Statt_eines_Editorials

X: Kollektive Autor_innenschaft – Was tun?!

A: „Was tun?“ Vielleicht ist es produktiv, diese Frage in die Frage „Wie – oder in welcher Form – es tun?“ umzuformulieren. Bei kollektiver Autor_innenschaft scheint sich mir vor allem erst einmal das Problem zu stellen – oder besser: die Chance zu bieten, wie wir mit der Vielheit der Stimmen der an dieser Textproduktion Beteiligten umgehen wollen? Ein Weiterschreiben und -denken der Äuβerungen der anderen scheint solch ein kollektiver Prozess ja immer zu sein. Aber soll das letztlich ein synthetisierendes Produkt sein, in dem es dann nur eine argumentative Stimme oder Erzählstimme gibt (in wissenschaftlichen oder auch politischen Texten – Manifesten wie Analysen – ist dies ja meist der Fall)? Oder sollen die einzelnen Stimmen in der Form bewahrt bleiben, so dass Differenzen aber auch Übereinstimmungen zwischen den Sprechenden sichtbar werden/bleiben? Die Form, die wir für dieses Editorial gewählt haben, scheint eher letzteres zu ermöglichen. Sicherlich muss man so etwas situativ entscheiden, abhängig davon, welche Wirkung ein Text erzielen soll. Ich glaube allerdings, dass es hier nicht nur um ein Problem der Darstellung geht: Was sagen die verschiedenen Darstellungsformen über das Verhältnis von Gruppe und Individuum in kollektiver Autor_Innenschaft aus bzw. darüber wie Kollektiv und Subjekt verstanden werden?

B: Die Frage nach dem Verhältnis von Subjektverständnis und Darstellungsform trifft ins Herz der Diskussion über kollektive Autorschaft. So kann ich mich zum Beispiel bei der Lektüre des Romans 54 des Kollektivs Wu Ming (früher: Luther Blisset) nicht der Überlegung entziehen, wer welchen Teil geschrieben hat, vielleicht besonders weil in dem Fall gar nicht bekannt ist, welche Personen Teil des Kollektivs sind. Ich bin durch dieses Problem so verwirrt, dass ich – wie Sie sehen – die ganze Zeit die erste Person Singular verwende, um die Kontrolle zu wahren. Die Antwort auf die Frage nach der Relation von Form und Subjekt ist aber wahrscheinlich nicht so einfach zu haben, dass etwa Genres und Subjektivierungsformen quasi strukturalistisch einander zugeordnet werden: So würde ich nicht sagen, dass ein Verschwinden der Schreiber_innen in ihrem Text einen fragwürdigen Kollektivismus begründet, zum Einen, weil ja auch anonyme individuelle Subjekte im Text verschwinden können, zum Anderen, weil ein Aufgehen von Personen in einem gemeinsamen Produkt die Voraussetzung nicht nur eines literarischen, sondern jedes komplexen Arbeitsprozesses ist und keineswegs notwendig Entfremdungserfahrungen impliziert – das anzunehmen wäre ein wohlfeiler atomistischer Romantizismus. Zudem können individuelle Stimmen in einem Text auch dann vertreten sein, wenn ihn nur ein_e einzelne_r Person geschrieben hat, siehe Bachtins Prinzip der Polyphonie. Ich würde deshalb der Frage nach der Form eine andere vorschalten: Wie muss das Verhältnis von Stimme(n) und Schreiber_innen (und Autor_innen, was nicht dasselbe ist) bestimmt werden?

C: Ein Effekt der polyphonen kollektiven Autor_innenschaft dieses Editorials ist offenbar, dass ich die bisher genannten Punkte schon an dieser Stelle ein wenig ordnen möchte. Der Komplex der kollektiven Autorschaft wurde bisher auf zwei unterschiedlichen Ebenen adressiert. Einerseits ging es um die Frage, wie wir einen Text, also dieses Editorial, schreiben wollen. Andererseits wurden eher allgemeine literaturwissenschaftliche Reflexionen über Konzepte kollektiver Textproduktion angestellt. Aber was macht die kollektive Autor_innenschaft für ein ‚Forum für linke Literaturwissenschaft‘ generell so interessant? Ein Aspekt, der mir hier besonders wichtig erscheint, ist, dass die Beschäftigung mit kollektiv verfassten Texten den ‚komplexen Arbeitsprozess‘, der zu ihrer Herstellung notwendig ist, in den Blick rückt. Es ist evident, dass das gemeinsame Verfassen eines Texts, der von mehreren Schreiber_innen produziert wird, irgendwie organisiert werden muss und dieser Prozess rückt dann auch in den Fokus literaturwissenschaftlichen Interesses, was wiederum zur Frage führt, ob sich dies auf den fertigen Text auswirkt – oder eben nicht. Derartige Überlegungen die Arbeit ‚vor’ dem literarischen Text betreffend, können bei der Beschäftigung mit nicht kollektiv verfassten Texten viel leichter ignoriert werden. Dabei werden dann auch äußerst problematische strukturelle Konstanten – die Trias gender, race, class betreffend – , die für einen Großteil moderner (nicht nur europäischer) literarischer Textproduktion konstitutiv – sind, unter den Tisch gekehrt. Die Auseinandersetzung mit kollektiver Autorschaft schärft aber nicht nur den Blick für literarische Produktionsprozesse. Das Kollektiv verspricht ja auch, derartige Ausschlüsse produzierende Konstanten auszuhebeln. Schon alleine, weil hier die Arbeit von vielen an einem Text Beteiligten nicht mehr einfach durch den Autornamen zum Verschwinden gebracht wird. Aber gerade ein Roman wie 54 zeigt, dass auch kollektiv verfasste Texte – Wu Ming besteht übrigens ausschließlich aus männlichen Schreibern – sehr stark an wenig emanzipatorische traditionelle Strukturen anschließen können. Denn auch wenn hier eine Vielzahl von Stimmen zu Wort kommt, entsprechen sie doch eigentlich allesamt und zudem besonders stark dem nicht zuletzt in der Literatur bewährten Muster heterosexuellen Machotums.

D: Um das in eine Frage zu wenden: Wie also und unter welchen Bedingungen kann kollektive Autor_innenschaft unabhängig von ihren Effekten auf textueller Ebene eine progressive Praxis sein? Per se ist sie das sicherlich nicht, zumal dann nicht, wenn kollaboratives Schreiben Herrschaftsstrukturen reproduziert und Unsichtbarkeiten erzeugt. Statt Ausschlüsse zu re/produzieren birgt kollektives Schreiben demgegenüber ja gerade den Vorzug, das Prozessuale, Unabgeschlossene sowie Differenzen und Widersprüche sichtbar zu machen – was im schlechtesten Fall zum parzellierenden Rückzug auf Einzel-Positionen oder zur Zerstreuung in Beliebigkeit, im besseren Fall aber vielleicht zu einem produktiven Dritten, zu neuen Konstellationen oder zu so etwas wie einer ‚Kollektivbildung‘ führen kann. Obwohl der Begriff der ‚Kollektivbildung‘ Unbehagen auslösen kann – denkt man an etwa an die Gemeinschaftsstiftung nationaler Mythen oder auch an die neoliberale Indienstnahme gemeinschaftlicher Arbeitsformen unter Stichwörtern wie Vernetzung, teamplay, win-win etc. – in seiner organisierenden Funktion bleibt er für jedes emanzipatorisches Projekt wesentlich. Im Hinblick auf kollektive Autor_innenschaft würde unter dieser Perspektive neben der Ebene der Produktion auch jene der Rezeption in den Blick rücken und dies auf eine andere Weise, als es die Fokussierung auf ‚literarische Vielstimmigkeit‘ und ihre Oberflächeneffekte ermöglicht. Führt Walter Benjamin in Der Autor als Produzent das epische Theater Brechts als modellbildendes Beispiel einer organisierenden Kunstform an, so ist die Diskussion um ‚Kollektivbildungen‘ in den visuellen Künsten seit jeher deutlich stärker ausgeprägt. Wie aber können Formen der Kollektivbildung im Feld des Literarischen aussehen? Und in welcher Weise wäre kollektive Autor_innenschaft mit diesen Effekten verknüpft? Welche Konzepte des Kollektiven oder der Kollektivbildung lassen sich überhaupt historisch in Literaturproduktion und Literaturtheorie ausfindig machen?

E: Was mich an die Frage Foucaults erinnert: Wen kümmert’s wer spricht? Eine Frage, die nicht zuletzt in der feministischen Literaturwissenschaft gestellt wurde, zu einer Zeit als das Subjekt und damit auch die Funktion des Autors (nicht nur) durch Foucault in Frage gestellt wurde, obwohl zur gleichen Zeit andere Bewegungen, wie u.a. die zweite Frauenbewegung gerade versuchten, diese eindeutige Subjektposition zu gewinnen. Nichtsdestotrotz haben sich gerade linke Bewegungen in Kollektiven und nicht zuletzt Autor_innenkollektiven zusammengefunden, um … wozu eigentlich? Pauschalisiert werden, kann dies sicher nicht. „Wen kümmert’s wer spricht?“ Auch erinnert mich diese Frage an Christa Wolfs „Medea. Stimmen“: nicht im Kollektiv verfasst, sondern den einzelnen Akteur_innen des Medeamythos eine Stimme gebend, um ihnen Gehör zu verschaffen und nicht zuletzt Medea in der Geschichte Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Mir erscheint der Begriff der Polyphonie im Zusammenhang mit kollektiver Autor_innenschaft als besonders bedeutsam, um ein paar der Überlegungen zu Beginn dieses Essays wieder aufzugreifen: das Sichtbarwerden einzelnen unterschiedlicher Gedanken, die Produktivität die durch den Austausch entsteht. Ähnlich wie eine zuvor geäußerte Stimme äußerte, sie müsse die Kontrolle über ihr Ich erhalten, in diesem Kollektivtext, entwischt auch mir die Perspektive. Wohlig löse ich mich in die berühmten drei Punkte auf…

 

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