Editorial_Undercurrents_Oktober2014

Befindet man sich im derzeitigen universitären Literaturwissenschaftsbetrieb, so drängt sich schnell das Gefühl auf, dass dieser mit einer politisch linken Praxis nicht mehr zu tun hat als deutsche Philatelisten-Vereine. Dass in der Geschichte eher seltener ‚Despoten dichten’ als gegen Diktatoren gedichtet wird, scheint nahezu vergessen. Vielleicht ist das gar nicht so überraschend. Ist denn nicht der Elfenbeinturm der Philologie eine hochspezialisierte Institution, welche die von der kapitalistischen Gesellschaft drangsalierten Massen, affirmativ gesagt, davon ‚entlastet’, eine kollektive literarische Intelligenz zu entwickeln? Für die wenigen, die innerhalb dieser Kulturverwaltungsmaschine privilegiert sind, ist eine ‚Angst vor (linker) Politik’ (Jörg Sundermeier) sozialpsychologisch nur zu gut verständlich, hieße die letztere in ihrer Konsequenz doch, am Ast zu sägen, auf dem man sitzt. Da diesen Ast nur die wenigsten erreichen, fokussieren sich viele auf die Frage, wie sie ihn erreichen könnten und haben dabei längst vergessen, warum – vom Beamtengehalt und -rente abgesehen – selbiger denn erstrebenswert sein sollte.

Nun ist Literaturwissenschaft, zumal linke, aber kein rein und nicht einmal ein primär universitäres Unternehmen. Wer vergisst, dass die Hochschul-Philologie qua Geld und staatlicher Institutionalisierung ein potentiell kritisches Unternehmen bereits gekapert und eingehegt hat, dem entgehen umgekehrt auch die existierenden nicht-universitären Formen literaturwissenschaftlicher Praxis (und allein diese Bezeichnung verbleibt in einer Rhetorik des Mangels, welche die Tatsachen verkehrt). Eine künftige Forschung zur Geschichte linker Literaturwissenschaft, für die diese Ausgabe von Undercurrents einen Anstoß geben möchte, muss sich also zu einem guten Teil den Steinbrüchen subkultureller Zeitschriften, linker Verlagspraxis (vgl. dazu unser Interview mit Jörg Sundermeier) oder politisch-literarischer Festivals (zuletzt etwa das Erich Mühsam-Festival in Berlin am 12.7.2014) widmen. Eine zentrale Frage sollte dabei sein, wie universitäre und andere Praktiken linker Literaturwissenschaft interagieren – oder auch, wie und warum sie sich ignorieren. Wie bedienen sie sich einerseits wechselseitig aus ihren Steinbrüchen und wie funktionieren sie andererseits autonom? Die Frage nach der Geschichte linker Literaturwissenschaft müsste also eine Reflexion auf verschiedene Formen der – mehr oder weniger – institutionalisierten Praxis sein und nicht nur eine Debatte über Theorien und Interpretationen von Literatur.

Auch ein Strang der universitären Literaturwissenschaft hat freilich eine linke Geschichte – darauf verweist in eindrücklicher Weise unsere Interviewpartnerin Inge Stephan. Dabei ging es in den Jahren nach 1968 oft nicht so sehr um Literaturtheorien und hermeneutische Traditionspflege als um die Edition von – gerade auch durch den Nationalsozialismus – verschütteten Texten. Linke Literaturwissenschaft in diesem Sinne kann vielleicht als kritische und auf den gegenwärtigen Moment reflektierende Wiederentdeckung und Neu-Repräsentation von vergessenen progressiven Strömungen, sozialen Gruppen und kulturpolitischen Projekten (wie der ‚deutschen Jakobiner’ oder unter patriarchalen Bedingungen schreibender Frauen) gelten, die von der herrschenden universitären Praxis weitestgehend ignoriert nunmehr nur an ihren Ränder zu finden sind. Heute gilt es, die Kanon-Kämpfe der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts und ihre linken Arbeiten, Methoden und Haltungen auszugraben und darüber nachzudenken, wo und wie an sie angeknüpft werden kann und soll. Es ist aber auch zu fragen, warum sie zu einem großen Teil abgebrochen sind, was sie versäumt haben, aber damit eben auch, welche Möglichkeiten sie offerieren, auf die heute zurückzukommen ist.

Undercurrents eröffnet mit dieser Ausgabe eine kursorische Serie durch die Geschichte linker Literaturwissenschaft, die Erfahrungen vergegenwärtigen, Archive neu erschließen und Vorstöße weitertreiben möchte.

Redaktion Undercurrents

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