Editorial_April2015

Literatur ist Dichtung, Dichtung ist Sprachkunst in Buchform, Sprachkunst in Buchform liest man alleine im häuslichen Lehnstuhl. Diese Annahmen über Literatur teilen wir alle nicht. Dichtung gibt es historisch länger als ‚Literatur’ im engeren Sinne, die seit dem 18. Jahrhundert als Teil der bürgerlichen Gesellschaft entstand. Diese trennt Literatur und Wissen, Geschichte und Geschichten, es ordnet Textkorpora Autoren zu, kanonisiert sie und erfindet damit Wertigkeiten (vgl. Undercurrents Nr. 3: „Was zählt als Literatur?“/Oktober 2013). ‚Literatur’ bezieht sich dann auf das Medium Schrift, in Buchform gepresst und im Allgemeinen von einsamen Leser_innen konsumiert. Doch ist das weder historisch noch aktuell die einzige Form literarischer Praxis. So stellte das kollektive Vorlesen bis zur Alphabetisierung breiter Bevölkerungskreise seit dem 19. Jahrhundert die gängige Form der Lektüre dar. Und heute ist beispielsweise die Autor_innen-Lesung eine zentrale literarische Praktik, auch wenn sie gegenüber dem Buch häufig als sekundär angesehen wird.

Dem trägt die Literaturwissenschaft zu selten Rechnung. Zwar deutet sie Texte heute nicht unbedingt als reinen Selbstzweck und interpretiert sie nur um des Interpretierens willen, sondern kennt historische, diskursive und kulturelle Kontexte, aus denen Literatur emergiert und auf die sie zurückwirkt. Literarischen Praktiken wie dem Literaturfestival, dem Poetry Slam oder anderen Formen der Lesung widmet sie sich dennoch selten. Und warum sollten nicht auch Konzerte oder Performances Teil der Literatur sein? Wenn das zuträfe, welche neue Vielfalt literarischer Praktiken könnte sich uns dann erschließen?

Wir nennen literarische Praktiken eine Vielfalt von Präsentationen in mündlicher, schriftlicher oder vertonter Form, einsam oder gemeinsam gelesen oder gehört. Damit wird deutlich mehr unter Literatur verstanden als die kanonisierten Höhenkamm-Werke im häuslichen Regal oder in der Bibliothek. Auch mehrere Kilo Goethe können die kollektive und vielfältige Produktion von Wortfolgen und Reimen, von Tönen und Texten nicht aufwiegen. Gerade subalterne Klassen kennen historisch und aktuell auch andere als die bürgerlichen Praktiken der Literatur – etwa Gesänge oder den Rap –, und sie könnten an Spielräumen gewinnen, wenn ihre literarische Praxis von Literaturtheoretiker_innen nicht ignoriert wird. Auch das Verhältnis von Öffentlichkeit und Literatur konfiguriert sich auf diese Weise neu, denn das Haus und das Individuum (also das ‚Private’) sind nicht mehr bevorzugter Ort der literarischen Produktion, Distribution und Konsumtion. Damit erweist sich die staatlich eingehegte Beschäftigung mit Literatur (also die Literaturwissenschaft) in ihrer heutigen Form der literarischen Vielfalt als unangemessen. Für die Linke ergeben sich daraus neue Potentiale, sei es theoretisch – durch einen breiteren Gegenstand und einen neuen Blick ohne Scheuklappen – oder praktisch – durch Möglichkeiten der öffentlichen und kollektiven Präsentation von Literatur, die dann vielleicht als linke literarische Kultur beschrieben werden könnte. Keine linke Bewegung kommt ohne literarische Praktiken aus, mittels derer Kritik sich manifestiert, Standpunkte formuliert und vorgetragen werden, aber auch Vernetzungen stattfinden und Solidarität geäußert wird.

Uns interessiert die Vielfalt linker literarischer Praktiken in dieser Ausgabe von Undercurrents nicht so sehr historisch – dazu sehe sich die/der geneigte Leser_in unsere neue Reihe zur Geschichte linker Literaturwissenschaft an, in welcher gerade nach 1968 vielfältige literarische Praktiken durchaus erforscht wurden. Statt dessen sondieren wir mit zwei aktuellen Stichproben aus erster Hand das Feld: Zunächst einem Essay von Manja Präkels (Auf Schatzsuche im Ramschladen der Geschichte) – Autorin, Komponistin, Sängerin und Betreiberin der

Gedankenmanufaktur WORT & TON – über das maßgeblich von ihr initiierte und organisierte Erich Mühsam Fest, auf dem Texte des von den Nazis ermordeten anarchistischen Dichters gelesen, performiert und – u.a. von Präkels’ Gruppe Der Singende Tresen – vertont wurden. Dies vor einem Publikum von Tausend Linken, so dass man gewiss sagen kann, dass Festivals wie diese – aber auch kleinere Zusammenhänge wie Lesegruppen – für eine kollektive linke Kultur eine weitaus größere Bedeutung zukommt als der Literaturauslegung im Hörsaal und am Schreibtisch. Basso Continuos anatomie einer soliparty über die linke Clubkultur geht dann an die Grenzen dessen, was literarische Praxis heißen könnte. Dabei ist der Text selbst bereits in hohem Maße poetisch. Und folgt man seinem flow, so ist vielleicht hinterher nicht mehr ganz so klar, wo die Poesie endet…

Außerhalb des Schwerpunkts beinhaltet die neue Ausgabe neben dem Interview mit Klaus Scherpe über die Geschichte linker Literaturwissenschaft zwei Rezensionen: Eine über die für Undercurrents sehr wertvolle Autorin Juliane Beer, die unverständlicherweise oder aus Gründen, die im Literatursystem liegen, immer noch nicht in großer Auflage publiziert wird, und eine über die Versuche des linken Literaturwissenschaftlers Franco Moretti, neue digitale Methoden mit linken Analysen von Literatur zu verbinden.

Redaktion Undercurrents, Berlin/Göttingen/New York, 4.4.2015

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