Ak_Loukanikos_Kein leeres Blatt

Das AutorInnenkollektiv (AK) Loukanikos stromert seit dem Jahr 2010 durch Berlin und erkundet Fragen linker Geschichte und das Verhältnis von Geschichtspolitik und kritischer Wissenschaft. Seine Veröffentlichungen seit 2012 sind stets in kollektiven Denk-, Arbeits- und Schreibweisen entstanden, die je nach Anlass und Situation unterschiedliche Formen annehmen. Auf den Sammelband „Zwischen Ignoranz und Inszenierung“ folgte eine „Loukanikos-Debatte“ in analyse & kritik, darauf im Dezember 2013 die Konferenz „history is unwritten“ in Berlin, woraus das gleichnamige Lesebuch entstand, das 2015 erschienen ist (vgl. die Literaturliste am Ende des Interviews). Dies und mehr ist dokumentiert unter https://historyisunwritten.wordpress.com/.

Im Oktober 2015 hat sich das AK Loukanikos selbst interviewt – mit der Fragestellung, was das Großartige am kollektiven Schreiben und Veröffentlichen ist. Das Interview wurde dann zu einem Gespräch mit fiktiven TeilnehmerInnen manipuliert. Das AK dankt undercurrents herzlich für den Themenschwerpunkt dieser Ausgabe und den Abdruck dieses Selbstinterviews.

Beginn.

Ein nasskalter Abend an einem Wochentag im Oktober 2015 in Berlin-Neukölln. Wir treffen Lo, Uk, An, Ik und Os vom AK Loukanikos, versammelt um den Esstisch eines Kollektivmitglieds. Es herrscht gute Stimmung, fast ist man ein wenig aufgekratzt. Auf dem Tisch stehen Bier, Käseplatte, Diktiergerät und noch mehr Bier. Es gibt keine Berührungsängste untereinander oder mit den InterviewpartnerInnen, allerdings scheint zunächst nicht so ganz klar zu sein, was jetzt folgen soll.

Lo: Aha. Ein Selbstinterview. Wie wollen wir uns denn manipulierend selbst interviewen?
Uk: Was sind die Fragen, die wir uns selbst schon immer stellen wollten?
An: Also ich fänd’s ja gut, wenn am Ende so mit römischen Ziffern markierte Thesen rauskommen würden…
Uk: Also weniger Zweifel, mehr gewagte Thesen?
Lo: Gut. Dann also erste These: Kollektive Textproduktion ist großartig.
An: Ja, und geht… sehr gut. Ist möglich. Dann kann man sich fragen, warum das bei uns geht. Also, erste Frage: Wie und warum macht ihr das?

Teil I. Das Reinschliddern ins Kollektiv

Os: Naja, es war ja nicht so, dass wir uns gegründet haben mit einem Programm und dann haben wir das gemacht. Sondern: Aus unseren Arbeiten hat sich das erste Buch ergeben, aus der Montage zu kritischer Geschichtspolitik dann die ak-Debatte, ungewollt… Und daraus hat sich dann die Konferenz ergeben. Also wir sind ja mehr so aus Versehen entstanden. Ein Zufallskind unserer selbst sozusagen.
Lo: Stimmt, das war so ein Reinschliddern ins Kollektiv. Und dass es so gut funktioniert, hat bestimmt auch was mit den Charakteren zu tun, die da aufeinander getroffen sind. Es geht uns eher nicht um’s Durchsetzen einzelner Ansichten bis ins Letzte. Obwohl es unterschiedliche Positionen gibt, die ja im Zweifel auch offengelegt werden.
Uk: Vielleicht muss man den Charakter des Kollektiven dazu auch negativ bestimmen: Also ich wollte dieses Buch machen, weil ich was anderes machen wollte, als alleine an der Uni zu sein und in so ’nem pseudokollektiven Zusammenhang ein Referat oder eine Semesterarbeit zu machen mit Leuten, die man nicht kennt und vielleicht nicht mag. Und da hatte ich schon das Bedürfnis, mal wirklich zusammen zu diskutieren und auch politisch in diesem Kontext etwas zu machen, was Sinn macht.
Lo: Und im Gegensatz dazu, etwas alleine zu machen, also wenn wir zusammen im Schreibprozess sind, dann freue ich mich immer über das, was Neues kommt. Wenn ich alleine schreibe, dann freue ich mich erst am Ende, wenn es da ist. Man muss einen Text eben wie ein Bier behandeln: Das macht ja auch mehr Spaß zusammen.
Ik: Das sagst du jetzt doch nur für das Aufnahmegerät!

[Lachen.]

Ik: Was ich dabei ja ganz interessant finde, weil ich gerade alleine an einem Text arbeite, dass ich da merke, wie viel kritischer ich auf jedes einzelne Wort gucke, das ich da formuliere. Und mich sozusagen viel mehr absichere, ob ich das wirklich denke und ob man das wirklich so sagen kann? Und nicht dieses Ding hab von: Hat doch Os gesagt da bei der Montage, ist mir doch egal, wenn ich es nicht genauso denke. Bei einem kollektiven Prozess stehe ich nicht mit meinem Namen alleine da und werde darauf festgenagelt.
Ik: Das hieße dann: Ein kollektiver Text ist wie ein Patenkind, wo man mal so reinredet, oder den man in ’nen Club mitreinschmuggelt. Man ist nicht so behütend – man passt schon ‚drauf auf, ist aber entspannter.
Lo: Wir immer mit euren bescheuerten Metaphern…
Os: Mir geht es auch so, wenn ich alleine gewesen wäre, wäre ich nie auf die Idee gekommen, so etwas anzugehen, also ein Buch oder eine Konferenz zu machen. Es erschien mir so schon noch ein bisschen wahnwitzig und ich dachte: Naja, das klappt doch sowieso nicht… Zusammen habe ich das aber viel mehr als realistisch, als realisierbar eingeschätzt.
Lo: Und gerade denke ich, es wäre auch komisch, sowas nicht zu machen. Also keine kollektive Struktur zu haben. Weil ich mir das doch auch für alle anderen Bereiche meines Lebens suche. Für ’ne Politorganisierung, für alles Mögliche suche ich mir Orte und Zusammenhänge, wo ich mich nicht alleine fühle und es wäre doch komisch, die Textproduktion davon auszuklammern.
An: Ich glaube, darin liegt ganz viel, was gut ist: Dass es so flexibel ist und dass ich dadurch den von außen kommenden Druck, das Richtige unter meinem Namen schreiben zu müssen, irgendwie abfedern kann, ohne dass ich der Diskussion ausweiche, weil es ja dann am Ende trotzdem da ist, das Produkt. Und eigentlich entspricht das auch meinem Bild von ‚politischer Arbeit‘ viel mehr, als in einem Verein zu sein, der die eigenen Grenzen festsetzt und dem anderen Verein sagt, warum er ein blöder Verein ist.
Os: Ich denke ja gerade, dass Innen und Außen stark zusammenhängen: Es ist so, dass die innere Form – die Erfahrung solidarischer Kreativität – zu einer Ermutigung nach Außen führt, zum gemeinsamen Abfedern der Konkurrenzsituation und eben zum Angehen von Vorhaben, die alleine nicht möglich wären. Oder nicht möglich erscheinen.
Uk: Ja. Ist dann die Frage die, ob kollektive Textproduktion auch deswegen großartig ist, weil sie innere und äußere Frontenbildung abschwächt?

Teil II. Die Dynamiken kollektiver Textproduktion

Ik: Vielleicht ja. Weil es nicht so einfach funktioniert zu sagen: Kandidat A ist postmodern, Kandidat B ist materialistisch, das wird mit den Personen identifiziert und dann geht’s ab! Sondern das ist eher ein bisschen verwirrend bei uns und verschiedene Leute können sich auf verschiedene Momente des Textes unterschiedlich beziehen…
Os: Was aber natürlich auch eine Schwäche von einem Text oder einer Auseinandersetzung sein kann. Aber wir sind ja auch trotz eines widersprüchlichen Formats nicht beliebig geblieben. Wir haben ja nicht die ganze Zeit so ‚Einerseits-andererseits-Sätze‘ produziert, sondern verschiedene Positionen auch ausbuchstabiert. Und stehen gelassen. Und nicht aufgeweicht.
An: Und das ist so dieses Prozesshafte und Fluide, was es viel spannender macht, als wenn ich alleine da so ein Produkt hinstelle.
Lo: Also ok, wenn wir jetzt die 3. Zusammenrottung nach der 5. Abspaltung wären von irgendeiner Berliner Politsekte, dann würden wir vielleicht auch Scheiß-Texte schreiben. Aber ansonsten garantiert schon die Zusammenarbeit von fünf Leuten, dass die Texte ’ne gewisse Offenheit haben und – ich will’s gar nicht sagen – dass die Texte so verschiedene Perspektiven quasi zulassen…
Os: Du wolltest nicht interdisziplinär sagen?
Lo: Ich wollte nicht multiperspektivisch sagen. Aber dass diese Texte in dem Selbstverständnis geschrieben sind, dass andere Perspektiven auch gültig sind. Nicht, dass sie besser sind, nicht, dass sie immer Recht haben, auch nicht, dass man selber Unrecht hat, aber dass es sozusagen andere Perspektiven gibt, die auch sein dürfen.

Uk: Wenn ich da mal nachhaken darf: Berührt das dann auch die Art des Arbeitens, nicht nur den resultierenden Inhalt?

An: Klar – man kann sich auch mal ein bisschen hängen lassen. Oder man kann auch mal ganz viele andere Sachen zu tun haben und es läuft irgendwie weiter… Oder man kann sich auch mal voll reinhängen, wenn man weiß, es gab auch mal Phasen, wo man nicht so am Start war, aber jetzt nimmt man sich mehr Zeit, weil andere gerade weniger haben. Also die Arbeit liegt nicht komplett brach, auch wenn man sich selber gerade nicht darum kümmern kann.
Os: Das stimmt: Es gibt eigentlich nie so wirklich ein leeres Blatt. Oder einen Punkt, an dem man nicht weiter kommt – weil wenn ich nicht weiter weiß, dann bin ich ruhig und dann redet jemand anders. Es passiert so: Man schreibt was auf und denkt hinterher, ja genau das denke ich, aber ich wusste es vorher noch nicht. Das ist ein Selbstverständigungsprozess, in den man auch nochmal anders eintritt, wenn man das aus der Diskussion heraus entwickelt.
Ik: Also das heißt, bei uns entsteht aus dem Zusammenkommen verschiedener UrheberInnen und Positionen sozusagen automatisch eine Offenheit von Form und Inhalt, die einen Schutz vor hermetischer narrativer Abdichtung bietet… dafür geben unsere Veröffentlichungen allerdings auch oft mehr an Selbstverständigung preis, als das bei individuellen Texten der Fall ist.

Teil III. Das Kollektiv als Auflösung der akademischen Ich-AG

Os: Jetzt wo du das gerade sagst, denke ich: Das ist vielleicht auch eine ganz gute Form, mit so etwas wie der Schriftform umzugehen… Die ja etwas ist, was ziemlich gesetzt und festgeschrieben ist, etwas, für das man haftbar gemacht werden kann. Und da dann eben zu sagen: Wir sind fünf Leute und alleine deswegen ist schon klar, dass wir nicht immer einer Meinung sind und wir diskutieren und versuchen, Leute mitzunehmen, was eigentlich so in Schriftform super selten passiert.
Uk: Es ist bei mir ungefähr so: Ob da in einem Text von uns jetzt eins zu eins drin stand, was ich finde, ist irrelevant demgegenüber, dass eine Debatte über kritische Geschichtspolitik stattgefunden hat. Im Gegensatz zu hermetischen Positionen, die in Debatten ausgetauscht werden, ist das sehr produktiv, ein Forum zu schaffen.
Ik: Es geht ja auch darum, nicht verrückt zu werden vor Einsamkeit in der Akademie. Es ist ungeheuer wertvoll, finde ich, solche Räume und Diskussionszusammenhänge zu haben, um nicht durchzudrehen, um sich vor Augen zu führen: Man ist nicht alleine mit bestimmten Positionen, als Piranha im Piranhabecken, aber auch als Linker an der Uni. Weil man sich im akademischen Raum auch ganz schön alleine fühlen kann mit linken Positionen und Haltungen.
Uk: Jetzt wo du das sagst, denke ich auch, dass es da vielleicht auch unbemerkte Kopplungen gab. Weil ich ohne „Zwischen Ignoranz und Inszenierung“ vielleicht gar nicht diese erste Mail wegen der Dissertation geschrieben hätte. Weil unsere Arbeit irgendwie so ein wissenschaftlicher Erfolg war, der mir gleichzeitig auch politisch gepasst hat. Und der die Möglichkeit aufgemacht hat, dass man sowas ja machen kann. Obwohl ich immer die Uni gehasst habe und inzwischen aber mehr Handlungsräume sehe, vielleicht auch sehen muss. Aber wo ich inzwischen denke: Ah, kann man ja machen! Und wo auch etwas dabei rauskommt, in dem trotzdem politisch richtige und wichtige Sachen drinstehen. Also das war vielleicht auch so ein unbemerkter Effekt, der Selbstvertrauen und Machbarkeitsideen gegeben hat.
Ik: Aber: Das hat ja dann bei der immer mitlaufenden ‚Rückkehr‘ aus dem Kollektiv in die individuelle Arbeit auch umgekehrte Folgen. Ich merke zum Beispiel gerade, dass mir das jetzt, wo ich alleine ein Projekt entwickle, echt ganz schön schwer fällt und dass ich mir vor Augen führe oder Leute mir vor Augen führen müssen: Klar kannst du das! Und das war beim gemeinsamen Schreiben anders, man hat einen Gedanken aufgeschrieben, aber man wusste gar nicht mehr, wo der herkam. Man hat den aufgeschrieben, aber eigentlich kam der von jemand anders.
An: Oder ich dachte das auch, aber ich konnte es nicht so bewusst in Worte fassen.
Ik: Genau. Und ich merke gerade, dass es mir super schwer fällt, ein Vertrauen da rein zu setzen, dass ich das auch alleine kann. Weil ich es schwer finde nachzuvollziehen, was sozusagen mein Anteil darin genau war.
Uk: Dein Anteil an den Sachen, die wir zusammen gemacht haben?
Ik: Ja genau. Also ich weiß zwar für welche Textteile ich verantwortlich war, aber die Ideen haben wir natürlich zusammen gesponnen und ich kann das deshalb nicht als sichere Aktie mit mir rumtragen und mich darauf verlassen, dass ich das kann.
An: Also was eigentlich heißt, dass das nicht unbedingt eine Erfahrung war, die dich jetzt gerade bestärkt? Gerade auf Grund des kollektiven Charakters?
Ik: Beides, also dass es eine ambivalente Erfahrung ist.
An: Klar ist da eine Wechselbeziehung: Dass man sich das Kollektiv als Reaktion auf die Verhältnisse ausdenkt und dann ist man aus dem Kollektiv wieder entlassen in die Verhältnisse und es bringt einem nur zur Hälfte was, keinen Ego-Push, sondern man ist auch zurückgeworfen in das, was man eigentlich verlassen wollte.
Os: Ich würde mich da gerne mal selbst was fragen. Wie sieht denn der konkrete Vergleich aus zwischen gleichzeitig laufenden kollektiven und individuellen Arbeiten?

Os: Gut, dass ich das frage. Also wenn ich das vergleiche mit der Arbeit an der Dissertation… Da muss ich mich viel mehr disziplinieren und ich mache ständig so Strukturierungsabspaltungen: Jetzt habe ich den Abschnitt geschafft, jetzt drei Seiten aus dem Mittelteil. Wenn man zusammen schreibt, gibt es viel mehr überraschende Momente im Denken und Schreiben, die Spaß machen, aber auch Erkenntnis bringen…
Lo: Also ich habe darunter gelitten, alleine so ’ne Arbeit zu schreiben. Es gab einen Mangel an Kreativität und an Austausch mit Leuten – jedenfalls im Vergleich dazu, sich ständig und auf kleinster Ebene mit vier Leuten austauschen zu können, die genauso tief in diesem Prozess ‚drin stecken wie man selber.
Lo: Aber hier in unserem Abstract für undercurrents steht ja auch entgegengesetzt: „Kollektivität bringt eine Verdichtung von gesellschaftlichen Asymmetrien und Ungleichheiten, mit denen umgegangen werden muss.“ Da dachte ich: Huch, das ist ja wirklich mal ’ne steile These, dass sie bei uns verdichtet auftreten. Was soll das heißen?

Uk, An und Ik [unisono]: Damit meinte ich, dass, sobald wir einen kollektiven Zusammenhang bilden, uns diese Prozesse näher sind, dichter sind und ich damit in Kontakt komme, also z.B. ganz konkret wie bei der Konferenz, wo dann auf einmal so geschlechtsspezifische Rollenverteilungen am Start waren. Also die Typen sind eher öffentlich präsent und die Frauen machen ganz viel organisatorisch im Hintergrund. Und dass man damit umgehen muss. Gleichzeitig gibt es dadurch auch diese Möglichkeit, damit umzugehen. Und die Verdichtung bringt das auf die Agenda.
Lo: Aha, ah ja. Ein anderer Bereich in dem das ja spürbar war, war die Sache mit Zeit und Geld. Also, dass es Momente gab, wo jemand z.B. relativ flexibel seine Zeit einteilen konnte und viel gemacht hat, obwohl es auch frei geschaufelte Zeit war und andere mehr eingebunden waren in Lohnarbeit. Und das hat dann schon manchmal zu ein wenig Groll gefühlt. Wo es nicht mehr funktioniert zu sagen: „Wir machen alle so viel oder so wenig wie wir können“, sondern wo dann ein Ungleichgewicht entsteht.

Teil IV. Auch kollektiv ist es Arbeit

Uk: Wenn ich hier auch mal was fragen dürfte… Ich meine, das Wort in dem Zusammenhang ist ja: Arbeit. Wir haben ja nie unsere Kopfarbeit explizit als Arbeit begriffen. Wie ist denn das Verhältnis von kollektivem Schreiben und Arbeit?

An: Gute Idee. Ich erinnere mich, dass du damals ja Zeitmangel angemeldet hast und wie wir dann reagieren mussten auf die punktuell stark ungleiche Möglichkeit, sich einzubringen. Dann gab es die Diskussion darüber aus der Notwendigkeit heraus. Aber ansonsten habe ich noch nie darüber nachgedacht, kollektive AutorInnenschaft als Arbeit zu sehen. Und dann die Frage: Unbezahlt… Und in der Verteilung zu den anderen Geld- und Zeitkontingenten…
Ik: Interessant und auch irgendwie absurd, dass wir erst jetzt das erste Mal ausführlich darüber reden. Und das ist auch das, was ich meinte, wir haben uns nie so richtig darüber verständigt, was uns als Kollektiv ausmacht: Welche Strukturen haben wir und wie teilen wir Zeit auf, die ja eigentlich zum Lohnerwerb genutzt werden muss. Was ich nicht schlimm finde, weil ich glaube, es hat meistens ganz gut geklappt und wenn nicht, dann konnte man das sagen und dann wurde darauf reagiert. Man könnte sagen, das ist Arbeit und auch wenn wir kein Geld dafür bekommen… Das wäre eine andere Form, sich bewusst als Kollektiv zu organisieren. Und das liegt natürlich auch daran, dass wir kein Geld dafür bekommen und dass wir nicht zusammen eine Kneipe betreiben, sondern Bücher schreiben. Und dann kommt man vielleicht eher nicht auf so eine Idee. Das beeinflusst schon, wie man sich als Kollektiv organisiert, weil man halt Textarbeit macht.
Os: Die nahezu vollständige Abwesenheit von Geld erleichtert die Zusammenarbeit.
Ik: Und trotzdem hatte ich das Gefühl, es gab über die Jahre mindestens vier oder fünf Gelegenheiten, wo ein Groll wegen Geld oder Zeit ausgesprochen wurde und dann wurde relativ pragmatisch damit umgegangen. Und das, glaube ich, finde ich nicht nur netter, sondern auch erfolgreicher als so Regeln oder Stundenzettel.

Uk: Aber nochmal was anderes. Also, was würdet ihr sagen: Sind kollektiv geschriebene Texte schlauer als andere Texte? Nee, oder? Beziehungsweise nicht zwingend? Die sind erstmal nur… anders?
An: Ja.
Ik: Nicht zwingend auf jeden Fall.
Os: Ich würde sogar glauben, dass die sich auch ähneln können, also kollektive und individuelle Texte. Nur die Produktion ist erstmal ’ne ganz andere. Also die Montage in „Zwischen Ignoranz und Inszenierung“ hätte niemand alleine schreiben können – völlig ausgeschlossen – aber so einen Text wie „Mythos und Nation“ schon eher.
Ik: Also ich glaube schon, dass es eine Angelegenheit gesellschaftlicher Arbeitsteilung ist, also wenn mehr Zeit wäre, dann wären kollektive Texte die schlaueren.
Lo: Aber so wie es jetzt läuft, kann man wahrscheinlich mit Zeit und Kopf alleine schlauer sein als fünf Leute, die nicht die Ressourcen haben…

Uk: Da schließt sich für mich die Frage an, was uns eigentlich unterscheidet von anderen ‚kollektiven‘ Arbeitsformen, an der Uni, in der Wirtschaft… Zum Beispiel Startups… Also die Frage: Wie machen es die Bösen? Und was ist an uns denn nun eigentlich anders? Sind wir anders?
Ik: Das ist natürlich schon ein Unterschied zu ‚Teamwork‘ oder ‚Startup‘, dass man aus einer bewussten politischen Haltung diese Form wählt und dass kategorialerweise keine Hierarchie installiert wird, und sich auch keine entwickeln soll. Aber ich glaube auch, man muss das nicht unbedingt voneinander abgrenzen. Also dass zum Beispiel Teamwork unter den herrschenden Bedingungen mehr gefördert wird, liegt natürlich auch daran, dass sich dieses System als die produktivere Form erwiesen hat. Und der Unterschied ist natürlich Profit in dem Moment. Aber ansonsten…
An: Naja, komm. Es ist doch schon entscheidend, inwiefern man sich mit Kollektivität außerhalb von so ’ner kapitalistischen Organisationslogik bewegt und inhaltlich dagegen ausrichtet oder inwiefern man da strukturelle Ähnlichkeiten oder sowas hat.
Ik: Also wenn du das jetzt so sagst, ich glaube für mich wäre der Unterschied, dass mich in dem Entstehungsprozess interessiert, was ihr denkt und was wir zusammen daraus machen und nicht: Wie wird ein zu verkaufendes Produkt draus? Interessant wäre es, wenn wir alle an der Uni wären und müssten uns dadurch halten und gleichzeitig, den Anspruch einhalten, der unseren Ansprüchen genügt. Also wir müssten da weiter als Uni-Personen bestehen können, nicht rausgeworfen werden und gleichzeitig…
Lo: Ja, wenn das viel mehr in Wert gesetzt werden müsste…
An: Man kann also sagen, dass Kollektivität, also gemeinsames Denken mit möglichst wenig Hierarchien und offener Form des Arbeitens, an sich kein ‚Alleinstellungsmerkmal‘ ist und auch keine Lösung. Dass sie aber als politisch gewollte Perspektive notwendig ist, da sie aus den immer noch vorherrschenden Existenzformen der Vereinzelung und Konkurrenz ausbricht. Oder?

Abschluss

Os: Für so ein Interview würde ich mir auch nochmal Zeit nehmen… Also zum Beispiel uns von jemandem anderen interviewen lassen von… Weiß nicht von wem…
An: Was? Was redest du gerade? Uns interviewen lassen?
Os: Ja, weil das schon spannend wäre, was für Fragen von außen kämen: Von Leuten, die egomäßig arbeiten, von Leuten, die ein Fahrradkollektiv haben, von undercurrents… zumindest die Fragen, es muss ja keine Antworten dazu geben…
An: Also würdest du fragen, was Leute für Fragen hätten? Hm. … Nun gut. Ich danke Euch für dieses aufschlussreiche Gespräch. Und uns, und mir.

Lo: „Unsere Email-Adresse ist übrigens: unwrittenhistory[X]riseup.net.“

LITERATUR

Henning Fischer, Uwe Fuhrmann, Jana König, Elisabeth Steffen, Till Sträter (Hg): Zwischen Ignoranz und Inszenierung. Die Bedeutung von Mythos und Geschichte für die Gegenwart der Nation. Münster: Westfälisches Dampfboot, 2012.

AK Loukanikos: „Kritische Geschichtspolitik“, in: Brand, Ulrich; Lösch, Bettina; Opratko, Benjamin; Thimmel, Stefan (Hg): ABC der Alternativen. Von ‚Ästhetik des Widerstands‘ bis ‚Ziviler Ungehorsam‘, VSA-Verlag: Hamburg, 2012, S. 150f.

history is unwritten. Beiträge zur Debatte um linke Geschichtspolitik in ak. Sonderbeilage ‚analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis‘, Dezember 2013, online: http://www.akweb.de/themen/sonderbeilage_unwritten.htm/.

AK Loukanikos (Hg): History is unwritten. Linke Geschichtspolitik und kritische Wissenschaft. Ein Lesebuch. Münster: edition assemblage, 2015.

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