Schaub_Rezension_Perera

In Karin Strucks autobiograpischem, in Tagebuchform organisiertem Roman Klassenliebe (1973) kommentiert die Erzählerin – Arbeiterin qua Klassenherkunft, Akademikerin qua Beruf – die Literatur der Arbeiter_innenbewegung:
„Denn was da bisher über die Arbeiterklasse, über die einfachen Leute, über die kleinen Leute, über die ollen Arbeiter da, über die Bauern mit den dicksten Kartoffeln, geschrieben wurde, das ist ja Makulatur. Kosmetik. Als ob es genüge, Demonstrationen zu beschreiben, den Aufbau von kommunistischen Betriebszellen, die Entwicklung von Klassenkämpfen. Die ollen Arbeiter da sind doch keine Marionetten. Wer schreit denn »Psychologismus«? Die Bürgerlichen haben durch ihre Literatur jede Kleinigkeit ihres Lebens groβgemacht. Sie haben sich gestärkt. Groβ machen. Wo anfangen? Und wie?“ (247)
Struck schreibt in einem Moment, in dem die Auseinandersetzung mit der Literatur der Arbeiter_innenbewegung in (West)Deutschland im Zuge der Student_innenbewegung boomt wie zu keiner anderen Zeit seit der Weimarer Republik. Ab den 1980ern wird das Interesse an dieser Literatur wieder weitestgehend aus dem literaturwissenschaftlichen Betrieb verschwinden. Überblickswerke wie Gerald Stiegs und Bernd Wittes Abriβ einer Geschichte der deutschen Arbeiterliteratur (1973) oder Frank Trommlers Sozialistische Literatur in Deutschland (1976) erscheinen, Quellensammlungen werden herausgegeben, und manche Romane neuaufgelegt. Vor allem die in KPD-Nähe in der späten Weimarer Republik enstandenen Rote Eine-Mark-Romane wurden dabei oftmals als authentisch betrachtet (vgl. diverse Nachworte in den Neuausgaben) oder etwa wegen ihrer Darstellungen von Geschlechterverhältnissen aufs Schärfste kritisiert (vgl. Michael Rohrwasser, Saubere Mädel, Starke Genossen (1975)).

Strucks Bezug auf diese in sich heterogene Literatur ist polemisch. Sie trifft allerdings ein grundlegendes Problem, das sowohl diese Literatur in Teilen selbst kennzeichnet als auch das spätere politische wie literaturwissenschaftliche Interesse an ihr: eine Art Verschwinden des Proletariats in seiner Heterogenität. Nicht „jede Kleinigkeit“ rückt in den Fokus, sondern lediglich ein Teil des Proletariats und zwar im Sinne von Makronarrativen der Arbeiter_innenbewegung, die mit Blick auf Revolution, Industrieproletariat, der Idee einer homogenen Klasse, politischen Kampf und Kollektivität strukturiert sind. Diese Emphase machte im Kontext der Weimare Republik durchaus Sinn, da Arbeiter_innen massenmedial und von bürgerlicher Seite die Fähigkeit zu politischer Partizipation abgesprochen wurde – ein Filmklassiker wie Fritz Lang’s Metropolis (1927) veranschaulicht dies nur zu deutlich.

Strucks Roman, der literaturwissenschaftlich eher im Kontext der sogenannten Neuen Subjektivität als im Zusammenhang mit proletarischer Literatur rezipiert wurde, imaginiert proletarisches Leben und in der Tat proletarisches Schreiben jenseits eines solchen engen Verständnisses. Klassenliebe kann als Entwurf einer anderen Art von Arbeiter_innenliteratur verstanden werden. Der Roman fordert ein anderes politisches wie literaturwissenschaftliches Verständnis von Arbeiter_innenliteratur, eine Neuorientierung des Interesses. Ich würde behaupten, dass sich Spuren einer solchen Imagination des Proletariats, wie sie Struck fordert, in Texten von Autor_innen der Weimarer Republik finden, wenn sich der Blick auf sie anders orientiert als das in den Diskussionen der 1970er und 80er der Fall war – in Texten etwa von Franz Jung, Anna Seghers, Kurt Kläber, Ludwig Turek. Was dann sichtbar wird, ist eine durchaus autokritische Tradition, die Annahmen davon, was das Proletariat und was eine proletarische Literatur sei, hinterfragt und umschreibt.

Sonali Perera’s No Country. Working-Class Writing in the Age of Globalization ist mit der Neukonzeptualisierung genau dieses Gegenstandsbereiches der proletarischen Literatur beschäftigt – mit der Frage also, was als Arbeiter_innenliteratur verstanden wurde bzw. wird und wie eine neukonzipierte, hier nun globale proletarische Literatur aussehen könnte. Die Spivak-Schülerin nähert sich ihrem Gegenstand unter gänzlich anderen diskursiven Bedingungen als Struck oder die Forschenden und kulturpolitischen Aktivist_innen der 1970er in Deutschland.

Ihre Monographie muss im Kontext einer Strömung innerhalb der vor allem US-amerikanischen Vergleichenden Literaturwissenschaft gesehen werden, in der sich postcolonial studies, Feminismus, Marxismus, und Dekonstruktion mischen und die etwa am Institute for Comparative Literature and Society der Columbia University in New York, wo Perera promoviert hat und wo auch Spivak lehrt, institutionalisiert worden ist. Es handelt sich hier zudem um ein geisteswissenschaftliches Umfeld, das von Fragen nach Transnationalität, Migration, Diaspora oder Hybridität zumindest teildominiert wird. In anderen Worten: Die Annahme eines in welcher Weise auch immer homogenen Proletariats, die die kulturpolitischen Debatten und künstlerische Produktion während der Weimarer Republik und die daran anschlieβenden Diskussionen der 1970er und 1980er Jahre oftmals bestimmte (nicht selten gerade als Reaktion auf die reale Fragmentierung der Arbeiter_innenklasse), ist nicht Ausgangspunkt von Pereras Überlegungen.

Zugleich legt sie ihrer Untersuchung plausibler Weise keinen nationalen Rahmen zugrunde, sondern konzipiert Arbeiter_innenliteratur explizit als internationalistisch. Ihre Autor_innen, von denen die meisten in English schreiben, sind verortet in den U.S.A. (Tillie Olsen), Südafrika/Botswana (Bessie Head), Indien (Mahasweta Devi, Mulk Raj Anand), Sri Lanka/England (Ambalavaner Sivanandan), Sri Lanka (das Kollektiv der Zeitung Dabindu initiert 1984 von Arbeiterinnen und Aktivist_innen, über das ich gerne mehr gelesen hätte). Pereras Buch öffnet so ein transnationales, proletarisches Literaturarchiv. Sie skizziert eine internationalistische Form von Weltliteratur und ein alternatives literarisches Denken über die Welt, welche in den meisten akademischen Debatten über Weltliteratur keinen Eingang finden können, da diese sich in der Regel am (bürgerlichen) Kanon, an auf dem globalen (oftmals vor allem westlichen) Buchmarkt zirkulierenden Texten oder an Geboten ästhetischer Autonomie als Kritierum von dem, was Literatur ist, orientieren. „Die andere Genealogie“, wie Perera richtig schreibt, „wird aus den Kartographien einer globalen Gelehrtenwelt [world republic of letters] und von bestimmten begrenzten Karten der transnationalen literarischen Moderne [transnational modernism] verdrängt“ (5).

Perera beginnt mit der Feststellung, dass internationaler Arbeitsteilung ein Strukturproblem darstelle. Dadurch komme es nicht zur Heraubildung internationalistischer Solidarität, sondern zur „Verschlimmerung von Teilungen“ (3) innerhalb des globalen Proletariats, vor allem entlang der Nord-Süd-Achse. Und sie fragt, ob und wie es unter diesen Umständen etwa „einen Roman der internationalen Arbeiter_innenklasse“ (4) geben könne. Ihre Antwort ist, „dass proletarische Literatur nur im Sinne von Wechselbeziehungen und dialogischen Spannungen verstanden werden kann“ (4) und „proletarische Literatur als Unterbrechung/Störung [interruption]“ (8) konzeptualisiert werden müsse – und zwar als Störung von identitätspolitischen Narrativen von Klasse, Arbeiter_innenbewegung und Internationalismus, die ein einheitliches revolutionäres Subjekt voraussetzten.

Ihre Untersuchung zielt darauf, proletarische Literatur jenseits der „Zeitleiste und Denkweise von Revolutionen und bestimmten erfolgreichen nationalen Arbeitskämpfen“ (4, Hervorhebung i.O.) zu denken. Sie fokussiert die ‚Kleinigkeiten‘, die Struck eingeklagt hatte, nicht nur „die epochalen Momente, sondern auch […] die flüchtigen Formen und die manchmal abgewerteten, ausrangierten Teile“ (14). Durch Pereras Rekalibrierung des Blicks auf proletarische Literatur im globalen Maβstab rücken neue Thematiken in den Fokus, so zum Beispiel: die Figur der/des Subalternen des globalen Südens, die/der nicht innerhalb der Logik der Arbeiter_innenbewegung erzählt werden kann, ländliche Räume als „ideological blind spot“ (125) in den Poetiken und der Politik der Arbeiter_innenbewegung, Schizophrenie, Entfremdung und „nonbelonging“ (163) als Grundlagen internationalistischer Solidarität jenseits von identitären Ursprungserzählungen, als Teil eines „auf den/die Andere zentrierten Blicks auf die Welt [other-centered world vision]“ (170), Alltag als primärer Raum von Solidarität, Ethik, und Geschichte. Hervorzuheben ist gerade auch Pereras Interesse an Geschlecht und Proletarierinnen im Globalen Süden: Das Subjekt des Internationalismus wird in seiner Vergeschlechtlichung als männlich in Frage gestellt.

Perera versucht so das zu erweitern, was thematisch als proletarische Literatur verstanden werden kann, indem sie die Dichotomien bisheriger Forschung, Ästhetik und Politik hinterfragt. Auf der Ebene der Form wendet sie sich gegen literaturwissenschaftliche Traditionen, die proletarische Literatur fast ausschlieβlich mit Ästhetiken wie „dokumentarischem Realismus oder biograpischer Zeugenschaft“ (5) identifizieren. Im Gegensatz dazu sei „proletarische Literatur ein Genre ohne festgelegte Prinzipien“ (11). Da das Proletariat nicht identitätspolitisch bestimmt werden kann und seine Formen ständig verändert, ist auch seine Literatur „durch eine unvollendete und deshalb notwendig kollaborative Form charakterisiert“ (11, Hervorhebung i.O.) – proletarische Literatur repräsentiert hier eine Formation, die offen und kollektiv in dem Sinne ist, dass nicht nur Schriftsteller_innen, sondern Aktivistin_nnen und Leser_innen sie ständig weiter- und umschreiben.

Die Annahme einer Offenheit des Textes, die Perera in allen ihren Lektüren leitet, rückt die besprochenen Texte in die Nähe modernistischer und postmodernistischer Schreibweisen. Sie löst die Idee proletarischer Literatur aus einer einseitigen Festlegung auf einen miβverstandenen, homogenisierten (sozialistischen) Realismus. Es ist daher ein Verdienst dieses Buches, dass es die Dichotomie von Avantgarde/literarischer Moderne einerseits und proletarischer Literatur/Realismus anderseits unterläuft. Diese Dichotome hat allerdings für die Ästhetik von Autor_innen wie Seghers, Brecht oder Jung nie gegolten und ist eher literaturpolitischen Interventionen wie denen von Georg Lukàcs oder der Doktrin des sozialistischen Realismus geschuldet.

Pereras Emphase auf dem unabgeschlossenen und kollektiven Charakter proletarischer Literatur ist wichtig. Ähnlich wie bei Spivak wird bei Perera nämlich zumindest implizit das Lesen als Training der Imagination begriffen: als Akt, in dem herrschaftliche Imaginarien in Frage gestellt und andere Welten vorgestellt werden können – hier zuvorderst ein anderes Denken über internationalistische proletarische Literatur im Zeitalter der Globalisierung. Perera konzipiert diesen ästhetisch-dialogischen Prozess, den proletarische Literatur und ihre Leser_innen performieren, als einen ethischen. In einer Situation ohne geschichtsphilosophische Garantien auf geschichtlichen Fortschritt (Revolution, Emanzipation, etc.) wird in diesem Prozess ein solidarisches und empathisches Verhalten zueinander praktiziert – mit Spivak und irgendwie etwas enttäuschend: „Eigennutz als kollektiver Nutzen – ‚die Sorge um andere als Sorge um sich selbst‘“ (12). Durch eine solche Ethik, so scheinbar die Idee, soll die Fokussierung auf Eigennutz und damit auch die globale Spaltung des Proletariats (z.B. entlang nationaler Interessen) problematisiert werden und ein anderes Verhalten und eine neue Imagination erprobt werden. Perera versucht hier dann also nichts weniger als die Umrisse einer sozialistischen Ethik zu entwerfen, eine Aufgabe, die in der Geschichte des Marxismus – wie sie richtig feststellt – in der Tat eher marginale Beachtung fand. Die Texte, die sie bespricht, stellen Beispiele dar, die eine solche Ethik literarisch diskutieren und ihr Form geben, zugleich laden sie die Leser_innen ein, sich als sozialistische, ethische Subjekt zu betätigen.

Pereras Lektüren gehen leider oftmals in fragmentarische und sehr assoziative theoretische Überlegungen über, denen nicht immer leicht zu folgen ist, was auch einem leseunfreundlichen, teils jargonhaften Stil geschuldet sein dürfte. Trotzdem ist das Buch geduldigen Leser_innen zu empfehlen. Es gibt Anstöβe dazu, eine nicht nur in der deutschen Germanistik weitestgehend vergessene literarische Strömung wiederzuentdecken, und es stellt eine wichtige Intervention in zeitgenössische Debatten über Weltliteratur dar, in denen Klasse keine Rolle spielt und globale Ungleichheit allzu oft in Diskussionen über kosmopolitische Ethiken verschwindet.

Sonali Perera: No Country. Working-Class Writing in the Age of Globalization. New York: Columbia University Press, 2014. 230 S.

Karin Struck: Klassenliebe. Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag, 1973.

Christoph Schaub promoviert in Germanistik an der Columbia University in New York.

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