignet, den Nicht-Erfolg als Urteil mit dem Titel „Nicht-Erfolgt“ herzustellen: Lehrbeauftragten wird vielfach ein Hungerlohn gezahlt.)

Freilich besteht in raren Fällen die Möglichkeit des Erfolgs post mortem, doch auf solche Korrekturen bezüglich dessen, was als erfolg(t) anerkannt wird, ist für denjenigen, der sich bis dahin als erfolglos zu definieren hatte, kein Verlass. Erfolg und Misserfolg kommen also nicht allein einem Urteil darüber gleich, was erfolgt oder misserfolgt ist, sondern auch, ob etwas überhaupt gewesen ist oder nicht. In der Gegenwart gibt es ganze Länder, die als notorisch misserfolgt gelten. Da sie aber misserfolgt sind, sind sie nicht, und da sie nicht sind, ist es auch nicht nötig, nachzufragen, ob sie nicht vielleicht doch sind. So wird das Problem umgangen, ob nicht erst die Konzepte von Erfolg und Erfolgen über das Recht zu leben entscheiden. Würden Erfolg und Erfolgen nicht miteinander gekoppelt, würde auch die Existenz der Misserfolgten plötzlich wieder in den Blick geraten, wäre das Interesse für das Geschehene nicht ein so einseitig aufs Erfolgte ausgerichtetes. Noch einmal: Zwischen Erfolgen und Erfolgen-Dürfen ist gemäß der Logik des Erfolgs kein großer Unterschied. Und darin liegt auch der Grund, dass eine Forschung, der kein Erfolg zuerkannt wird, einer Forschung gleichkommt, die nie stattgefunden hat. Oder erneut hin auf den nächsten logischen Schritt hin gedacht: Eine Forschung, die nie stattgefunden hat, obwohl sie sehr wohl erfolgt ist, darf nicht länger erfolgen, muss damit rechnen, ausgetilgt zu werden. Aber dies ist nur ein besonderer Fall in einem allgemeinen Kontext, ein besonderer Fall, der, obwohl er für die einzelne Wissenschaftlerin überaus hart sein kann, bei weitem nicht der dramatischste ist.

 

7. Wissenschaft und Unfreiheit

Wer Erfolg hat, tritt ein in eine Abhängigkeit. Diese besteht darin, dass der Erfolg nur weitergehen kann, wenn die Umwelt ihn weiterhin zubilligt. In dieser Hinsicht ist Erfolg ein Zeichen von Schwäche, von Angewiesenheit auf andere. Es ist ähnlich wie mit der Macht: Die Mächtigen sind ihr erstes Opfer. Erfolg kreiert das Streben nach seiner Fortsetzung, unterwirft also die Erfolgreichen einer Vorsicht, die walten muss, wenn sie nicht abstürzen wollen in die Niederungen der Erfolglosigkeit. Erfolg ist Einengung, weil die Imperative von außen kommen. Hier liegt der Fluch der wissenschaftlichen Karriere, durch die man, je länger man Erfolg hat, immer weniger Freiheiten zu haben droht, das zu tun, was man möchte. In dieser Hinsicht ist die freie, produktive und in gewissem Sinne auch „profitable“ Wissenschaft eine, die sich der Evaluierung verweigert. Nur unter der Voraussetzung, dass die Zeit auf Forschung und unabhängige Selbstreflexion statt auf die Vorbereitung von Evaluierungen verwendet wird, lässt sich verhindern, dass niemand mehr etwas macht, weil alle nur bilanzieren, was sie nicht haben machen können, weil sie bilanzieren mussten. Dabei arbeiten an den Universitäten viele Forscher_innen, die gerne etwas machen, dies aber nicht verwirklichen können, weil sie wider Willen dem Druck, das Gemachte (oder eben gerade das Nicht-Gemachte) evaluieren zu müssen, nachgeben. Oder anders gewendet: Diese Forscher_innen machen schon etwas, aber das Gemachte steht in keinem Verhältnis zum Zeitaufwand, der dafür nötig ist, das Gemachte hübsch zu machen. Der Zwang zur perfekten Selbstdarstellung entwickelt sich zum Hemmschuh für die „Produktivität“. Als Macher gelten die Hübschmacher.

 

8. Wissenschaft und Wirbel

Machen bedeutet, hinzunehmen, dass weder Zeit noch Freiheit zur Verfügung stehen. Der Imperativ der Kontrolle von Leistung verhindert eben diese. Forschung wird Bürokratie. Ein Heer von spezialisierten Bilanzen- (und Antrags)schreibern erblickt das Licht der Welt. Forschungszentren, die angesichts der Notwendigkeit verzweifeln, sich bis ins letzte Detail hinein zu rechtfertigen, bezahlen Experten, die sich auf den herrschenden Jargon spezialisiert haben. Da aber diese Hilfe von außen bezahlt werden muss, wächst der Druck, bei der Evaluierung unbedingt gut abschneiden zu müssen. Ganze Forschungszentren verfallen der Regression, indem sie dem Urteil von oben entgegenzittern. Je besser jemand nachzuweisen versteht, dass er sich den Evaluierungskriterien anzupassen verstand, desto stärker sind die Chancen, selbst einmal – gewissermaßen als Erwachsener – auf der anderen Seite stehen und selbst evaluieren zu dürfen: Weitergabe von Angst.

Die Zugehörigkeit zur „richtigen“ Seite hat nur den Haken, dass auch Evaluierungskommissionen evaluiert werden. Dem Credo der Produktivitätssteigerung treu, müssen sich diejenigen, die qua Notenverteilung über die Verteilung von Geldern befinden, selbst gefallen lassen, geprüft zu werden. Ein überaus komplexes, hierarchisch geordnetes System entsteht. Vereinheitlichung ist nicht mehr nur das Problem eines bestimmten Landes, sondern ein internationales Phänomen. Damit verbindet sich die Bereitschaft, Unsummen auszugegeben, um sicherzustellen, dass vom Glauben an die leistungssteigernde Wirkung der Bewertung von außen niemand ausgenommen wird – selbst die Evaluiererin nicht. Wenn nun aber Evaluierungskommissionen nicht nur Evaluierungsunterlagen von Forschungszentren evaluieren, sondern auch selbst übergeordneten Evaluierungskommissionen Unterlagen bezüglich ihrer eigenen Arbeit vorlegen müssen, stellt sich die Frage, ob die erste, also untergeordnete Evaluierungskommission eigentlich noch die Zeit findet, die Unterlagen zu lesen, die ihr von Seiten eines Forschungszentrum vorgelegt worden sind? Wird nicht die Evaluierung zu einem großen Wirbel, durch den alle miteinander in das eine, große Loch der Zeitlosigkeit hineingezogen werden? Und je mehr Glieder es in der Evaluierungskette gibt – die Evaluierer werden von Evaluierern evaluiert, die gleichfalls der Evaluierung harren –, desto stärker wird der Sog? Und je stärker der Sog wird, desto mehr Expert_innen für Evaluierungen brauchen die Forschungszentren? Doch je mehr Expert_innen sie brauchen, desto stärker wird die Beschleunigung des Wirbels? Und je stärker wiederum dieser Wirbel, desto mehr Geld wird für weitere Evaluierungen ausgegeben? Während sich im gleichen Zuge das zur Verfügung stehende Geld für die Forschung reduziert?

 

9. Wissenschaft und Ungeheuer

Wenn, mit anderen Worten, die Idee der Evaluierung in der Tat ein großes, sich gleichermaßen verbürokratisierendes und internationalisierendes Ungeheuer hervorbringt, dann muss auch für immer größeren Nachschub an Fraß gesorgt werden. Das Ungeheuer kann den Ungeheuern, die über es wachen, nur dann standhalten, wenn es zuvor selbst Angst verbreitet hat. Die Konsequenz besteht darin, dass der Evaluierung kein Ende sein darf und alles getan wird, um die Zeiten, die zwischen der einen Evaluierung und der nachfolgenden liegen, zu verkürzen. Die Evaluierten dürfen aus der Produktion von Papieren gar nicht mehr herauskommen, weil sonst die Gefahr bestünde, dass sie dahinter kommen, dass die Bedrohung, der sie sich ausgesetzt fühlen, in Wirklichkeit keine ist. Würde entdeckt, dass die Ungeheuer auf einer kollektiven Fiktion beruhen, stünde der Stärkeren Leben auf dem Spiel, würde sich die Bedrohung umkehren und die Evaluierer um ihr täglich Brot fürchten müssen. Die Bereitschaft der Evaluierer, sich evaluieren zu lassen, ist also auch eine Methode, sich selbst Wirklichkeit zuzuschreiben und damit das Recht zu behalten, weiterhin große Mengen von Papier vorgesetzt zu bekommen.

Der Vorteil von papierenem Fraß besteht darin, dass es, während das Ungeheuer es verschlingt, quantitativ nicht ab-, sondern zunimmt. Je mehr Papier nämlich das eine Forschungszentrum produziert, desto stärker ist das konkurrierende darum bemüht, es ihm gleichzutun.  Das ist aus der Perspektive der Evaluierungskommissionen zuerst einmal ein erfreulicher Umstand, weil das Papier dokumentiert, wie sehr alle bemüht sind, ihre Mitglieder keinen Mangel an Nahrung leiden zu lassen. Auf der anderen Seite ergibt sich, dass den Evaluierer_innen, so unendlich auch die Steigerungsmöglichkeiten bezüglich der Produktivität der Forschung sein mögen, bestimmte Grenzen gesetzt sind. Diese Grenzen sind physischer Art. Auch das hungrigste Ungeheuer ist einmal satt. Seine Unersättlichkeit ist nur Vorwand für seine Unersetzlichkeit. Da aber niemand überprüfen kann, wie viel Papier es wirklich verdaut hat – seine potentiellen Opfer sehen ja nur ein geradezu lächerlich kleines Ausscheidungsprodukt, nämlich die vergebenen Noten (im Fall der zentralen Evaluierungskommission Frankreichs, „AERES“ genannt: A+, A, B und C) –, bleibt alles beim Alten: die Papierberge wachsen ins Unermessliche. Zweifel, ob der Appetit wirklich mit dem Essen kommt, d.h. ob die Fähigkeit der Kommissionen, die Informationsmassen zu verarbeiten, mit der Bereitstellung immer umfänglicherer Unterlagen Schritt hält, werden nur hinter vorgehaltener Hand diskutiert. Im Grunde weiß jeder Evaluierte, dass die ungeheure Mühe, die er auf die Zubereitung einer appetitanregenden Kost verwendet, in keinem Verhältnis steht zur Aufnahmefähigkeit dessen, dem das Ganze aufgetischt werden soll. Vorausgesetzt wird dennoch, dass derjenige, der für eine permanente Leistungssteigerung zu sorgen hat, selbst nicht nur einen starken, sondern vor allem einen ausdehnbaren Magen mitbringt. In Wirklichkeit aber verhält es sich anders. Papier liegt schwer im Magen, und je mehr jemand von ihm zu sich nehmen muss, desto stärker verengt sich der Mageneingang. Daraus folgt, dass die riesige Arbeit der kleinen, ängstlichen Köche, ihr Abschmecken und Würzen, ihr Bemühen um hübsche Tellerarrangements und ihre langen Beratungen mit allen Mitköchen, schlicht für die Katz ist. Niemand liest, was da so detailfreudig ausgebreitet wurde. Die Idee der Effizienzsteigerung ist pure Fiktion, die Unverhältnismäßigkeit bezüglich aufgewendeter Zeit und Ergebnis Angst einflößend – über die Universitäten hinaus.

 

Anne D. Peiter unterrichtet an der Université de la Réunion.

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