Rezension_Moretti

Wenngleich die beiden Neuerscheinungen des marxistischen Literaturwissenschaftlers Franco Moretti auf den ersten Blick unterschiedlicher kaum sein könnten, sind sie dennoch komplementäre Teile desselben Projekts. So schließen die auf Wunsch Morettis im englischen Original genau zeitgleich bei Verso erschienenen Texte in unterschiedlicher Weise an das Vorhaben an, traditionelle Ansätze des historischen Materialismus mit den Technologien der digital humanities zu verbinden. Was wohl insbesondere bei jenen für Aufsehen sorgen mag, die in der computergestützten Sammlung und Auswertung von Daten Werkzeuge der Verwaltung und Stützung des Bestehenden und im literarischen Text ein autonomes Kunstwerk sehen wollen, hat zunächst in den englischsprachigen Literary Studies eine ebenso hitzige wie differenzierte Debatte ausgelöst.

Angestoßen hatte Moretti das Projekt bereits mit seinem Atlas of the European Novel 1800-1900 (1998) und dem Unternehmen einer ‚literary geography‘. Mit den Mitteln Geographischer Informationssysteme (GIS) und im ungetrübten Vertrauen in ihre Visualisierungsmacht versucht Moretti dort einerseits die geographische Verteilung und Zirkulation literarischer Formen (‚historical space‘), andererseits die handlungsinterne Geographie europäischer Romane des 19. Jahrhunderts (‚fictional space‘) zu kartieren. Ein Jahrzehnt später gründete Moretti das Stanford Literary Lab, ein kollaboratives Forschungsinstitut, das sich der computergestützten Analyse literarischer Korpora verschrieben hat und beispielsweise anhand von Datenbanken wie der Eighteenth Century Collection Online das Verhältnis literarischer Genres zu ihrem ‚genre label‘ untersucht. Auf die Experimente und Erhebungen des Stanford Literary Lab stützen sich zum Teil auch Morettis neueste Veröffentlichungen.

Die gemeinsam mit The Bourgeois im Juni 2013 veröffentlichte Essaysammlung Distant Reading dokumentiert die zwischen 1994 und 2011 von Moretti angestellten methodischen und literaturtheoretischen Überlegungen sowie jene Debatte, die darüber vorwiegend in der New Left Review geführt wurde. In dem frühen Essay Conjectures on World Literature verortet Moretti das titelgebende Konzept des ‚distant reading‘ im Kontext der Diskussionen um die s.g. ‚Weltliteratur‘ und einen wirkmächtigen eurozentrischen Kanon, in dessen toten Winkel eine unüberschaubare Masse nicht beachteter Literatur liege – „the great unread“ (45), wie er diese im Anschluss an Margaret Cohen nennt. Die ‚große Unbekannte‘ jenseits des heiligen Kanons sei indes nicht nur ‚unread‘, sondern, wie Moretti nahelegt, aufgrund ihres Textumfangs auch ‚unreadable‘. Während jedes close reading zwangsläufig einen kleinen Kanon zugrunde legen muss, erfordere das Anliegen über den Kanon hinauszugehen eine neue Form der Kritik:

„At bottom, it’s a theological exercise – very solemn treatment of very few texts taken very seriously – whereas what we really need is a little pact with the devil: we know how to read texts, now let’s learn how not to read them. Distant reading: where distance, let me repeat it, is a condition of knowledge: it allows you to focus on units that are much smaller or much larger than the text: devices, themes, tropes – or genres and systems. And if, between the very small and the very large, the text itself disappears, well, it is one of those cases when one can justifiably say, Less is more.” (48-49)

Allerdings geht es hierbei nicht um die Erweiterung des Kanons oder darum, einen alternativen Kanon subalterner oder minoritärer Literaturen zu etablieren. Und noch weniger ist es Morettis Anliegen, literarische Formen und Schreibweisen in den Blick zu rücken, die nicht bereits in institutionalisierten Gattungsdiskussionen oder den gängigen Literaturgeschichten der (west)europäischen Moderne aufgehoben wären.

Eher im Gegenteil: beständiger Ausgangspunkt und Folie seiner Überlegungen ist der europäische Roman. Es sind dessen von den Dynamiken des Marktes abhängige Formvariationen und seine Verteilung über die globalen Peripherien, die Moretti interessieren und an denen er literarische Formgesetze, „law[s] of literary evolution“ (50), abzulesen versucht. Wenn etwa in Nordafrika im frühen 20. Jahrhundert Romane geschrieben werden, seien diese lediglich als „compromise between west European patterns and local reality“ (57) anzusehen, als lokale Formvariationen eines vorgängigen Musters.

Der ebenso reflexartigen wie berechtigten Kritik, die sein evolutionäres Modell im Hinblick auf die paradigmatische Stellung des Romans sowie im Hinblick auf das implizit ungleiche Verhältnis von Zentrum und Peripherie provoziert, antwortet Moretti ausführlich in dem Essay More Conjectures (2003). Hier macht Moretti deutlich, dass er im Anschluss an Georg Lukács ästhetische Formen als Abstraktionen sozialer Verhältnisse begreift und jede Formanalyse daher notwendig als eine Analyse symbolischer Herrschaft: „The model proposed in ‚Conjectures‘ does not reserve invention to a few cultures and deny it to the others: it specifies the conditions under which it is more likely to occur, and the forms it may take. Theories will never abolish inequality: they can only hope to explain it“ (113). Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass komplementär zur Essaysammlung Distant Reading die an ältere Forschungsinteressen anknüpfende Monographie Der Bourgeois erscheint. Wie Moretti in einem Interview erklärt, untersuche Der Bourgeois im Gegensatz zu Distant Reading nämlich keine „Häufigkeiten“, sondern „eine Norm“ (Widmann 2015).

In seiner Analyse der „Bourgeoisie, gebrochen durch das Prisma der Literatur“ (17), in der Moretti die Literatur als Ort in den Blick nimmt, wo sich die Bourgeoisie des langen 19. Jahrhunderts in ihrer Funktion als herrschender Klasse ebenso selbst bestätigt wie mit zunehmender Hegemonie selbst verschleiert, spielt die Untersuchung von Häufigkeiten dennoch eine Rolle – wenn auch in kleinerem Maßstab. Wenn es, wie der Untertitel der englischen Originalausgabe verrät, um den Bourgeois ‚between history and literature‘ geht, der literarische Text also als formgewordenes „Überbleibsel einer einst lebendigen und problemgeladenen Gegenwart“ (30) verstanden wird, so dient die formale Analyse von Erzähl- und Prosastilen dazu, deren Strukturen zu rekonstruieren.

Konkreter Gegenstand der Untersuchung sind die kleinsten lexikalischen Einheiten und grammatischen Strukturen der Prosasprache: Nomen, Verben und Adjektive, sofern ihnen durch signifikante Häufungen der paradigmatische Status von Stichworten, oder mit Raymond Williams, von keywords zukommt. Diese Verkleinerung des Blicks, die mitunter das „viktorianische Adjektiv“ zum „konzeptionellen Mittelpunkt“ (37) des Buches avancieren lässt, und die Fokussierung auf die Mikrodimensionen des bourgeoisen Prosastils dienen Moretti dazu, „ihre mehr aus unbewussten grammatischen Mustern und semantischen Assoziationen denn aus klaren und eindeutigen Ideen bestehende ‚Mentalität‘“ (37) aufzudecken.

Was Moretti hier vorschwebt, scheint also weniger eine Sozial- oder Ideengeschichte der Bourgeoisie als vielmehr eine Mentalitätsgeschichte zu sein, die gesellschaftliche Verhältnisse in die kulturanthropologische Frage nach der Repräsentation von Befindlichkeiten übersetzt. Die Figurationen der bourgeoisen Stimmungsgemeinschaft sucht Moretti überwiegend in Texten jenes homosozialen Kanons von Autoren auf, der für die Geschichte des europäischen Romans gängig ist: bei Defoe und Goethe, Balzac und Dickens, Thomas Mann und Henrik Ibsen. Romane etwa von Jane Austen oder dem brasilianischen Autor Machado de Assis gehören zwar in das komparatistische Repertoire, bilden aber eher Nebenschauplätze des Buchs.

Wie nun sehen Morettis Stichwortanalysen im Einzelnen aus? In Defoes Robinson Crusoe, einer der wohl meist analysierten literarischen Geburtsszenen der Figur des homo oeconomicus, treten beispielsweise die Stichworte ‚nützlich‘, ‚Effizienz‘ und ‚Komfort‘ besonders häufig auf. Dass das frühkapitalistische Arbeitsethos und seine Rationalisierungen in einer fiktionalen Welt zur Darstellung kommen, die voller Werkzeuge ist, und dass eklatant viele Finalsätze – „ich tue dies, um dann jenes zu tun“ – nötig sind, um „das Verhältnis von Gegenwart und Zukunft nach Maßgabe der instrumentellen Vernunft“ (80) zu strukturieren, ist allerdings nur sehr wenig überraschend. Dies entspricht eher einer recht naheliegenden Grammatik kapitalistischer Zweckrationalität, für die nicht erst die Wörtersuchmaschine bemüht werden müsste. Wenngleich Moretti die Thesen Max Webers minimal modifiziert, indem er etwa die Dialektik von Arbeitsrationalität und Abenteuerlust in Rechnung stellt (49-57), drängt sich die Frage auf, ob seine Analyse Ergebnisse hervorbringt, die über die altbekannten und notorisch heranzitierten Thesen von Weber, Schumpeter, Horkheimer u.a. hinausgehen. Zugespitzt formuliert ließe sich fragen, ob die quantitativen Analysen grammatischer und lexikalischer Feinstrukturen hier nicht tendenziell einem Zirkelschluss aufsitzen, der anstelle der von Moretti anvisierten ‚Sichtbarmachung von Verborgenem‘ lediglich der Bestätigung von Bekanntem dient.

Ein ähnlicher Eindruck stellt sich auch in dem Kapitel Verschleierungen ein, das ausgehend von Gramscis Überlegungen zur kulturellen und politischen Hegemonie des Bürgertums „auf wahrhaft ‚molekularer‘ Ebene nach den ‚unsichtbaren Mitteln‘ zur Propagierung dieser neuen Gesellschaft“ (180) sucht und dabei das ‚viktorianische Adjektiv‘ ins Rampenlicht rückt. Auch wenn hier auf Erhebungen des Stanford Literary Lab rekurriert wird, ist es nicht allein die Häufigkeit der Adjektive, der Signifikanz für eine Grammatik kultureller Hegemonie zugesprochen wird, sondern ihren semantischen Verwendungs- und Kopplungsweisen. So sei das Viktorianische am viktorianischen Adjektiv, dass es das mit moralischen und emotionalen Substantiven kombiniert, was zuvor dem semantischen Feld der Physis vorbehalten war; eine „Überwucherung realer Gegenstände mit emotional gefärbten Werturteilen“ (189) sei es also, die das viktorianische Zeitalter paradigmatisch auszeichne, beziehungsweise eine „vermoralisierte Sprechweise“ (189), wie sie Nietzsche genannt hatte.

Wenn Moretti in dem bereits erwähnten Interview konstatiert, dass das ‚distant reading‘ kein Verfahren der Interpretation sei, sondern eine Technik, die es erlaubt, „auf neue Fragen zu stoßen“, so liegen diese, anders als in früheren Publikationen Morettis, in Der Bourgeois nicht immer offen zu Tage. Dass seine Überlegungen zum viktorianischen Adjektiv schnell in eine Diskussion darüber einmünden, inwieweit der Begriff des ‚Viktorianismus‘ überhaupt noch einer kritischen Analyse der Machtverhältnisse zuträglich sein könne, obschon dieser „zuweilen dazu diente, vom Kapitalismus zu schweigen“ (194), ist für das Buch in gewisser Hinsicht symptomatisch. In erster Linie nämlich bietet es ein Panorama der philosophischen Analysen zur kulturellen Hegemonie des Bürgertums, die Stichwortanalysen bourgeoiser Sprache hingegen scheinen ihrerseits eher Stichwortgeber zu sein. Der Versuch, Verfahren des ‚distant reading‘ auf einen kleinen Korpus zu übertragen und so gewissermaßen mit dem ‚close reading‘ zu verbinden, erscheint mitunter gerade deshalb nicht sehr ergiebig, da es sich in Der Bourgeois überwiegend um kanonische Texte handelt. Dabei wäre der Ansatz, auch ‚the great unread‘ nicht nur aus der Distanz zu taxieren, sondern das ‚distant reading‘ auf einen kleineren Korpus und in kleinerem Maßstab anzuwenden, ein Projekt, das sich möglicherweise lohnen und zu jener „Versöhnung der beiden Ansätze“ (Widmann 2015) beitragen könnte, an der Moretti gelegen ist.

Franco Moretti: Der Bourgeois. Eine Schlüsselfigur der Moderne. Frankfurt/Main 2014. 275 S., 24,95 Euro, ISBN 978-3-518-42459-9.
— : Distant Reading. London/New York 2013. 244 S., 29,95 USD, ISBN 978-1-78168-084-1.

Widmann, Arno, „Vom Lesen ohne zu lesen“ (05.02.2015). http://www.fr-online.de/literatur/interview-franco-moretti-vom-lesen-ohne-zu-lesen, 1472266,29761782.html, aufgerufen zuletzt am 30.03.2015.

Stefanie Retzlaff ist Literaturwissenschaftlerin und lebt in Berlin.

Advertisements