Rezension_Beer

Juliane Beers neuer Roman Frau Dr. E liebt die Abendsonne ist keiner, den man oder frau leichten Herzens liest. Die Autorin widmet sich namentlich dunklen und quälenden Familienabgründen. Doch sie tut dies so beherzt, mit Witz, Ironie und einer glasklaren Darstellung gesellschaftlicher Verhältnisse, dass es eine Freude ist. Spiegelkabinett dieser erwähnten Verhältnisse sind stationäre Einrichtungen wie Obdachlosenstationen für Kinder, Psychiatrien und Seniorenwohnheime. Diese durchzieht die Heldin des Romans wie ein weiblicher Prometheus, die versucht Licht in das Dunkel zu bringen, d.h. sowohl aufzuklären als auch Hilfe zu bringen.

Das zentrale Thema: Töchter von psychisch kranken Müttern. Deren Verlorenheit und Unsichtbarkeit. Schauplatz ist Norddeutschland, mittelgroße Städte wie Kiel, Neustadt und Lübeck. Die Autorin nimmt die Lesenden mit auf eine Reise an der Seite der Hauptfigur des Romans, Frau Dr. E., aus deren Sicht dieser erzählt ist. Ähnlich wie Frau Paesch – der Heldin aus Beers Roman Arbeit kann zu einem langsamen und schmerzhaften Tod führen, eine JobCenter Sachbearbeiterin, die den Zwängen des Hartz IV Systems ein Schnippchen schlägt – steht Frau Dr. E. quer zum System, das sie durchkreuzt und an dessen innersten Schnittstelle eine Tochter steht. Sie entwickelt subversive Strategien im herrschenden System, indem sie (ganz im Sinne gemeinhin männlicher Hochstapler) mit Hilfe selbst geschaffener Identitäten und damit einhergehender Arbeitsmöglichkeiten, den Betroffenen mit Rat und Tat beiseite steht. Beispielsweise setzt sie sich dafür ein, Patient_innen nicht mit Schlafmitteln ruhig zu stellen, sondern stattdessen Personal einzustellen, dass sich ausreichend um diese kümmert.

Das Buch enthält sich jeglicher Form der Opferhierarchisierung. Es ist jedoch eindeutig parteiisch, wenn es um Feminismus geht. So jagt es einem kalte Schauer den Rücken herunter, wenn das Buch Sozialarbeiterinnen zitiert, die auf die besondere Stärke von jungen Mädchen hinweisen: So muss sich Frau Dr. E am Telefon belehren lassen, als sie sich nach Hilfsmöglichkeiten für eine junge Tochter einer möglicherweise an Borderline erkrankten Frau erkundigt, dass Töchter durch die Bedürftigkeit der Mutter schon früh Frauensolidarität und das Zurückstellen der eigenen Bedürfnisse erlernen würden. Auf die Frage, wie denn der Sohn der Familie auf die Situation reagieren würde, ihn gelte es gegeben falls zu unterstützen, erhält die Sozialarbeiterin keine Antwort: Frau Dr. E. hat aufgelegt.

Juliane Beers Buch ist ein wichtiges und mutiges Buch. Es macht aufmerksam auf ein Leiden, das aus Scham verborgen wird. Ihr Roman ist fein und genau in der Beobachtung einer Frau, die in das System interveniert, das genau diese psychischen Krankheiten (Depressionen, psychotische Störungen) der Mütter hervorbringt. Dabei taucht während der Lektüre nicht selten die Frage auf, was denn als „normal“ und was als „krank“ gelte? Vielmehr zeigt sich z.B., dass genau die Reaktionen, die einen Menschen in eine Psychiatrie bringen, gesund sind, aber das soziale/familiäre Umfeld aus dem dieser Mensch stammt „krank“. Insbesondere die Tatsache, dass psychische Krankheiten verschwiegen und selbst innerhalb der Familie nicht als solche bezeichnet werden (dürfen), führt dann wiederum dazu, dass Angehörige zwischen Flucht und Selbstaufgabe gefangen sind oder aber selbst auch psychisch erkranken.

Der Roman verweigert sich individueller Schuldzuweisungen und einfachen Erklärungsmustern und nimmt unsere deutschen Aufbewahrungsanstalten ins Visier. Es ist zu hoffen, dass wenigstens eine Frau Dr. E. wirklich existiert. Sie betrachtet das Gespinst aus gesellschaftlichen Normierungen, die sich in Vorurteilen verschiedener Charaktere widerspiegeln: soziale Sorgearbeit als scheinbar selbstverständliche Frauenarbeit, Unterbezahlung von Ärztinnen, Sexismus am Arbeitsplatz, die Ausgrenzung von als alt wahrgenommen, pflegebedürftigen Menschen… Frau Dr. E. gleitet wie ein Schiff durch diesen furchteinflößenden Ozean, in dem Trauer und Angst und Verwirrung einer zerstörten Kindheit wabern. Doch sie lässt sich nicht kleinkriegen – Catch her, if you can! So eine weibliche Hochstaplerin hat die Welt gebraucht!

Juliane Beer: Frau Doktor E. liebt die Abendsonne. Hamburg, MARTA PRESS 2015. 236 S., EUR 14,90. ISBN 978-3944442310

Konstanze Hanitzsch ist Gender- und Literaturwissenschaftlerin. Sie lebt und arbeitet in Berlin.