Interview_Klaus Scherpe

Der in Berlin geborene Klaus Scherpe hat an der Freien Universität studiert und ist dort 1967 im Fach Deutsche Philologie mit einer Arbeit zur Gattungspoetik im 18. Jahrhundert promoviert worden (Gattungspoetik im 18. Jahrhundert. Historische Entwicklung von Gottsched bis Herder). Zwischen 1968 und 1972 war er als Assistent bei Eberhard Lämmert in Berlin und Heidelberg beschäftigt, bis er zuerst 1973 an die Freie Universität und später, 1993, als Professor an die Humboldt-Universität zu Berlin berufen wurde. Dort hat er 1997 die Veranstaltungsreihe der Mosse-Lectures gegründet und war von 1998-2002 Leiter des DFG-Projekts „Literatur- und Kulturgeschichte des Fremden“, sowie Sprecher des Kollegs „Codierung von Gewalt im medialen Wandel“. Seine Forschungen hat er gemeinsam mit Gert Mattenklott der demokratisch-revolutionären Literatur des Jakobinismus gewidmet (1972 Gründung der Reihe Literatur im historischen Prozeß, 1980 Poesie der Demokratie. Literarische Widersprüche zur deutschen Wirklichkeit vom 18. bis zum 20. Jahrhundert ), den Texten Peter Weiss‘, der Nachkriegsliteratur in Westdeutschland (Die rekonstruierte Moderne. Studien zur deutschen Literatur nach 1945), der frühen ‚DDR-Literatur‘ und seit Anfang der 1990er Jahre gemeinsam mit Alexander Honold der europäischen Kulturgeschichte des ‚Fremden‘ (Alexander Honold / Klaus R. Scherpe (Hrsg.): Mit Deutschland um die Welt. Eine Kulturgeschichte des Fremden in der Kolonialzeit). Klaus Scherpe ist seit 2005 emeritiert.

Undercurrents: Sie waren seit den späten 60er Jahren in der Literaturwissenschaft tätig. Haben Sie Ihre Arbeit als politisch verstanden und was bedeutete das für Sie?

Klaus Scherpe: „In Wahrheit gehört die Geschichte nicht uns, sondern wir gehören der Geschichte“. Die erste politische Regung war Empörung über diese Schlussfolgerung einer klassischen Hermeneutik. Eine zweite formulierte die Kommune I bei der Besetzung des Germanistischen Seminars der Freien Universität Berlin 1967: „Wo gestern noch der Goethe stand / pennt heute Dieter Kunzelmann.“ Wir waren germanistisch genug, um den unreinen Reim zu bemerken. Aus der Erzählforschung kommend wie ich, mit Schlips und Kragen, wollten wir das, was wir konnten, politisch sehen und verändern. Die Viet Cong-Fahne auf dem Dach des Instituts fanden wir toll, aber doch zu exotisch. Ich habe im Proseminar mit den Studenten nicht die Pekinger Volkszeitung gelesen, auch keine Comics analysiert, dafür den herrschenden Literaturkanon attackiert, gehörte somit zu den ‚Moderantisten‘, wie man diese Leute in der Französischen Revolution nannte, zu den Gemäßigten und Vermittlern. Aber doch mit Konsequenzen. Beim Stuttgarter Germanistentag 1972 haben Gert Mattenklott und ich erstens gegen eine geisteswissenschaftliche Ausbildung protestiert die über den ‚tatsächlichen Charakter der kapitalistischen Produktionsweise hinwegtäuscht‘, und darauf, zweitens, die Relevanz von Lessings Mitleidstheorie für eine emanzipatorische Literaturwissenschaft erklärt. Wir wollten verstehen, wie die Ideologieproduktion der bürgerlichen Klasse so etwas wie uns, Intellektuelle im Sekundärbereich, hervorgebracht hat. Und welche Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Veränderung wir als Vertreter von Sekundärliteratur hatten. Vor die Fabriktore sind wir nicht gezogen, wie Peter Schneider beim Besuch in Italien. Gert Mattenklott und ich haben die recht langlebige Reihe Literatur im historischen Prozeß gegründet und herausgegeben: Grundkurs 18. Jahrhundert, Positionen der literarischen Intelligenz zwischen bürgerlicher Reaktion und Imperialismus, Lutz Wincklers Antifaschistische Literatur Band 1 bis 3.

Undercurrents: Sie haben sich in Ihren frühen Forschungen mit dem ‚deutschen Jakobinismus‘ beschäftigt. Welche (forschungs)politischen Gründe hatte das für Sie? Oder inwieweit hat beispielsweise die Auseinandersetzung mit Peter Weiss oder der sog. ‚DDR-Literatur‘ für Sie eine Intervention in den herrschenden literaturwissenschaftlichen Betrieb dargestellt?

Klaus Scherpe: Nach der Aufklärung die Klassik und Romantik: Da fehlte etwas. Im Linksrheinischen gab es 1792/93 die Mainzer Republik, deutsche Jakobiner wie Georg Forster, eine revolutionäre Bewegung, die der ‚Fürstenknecht‘ Goethe noch sehr viel später schlecht gemacht hat. Wir waren begeistert, reisten ins Linksrheinische, wo die begeisterten, aber viel kundigeren Historikerkollegen noch Quellen in den Fürsten- und Klosterbibliotheken entdeckten. Die großen Autoritäten waren Walter Grab (West) und Heinrich Scheel (Ost), bitterlich zerstritten über die Leninsche Formulierung von den „Jakobinern ohne Volk“ oder „Jakobinern mit dem Volk“. Scheel, Vizepräsident der Akademie der Wissenschaften, wie der Romanist Werner Krauss im antifaschistischen Widerstand der Roten Kapelle, sorgte für die Begegnungen von west- und ostdeutschen Wissenschaftlern und Schriftstellern. Im Rahmen eines Kolloquiums der Ostberliner Akademie konnte ich einen Vortrag über Peter Weiss‘ Ästhetik des Widerstands halten, ein Werk, das ich zehn Mal durch die Grenzkontrollen schleuste. Für die Leser in der DDR gab dieses Buch allererst Auskunft über die Moskauer Prozesse. Peter Weiss, der wegen seines Trotzki-Stücks (Trotzki im Exil, 1970) 10 Monate Einreiseverbot in die DDR hatte, lernte ich in Stockholm und Westberlin gut kennen. In der DDR und in Westberlin entstanden zahlreiche linke Lesegruppen: Orientierung für ein politisch motiviertes Literaturstudium. Weiss freute sich unendlich, als Konrad Wolf ihn aus dem Politbüro in der Westakademie anrief und ihm mitteilte, dass er doch noch das Erscheinen der Ästhetik des Widerstands in der DDR durchgesetzt hatte.

Undercurrents: Welche historischen Momente oder Kontexte in und außerhalb der Universität haben zu Ihrer Politisierung beigetragen? Und inwieweit konnte die Akademie ein Ort politischen Handelns sein? Spielte der ‚Kampf um die Institutionen‘ für Sie eine Rolle? Gab es kollektive literaturwissenschaftliche Arbeitszusammenhänge jenseits der Universität? Konnten sie längerfristig bestehen oder gab es Zerwürfnisse, theoretische Brüche oder historische Zäsuren, die zu einer Auflösung beigetragen haben?

Klaus Scherpe: Politisiert wurde ich 1968 durch einen Polizeiknüppel und zwei Wasserwerfer, durch die „schöne Anstrengung“ (Heinrich von Kleist) vor großen Versammlungen zu reden, mit Einladungen des AStA anderer Unis und sozialer Bewegungen, in Wien und Tübingen zum Beispiel, hauptsächlich in Italien, wo fast alle Kollegen Mitglieder des PCI waren. ‚Forschendes Lernen‘ war das eine (in Seminaren mit über 100 Teilnehmern), die Organisation öffentlichkeitswirksamer Foren das andere, z.B. im erzreaktionären Heidelberg, wo man das ‚Studium Generale‘ uns Mittelbauern überlassen hatte. Die linken Zerwürfnisse waren nervig. Bei den westdeutschen Spontis galten Gert Mattenklott und ich wegen unserer Kontakte zur DDR-Wissenschaft als Revisionisten. Voller Selbstbewusstsein nahmen wir für uns in Anspruch, durch die Organisation unserer Wissenschaft (Zeitschrift, Buchreihe, Konferenzen) mehr zu tun und zu erreichen als die linksliberalen Germanistenzirkel durch ihre Resolutionen und Solidaritätsadressen.

Undercurrents: Gab es eine Thematisierung von Arbeits- und Produktionsbedingungen und eine Solidarisierung mit literaturwissenschaftlich Tätigen, die nicht mit Stellen an der Universität versorgt werden konnten?

Klaus Scherpe: Ende der 1960er Jahre und Anfang der 1970er Jahre waren die Seminare und Vorlesungen hoffnungslos überfüllt. Was aber auch sein Gutes hatte: die Gruppenarbeit war eine sinnvolle Notwendigkeit. Es wurden zahlreiche Lehraufträge vergeben, um den Lehrbetrieb aufrecht zu erhalten, eine Chance auch für linke Projekte. Noch im Eröffnungsvortrag des Germanistentages 1987 in Berlin („Vorschläge zur gesellschaftlichen Selbstbeteiligung unter hochtechnischen Bedingungen“) habe ich darüber gesprochen, dass viele Nachwuchswissenschaftler außerhalb der Institutionen leben und arbeiten müssten: stellungslos, auch aus politischen Gründen, aber produktiv. Aus der Seminarpraxis heraus und auf Konferenzen gab es solidarische Aktionen, um die nach dem sog. ‚Radikalenerlass‘ Ende der 70er Jahre drohenden Berufsverbote von Lehrern und Wissenschaftlern zu verhindern. Auf einer Berliner Konferenz zu den „Demokratischen Bewegungen in Mitteleuropa“ im Mai 1977 zum Beispiel wurde eine Resolution gegen das Berufsverbot eines Berliner Assistenten zur Unterschrift herumgereicht. Mit dem Argument, dass den versammelten Forschern zu Jakobinismus und Vormärz der aktuelle Fall wohl eine Stellungnahme wert sein sollte. Dagegen protestierten nicht wenige Kollegen und erst nach langen Verhandlungen hinter verschlossenen Türen mit den Vertretern der veranstaltenden „Historischen Kommission zu Berlin“ durfte die Unterschriftenliste kursieren. Ein anderes Beispiel: Im Wintersemester 1979/80 fand am Germanistik-Institut der Freien Universität ein Hauptseminar zum Werk des Schriftstellers Alfred Andersch statt. Als die Studenten davon hörten, dass einer ihrer Dozenten mit einem Berufsverbot zu kämpfen hatte, schrieben sie einen Brief an den Autor mit der Bitte beim zuständigen Berliner Wissenschaftssenator Peter Glotz zu intervenieren. Was Alfred Andersch auch tat. Er schrieb einen Brief an Glotz, in dem er das Amtsdeutsch der ganzen Affäre schmerzvoll beklagte. Der Senator antwortete und versprach seine Unterstützung. Der Assistent durfte bleiben, und die Studenten bejubelten ihren Erfolg am Rande der großen Politik, im germanistischen Seminar.

Undercurrents: Wie sah die Auseinandersetzung mit Klassenverhältnissen aus? Ab wann und in welcher Weise haben andere Kategorien der sozialen Differenzierung (wie ‚Rasse‘ und Geschlecht) für Ihr literaturwissenschaftliches Arbeiten eine Rolle gespielt?

Klaus Scherpe: Klassenverhältnisse wurden in allen Seminaren und Vorlesungen linker Provenienz thematisiert, aber von Anfang an, jedenfalls in meinem Unterricht, nicht nur inhaltlich mit dem Abfragen von (partei)politischen Positionen, einem zu ermittelndem ‚fortschrittlichen Bewusstsein‘ oder der einfachen Widerspiegelungstheorie, nach der in der Literatur die Klassenverhältnisse allein inhaltlich reproduziert werden. Mattenklott und ich legten allergrößten Wert darauf, auch die ästhetischen und poetologischen Befindlichkeit der Literatur sozialgeschichtlich zu rekonstruieren. Die Kritische Theorie und die Literaturtheorien von Louis Althusser und Pierre Macherey spielten dabei eine große Rolle. Unter dem Einfluss der französischen Mentalitätsgeschichte und den angloamerikanischen Cultural Studies ging es zunehmend um Fragen der institutionellen Vermittlung, der Medien, der Anthropologie, um den globalen Kapitalismus in seinen Auswirkungen auf die Arbeit im Sektor Kultur („The Globalisation of Culture and Values. Myth or Reality?“, Asia-Europe Conference 2002). Die Trias der Cultural Studiesrace, class, gender – gehörte selbstverständlich zum inhaltlichen und methodischen Repertoire.

Undercurrents: Wann sind in Ihrer Wahrnehmung die Beschäftigung mit dem (deutschen) Kolonialismus und der Einfluss postkolonialer Studien wichtig geworden? Inwieweit hat sich das auf Ihre Forschung ausgewirkt?

Klaus Scherpe: Zweierlei Beobachtungen und Erfahrungen waren ausschlaggebend. Zum einen die Einsicht, dass die Germanistik mit ihrer nationalgeschichtlichen Herkunft und Legitimation die Literaturen und Kulturen anderer Länder schlechtweg ignoriert hatte, was sich weiter auswirkte im Bestehen auf dem eigenen Kanon und einer ‚reinen‘ Philologie. Zum anderen die konkreten Erfahrungen, wie begrenzt auch immer, durch Gastsemester in Indien, Brasilien, Japan, Australien und den USA. Die zu kurz greifende Fremde-Hermeneutik des ‚Eigenen‘ und ‚Fremden‘ („wie schön, dass Sie in Kamerun auch Kafka lesen und verstehen“) hat viel Schaden angerichtet. Dem Kolonialismus, der Ausbeutung der sog. ‚Dritten Welt‘, begegnete man im Alltag dieser Länder auf Schritt und Tritt und im eigenen Arbeitsgebiet nicht nur in der Literaturwissenschaft, sondern in der Ethnologie und ihrem Vorläufer, der sog. ‚Völkerkunde‘, in der Wirtschaftsgeschichte, der Welt der Kolonialwaren, der Sprache der Reklame, kritisch in der Gender-, Migrations- und Exilforschung. Der Rückschluss auf den deutschen Kolonialismus ließ auch die Geschichte der deutschen Nationalliteratur und -kultur noch einmal anders erscheinen (der Kilimandscharo sollte Kaiser-Wilhelm-Spitze heißen). In einem mehrjährigen Forschungsprojekt wurde mit vielen, auch studentischen Mitarbeitern die von Alexander Honold und mir herausgegebene Kulturgeschichte des Fremden in der Kolonialzeit zusammengetragen.

Undercurrents: Wo würden Sie entscheidende historische Umbrüche einer Geschichte der linken Literaturwissenschaft im deutschsprachigen Raum sehen? Welche historischen, ökonomischen oder institutionellen Bedingungen haben hier eine Rolle gespielt? Inwieweit lässt sich diese Geschichte entlang theoretischer Paradigmenwechsel und Verschiebungen erzählen?

Klaus Scherpe: Die ökonomischen und institutionellen Rahmenbedingungen eines konkurrenzlosen Kapitalismus, der vor allem in Osteuropa und Afrika an den Raubtierkapitalismus des 19. Jahrhunderts erinnert, haben zur Marginalisierung linker Positionen geführt. Dabei sind die dennoch möglichen Positionierungen sehr unterschiedlich. In Argentinien und Südafrika haben angesichts der manifesten Klassenverhältnisse (Großgrundbesitz, postkoloniale Ausbeutung) dogmatische marxistische Positionen à la Georg Lukács noch ihre Gültigkeit. Im angloeuropäischen Raum haben die Paradigmenwechsel (die verschiedenen methodischen turns in den Geisteswissenschaften) zu einer Ausrichtung früherer dogmatischer Positionen an den veränderten Machttechniken und „Bewusstseinsindustrien“ (wie man früher sagte) geführt. „Von einem schreienden Mangel an Zusammenhang“, hat Alexander Kluge wiederholt gesprochen. Der Begriff des Politischen wäre aus den Regulierungen des staatlichen und parteilichen Handelns herauszulösen, um den „Reichtum der Handlungsenergien, Erfahrungen und Phantasien“ (Kluge / Negt) zur Geltung zu bringen, individuell und kollektiv, in neuen Organisationformen als Voraussetzung gemeinschaftlichen Handelns.

Undercurrents: Gibt es theoretische Positionen oder literaturwissenschaftliche Themen, die Sie in der aktuellen Forschungslandschaft vermissen und dennoch für anknüpfungsfähig halten? Wie nehmen Sie eine heutige linke Literaturwissenschaft wahr? Und wo würden Sie vor dem Hintergrund einer neoliberal organisierten Universität politische Interventions- und Handlungsmöglichkeiten sehen?

Klaus Scherpe: Der universitäre Betrieb, durchsetzt mit ökonomischen Effizienzkriterien, lässt wenig Spielraum für alternative Projekte. Links orientierte Institute und akademische Einrichtungen sind als solche nicht mehr zu haben. Anders z.B. als in der amerikanischen academy, wo marxistische Ansätze weiterverfolgt werden und auch institutionell Einfluss haben, bei Fredric Jameson z.B. an der Duke University, Perry Anderson an der UCLA und Gayatri Spivak an der Columbia University in New York. Als linke Zeitschrift ist die New German Critique weiterhin erfolgreich. Sie schaffen ein Orientierungswissen, dem man auch in unseren Breiten eine größere Wirkung wünscht. Ein bisschen mehr Internationalismus täte hierzulande den Restbeständen einer links orientierten Wissenschaft gut. Die in den USA und in England erschienenen Bücher von Michael Hardt und Antonio Negri (Empire, Multitude) sind doch eine brauchbare Diskussionsgrundlage. An der Humboldt-Universität gibt es mit den Mosse Lectures zu Ehren des deutsch-jüdischen Historikers des europäischen Faschismus, George L. Mosse, seit 1997 ein Forum für Themen wie ‚Staatsbürgerschaft‘ in verschiedenen Ländern und Kulturen, ‚Korruption‘ im globalen Zusammenhang, „Europa in anderen Kulturen“ (im Erscheinen). Im Übrigen, falls man als Linker noch mal gefragt wird „Na, wann kommt denn Dein Sozialismus?“ So kann die Antwort, frei nach Marx, doch weiterhin nur heißen: „Der kommt gar nicht, es sei denn Du gehst!“

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