Perspektiven_auf_das_Erich_Mühsam_Fest

Aber gerade der Künstler hätte tausendmal Grund, wütend aufzubegehren gegen die Schändlichkeiten unseres Gesellschaftsbetriebes. Sein Werk steht – und das muss so sein – jenseits der Marktbewertung. Unter den Zuständen, die uns umgeben, ist es daher überflüssig, wertlos, unnütz und mithin lächerlich oder gefährlich.

(Erich Mühsam: Das seid ihr Hunde wert! – Ein Lesebuch. Berlin: Verbrecher Verlag 2014, S.106)

So selbstverständlich dem Dichter und Revolutionär Erich Mühsam die Begriffe Gerechtigkeit und Kultur beieinander wohnten, so weit voneinander entfernt erscheinen sie uns heute, hundert Jahre später. Nicht nur, dass die Künstler_innen spätestens mit Beginn des 21. Jahrhunderts zu Prototypen der Selbstausbeutung und -optimierung avancierten und sogar die Laufstege der Haute Couture ihnen dafür huldigen. Sie selbst sind von ihrer jeweiligen Einzigartigkeit überzeugt, auf Überleben getrimmt und wenn sie schreiten, dann weder Seit‘ an Seit‘ mit Ausgeschlossenen und Unterdrückten, noch mit Kolleg_innen oder anderen Zeitgenoss_innen. Höchstens sieht man sie den Gentrifizierungswellen der Großstädte voraneilen. Und sollte doch mal ein Individuum oder Künstlerkollektiv Partei ergreifen, sich einmischen und aktiv politisch wirken wollen, findet es sich mit dem deutschesten aller Sätze konfrontiert: „Das macht man nicht.“

Müllhalde mit Ausblick

Selbst wenn die Einstellungskriterien an den Kunst- und Musikhochschulen in den letzten 25 Jahren dieselben geblieben wären, die Bewerberinnen und Bewerber sind es nicht. Bildungsabbau, massive Kürzungen im Sozialbereich und kultureller Kahlschlag haben seither stetig Ungleichheiten reproduziert und neue hervorgebracht, die von einer Mehrheit jener, die davon betroffen sind, als Normalität anerkannt werden. Mittellos? Pech gehabt! Kunst und Kultur sind aus dieser Perspektive Luxusgüter, nicht Lebensmittel und eines schon gar nicht: gefährlich. Kaum ein Mensch vermag es noch, quer in den offiziellen Kulturbetrieb einzusteigen. Diejenigen aber, denen sich die Türen öffnen, sehen sich mit klaren Marktanforderungen konfrontiert. Ein leicht durchschaubares Spiel. Sich alldem zu widersetzen, fiel mir persönlich weder schwer, noch war das ein revolutionärer Akt. Draußen war ich seit Beginn der 90er Jahre, als das System DDR, das mich bis dato geprägt hatte, zerfiel. Etwas an dieser Perspektive gefiel mir ausserordentlich. Man könnte auch sagen, dass ich das Beste aus der Situation machte, indem ich den Müllhaufen der Geschichte, auf dem ich in hohem Bogen gelandet war, zu meinem neuen Zuhause erklärte, einer Art Ramschladen, in dem es bis ans Ende meiner Tage Interessantes zu entdecken geben würde. Mit meinem Bekenntnis zum Sozialismus war jeder Fluchtweg abgeschnitten.

Auf die ökonomische Darkside des Nicht-Marktförmigen aussortiert, sind radikale Künstlerinnen und Künstler gezwungen, sich jenseits der offiziellen Verwertungslogik zu inszenieren. Sie sind auf eine Subkultur angewiesen und damit von der Einsicht miteinander konkurrierender Szenen in die Notwendigkeit ihrer Existenz abhängig. Im zweiten Schritt meint das auch: die Notwendigkeit ihrer Bezahlung. Gerade Letzteres ist oft problematisch. In Teilen der linksalternativen Szene ist man bereits mit der Minimalforderung nach freiem Essen, Trinken und Fahrgeld aus dem Rennen. Wo bleibt die Kultur des Mit- und nicht Gegeneinanders? Ihr einziger noch denkbarer Ort, die Subkultur, ist ein Minenfeld, doch wer es im Trotz betritt, kann auch Wunder wie das Erich Mühsam Fest erleben.

Alles Spießer hier!

Es war angenehm kühl am Ende eines langen Tages, der Mond beschien das Berliner Ostkreuz und die Gewitterwolken, die den Himmel stundenlang belagert und gedroht hatten, wilde Regenmassen über unserem Fest auszuschütten, zogen davon. Es war vollbracht. Vergessen der Moment, als ein Verantwortlicher der Location fiebrigen Blicks vor uns stand und erklärte: „Noch fünfzig Leute mehr, und wir müssen den Laden dicht machen.“ Vergessen der Irrsinn, der sich zwei Tage zuvor abgespielt hatte, als der Hauptact telefonisch absagte: „Sorry, aber wir haben uns gerade aufgelöst.“ Vergessen auch die vergeblichen Versuche, die verschiedenen Befindlichkeiten und Ansprüche von Künstler_innen, Techniker_innen, Standbetreiber_innen, Politgruppen und Organisationsgruppe miteinander abzugleichen. Im Hintergrund stapfte gerade wütend einer der DJ’s davon. „Alles Spießer hier! Keine Ahnung von Musik!“. Von einer anderen Tanzfläche schwappte die eingängige Melodie eines Clash-Klassikers durch die Nachtluft zu uns herüber: „All lost in the supermarket“. Erschöpft und merkwürdig gelassen tranken wir auf die letzte Schicht, auf Erich und Zenzl Mühsam und beschlossen, dass es ihnen gefallen hätte. Spießerei hin- oder her.

Geisterbeschwörung mit Energy-Drinks

Bereits 2001 hatte ich, gemeinsam mit einer Gruppe anarchistischer Kulturenthusiast_innen, ein Erich Mühsam Fest organisiert, das einerseits der Erinnerung an den Literaten und Revolutionär, zum anderen einer Art Geisterbeschwörung dienen sollte. Wie lebendig waren Mühsams Worte noch, wen erreichten sie und warum, und wie würde eine Kunst ‚in seinem Sinne’ aussehen? Wir Exil-Brandenburger, die vor dem sozialen und kulturellen Verfall unserer Städte und Dörfer geflohen waren, gingen einer Hoffnung nach, auf die uns der Dichter selbst verwiesen hatte:

Warum ich Welt und Menschen nicht verfluche?
Weil ich den Menschen spüre, den ich suche!

Unser erster Versuch geriet so chaotisch wie überraschend. Unterschiedlichste Menschen aller Altersgruppen kamen, hörten zu und feierten mit uns. Theaterleute, bildende, musizierende, schreibende Künstler_innen und DJ_ane’s brachten sich ein. Wir überließen vieles dem Zufall und wurden mit einem schönen, inspirierenden Fest belohnt, was vor allem die anarchische Strahlkraft Erich Mühsams untermauerte. Auch ein anderer Aspekt wurde deutlich, der die folgenden Feste nicht unerheblich prägen sollte: Die Frage der politischen Aneignung Mühsams. Leben und Werk sind im Falle Erich Mühsams nicht voneinander zu trennen und je nachdem, welcher seiner Schaffensphasen spätere Interpreten die größte Bedeutung zumessen, lässt sich bis zum heutigen Tage vortrefflich streiten. Schon beim zweiten Mühsam Fest im Spandauer Fort Hahneberg drohten Anarchosyndikalist_innen, den Cocktail-Stand der SDAJler_innen zu Klump zu schlagen. Aber wo endet das, wenn von vornherein bestimmte Gruppen und Zusammenhänge aus einem solchen Fest ausgeschlossen werden? War nicht unser Ansatz, dem Mühsamschen Credo breiter Bündnisse und Experimente zu folgen? Genügte es nicht, politische Werbung zu untersagen? Wir waren unerschrocken genug, diese Fragen immer wieder aufs neue zu stellen und jeweils neu zu beantworten. Schon beim dritten Fest galten wir als Spießer, Verräter und … Kapitalisten. Weil es zu einer Namensverwechslung gekommen war: Ein mysteriöser Vertreter von Energy-Drinks benutzte dieselbe Bezeichnung wie ein szenebekannter Coffee-Shop. Leider hatten wir Ersteren eingeladen und den Fehler erst am Festtag bemerkt. Zu spät. Der Ruf war ruiniert. Mal wieder.

Die Vorbereitungsgruppe blieb im Laufe der Jahre eine offen agierende. Engagierte Künstler_innen gesellten sich zu uns an den Tisch, was es nicht leichter machte. Interessenkonflikte und solche um die Diskrepanz zwischen Sagen und Tun bestimmten diese Phase zwischen 2003 und 2004. Auf zwei Aktive kam zuletzt ein Aufsichtsrat von zwanzig Leuten, die vieles besser wussten; theoretisch. Wir hatten, um inhaltliche Einflussnahmen auszuschließen, bewusst auf Förderungen durch Parteien oder Unternehmen verzichtet. Entnervt und von ökonomischen Zwängen gebeutelt, gaben wir im Anschluss an das vierte Fest auf. Dabei waren fast dreitausend Menschen gekommen, hatten über hundert Akteur_innen auf Bühnen gewirkt. Die ganze Stadt war mit Plakaten tapeziert, die Mühsams Namen trugen. Doch ich war der jahrelangen Selbstausbeutung, der finanziellen Sorgen und des ganzen Politgruppen-Streits müde geworden. Vor allem wollte ich mich aus dem alles vereinnahmenden „Wir“ lösen, Zeit und Kraft in meine eigene Autorinnenschaft stecken, liegengelassene Manuskripte beenden. Die Welt war so viel größer, steckte voller Widersprüche, Wunder und Katastrophen, Stoff für Geschichten und Lieder.

Als müsste es so sein

Die Frage nach der Vermittlung von Literatur hatte sich mir früh und existenziell gestellt.

Die ostdeutsche Provinz war Anfang der Neunziger kein Pflaster für Poesie. Ich wollte mich weder über die drängenden Probleme meiner Mitmenschen lustig machen, indem ich sie in Reime goss (was ich dennoch zuweilen tat), noch wollte ich mich selbst der Lächerlichkeit preisgeben, indem ich mich als angehende Poetin outete. Jahrelang verschwanden Gedichte und Kurzprosa in Schubladen und Kartons. Einige waren bereits der elterlichen Aufräumwut, andere meinen Anfällen von Selbstzweifel zum Opfer gefallen. Doch irgendwann traut man sich oder lässt es bleiben. Ich musste ein Publikum finden. Nur wo? Der Zufall verhalf mir zur Bekanntschaft eines literaturaffinen Musikers. Erste, vorsichtige Versuche der Verständigung ließen uns hoffen. Wir machten unsere Schulabschlüsse und verließen die brandenburgische Provinz Richtung Berlin. Dort stürzte ich mich, gierig nach Erfahrungen und Austausch, in Kellerklubs, wo wilde Poetry-Slams tobten, die ich staunend über mich ergehen ließ. Weder würden sich meine eigenen Gedichte dafür eignen, so in den Raum gebrüllt zu werden, noch eignete ich mich für diese Art Performance. Mir fehlte nicht nur der Mut. In meinen Texten zogen Schwäne durch die Lüfte, hockten Krähen auf Kirchdächern, humpelten Katzen durch Kleinstädte. Das Grauen der Provinz war darin so leise, wie die Zusammenarbeit mit dem Gitarristen, die wirkungsvoll gedieh. Text für Text, Lied für Lied, begannen wir einander zu begreifen, indem wir uns zuhörten, unsere Geschichten mal mit Tönen, mal mit Worten vervollständigten. In einem Marx-Seminar an der Freien Universität lernte ich einen Akkordeon spielenden Mitstudenten kennen, dem unsere Musik auf Anhieb gefiel. In einem Anfall von Größenwahn übernahm ich das Singen selbst. Wir drei waren maßgeblich an der Organisation des Mühsam-Festes beteiligt. Was lag da näher, als dort zum ersten Mal unsere Wirkung auf ein Publikum zu testen? Gegen vier Uhr morgens hatten wir zwar immer noch keinen Bandnamen, uns aber genügend Mut angetrunken, um die Bühne zu betreten. Es wurde ein in vielerlei Hinsicht erstaunlicher Auftritt. War ich bis dato nicht in der Lage gewesen, ein eigenes Gedicht vor Fremden vorzutragen, gelang mir dies nun, als hätte ich nie etwas anderes getan. Als müsste es so sein.

Spiel nur, lustiger Musikante

In den folgenden Jahren durchliefen wir diverse musikalische Metamorphosen und Besetzungsexperimente. Mit Markus Liske hatten wir auch einen Satiriker mit an Bord genommen. Gemeinsam gestalteten wir den „Etwas anderen Heimatabend“, ein literarisch-musikalisches Programm, das Verelendung und Pogromstimmung der 90er Jahre in Ostdeutschland thematisierte. Wir experimentierten mit Kurzfilmen und Dias, verkleideten uns als Clowns, holten Straßenmusiker aus Leipzig mit auf die Bühne. So entstanden vier sehr unterschiedliche Programme, mit denen Der Singende Tresen, wie die Band nun hieß, durch Theater, Kneipen und Klubs der deutschen Provinzen zog.

Unser Ziel war es, ähnlich wie beim Mühsam Fest, möglichst breit zu wirken. Es gab kaum ein Angebot, das wir ausschlugen, um die Tourpläne zu füllen. Wenn wir schon aufbrachen, dann richtig. Ich fand mich in den einander überlagernden und beeinflussenden Spannungsfeldern künstlerischen und materiellen Überlebens wieder. Die Musiker interessierten ganz andere Aspekte als mich, die Interpretin (nicht nur, aber vor allem) eigener Texte. Unabhängig davon beschäftigten uns die praktischen Herausforderungen des Tourlebens. Dasselbe artistische Können, die Beherrschung von Instrumenten und Bühne, die vom bürgerlichen Publikum beklatscht wurde, erzeugte in Szeneläden Misstrauen. Schlimmer noch, handwerkliche Fähigkeiten galten als verpönt. Mal fühlten sich die Leute provoziert, mal überfordert. Wir waren unsicher, selten einig, wie damit umzugehen sei und stießen an unsere Grenzen. Fernzüge sind einfach nicht für Kontrabässe und Vibraphone konzipiert, „ordentliches Drug-Catering“ taugt auf Dauer nicht als Zahlungsmittel und ein versiffter Konzertsaal ist kein Ort für eine Übernachtung. Mich persönlich schmerzte der höfliche Applaus pelztragender Witwen im Essener Bürgermeisterhaus am meisten. Inmitten eines Villenviertels bestaunten sie uns mit unseren Botschaften von Entfremdung und elendem Leben wie Tiere im Zoo. Dabei will ich nicht von all den großherzigen, freigiebigen, solidarischen Gastgeber_innen, all den fabelhaften Zuhörer_innen schweigen, ganz im Gegenteil. Ohne sie würde es uns nicht geben. Vielmehr möchte ich weiterhin das Verhältnis von Gerechtigkeit und Kultur beschreiben, wie es sich mir in meinen gegensätzlichen Funktionen als Autorin, Bühnenakteurin und Fest-Organisatorin darstellte. Vielleicht ist es sinnvoll, an dieser Stelle zum Erich Mühsam Fest 2014 zurückzukehren.

Gerechtigkeit und Kultur

Am Festtag, dem 12. Juli, fand sich folgender Kommentar auf unserer Webseite:

Wie sollen die Ausgestossenen und Bohemiens, dessen Kultur hier angeblich gefeiert wird, 12 Euro Eintritt bezahlen? Dem Mühsam selber käme die Wurst bei solchen Preisen. Jaja Sozialhilfe-empfängerinnen zahlen 4, aber verdient der Kleinjobber wirklich 3x so viel als der Sozialhilfesatz?

Die Eintrittspolitik war vor, bei und nach jedem der Mühsam Feste Quell ausufernder Diskussionen gewesen. Kultur hat einen Preis. Zwölf Euro bedeuten vielen viel, anderen wenig Geld. Die Kluft wird täglich größer. Mühsams Tagebücher geben ausführlich Auskunft über die prekäre Lage, in der er selbst sich zeitlebens befand. Ich kann seine Armut aber nicht als Argument gegen unseren zum Scheitern verurteilten Versuch anerkennen, Gerechtigkeit und Kultur in ein Zahlenverhältnis zu setzen. Genauso wenig möchte ich diesen Kommentar einfach wegwischen, vielmehr etwas darin anerkennen: Wir erleben eine Zeit fortschreitenden kulturellen Niedergangs. Die Armut wächst, wer aus ihr kommt oder in sie fällt, verliert damit den Zugang zu Bildung und kulturellen Gütern. Das ist Teil der kapitalistischen Unterwerfungslogik. Die Verzweiflung und Verbitterung jener, die sich, selbst von Armut betroffen, dieser Tatsachen bewusst sind, wachsen ins Enorme. Die Neigung, eine Preispolitik wie die unsere als Affront gegen sich selbst aufzufassen, als Ergebnis von Ignoranz oder Mangel an eigener Erfahrung, ist mir begreiflich, bleibt aber falsch. Der an uns selbst gerichtete Anspruch fairer Eintrittspreise bei fairer Bezahlung (der über hundert Festakteur_innen) ist, jenseits der Logik kommerzieller Kulturevents mit riesigen Budgets, schwer zu halten. Mit ein bisschen Wetterglück, dem aufopfernden Engagement einer zehnköpfigen Vorbereitungsgruppe, der starken Arbeit des Betreiber-Kollektivs des Zukunft vor Ort und der tätigen Mund-zu-Mund-Propaganda und Plakatierwut verschiedenster linker Gruppierungen (Ema.Li, anarchosyndikalistische Jugend) wurde es ein erfolgreiches, enorm gut besuchtes Fest, mit Mindestgagen, verträglichen Eintrittspreisen und ein bisschen Überschuss für kommende Projekte. Was aber wäre gewesen, hätte uns das Gewitter mit Regenfluten, so wie der Gedenkdemo in Oranienburg am selben Tag, einen Strich durch die Rechnung gemacht? Die Spenden unterschiedlichster Vereine, Verbände und Einzelpersonen hätten nicht annähernd die Unkosten gedeckt. Wir hatten also Glück. Nicht mehr und nicht weniger. Und um zwei Dinge klar zu stellen: Die Kassierer_innen im Eingangsbereich forderten selbstredend keinerlei Ausweise oder Nachweise von Bedürftigkeit. Vertrauen gegenüber den Festbesucher_innen bildete die Grundlage unseres Handelns. Und: Ich kenne kaum Kulturschaffende, die darauf warten, ihr Geld ausschließlich mit der Kunst zu verdienen. Die Künstler_innen, die ich kenne, sind weder reich noch Spinner. Aber auch ein Broterwerb muss erst einmal gefunden und gehalten werden. Gerade unter den Kleinjobbern finden sich die Kolleg_innen am Ende wieder. Das ist die Doppelfalle, in die wir tappen.

Immer diese Widersprüche

Im Laufe der Jahre wirkten sich diese Doppelleben der Beteiligten auch auf das Bandgefüge aus, veränderten seine Struktur, führten schmerzhaft weg vom Kollektiv-Gedanken, der letztlich nur auf Augenhöhe und im gegenseitigen Einvernehmen umzusetzen ist. Es ist so einfach, Wir zu sagen, doch wie sieht eine entsprechende Praxis aus? Musiker_innen halten sich meist als Mucker_innen, also dauerhaft auf Bühnen Funktionierende, oder Lehrer_innen in scheinselbstständigen, prekären Verhältnissen über Wasser. Die Erfahrungen prägen und führen nicht automatisch zu ähnlichen Schlüssen. Der Bedarf an Kritik und Gesprächen wird größer, die Zeit rarer. Wie viel Geduld haben wir für einander? Wie lassen sich Widersprüche auf Dauer mit- und nicht gegeneinander verkraften? Das Hauen und Stechen um die Tortenstücke am Unterhaltungshimmel hinterläßt sichtbare und unsichtbare Spuren, die sich auch in geschützten Räumen nicht verbergen lassen.

Der Singende Tresen ist, so wie andere Bands, abhängig vom Enthusiasmus seiner Akteur_innen und deren Geschick, anderswo Geld zu verdienen. Das ist kein Grund zu verzweifeln. Es eröffnet uns vielmehr Möglichkeiten und Spielräume für die künstlerische Auseinandersetzung mit Themen und Figuren unserer Wahl. Als der Verbrecher Verlag sein Interesse an einem Mühsam-Lesebuch erkennen ließ, ich mich gemeinsam mit Markus Liske in die Arbeit stürzte, mussten wir unsere Tresen-Kolleg_innen nicht lange bitten. Die Entscheidung, zusätzlich noch ein Album mit Vertonungen Erich Mühsams zu erarbeiten, lag angesichts der Bandgeschichte nah. Sie ging Hand in Hand mit dem Start einer Crowdfunding-Initiative. Letztlich ist das Album Mühsamblues somit der erfolgreiche Versuch einer Verständigung zwischen Publikum und Band. Die Frage, ob dies ein zweites Mal gelänge, auch, wenn es ausschließlich um eigenes Text-Material ginge, steht seither im Raum. Faktisch hat die neuerliche Beschäftigung mit den Texten Mühsams meinen Blick für die Kontinuitäten geschärft, ohne die Unterschiede zu verwischen. Mühsam suchte den Kontakt zu den Ausgestoßenen, versuchte, sie zu agitieren und tat es letztlich aus seiner eigenen, isolierten Lage heraus. Das heutige Lumpenproletariat, das Heer der komplett Abgehängten, ist, geprägt von geistigem und materiellen Elend, kaum noch in Kneipen zu finden. Man säuft in leidlich beheizten Wohnungen, zuhause. Bis auf die Augen, die den flimmernden Verblödungsmaschinen ausgeliefert sind, bewegt sich wenig. Bildung? Kultur? Gerechtigkeit? Adressat verzogen.

Lieber lächerlich als tot

Die Situation von Künstler_innen unterscheidet sich in dieser Gemengelage nicht von jener der Leiharbeiter_innen. Wer sich mit der Mehrheit derer solidarisch erklärt, die ‚draußen’ sind, teilt nicht selten auch deren Leben, bereichert um das Schöpferische, um die Möglichkeit, eine bessere Welt zu denken und gestalten, in der Gerechtigkeit und Kultur beieinander wohnen.

Dies ist der Konflikt, in den die Natur uns Menschen gestellt hat: dass die Erde von unseren Händen Arbeit fordert, um uns ihre Früchte herzugeben, und dass unser Wesen bestimmt ist von Faulheit, Genusssucht und Machthunger. Wir wollen Nahrung, Behausung und Kleidung haben, ohne uns dafür anstrengen zu müssen; wir wollen, fern von der Pein quälender Notwendigkeiten, beschaulich genießen; wir wollen Macht ausüben über unsere Mitmenschen, um sie zu zwingen, uns unsre heitere Notentrücktheit zu sichern. Den Ausweg zu finden aus dieser Diskrepanz: das ist das soziale Problem aller Zeiten.
(Mühsam 2014, S. 108)

Es gilt für jeden Einzelnen, eine Entscheidung zu treffen und mit den Konsequenzen zu leben. Das ist kein Zuckerschlecken. Ich habe aber auch keine Lust, die lustige, blonde Sängerin zu spielen oder den Jazz-Vamp, die coole Intellektuelle oder irgend eine andere gängige Rolle im Unterhaltungsgewerbe. Ich tue, was ich für richtig halte, riskiere zu scheitern und als Freak zu gelten. Doch bin ich lieber lächerlich als tot. Wenngleich ich Single-Malt sehr schätze: auch billiger Schnaps hilft manchmal gegen Kälte. Und am allerbesten helfen Menschen.

Vielleicht war das Erich Mühsam Fest im letzten Jahr keine gefährliche Sache, sicher aber war es nicht überflüssig, wertlos oder unnütz. Das Wunderbarste an ihm bleibt die Tatsache, dass es, allen Widrigkeiten zum Trotz, stattgefunden hat, dass es Menschen gab, die Lust, Zeit und Kraft gefunden haben, das Ganze über Monate auf die Beine zu stellen. Dass es Künstler_innen und Kollektive gab, die sich für eine Nacht den Mühsam auf die Fahne schrieben, ohne das Eigene zu verbergen. Dass die neu zusammengewürfelte Organisationsgruppe über sich hinaus wuchs und bis spät in die Nacht durchhielt, lachend. Dass auf dem Gelände des Zukunft mehr als tausend Menschen streitlustig und friedlich zusammen kamen, zuhörten, tanzten, diskutierten, Bücher kauften. Dass alle miteinander etwas ganz und gar Unwahrscheinliches Wirklichkeit werden ließen.

Sicher könnte ich mit anderen Herzensprojekten bereits weiter sein, aber wer, wenn nicht wir, hätte dann dieses Fest stemmen sollen? Bei all dem sei festgehalten, dass es auch gar nicht immer Mühsam sein muss. So viele vergessene, verloren geglaubte Schätze gilt es noch zu heben und der Kulturlosigkeit der Zeit entgegen zu schleudern. Es muss nur jemand tun.

Manja Präkels, 1974 in Zehdenick/Mark geboren, lebt und arbeitet als Autorin und Musikerin in Berlin. Sie ist Mitinitiatorin der Erich Mühsam Feste und Gründungsmitglied der Band Der Singende Tresen. Seit 2009 betreibt sie gemeinsam mit Markus Liske die Gedankenmanufaktur WORT & TON. Die musikalische Hommage „Mühsamblues“ erschien im vergangenen Jahr bei Setalight Records.

http://www.gedankenmanufaktur.net
https://kulturelleintervention.wordpress.com/

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