Interview Ulrike Stamm

I. Prekarität 

Undercurrents: Inwiefern ist es sinnvoll, bei Arbeitsverhältnissen von Literaturwissenschaftler_innen von ‚Prekarität’ zu reden? Welche Implikationen hat das und welche Bündnisse ermöglicht es (oder auch nicht)?

Ulrike Stamm: Ja, es ist auf jeden Fall sinnvoll und wichtig, die prekären Verhältnisse zu thematisieren, in denen sehr viele Geisteswissenschaftler_innen zunehmend leben. Es wäre zu hoffen, dass der Begriff auch die Augen dafür öffnet, dass die ungesicherten und minimal bezahlten Arbeitszusammenhänge eben kein persönliches Versagen darstellen, sondern ein strukturelles Problem sind, das nicht einzeln, sondern nur gemeinsam bekämpft werden kann – eine Sichtweise, die für Literaturwissenschaftler_innen, die traditionell allein arbeiten, erst einmal wenig naheliegend erscheint.

Bündnisse eröffnet der Begriff insofern bisher kaum; ich denke, viele befürchten, dass sich ihre Chancen weiter verschlechtern, wenn sie sich wehren und unter diesem Begriff zusammenschließen, der ja zugleich wenig ehrenvoll und recht negativ klingt. Vielleicht wäre sogar ein Ausdruck wie „Grenzgänger am Arbeitsmarkt“, der in der Soziologie verwendet wird, sinnvoller, da er doch leichter auch positiv zu besetzen ist.

Undercurrents: Ist neben der Prekarität auch die Bezeichnung ‚Prekariat’ sinnvoll? Warum wäre sie der Kategorie der Klasse vorzuziehen – oder umgekehrt diese jener?

Ulrike Stamm: Mir liegt der Begriff Prekarität zunächst näher, denn Prekariat klingt erstmal noch deprimierender – aber das gerade wäre vielleicht auch die Stärke dieses Begriffs, wenn es darum geht, die extrem schwierigen, ja destruktiven Arbeitsbedingungen abzubilden, unter denen geisteswissenschaftliche Forschung inzwischen oft vor sich geht. Zudem würde ich Prekariat der Klasse vorziehen, da Literaturwissenschaftler_innen ihre Herkunft aus einer sozial und finanziell zumeist privilegierten Klasse ja nicht dadurch ablegen, dass sie in prekären Verhältnissen arbeiten.

Undercurrents: Werden die prekärsten Tätigkeiten, auch im Arbeitsfeld der Literaturwissenschaft, in erster Linie Leuten zugewiesen, die innerhalb der geschlechtlichen, ethnisierenden und kapitalistischen Herrschaftsordnung am unteren Ende platziert sind? Oder sind sie in diesem Feld sogar prinzipiell nicht repräsentiert?

Ulrike Stamm: So einfach kann man das nicht sagen; aber es ist sicherlich weiterhin so, dass Frauen sowie insbesondere Teilnehmer_innen am wissenschaftlichen Diskurs mit Migrationshintergrund sehr viel stärker von prekären Arbeitszusammenhängen betroffen sind als deutsche Männer. Die Frage der Repräsentation scheint mir dabei besonders ambivalent, denn es gibt natürlich verschiedene Nischen, in denen einzelne Gruppen eine Repräsentation finden – so bspw. durch besondere Programme zur Förderung von gender/queer-Themen, aber diese Form der Förderung bedeutet auf der anderen Seite, dass diese Gruppen umso schwieriger in ‚normale’ Arbeitsverhältnisse gelangen; sie bleiben gewissermaßen in der Nische fixiert und werden gerade durch die Förderung wiederum symbolisch aus dem System heraus gehalten.

II. Arbeitskämpfe

Undercurrents: Wer oder was bestimmt eigentlich, was in der Literaturwissenschaft als Arbeit gilt? Einfach das Anstellungsverhältnis? Aber sollte die Beschäftigung mit Literatur nur über die Lohnarbeit definiert werden und nicht beispielsweise auch als otium (lat. Muße)? Gibt es sinnvolle andere Definitionen?

Ulrike Stamm: Man könnte auch sagen, Arbeit wird letztlich durch Bezahlung definiert; wer nicht bezahlt wird, arbeitet auch nicht, obwohl viele ja auch ohne Bezahlung unterrichten, prüfen usw. Das ist jedenfalls die für Privatdozent_innen schwierige Situation, denn man sitzt zwischen den Stühlen von Mitarbeiten und Nicht-Mitarbeiten; insofern gilt diese Tätigkeit auch für die PDs selbst nicht wirklich als Arbeit oder nur als deklassierte Arbeit, da sie nicht bezahlt wird.

Andererseits ist der Arbeitsbegriff für Literaturwissenschaftler_innen gerade deshalb schwer einzusetzen, da die Beschäftigung mit Literatur ja immer als eine Art Liebhaberei galt; diese frühe Einfärbung bleibt wirksam und selbst wenn man für die Tätigkeit angestellt ist und bezahlt wird, fehlt ihr die vollständige Legitimation einer sozusagen ‚wirklichen’ Arbeit. Allerdings wird die literaturwissenschaftliche Arbeit auch nur in geringem Maß als ‚schöpferischer Prozess’ gesehen, denn diesen Bereich besetzt ja schon die Literatur selbst, zu der sich die Literaturwissenschaft häufig in einem nicht unambivalenten Verhältnis befindet. So ist die Literaturwissenschaft abhängig von der Literatur und kann sich schlecht als vergleichbar kreativ definieren. Das ist sozusagen die Krux der Literaturwissenschaft, die von daher keinen Arbeitsbegriff entwickeln kann, der befreiende Selbstkonstitution oder Kreativität ins Zentrum stellt. Darüber hinaus ist die Definition der Literaturwissenschaft als Muße ein Stück weit sowieso gegeben und nicht wirklich hilfreich dafür, eine angemessene Belohnung einzufordern. Eine Aufwertung des Konzepts ‚Muße’ wäre zwar wichtig im Gegenzug zu der Karriere des Arbeitsbegriffs, aber da sehe ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine Chancen gegen den galoppierenden Kapitalismus.

Undercurrents: Sollten wir dafür kämpfen, dass literaturwissenschaftliche Tätigkeiten in höherem Maße als Arbeit anerkannt werden und besser entlohnt sowie entfristet werden (z.B. gewerkschaftlich)? Oder sollte in erster Linie das Arbeitsregime in der Literaturwissenschaft mit seinem Dauerantragsschreiben, Evaluationswesen und zunehmenden Büropräsenzzeiten bekämpft werden? Wie können diese Auseinandersetzungen aussehen?

Ulrike Stamm: Jedenfalls sollte die Tätigkeit als Literaturwissenschaftler_in entfristet und besser entlohnt werden; dafür müsste zunächst einmal das vorhandene Interesse an Literatur gesellschaftlich insgesamt ernster genommen werden. Es ist ja nicht so, dass nicht viele Menschen/Student_innen sich für Literatur interessieren und daher auch Interesse an Vermittlungsformen/am Studium der Literaturwissenschaft haben. Aber dieses insgesamt große  Interesse wird in seiner tatsächlichen, gesellschaftlichen Relevanz zu wenig anerkannt. Möglicherweise müsste sich die Literaturwissenschaft entsprechend stärker als im engeren Sinne gesellschaftlich relevanter Bereich definieren, der aber gleichwohl auch mit ästhetischen, also nicht unmittelbar aufs Soziale abbildbaren Fragen befasst ist – kein leichter Spagat.

Unabdingbar ist es sicherlich, das Antragswesen zu bekämpfen, das müssten aber die Betroffenen selber sehr viel stärker leisten und zwar vor allem die Gruppe der Professor_innen. Es ist ja sowieso eines der großen heutigen Rätsel, wieso die  höchstausgebildete Berufsgruppe der Professor_innen nicht mehr gegen die für sie immer schlechter werdenden Arbeitsbedingungen unternimmt und sich nicht entschiedener gegen die hierfür verantwortlichen Strukturen wehrt oder wehren kann.

Undercurrents: Was – wenn überhaupt etwas – ist spezifisch an literaturwissenschaftlichen Arbeitsverhältnissen und Arbeitskämpfen im Gegensatz zu denen in anderen Arbeitsfeldern und in anderen Disziplinen? Und spielt dabei die Unterscheidung von am Nutzen orientierten Wissenschaften und solchen, die eine Gesellschaft sich leisten kann, aber nicht muss, eine Rolle?

Ulrike Stamm: Ja, natürlich spielt die Unterscheidung von nutzvoller und ‚nutzloser’ Wissenschaft die entscheidende Rolle für die Möglichkeiten von Literaturwissenschaftler_innen, sich zur Wehr zu setzen und Geld einzufordern. Sie argumentieren immer viel zu sehr aus der Defensive und können – oder wollen – nicht vermitteln, dass Literatur und damit auch Literaturwissenschaft unabdingbar sind für die Verständigung einer – demokratischen – Gesellschaft über sich selbst. Allerdings gibt es im Bereich der Philologien momentan ja einige Versuche, das stärker zu fokussieren, aber wie und ob überhaupt das erfolgreich sein kann, ist noch offen.

Undercurrents: Welche Stellenprofile im Bereich Literaturwissenschaft wären mittelfristig anzustreben?

Ulrike Stamm: Es müsste wieder einen Mittelbau mit Lebensstellen geben – wie in vielen anderen europäischen Ländern – jedenfalls in England und Frankreich einen recht umfangreichen. Das würde etwas Druck aus dem ganzen System nehmen und wäre auch insofern eine Veränderung, als damit die Lehre nicht notwendig an die Habilitation gebunden wäre. Außerdem müsste jede Lehre bezahlt werden, Geld für Arbeit wäre das grundlegende Prinzip, das erst mal durchgesetzt werden müsste.

III. Arbeit in der Literatur

Undercurrents: Wie verhält sich Arbeit im Bereich der Literatur zu den Kategorien Muße, Freiheit, Freizeit, Faulheit? Ist eine Darstellung von Arbeitsverhältnissen für eine sich als progressiv verstehende Literaturanalyse von besonderem Interesse? Oder, wie z.B. Jacques Rancière annimmt, gerade im Gegenteil eine Darstellung der Momente, in denen die Arbeitswelt verlassen werden kann?

Ulrike Stamm: Eine Darstellung von Arbeitsverhältnissen müsste meines Erachtens neben den Strukturen verstärkt die dazu gehörigen Mentalitäten vorführen und problematisieren. Momente, an denen die Arbeitswelt verlassen wird – aber vielleicht nicht wirklich geglückt verlassen wird –, werden meines Erachtens häufig in der Literatur dargestellt.

Undercurrents: Welche Rolle spielt Arbeit als systematische Kategorie in (Ihren) literaturwissenschaftlichen Forschungen? Und welche sollte sie in der Literaturwissenschaft spielen?

Ulrike Stamm: Sie spielt bisher keine Rolle, aber ich werde mal darüber nachdenken, ob das nicht speziell im Zusammenhang mit postkolonialer Theorie eine in Zukunft dringend zu berücksichtigende Leerstelle darstellt.

Ulrike Stamm, Privatdozentin für deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin und Lehrbeauftragte an der Leuphana-Universität Lüneburg, arbeitet zu den Forschungsschwerpunkten feministische Literaturwissenschaft, Orientalismus, postkoloniale Theorie, Tiere in der Literatur und Anerkennung als theoretisches und literarisches Thema.

Advertisements