Moebius_K-Olectiv

Unter dem Pseudonym „K. Olectiv“ veröffentlichte die KPD-Zeitung Die Rote Fahne von Oktober bis Dezember 1931 einen täglichen Fortsetzungsroman, der gemeinschaftlich von zwei Autoren verfasst wurde: Die letzten Tage von …. Das „K. Olectiv“ waren Emanuel Bruck (1901-1942), Mitglied des Bundes Proletarisch-Revolutionärer Schriftsteller (BPRS) und Feuilletonredakteur der Roten Fahne, und Jürgen Kuczynski (1904-1997), zu jener Zeit Wirtschaftsredakteur bei der Roten Fahne. Mit dem fiktiven Verfassernamen „K. Olectiv“ stellten Bruck und Kuczynski ihren Roman explizit in den Kontext der Debatten um eine kollektive Literatur- und Kunstproduktion. Sie bezeichneten sich als Autorenkollektiv. Das ist ein erster Hinweis auf den experimentellen Charakter des Romans. Bruck und Kuczynski griffen die Debatten um eine proletarisch-revolutionäre Literatur, wie sie insbesondere im Bund Proletarisch-Revolutionärer Schriftsteller und in dessen Zeitschrift Die Linkskurve (sowie zuvor in der Zeitschrift Die Front, die 1928/29 Bundesorgan des BPRS war), aber auch in der Roten Fahne seit Mitte der 1920er Jahre geführt wurden, auf und spitzten sie in avantgardistischer Weise zu. Der Roman war ein Experiment für eine politisch wirksame Literatur, die dicht am proletarischen Alltag ist und Unterhaltung mit Aufklärung und Agitation verbindet. Sie sollte eine klassenbewusste Sicht auf die Wirklichkeit und eine revolutionäre Haltung vermitteln. Zum anderen versuchten Bruck und Kuczynski mit ihrem Fortsetzungsroman neue literarische Produktionsweisen, wie kollektive Autorschaft, aber auch ein Schreiben, das, insbesondere für die Agitation, die Aktualität der Zeitung nutzt und auf die täglichen Ereignisse eingeht sowie die Zeitung selbst einbezieht. Die letzten Tage von … ist so in mehrfacher Hinsicht ein sowohl literarisches wie auch publizistisches Experiment.

Literatur als „Waffe im Klassenkampf“

Die letzten Tage von … war als Agitprop-Roman gedacht, der Tagespolitik mit Unterhaltung und Parteiagitation verbindet. Er handelt von der Vorbereitung eines Metallarbeiterstreiks. Die Hauptfiguren sind Fritz, Leiter einer Betriebszelle der KPD in einem Berliner Metallbetrieb, und seine Freundin Käte, Verkäuferin in einem Warenhaus. Bruck und Kuczynski schildern zum einen die Arbeit und den Alltag der beiden Hauptfiguren, zum anderen zeigen sie vor allem die politische Arbeit von Fritz: die Organisation des Streiks, die Agitation im Betrieb, die geheime Anfertigung von Flugblättern, den Kampf gegen faschistische Schlägertruppen. Und sie kommentieren, meist durch die Figur des Fritz, das politische und wirtschaftliche Zeitgeschehen: die Wirtschaftskrise, den Bankenkrach, den Kampf gegen Lohnabbau, die Massenarbeitslosigkeit, den Aufstieg der Nationalsozialisten usw. Sie gehen jeweils auf die aktuellen Ereignisse vom Vortag ein. Mitunter verweisen sie dabei auf Artikel in der Roten Fahne, etwa wenn Käte in der Folge vom 8. November einen Artikel von Kuczynski über den Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion liest, der am Vortag in der Zeitung erschienen war (K. Olectiv 2015, 128; Kuczynski 1931). Die Figur der Käte wird am Anfang noch als unpolitisch und in kleinbürgerlichen Denk- und Verhaltensweisen verfangen gezeigt (z. B. K. Olectiv 2015, 116). Im Verlauf des Romans durchläuft sie einen politischen Aufklärungs- und Erziehungsprozess. Dieser wird durch Fritz initiiert und angeleitet (vgl. zu den entsprechenden Geschlechterkonstellationen in der proletarischen Literatur Rohrwasser 1975). Wesentlicher Teil dieser Erziehung ist die Lektüre der Roten Fahne. Am Ende tritt Käte in die Partei ein.

Der Roman wurde eigens für die Rote Fahne geschrieben. Bruck und Kuczynski hatten das Konzept vermutlich in der Zeit des Verbots der Roten Fahne von Mitte September bis Mitte Oktober 1931 entworfen. Die Gesamthandlung und die Themen, die vorkommen sollten, waren von ihnen, soweit es sich aus der Anlage des Romans rekonstruieren lässt (es sind keine näheren Angaben zur Entstehung überliefert), genau geplant. Darin war Platz gelassen worden für die Tagesereignisse und deren Kommentierung. Die einzelnen Folgen wurden täglich aktuell geschrieben und gingen jeweils auf die tatsächlichen Ereignisse vom Vortag ein. Der Roman erschien ab dem 16. Oktober. Auf Anordnung der Parteileitung wurde er jedoch am 4. Dezember vorzeitig abgebrochen. Man befürchtete, er könne der Zensur Handhabe geben für ein erneutes Verbot der Roten Fahne. Kuczynski beschreibt in seinen Memoiren die Situation: „Diese ‚Aktualität‘ führte natürlich zu Eingriffen der Polizei. Leider fand der Genosse Thälmann, dass Polizeischwierigkeiten wegen des Romans ‚nicht lohnend‘ wären, und nach der einunddreißigsten Fortsetzung ordnete er an, dass sie sich ‚binnen acht Tage zu kriegen‘ hätten und der Roman zu Ende kommen müsse. Entsprechend bereiteten die Autoren die Leser auf das nahende Ende vor.“ (Kuczynski 1973, 232). Das Bedauern über den Abbruch klingt in dem entsprechenden Kapitel an (K. Olectiv 2015, 163ff.). Durch das vorzeitige Ende blieben ein Teil der geplanten Themen und Handlung unausgeführt. Dass Käte und Fritz „sich kriegen“ und Käte in die KPD eintritt, wurde in verkürzter Form noch ausgeführt. Vorgesehen war aber vermutlich u. a. noch eine Geschichte zum Abtreibungsparagraphen 218, dessen Abschaffung von der KPD gefordert wurde. Und wahrscheinlich wären Fritz und Käte auch Arbeiterkorrespondent_innen der Roten Fahne geworden, um so den Leser_innen konkret Möglichkeiten vorzuführen, sich an der Zeitung und Parteiarbeit zu beteiligen; angelegt in der Handlung ist es. Vor allem aber gehen Bruck und Kuczynski nach der Anordnung des vorzeitigen Endes nicht mehr auf die politischen Tagesereignisse ein.

Die Bezugnahme auf das aktuelle politische Geschehen und dessen Deutung machten den Fortsetzungsroman für die Zeitung in der Tat zu einem unkalkulierbaren Wagnis. Er bot einen Angriffspunkt für die Zensur. Es war erstaunlich, dass die Chefredaktion sich darauf einließ, angesichts der permanenten Gefahr, dass die Zeitung verboten wird – von 1918 bis 1933 war sie über fünfzig Mal verboten, allein 1931 waren es sechs Verbote, eines davon für einen ganzen Monat. Aber auch innerhalb der Redaktion und der Parteileitung war der Roman nicht unumstritten. Seine Kommentierung des politischen Tagesgeschehens ließ sich im Einzelnen durch sie wenig kontrollieren. Das dürfte ebenso ein Grund für das verordnete Ende des Experimentes gewesen sein. Die unterhaltsame Art der Agitation war gewünscht, um an die „indifferenten Familienmitglieder und Freunde unserer Leser politisch heranzukommen“ (K. Olectiv 2015, 25). Aber man war offensichtlich uneins, wenn nicht skeptisch, ob ein kollektiv und tagesaktuell geschriebener Fortsetzungsroman die richtige Form dafür sei. Bruck und Kuczynski machten die Debatten in der Redaktion um den Roman in diesem selbst zum Thema: „Redaktionskonferenz […] Diesmal kam auch wieder der Roman zur Sprache, der schon manchmal Gegenstand der Aussprache gewesen war. Vor allen Dingen vor seiner Geburt. Ein Teil der Genossen Redakteure war dagegen gewesen, weil es gefährlich werden konnte, einen Roman zu drucken, dessen Manuskript am Anfang nicht zur Prüfung vorlag. […] Andere wieder stimmten damals für diesen Roman, weil er zum ersten Mal, als kollektive Arbeit, auch unter dem Strich die brennendsten Gegenwartsfragen behandeln konnte. Heute begannen sich die Parteien darüber einig zu werden, dass sie beide recht gehabt haben. […] Man wurde sich darüber einig, dass der Roman ein wichtiger Versuch auf dem Gebiete der proletarisch-revolutionären Literatur sei. Aber im Hochbetrieb einer proletarischen Redaktion […] hätte nicht immer die notwendige Sorgfalt darauf verwendet werden können.“ (K. Olectiv 2015, 163)

Die Frage, Leser und vor allem Leserinnen politisch anzusprechen, die man mit Leitartikeln und politischen Aufklärungsbroschüren nicht erreichte, war zentral für Die letzten Tage von … als publizistisches Experiment. Die Rote Fahne und insbesondere ihr Feuilleton waren immer wieder kritisiert worden, dass sie zu wenig ansprechend seien. Ihre Beiträge kämen wie dröge Leitartikel daher, sie seien politisch schematisch, schwerfällig und langweilig (vgl. zu der Kritik Schiller 2014). Horst Fröhlich etwa – seit 1919 Redakteur verschiedener KPD-Zeitungen – kritisierte in einer Denkschrift über den Umbau und Ausbau der Roten Fahne 1928, die Artikel der Roten Fahne seien zu wenig sachlich, einfach und populär. Die Zeitung müsse mehr auf die Bedürfnisse ihrer Leser_innen eingehen. Gerade das Feuilleton werde vor allem von Frauen gelesen, es sollte daher stärker auf ihre Leseinteressen ausgerichtet werden und die Romane sollten leichter und ansprechender sein (Fröhlich 1928).

Mit Die letzten Tage von … reagierten Bruck und Kuczynski auf diese Kritik in zweifacher Weise. Zum einen mit der Romanform: Sie ist der Versuch, Leser_innen in unterhaltsamer Form anzusprechen und aufzuklären. Die letzten Tage von … steht damit im Kontext der Roten Eine-Mark-Romane und deren Versuch, ein Gegengewicht zur bürgerlichen Trivialliteratur zu schaffen (vgl. zu diesen Arndt 1994; Schiller 2014, 37ff.). Diese werden im Roman auch erwähnt. Im Unterschied zu ihnen ist Die letzten Tage von … jedoch deutlicher stärker agitatorisch und auf Tagesbezug ausgerichtet. Der Roman verbindet das aktuelle politische Geschehen konkret und anschaulich mit dem Alltag und der Arbeitswelt der Leser. Er ist im lockeren Erzählton und mit Humor geschrieben, vermittelt aber die angesprochenen politischen Themen – Streik gegen den Lohnabbau, Arbeitslosigkeit, Finanzkrise, Kampf gegen den Faschismus, Parteiarbeit usw. – in ihrer Ernsthaftigkeit. Der Roman hat teilweise den Charakter eines Reportageromans (Bruck leitete im BPRS auch die Arbeitsgemeinschaft zur Reportage). Die Figuren sind als soziale Typen gestaltet. Es gibt Anleihen bei der Dokumentarliteratur, aber die Debatten um moderne Schreibweisen wie Montage, dokumentarisches und filmisches Schreiben etc. spielen für den Roman eine untergeordnete Rolle.

Zum anderen greifen Bruck und Kuczynski im Roman unmittelbar die Fragen der Verständlichkeit, der Attraktivität der Zeitung und des Einbezugs der Leser_innen auf. Sie lassen Käte und Fritz die Rote Fahne lesen und kommentieren. Immer wieder geht es dabei auch um die Verständlichkeit der Artikel im Sinne der benannten Kritik, dass diese für politisch unerfahrene Leser_innen zu schwierig, zu wenig konkret und anschaulich seien. Käte liest zunächst nur das Feuilleton und den Fortsetzungsroman. Die Leitartikel versteht sie nicht (z. B. K. Olectiv 2015, 128), sie muss sich diese von Fritz erklären lassen. Die zunehmend selbständige Lektüre der Zeitung ist dann Teil der politischen Entwicklung von Käte.

Als besonderen Witz lassen Bruck und Kuczynski im Roman Käte und Fritz deren eigene Geschichte, das heißt den Roman über sie, lesen und thematisieren dessen Entstehung (K. Olectiv 2015, 104f.). Sie erläutern mit dieser Brechung der Romanfiktion die Konstruktion und das Anliegen des Romans. Dieser sollte eben „nicht bloß so Vergangenheitsroman[..] und solches falsch erfundenes Zeug“ sein, sondern ein „Tagesroman“, der auf das reale Geschehen reagiert (K. Olectiv 2015, 104f.). Das zielte auch auf die Bindung und den Einbezug der Leser_innen. Diese sollten sich als Protagonisten erkennen: „Käte war begeistert. Sie als Romanfigur. Sie, eines der Tausenden von Warenhausmädeln, als Hauptfigur eines Romans. Das wollte sie nun doch von Anfang an lesen.“ (ebd., 105) Als es um den Abbruch des Romans geht, werden Käte und Fritz sogar zur Redaktionskonferenz und zur Besichtigung der Zeitungsproduktion eingeladen (K. Olectiv 2015, 163ff. u. 169ff.). Bruck und Kuczynski wollten den Leser_innen damit ein Medienbewusstsein vermitteln: Wie arbeitet und funktioniert Zeitung? Was kommt von der ‚Realität‘ wie in die Medien? Wie wird der Verkauf der Roten Fahne organisiert? Der Roman lässt sich in diesem Sinne als Bericht der Roten Fahne über sich selbst lesen und als Versuch, sich den Leser_innen zu stellen. Die Leser_innen sollten nicht nur als passive Leser_innen angesprochen werden, sondern als aktiver Teil ‚ihrer‘ Zeitung.

Die letzten Tage von … ist als Versuch zu sehen, eine „parteiliche Literaturpraxis“ zu entwickeln (Möbius 1974). Bruck und Kuczynski wollten mit dem Roman die Leser_innen sowohl aufklären als auch aktivieren, sich am täglichen Kampf und der Agitationsarbeit der Partei zu beteiligen. Brucks Satz über den Anspruch des Feuilletons der Roten Fahne gilt gleichermaßen für den Roman: „Wir erklären eindeutig, dass unsere Unterhaltungslektüre eine Waffe im Klassenkampf ist.“ (Brand 1932) Richard Albrecht sieht in seinem Überblick deutscher Kollektivromane den K. Olectiv-Roman daher als rein publizistischen Versuch, er sei „ganz aliterarisch bestimmt“ (Albrecht 1987, 275f.). Doch das verkennt den über das Publizistische hinausgehenden experimentellen Charakter. Bruck und Kuczynski zielten mit Die letzten Tage von … auf einen „neuen Typ populärer Massenliteratur“ (Arndt 1994, 402). Der Fortsetzungsroman war als „roter Massenroman“ (Biha 1930) gedacht und nicht als Publizistik. Bruck und Kuczynski folgten dem Anspruch, die „Gestaltungsmittel der modernen Trivialliteratur innovativ aufzugreifen“ (Arndt 1994, 402) und diese für die Gestaltung proletarischer Wirklichkeit und das politische Ziel „umzufunktionieren“. Das Besondere waren dabei die Form als „Tagesroman“ für die Zeitung (K. Olectiv 2015, 105) und die kollektive Autorschaft.

Der Roman als „kollektive Arbeit“

Im Roman heißt es über diesen, er sei „der erste Kollektivroman außerhalb der Sowjetunion“ (K. Olectiv 2015, 105). Das ist er nicht. Es gab bekanntlich auch in der deutschsprachigen Literatur schon vorher Versuche kollektiver Autor_innenschaft, etwa der Roman Die Versuche und Hindernisse Karls von Carl August Varnhagen von Ense, Wilhelm Neumann, August Ferdinand Bernhardi und Friedrich de la Motte Fouqué (1808) und der Roman der XII (1909), an dem unter anderen Hermann Bahr, Otto Julius Bierbaum und Ernst von Wolzogen beteiligt waren (vgl. Albrecht 1987; Rogge 1926). Doch Die letzten Tage von … ist der erste deutsche proletarische Kollektivroman – proletarisch hinsichtlich seiner Themen und seines politischen Anspruchs. Darauf zielt die Selbstcharakterisierung. Bruck und Kuczynski knüpften mit ihrer Inszenierung der kollektiven Autorschaft an die Proletkult-Debatten in Sowjetrussland nach der Revolution 1917 an. In deren Zentrum stand die Frage einer kollektiven Produktion und Rezeption von Literatur und Kunst, die aus der Arbeit und der Erfahrung des proletarischen ‚Wir‘ erwachse, gegenüber der des „isolierten“ bürgerlichen Individuums. Der Kollektivismus wurde als die das Proletariat kennzeichnende Klasseneigenschaft gesehen. Die Debatten waren von der linken Avantgardekunst der Weimarer Zeit aufgegriffen worden, vor allem im Bereich des Theaters. In den Diskussionen um eine proletarische Literatur spielte die Frage einer kollektiven Produktion dagegen eine geringe Rolle. Im Hinblick auf die Autorschaft wurde vielmehr diskutiert, ob eine proletarische Literatur „ausschließlich aus den Reihen der Proletarier selbst erwachsen könne oder müsse“ (Schiller 2014, 15), sie also von Arbeiterschriftsteller_innen geschaffen werde, oder ob sie sich durch die „individuelle Gesinnung“ definiere. „Schließlich setzte sich – etwa um die Mitte der zwanziger Jahre – eine Sichtweise durch, dass allein das Verhältnis zur Wirklichkeit, zur Praxis und Theorie des Klassenkampfes als entscheidendes Kriterium begriffen werden könne.“ (ebd.) Dieses, das Verhältnis zur „Praxis und Theorie des Klassenkampfes“, bestimmt auch für Die letzten Tage von … den proletarischen und revolutionären Gehalt.

Wie Bruck und Kuczynski ihren Roman konkret verfasst haben, wissen wir nicht. Aber zu vermuten ist, dass sie ihn tatsächlich gemeinsam als „Kollektiv“ schrieben. Sie entwarfen zusammen das Konzept und die Handlung, eventuell auch schon einzelne Teile des Textes. Ob sie sich beim Schreiben der einzelnen Folgen bzw. Kapitel abwechselten – wie oft bei Kollektivromanen üblich – oder sie diese gemeinsam schrieben, ist nicht ohne weiteres festzustellen. Der Stil spricht eher für ein gemeinsames Schreiben, wohlmöglich unter wechselnder Federführung und Aufteilen der Themen. In die Diskussion des Konzeptes und der Themen, die angesprochen werden sollten, war, wie sich den Auskünften im Roman selbst und in Kuczynskis Memoiren entnehmen lässt, die Redaktion der Roten Fahne einbezogen. Ebenso wahrscheinlich in den Fortgang des Romans in der Zeit seines Erscheinens. Insofern umfasst das „K. Olectiv“ mehr als Bruck und Kuczynski. Der Roman war von der Sache her als kollektives Projekt angelegt. Es ging nicht um das Werk eines Einzelnen, sondern um „kollektive Arbeit“ (K. Olectiv 2015, 163). Das sollte auch der Verfassername zum Ausdruck bringen. An dieser „kollektiven Arbeit“ war potentiell die ganze Redaktion beteiligt; nicht zuletzt auch dadurch, dass die Zeitung und ihre Artikel Teil des Romans sind. Weitergedacht gehörten zum Kollektiv ebenso Fritz und Käte – und mit ihnen die Leser_innen. Wenn Fritz und Käte aufgefordert werden, über ihre Zukunft und den Fortgang des Romans mitzuentscheiden, dann ist das auch als Aufforderung an die Leser_innen zu verstehen. „Und die anderen Leser, die nicht im Roman vorkommen, haben schließlich auch ein Wörtchen mitzureden.“ (K. Olectiv 2014, 164) Das heißt letzten Endes: kollektive Autor_innenschaft als Einladung zur Partizipation, die die Grenzen zwischen Autor_in und Leser_in aufhebt. In der Einrichtung der Arbeiterkorrespondent_innen wurde das im Grunde schon praktiziert. In dem Roman-Experiment kommt das nicht zur Ausführung, aber es ist in ihm als Perspektive mitgedacht.

„niemals von wirklicher Qualität, aber gelesen hat ihn jeder

Kuczynski schrieb in seinen Memoiren über den Roman: „Zweiundvierzigmal erschien der Roman, nur selten etwas gequält, niemals von wirklicher Qualität, aber gelesen hat ihn jeder in der Reaktion […] jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, blättere ich in ihm und kann zumindest wieder begreifen, mit welcher Lust wir an das Unternehmen gegangen sind und dass wir oft mit Spannung erwarteten, wie die Leser am nächsten Tag reagieren würden“ (Kuczynski 1973, 234). Der Roman Die letzten Tage von … blieb eine Ausnahme. In der Roten Fahne erschienen zwar seit 1920 mehr oder weniger kontinuierlich Fortsetzungsromane (vgl. zu diesen Brauneck 1973, 33f.). Aber es gab keinen weiteren in der Art wie Die letzten Tage von …, der eigens als proletarischer Agitationsroman tagesaktuell für die Zeitung geschrieben wurde. Das hat seinen Grund zum einen in dem beschriebenen Abbruch des Romanexperimentes. Man sah die Gefahr von Eingriffen und Verbot durch Polizei und Zensur als zu groß. Zum anderen trug dazu aber auch sicher bei, dass, wie Kuczynski schreibt, der Roman „niemals von wirklicher Qualität war“. Die ästhetischen Fragen hatten eine untergeordnete Rolle gespielt. Das wird auch in der erwähnten Passage der Redaktionskonferenz zum Abbruch des Romans thematisiert: „Der Versuch des aktuellen Kollektivromans wurde als nur halbwegs geglückt bezeichnet. Einer vom Kollektiv sagte: ‚Man soll den Versuch wiederholen. Wir haben jetzt gelernt, wie man’s machen muss. Die Sache war sehr lehrreich. Wir müssen sie unbedingt noch einmal besser machen.‘“ (K. Olectiv 2015, 163f.).

Wenn Albrecht gänzlich in Frage stellt, „ob denn das historische Experiment in der Weimarer Spätphase als bestimmte Form künstlerischer Verarbeitung aktueller Tagesereignisse überhaupt als solches ästhetisch sinnvoll sein konnte“ (Albrecht 1987, 276), scheint mir das den zitierten Einspruch aus der Redaktionskonferenz zu übergehen. Der Roman war ein Experiment um neue Literaturformen und Produktionsweisen, die letztlich auf ein anderes Literaturverständnis zielten. Das Romanexperiment wie auch der Anspruch einer proletarisch-revolutionären Literatur sind insofern historisch, als dass sie – aufgrund der historischen Umstände – keine Fortsetzung fanden. Was daraus unter anderen Bedingungen geworden wäre, ist offen. Die kollektive Autorschaft, wie sie Bruck und Kuczynski in Die letzten Tage von … praktizierten, war an den Roman als politisch-agitatorisches Zeitungsexperiment gebunden gewesen. Aber unbenommen davon bleibt m. E. das partizipative Moment, das auf die Ermächtigung der Leser_innen zielte. Von den Leserreaktionen, die im Roman und von Kuczynski erwähnt werden, ist nur ein in der Roten Fahne abgedruckter Leserbrief überliefert (K. Olectiv 2015, 25). Dieser lobte den Ansatz des Romans. Inwieweit dieser jedoch tatsächlich so gelesen wurde, lässt sich nicht feststellen. Doch zumindest vermittelt sich der Spaß des „ernsten literarischen Spaßes“ (Schiller 2014, 40) auch heute noch beim Lesen.

Literatur

Albrecht, Richard: Vom Roman der XII zum Kollektivroman Wir lassen uns nicht verschaukeln: Aspekte literarischer Gemeinschaftsproduktion in der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts. In: Neohelicon 14. Jg. (1987), Heft 1, S. 269-285.
Arndt, Franziska: Der Rote Eine-Mark-Roman. In: Lexikon der sozialistischen Literatur. Hrsg. von Simone Barck u. a. 1994, S. 401-402.
Biha, O.: Der proletarische Massenroman. In: Die Rote Fahne, vom 2. August 1930.
Brand, Paul (d. i. Emanuel Bruck): Das schwierige Feuilleton. In: Die Rote Fahne, vom 11. Februar 1932.
Brauneck, Manfred (Hrsg.): Die Rote Fahne. Kritik, Theorie, Feuilleton 1918-1933. München 1973.
Fröhlich, Horst: Denkschrift über den Umbau und Ausbau der Roten Fahne, November 1928 – Bundesarchiv Berlin, BArch RY 1- I 2/707/134, pag. 87-108.
K. Olectiv: „Die letzten Tage von …“. Recherchen zum kollektiven Fortsetzungsroman in der Roten Fahne von Emanuel Bruck und Jürgen Kuczynski; zusammengestellt von Gaston Isoz und Thomas Möbius. Berlin 2015.
Kuczynski, Jürgen: Sterbender Kapitalismus – Aufblühender Sozialismus. In: Die Rote Fahne, vom 7. November 1931.
Kuczynski, Jürgen: Memoiren. Die Erziehung des J. K. zum Kommunisten und Wissenschaftler. Berlin und Weimar 1973.
Möbius, Hanno: Feuilleton in der Roten Fahne. Ein ziemlich hilfloser Sammelband. In: Frankfurter Rundschau, vom 12. Januar 1974.
Rogge, Helmuth (Hrsg.): Der Doppelroman der Berliner Romantik. Leipzig 1926.
Rohrwasser, Michael: Saubere Mädel, starke Genosse. Proletarische Massenliteratur? Frankfurt a. M. 1975.
Schiller, Dieter: Heran an die Massen! oder Lesen ist Parteipflicht. Kritische Betrachtungen zum Feuilleton der „Roten Fahne“ Berlin 1920-1932 (= Helle Panke, Pankower Vorträge, Heft 192). Berlin 2014.

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