Interview_Sundermeier

Jörg Sundermeier ist Verleger des Verbrecher Verlags und Autor diverser Zeitungen und Magazine. Unter anderem schrieb er bis 2011 regelmäßig für die Jungle World die Kolummne „Der letzte linke Student“ – die ich immer sehr geliebt habe.

„Der letzte linke Student ist ein naiver Linker, der sich für einen Analytiker hält, jedoch durch seinen unbändigen Aktivismus und seine immense Eitelkeit immer zu falschen Schlüssen und zur Selbstglorifizierung verleitet wird. In seinem Denken und Handeln werden Kurzschlüsse und Fehlleistungen der Linken mit viel Ironie vor Augen geführt und reflektiert“ (so heißt es auf der Seite des Alibri Verlags, in dem „Der letzte linke Student“ 2004 erschienen ist).

Jörg Sundermeier ist außerdem Herausgeber zahlreicher Bücher, zuletzt: „Tief Ausatmen“ von Peter O. Chotjewitz (gemeinsam mit Cordula Güdemann). Außerdem ist er Autor der Bücher, „Der letzte linke Student kämpft weiter“ (2010) und „Heimatkunde Ostwestfalen“ (2010).

Undercurrents: Wie entstand die Idee zum „letzten linken Studenten“? Was studiert der eigentlich? Hast Du eine Vorstellung davon wie dieser die Geschichte einer deutschen linken Literaturwissenschaft beschreiben würde?

Sundermeier: Der letzte linke Student studiert leider vor allem sich selbst. Aber er ist Geisteswissenschaftler, das weiß ich. Wie er die Geschichte einer deutschen linken Literaturwissenschaft beschreiben würde – als eine der bedauernswerterweise die DDR ausgetrieben wurde. Und damit hat er Recht und Unrecht zugleich.

Undercurrents: Verlage wie der Verbrecher Verlag ermöglichen es, linke Literatur zu publizieren. Wie positioniert sich der Verbrecher Verlag gegenüber der universitären Literaturwissenschaft?

Sundermeier: Wir haben nicht viele Berührungspunkte, da wir zum großen Teil Primärtexte veröffentlichen. Seit einigen Monaten ändert sich das aber, was vielleicht daran liegt, dass viele Fachverlage überhaupt kein Verständnis mehr vom politischen Gehalt der Literaturwissenschaft haben. Und die Herausgeber_innen der Reihen scheinen geradezu Angst vor Politik zu haben – außer die politischen Statements, die die literaturwissenschaftlichen Aufsätze/Bücher ja eh beinhalten gehören zur in der Gesellschaft mehrheitlich vertretenen Ideologie, zum Common Sense. Es fällt also den Leuten im akademischen Betrieb sicher leichter einen Faschisten zu rehabilitieren als linke Autor_innen zu behandeln.

Undercurrents: In Eurem Verlagsprogramm finden sich auch Titel, die der etablierten Forschung entgegenarbeiten. Gerade erscheint bei Euch das Buch „Alfred Andersch desertiert. Fahnenflucht und Literatur (1944-1952)“ von Jörg Döring, Felix Römer und Rolf Seubert. Anhand militärhistorischer Akten wird überprüft inwiefern Andersch Selbstdarstellung als Deserteur der historischen Wahrheit entsprach. Damit rüttelt ihr auch an Mythen der Linken. Würdet ihr auch sagen, dass dies u.a. die Arbeit linker Literaturwissenschaft ist?

Sundermeier: Ja, auf jeden Fall, die Selbstüberprüfung gehört dazu. Immer und immer wieder.

Undercurrents: Ihr habt recht schnell feministische bzw. genderreflektierende Themen mit in Euer Verlagsprogramm aufgenommen. Ich erinnere mich noch an die Buchpräsentation von „Brüste kriegen“ (herausgegeben von Sarah Diehl). Welche Rolle spielen diese Themen für Euch in Eurem Verlag?

Sundermeier: Sie spielen – leider – noch eine zu kleine Rolle, aber wir bemühen uns, das zu ändern.

Undercurrents: Wie seid ihr auf die Suche nach Euren Büchern und Autor_innen gegangen, wie findet Ihr sie heute, was war und ist Euch dabei wichtig?

Sundermeier: Man findet sich. Manchmal sie uns, manchmal wir sie. Wie, das weiß ich nicht, ehrlich gesagt.

Undercurrents: Ihr gebt ja nicht nur deutsche Literatur und Sachbücher heraus: Welche Rolle spielen die Länder des ehemaligen sogenannten „Ostblocks“ in Eurem Verlag und welche der in ihnen zum Großteil gescheiterte Sozialismus/Kommunismus? Oder andersrum gefragt: Würdet Ihr/würdest Du den Verbrecher Verlag als kapitalismuskritisch beschreiben (ich denke da an das wahnsinnig tolle und sympathische Interview von Schernikau in „Königin im Dreck“ mit einer Inkasso-Kauffrau)?

Sundermeier: Ich finde eher, dass vieles im Verlag kapitalismuskritisch ist, ja, aber das heißt nicht, dass jedes Buch dies sein muss. Wir sind ein Literaturverlag, kein dogmatisches Parteiunternehmen. Nur achten wir darauf, dass keine Diskriminierungen in den Texten stattfinden.

Undercurrents: Mit der Publikation der noch existierenden Tagbücher von Erich Mühsam habt Ihr ein ehrgeiziges und tolles Projekt laufen. Wie schätzt Du die Bedeutung von Tagebüchern eines Anarchisten wie Mühsam ein?

Sundermeier: Mühsams Tagebücher sind sehr erzählerisch, deswegen macht es sehr viel Spaß, diese Tagebücher zu lesen. Andere haben wieder nur noch dokumentarischen Wert. Verallgemeinern kann man da nichts, es kommt sehr auf die Art an, wie diese Tagebücher abgefasst sind. Und auf die Autor_in.

Undercurrents: Gab es für Dich jemals die Frage „Universität oder Verlag?“ Und falls ja, weshalb hast Du Dich für den Verbrecher Verlag entschieden? Oder war das eher fließend und kann nur im Nachhinein als Entscheidung erzählt werden – das Leben ist ja meist sehr viel komplizierter.

Sundermeier: Nein, die Frage stellte sich nicht.

Undercurrents: Wie würdest Du Dein/Euer Verhältnis zu den sozialen Bewegungen beschreiben? Welche waren wann für Euch wichtig, und auf welche Weise habt Ihr/hast Du mit ihnen zu tun gehabt?

Sundermeier: Ich als Person war ihnen, wenn man es so nennen kann, distanziert zugewandt. Andere bei uns im Verlag sind engagierter. Aber das Politische prägt uns alle, nachhaltig.

Undercurrents: Welche Frage/welches Thema hast Du vermisst?

Sundermeier: Die Frage, wie man wieder verstärkt darauf aufmerksam machen kann, dass es keine unpolitische Literatur gibt.

Advertisements