Interview Martin Jörg Schäfer

I. Prekarität

Undercurrents: Inwiefern ist es sinnvoll, bei Arbeitsverhältnissen von Literaturwissenschaftler_innen von ‚Prekarität’ zu reden? Welche Implikationen hat das und welche Bündnisse ermöglicht es (oder auch nicht)?

Martin Jörg Schäfer: Literaturwissenschaftliche Arbeitsverhältnisse unterscheiden sich in der Bundesrepublik derzeit nur wenig von denen in den meisten anderen Wissenschaften: Es gibt immer noch eine Reihe von ordentlich und manchmal mehr als ordentlich vergüteten akademischen Festanstellungen, bei denen von Prekarität natürlich überhaupt keine Rede sein kann. Für die große Mehrzahl der literaturwissenschaftlich arbeitenden Menschen gelten allerdings dieselben ungesicherten Beschäftigungsverhältnisse wie in den meisten anderen akademischen Fächern auch: An die Stelle zeitlich zwar befristeter aber doch eine Weile gesicherter Arbeit ermöglichender Qualifikationsstellen treten verstärkt manchmal sehr kurze und oft schlecht bezahlte Beschäftigungsverhältnisse, unregelmäßige Lehraufträge, Phasen der Arbeitslosigkeit in der Projektantragsmühle etc. Von Prekarität ist hier nicht zuletzt im Wortsinne zu sprechen: Die Betroffenen treten in einem Geflecht von Abhängigkeiten als Bittstellende auf, und das in recht kurzen Zeitabständen immer wieder. Die chronische Arbeitsüberlastung derjenigen, die eine gesicherte Festanstellung erlangt haben und nun einen kleinen Kuchen an zu viele Interessierte verteilen oder diese zumindest ‚fördern’ sollen, macht die Lage nicht besser. Strukturell behindert das eigentlich gegenseitige Solidarisierung. In der Praxis lässt sich aber zum Glück auch oft das Gegenteil erleben: das Bewusstsein, gemeinsam in einer manchmal groteske Züge annehmenden Lage zu stecken.

Man kann all dies als eine Prekarität (im Sinne von Unsicherheit) des wissenschaftlichen Arbeitens und Fragens generell abtun: Wissenschaftliche Arbeit definiert sich demnach gerade darüber, dass man am Anfang nicht weiß, ob am Ende etwas mehr oder weniger Prägnantes und vielleicht sogar Anschlussfähiges dabei herauskommt. Die akademische Laufbahn ist demnach eben keine gesicherte Berufskarriere. Daran stimmt sicher einiges. Aber nur unter der Bedingung, dass auch wirklich die Rahmen zur Verfügung gestellt werden, in denen Projekte über einen angemessenen Zeitraum angemessen durchgeführt werden können. Das ist derzeit immer weniger der Fall. Glücklich sind diejenigen, die auf finanzielle Rücklagen von außerhalb des Betriebs zurückgreifen können. 

Prekär ist nicht zuletzt auch die Lage der Literaturwissenschaft selbst, die sich immer neu angesichts der finanziellen Engpässe legitimieren muss. Zu was ist sie, die sich doch so schlecht ökonomisch verwerten lässt, eigentlich ‚nütze’? Was liefert eine Literaturwissenschaft, die zu einem großen Teil ja auch Wissen tradiert, indem sie es weiter und anders reproduziert, eigentlich für ‚neue’ ‚Ergebnisse’? Die in anderen Sprachen unübliche Bezeichnung von der ‚Wissenschaft’ der Literatur ist in diesen Debatten manchmal nicht sonderlich hilfreich. Denn derzeit wird die akademische Auseinandersetzung mit Literatur an den Ergebnissen der ‚hard sciences’ oder der Praktikabilität des Erlernten auf dem Arbeitsmarkts gemessen.

Gegenüber den Universitätsleitungen geschieht diese Legitimierung für die deutsch- und englischsprachigen und romanischen Literaturen derzeit oft unter Verweis auf die geleistete Lehramtsausbildung (solange diese noch nicht als Berufsausbildung organisiert wird). Auch hier geht es also oft um Bittstellerei, Trickserei und einen Konkurrenzkampf um Ressourcen, der eine gegenseitige Solidarisierung erschwert. Letzterer vermischt sich nicht nur in der Literaturwissenschaft mit der wissenschaftlichen Debatte um die Definitionshoheit (über den letzten theoretischen Turn, über die Rückkehr zur ‚Wahrheit’ usw.). Die sich im Wissenschaftsbetrieb auch dort, wo am redlichsten diskutiert wird, immer ausbildenden sozialen Strukturen werden angesichts der monetären Engpässe weiter strapaziert: Mag man diese Strukturen nun mit Schlagworten wie ‚wechselnde Forschungsmoden’ sowie freundlich gesprochen ‚Loyalitäts-, Verantwortungs- und Freundschaftsnetzwerke’ oder unfreundlich: ‚Tribalismus’ und ‚Nepotismus’ fassen.

Solidarisierungen, wie sie derzeit an großen US-amerikanischen Universitäten mit und zwischen anderen prekär Angestellten gängig sind, werden in dieser Lage zwar möglich. Der Umstand, dass Menschen, die in der heutigen Literaturwissenschaft arbeiten, häufig aus ehemals ‚gesicherten Verhältnissen’ stammen, lenkt dann ein gewisses Maß an medialer Aufmerksamkeit auf das Phänomen der Prekarität generell. Ob daraus auf längere Sicht tragfähige Verbindungen entstehen, vermag ich nicht zu sagen. Alle mir bekannten ‚pragmatischen Lösungsvorschläge’ bezüglich der Akademie laufen auf verlässlichere Arbeitsverhältnisse für wenige im Betrieb Verankerte mit höherer Arbeitsbelastung für diese hinaus. Also letztlich auf eine gedrosselte Produktion von weniger ‚Nachwuchs’ durch härtere Zugangsbeschränkungen gleich zur Promotion. Oder durch den Versuch, diese auch anderweitig ‚berufsqualifizierend’ auszurichten. Damit sind aber ganz andere wissenschaftspolitische Diskussionen aufgemacht. Wer darf denn warum weitermachen und was ist mit den anderen? 

Undercurrents:  Ist neben der Prekarität auch die Bezeichnung ‚Prekariat’ sinnvoll? Warum wäre sie der Kategorie der Klasse vorzuziehen – oder umgekehrt diese jener?

Martin Jörg Schäfer: Ich finde beide Begriffe, ‚Prekariat’ wie ‚Klasse’, schwierig bzw. ihre Verwendung oft nicht sinnvoll. Der Klassenbegriff war schon immer problematisch, wenn auch vielleicht in einigen historischen Konstellationen strategisch wichtig (im guten wie im schlechten Sinne). Die derzeitige Dynamik universitärer Prekarität speist sich aus dem Versprechen der eines Tages möglichen Festanstellung. Dass der Übergang aus der jahrelangen Prekarität in die Lebenszeitanstellung zwar rechnerisch höchst unwahrscheinlich ist, aber nichtsdestotrotz möglich scheint und dies praktisch auch ist, hält viele Betroffene so lange bei der Stange. Ob statt der Professur oder zumindest einer festen Stelle die Langzeitarbeitslosigkeit bzw. ‚berufliche Umorientierung’ am Ende der literaturwissenschaftlichen Arbeit steht, stellt sich ja oft erst mit Mitte 40 oder später heraus.

Zu den global präsenten working poor, die sich von Job zu Job hangeln oder auch mit mehreren Jobs nicht überleben können, gibt es in den Phasen der Unsicherheit sicher Parallelen. Die hören aber sofort auf, sobald man das großartige oder mittelprächtige Stipendium abgestaubt hat – auch wenn dieses nur 12 Monate läuft. Nach sechs Monaten geht dann wieder die Suche in der Hoffnung los, dass der zerstückelte wissenschaftliche Lebenslauf eines Tages innovativ erscheinen und zur Bestätigung der eigenen wissenschaftlichen Exzellenz geführt haben wird. – Für einige klappt das ja auch. In den 2000ern, als die Jobcenter nur Agenturen für Arbeit hießen, war diese Art des Selbstentwurfs durch einen ‚kreativen’ Lebenslauf in der Bundesrepublik ja ein gängiges Narrativ für jegliche Art der temporären Beschäftigung von ganz oben bis ganz unten auf der Lohnskala. Das ist nur noch eingeschränkt so; Jobs sind Jobs. Und vielleicht ist es deswegen für diese working poor tatsächlich sinnvoll von ‚Prekariat’ zu sprechen. Aber ich glaube erstens nicht, dass universitäre Prekarität damit so einfach zu verrechnen ist. Und zweitens suggeriert der Begriff des ‚Prekariats’, wenn man ihn denn in einem politischen Sinne verstehen möchte, es ginge vor allem um Absicherung der entsprechenden Verhältnisse: um Sozialgesetzgebung und Arbeitsrecht statt um eine grundlegendere Veränderung. 

Undercurrents: Werden die prekärsten Tätigkeiten, auch im Arbeitsfeld der Literaturwissenschaft, in erster Linie Leuten zugewiesen, die innerhalb der geschlechtlichen, ethnisierenden und kapitalistischen Herrschaftsordnung am unteren Ende platziert sind? Oder sind sie in diesem Feld sogar prinzipiell nicht repräsentiert?

Martin Jörg Schäfer: Das hängt davon ab, was man unter dem „Arbeitsfeld der Literaturwissenschaft“ versteht. Unsere Arbeit spielt sich ja häufig in den staatlichen Gebäuden der Universität ab. Deren Aufrechterhaltung durch Reinigungskräfte, Mensabetrieb etc. läuft natürlich inzwischen oft aus Sparzwängen über Outsourcing. Sprich: Man kommt durchaus mit Menschen in oberflächlichen Kontakt, die vor allem sozial marginalisiert sind – und dies oft, weil sie auch ethnisch und geschlechtlich marginalisiert sind. In diesem Sinne trifft die Beobachtung sicher zu. Ansonsten sind bestimmte vor allem soziale Gruppen natürlich universitär völlig unterrepräsentiert. Für andere Marginalisierungen gelten ähnliche Diskriminierungen (inkl. des manchmal zugeteilten Exotenbonus) wie außerhalb des Elfenbeinturms auch. Das immer noch akute Phänomen, dass der überwältigende Frauenanteil unter den Studierenden der Literaturwissenschaft ab Promotion auf groteske Weise schrumpft, kann ich mir immer noch nicht erklären. Die gängigen Erklärungsmodelle scheinen mir zu kurz zu greifen. Vielleicht bin ich da als Mann aber auch blind.

II. Arbeitskämpfe

Undercurrents: Wer oder was bestimmt eigentlich, was in der Literaturwissenschaft als Arbeit gilt? Einfach das Anstellungsverhältnis? Aber sollte die Beschäftigung mit Literatur nur über die Lohnarbeit definiert werden und nicht beispielsweise auch als otium (lat. Muße)? Gibt es sinnvolle andere Definitionen?

Martin Jörg Schäfer: Zu den traditionell von den antiken Autoritäten des Wissens überlieferten und seitdem beständig variierten (oder manchmal vergessenen) Definitionen eines ‚Studiums’ gehören ja immer die Aspekte des altgriechischen schole oder des lateinischen otium: von der zweckfreien Muße, die natürlich in Fächern noch nötiger ist, in denen es nicht nur darum geht, sich Wissen anzueignen und es reproduzieren zu können, sondern auch manchmal unerwartete Zusammenhänge und Verbindungen herzustellen. Nietzsches Klage aus den 1870ern, die Universitäten wären zu Fabriken verkommen, hört man in den 2000ern ja auch gerne im Zeichen der Bologna-Reform. Das Argument ist aber mittlerweile ein ökonomisches: Ohne schole und otium des Lernens keine flexiblen analytischen Fähigkeiten, wie der derzeitige Arbeitsmarkt sie verlangt. In diesem Sinne stehen Begriffe der Nichtarbeit wie schole, otium, der spielerische Müßiggang der Romantik oder die faule Langeweile als Nietzsches „Vorstufe zu großen Taten“ wohl nicht mehr unbedingt für ein Gegenmodell zum Arbeitsbegriff, sondern sind dessen Katalysatoren. Und das nicht nur in der akademischen Sphäre: Jeder Lebensratgeber preist derzeit Müßiggang und Auszeiten als notwendig für ein kreatives und produktives Leben in der deregulierten Arbeitswelt, sei es innerhalb gesellschaftlicher Arbeitsverhältnisse oder durch Aussteigertum.

Ansonsten ist der moderne Arbeitsbegriff resultatorientiert: Es entstehen Werke, opera. Dass man sich stattdessen häufig im nicht enden wollenden Mühsal des biblischen labor verfängt, wird lieber nicht erwähnt. Welches die Ergebnisse der Literaturwissenschaft denn nun so genau sind oder sein sollen ist nach innen umstritten – und das ist für eine Wissenschaft ja auch gut so –, nach außen oft nicht nachvollziehbar, was auch nicht gegen die Wissenschaft sprechen muss. Die Legitimität dieses Wissens wird über die auch in anderen Bereichen üblichen Diskurs- und Machtmechanismen verhandelt. Es bleibt abzuwarten, welche Veränderung dabei die Digital Humanities auf lange Sicht herbeiführen werden. So lange ein an zumindest von einer kleinen Gruppe anerkannten ‚wissenschaftlichen’ Maßstäben orientiertes opus dabei herauskommt, darf dann eigentlich jede_*r sich auch außerhalb wissenschaftlicher Angestelltenverhältnisse ‚wissenschaftlich’ betätigen und als Literaturwissenschaftler_*in definieren. Falls bereits einmal ein opus entstanden ist oder man sich im Gefolge einer anerkannten Autorität mit Literatur beschäftigt, ist der Produktionszwang nicht mehr so dringlich. Ohne Anstellung ist der Unterschied zur Auseinandersetzung mit Literatur als ‚Hobby’ aber nicht so recht vermittelbar und daher problematisch. – So meine Einschätzung der Gegebenheiten. Persönlich sehe ich in der Nähe der literaturwissenschaftlichen Tätigkeit zum Hobby oder emphatischer zur ‚Passion’ ja eher den Reiz. Aber damit sitze ich natürlich einem (insbesondere im deutschsprachigen Raum verbreiteten) Klischee auf, nach dem es sich bei wissenschaftlicher Tätigkeit um eine ‚Berufung’ handle, der man sich notfalls auch unvergütet widmen werde. – Daher die mittlerweile in die ökonomische Kalkulation vieler Institute eingebrachte Anforderung an die Privatdozenten, umsonst Lehre abzuhalten. 

Der hohe Kontingenzfaktor bei nicht abnehmendem Legitimationsdruck führt meiner Beobachtung nach zu einer zunehmenden Selbstdefinition über das Arbeiten als solches – unabhängig davon, was hier im Einzelnen mit Arbeit gemeint sein soll. Denn bei der handelt es sich ja um einen ‚diffusen Begriff’ (Luhmann), mit dem für verschiedene Leute völlig verschiedene Dinge verbunden sind (Galbraith). Angesichts der gleichzeitigen Omnipräsenz wie Unklarheit des Begriffs der ‚Arbeit’, so evident er für das persönliche Leben und Erleben sein mag, halte ich ihn ebenso wenig als Beschreibungskategorie für literaturwissenschaftliche Tätigkeit geeignet wie Begriffe der Nichtarbeit. Vager könnte man vielleicht davon sprechen, dass nicht nur zur literaturwissenschaftlichen Lebensform, Existenz o.ä. Momente des Tätigen wie Untätigen gleichermaßen gehören und in einigen Praktiken wie z.B. der des Lesens auch ineinander übergehen. Aber die jeweilige Bezeichnung ist nicht zuletzt eine Sache der durch vorhandene kulturelle Ordnungen ermöglichten und nur geringfügig variierbaren oder verkehrbaren Zuschreibung.

Als ich Ende der 1990er/Anfang der 2000er als Doktorand und Postdoktorand ernsthaft in die Literaturwissenschaft einstieg, fiel mir auf, wie viel voreinander und miteinander über die Härte der eigenen Arbeit und die Ausdauer des eigenen Fleißes geredet werden musste. So als ob daraus die Legitimation des eigenen Wissenschaftsdaseins abzuleiten sei. Darüber fühlte ich mich etwas spätpubertär-idealistisch erhaben. – Ich war rückblickend zwar auch mehr als fleißig, aber das sollte doch bitte etwas mit Wissensdurst und Leidenschaft zu tun haben. Der Entschluss, das nächste Buch über Nichtarbeit zu schreiben (‚Faulheit’, ‚Müßiggang’, ‚Muße’ – am Anfang war auch ‚Konsum’ noch dabei) war auch eine sich heroisch dünkende Bockigkeitsreaktion auf diese Selbstlegitimation durch Bezeichnung und Ausstellung des eigenen Tuns – und sei es des Umherschweifens der Gedanken – als Arbeit.

Was dann kam, war trotz viel Glücks bei Stipendien- und Stellensuche und mit den jeweiligen Kolleg_*innen hart. Vor allem bestand es aus sehr viel anstrengender Arbeit, um einerseits den Anforderungen der akademischen Lehre, Studierendenbetreuung, Verwaltung und ‚Karriere’ gleichzeitig einigermaßen gerecht zu werden und andererseits zumindest irgendwie den eigenen Interessen zu folgen. Das war ‚Arbeit’; sie bestimmt(e) mein Leben. Wenn jemand mich ernsthaft gefragt hat, wie es mir geht, habe ich mit dem einleitenden „Ich mache ja eigentlich genau, was ich möchte, aber“ über die Anstrengung des vielen Arbeitens geklagt. Im parallel entstandenen Buch (Die Gewalt der Muße, diaphanes 2013) erhielt die Arbeit auch einen immer größeren Stellenwert (was sich hoffentlich eher inhaltlich und weniger biographisch rechtfertigt). Ich möchte mich hiermit bei allen Kolleg_*innen entschuldigen, deren stolzes Klagen über das viele Arbeiten ich damals insgeheim belächelt habe! Aber ich bedanke mich natürlich auch für die Inspiration für das schöne Thema … 

Undercurrents:  Sollten wir dafür kämpfen, dass literaturwissenschaftliche Tätigkeiten in höherem Maße als Arbeit anerkannt werden und besser entlohnt sowie entfristet werden (z.B. gewerkschaftlich)? Oder sollte in erster Linie das Arbeitsregime in der Literaturwissenschaft mit seinem Dauerantragsschreiben, Evaluationswesen und zunehmenden Büropräsenzzeiten bekämpft werden? Wie können diese Auseinandersetzungen aussehen?

Martin Jörg Schäfer: Das ist eine Frage, die den Wissenschaftsbetrieb allgemein betrifft, unabhängig von der spezifischen Problematik der Literaturwissenschaft. Wahrscheinlich gilt es derzeit Mikroauseinandersetzungen darüber zu führen, dass bestehende Strukturen überhaupt bestehen bleiben. Und auf einer Makroebene gilt es, für eine gesicherte Grundausstattung der Universitäten einzutreten, statt letztlich recht geringe Forschungsmittel durch Antrags- und Gutachteninflation zu verteilen. – Diese Mittel dürfen und sollen natürlich gerne dazukommen. Aber das wäre nichts anderes als Klientelpolitik und lässt sich in Zeiten klammer staatlicher Kassen mit dem ‚Finanzierung des öffentlichen Krankenhauses oder der Literaturwissenschaft?’-Argument jederzeit vom Tisch wischen. Bemühungen um ‚emanzipatorische’ oder ‚progressive’ gesellschaftliche Veränderungen (was immer man im Einzelnen darunter verstehen mag) werden wohl nicht von der (Arbeit der) Literaturwissenschaft ihren Ausgang nehmen.

III. Arbeit in der Literatur

Undercurrents:  Wie verhält sich Arbeit im Bereich der Literatur zu den Kategorien Muße, Freiheit, Freizeit, Faulheit? Ist eine Darstellung von Arbeitsverhältnissen für eine sich als progressiv verstehende Literaturanalyse von besonderem Interesse? Oder, wie z.B. Jacques Rancière annimmt, gerade im Gegenteil eine Darstellung der Momente, in denen die Arbeitswelt verlassen werden kann?

Martin Jörg Schäfer: Die literarische Darstellung von Arbeits- und Nichtarbeitsverhältnissen ist historisch ebenso wandelbar wie die Geschichte der entsprechenden diskursiven Zuschreibungen und von ihnen betroffenen sozialen Lebensformen. Mich interessieren hier eigentlich eher die Arten und Weisen, wie implizite und explizite poetische und ästhetische Programmatiken sich zu diesen Darstellungen verhalten: Die Ästhetik, als ein eigenständiges philosophisches Teilgebiet, auf das sich auch die Literaturwissenschaft beruft, entsteht ja zu einer Zeit, in der auch der ‚Mensch’ als ‚arbeitendes Wesen’ hegemonial wird. Die Produktion (bzw. Rezeption) von Kunst und die Eigenständigkeit der vom Kunstwerk begründeten ästhetischen Sphäre werden dabei häufig als Alternativentwurf zur zerstückelten Arbeitswelt betrachtet (etwa bei Moritz und später Schiller): Kunst und Ästhetik sollen leisten, was die Arbeit eigentlich leisten sollte, aber anscheinend nicht kann. Es bleibt dabei aber unklar, ob die Kunst nun die bessere, eigentliche Arbeit (oder zumindest deren Modell) ist, wie dies die von Schiller geprägten Andeutungen von Marx zur befreiten Arbeit manchmal zu suggerieren scheinen, oder ob die Kunst von der Arbeit befreit: etwa zu Muße und Müßiggang, wie von Texten der Romantik propagiert. In diesem Sinne finde ich es interessant und wichtig nach der jeweiligen Selbstinszenierung des literarischen Texts zu fragen, ob darin Arbeit und Nichtarbeit nun explizit vorkommen oder nicht: Wie inszeniert und imaginiert der Text die eigene Bedeutungsproduktion zwischen Arbeit und Nichtarbeit? Es geht mir also mehr um das, was Rancière das „ästhetische Regime der Künste“ und seine Nachwehen nennt, als um thematische Darstellungen von Arbeiten und Nichtarbeiten.

Wichtig ist es mir auch immer, nach den Bruchstellen und blinden Flecken dieser Selbstinszenierung zu fragen: Bei der Gleichsetzung von menschlicher Arbeit mit einer Eigentum, Reichtum, Wert und letztlich den Menschen in seiner Menschlichkeit produzierenden Kraft schlechthin handelt es sich ebenso um eine diskursive Figur wie beim von der Romantik aus der Philosophie der antiken Herrscherkaste aufgenommenen Gegenentwurf: dass ‚der Mensch’ nur in Muße und Müßiggang ganz bei sich sei. Arbeit wie Nichtarbeit zeichnen sich traditionell durch Ganzheitlichkeitsversprechen aus. Sie werden lange als immaterielle Medien (Helmstetter) der Menschwerdung gefasst. Dass Arbeit immer von der Fügsamkeit des Bearbeiteten, von den kulturgeschichtlich bereit gestellten Techniken und Technologien und in Abhängigkeit von anderen geschieht, wird in dieser Vorstellung von Arbeit gerne, um nicht zu sagen: konstitutiv, vergessen. Eine solche ‚egologische’ Arbeit (Hamacher) trägt phantasmatische Züge. Und das gilt auch für ihre als Verwirklichung der, Gegenteil der oder Befreiung von der Arbeit gedachten Alternativen: Nichtarbeit und Kunst. All diesen Phantasmen ist entsprechend als ihr bedrohlicher Schatten meist die schlechte und gefährliche Arbeit, die keine Werke schafft, sondern nie endet, beigegeben oder die schlechte und gefährliche Faulheit, die uns regredieren lässt, oder die schlechte Kunst, die bloßer Konsumgegenstand bleibt.

Mit den literaturwissenschaftlichen Kompetenzen für Narration, Rhetorik und Theatralität kann man diese Inszenierungen und Überblendungen analysieren. Und nicht nur in der Literatur, sondern auch in anderen Diskursen und Narrativen (etwa philosophischen, soziologischen und ökonomischen), in denen von Arbeit und ihren Alternativen die Rede ist. – Bei aller Betonung des Ästhetischen und Poetischen darf eine Analyse von Arbeit und Nichtarbeit als Themen der Literatur natürlich gewisse facts on the ground nicht vernachlässigen: etwa das Wissen darum, dass im ‚Kapitalismus’ Lohnarbeit, Arbeit und Nichtarbeit (im Sinne von Mühe und deren Abwesenheit), Produktivität und Gelderwerb häufig auf komplexe Weisen voneinander entkoppelt werden, zumindest in der lebensweltlichen Sphäre, deren Darstellung sich Literatur meist zuwendet.

Undercurrents:  Inwieweit ist eine Analyse von Arbeit in der Literatur mit einer Untersuchung von Arbeit in der Kunst vergleichbar, wie es z.B. das Projekt Kunst und Arbeit (http://www.kunst-u-arbeit.de) in den Blick nimmt – und inwieweit unterscheidet sich beides? Spielt dabei die Kategorie der poiesis, wie sie etwa in der Wissenspoetologie verwendet wird, eine Rolle?

Martin Jörg Schäfer: Als Mitglied des Netzwerks Kunst und Arbeit bin ich natürlich voreingenommen. Für mich ist das eine ganz entscheidende Perspektive auf die Frage nach der Arbeit und ihrer Alternativen. Wichtig bleibt aber zu betonen, dass es dabei nicht um die Unterstellung eines faktischen Zusammenhangs geht, sondern um Szenen eines äußerst wirkmächtigen Phantasmas. Oder einer ‚Ideologie’, wenn man so will. Seit der Entstehung der „Arbeitsgesellschaft“ (Arendt) lässt sich die Vorstellung, dass die real existierende menschliche Arbeit ihrer inneren Berufung nicht gerecht werde, in verschiedenen Formen auffinden. Die eigentliche Arbeit wird dann nach Maßstäben der Künstlermythen des 19. Jahrhunderts beschrieben: als frei und schöpferisch. Ob man diese eigentliche Arbeit nun Kunst nennt oder nicht (wie etwa Negri und Hardt in ihrem Entwurf einer progressiven „Multitude“ für das 21. Jahrhundert). Mir sind also auch hier die Erzählungen und Figuren wichtig, die am Wort Arbeit hängen – oft jenseits von ökonomischen Evidenzen. Als ‚emanzipatorische’ oder ‚progressive’ Kategorie oder auch nur als Beschreibungskategorie halte ich den Begriff ‚Arbeit’ in diesem Sinne eigentlich nur eingeschränkt für brauchbar. Was natürlich nicht heißt, dass man sich nicht für erträgliche Lohnarbeitsverhältnisse und eine gerechte Produktion und Verteilung gesellschaftlicher Güter einsetzen soll, ganz im Gegenteil. Nur hilft es meiner Meinung nach wenig, die entsprechenden Debatten an ‚Arbeit’ als einer emphatisch aufgeladenen Kategorie aufzuhängen.

Distanzierter eingestellt bin ich gegenüber den von uns im Netzwerkprogramm noch behaupteten Reflektionsmöglichkeiten der Kunst auf die Welt der Arbeit. Das ist natürlich ein Selbstgänger und ein alter Topos: Literatur etwa erzählt Dinge nach, um, anders, neu und testet Möglichkeiten aus wie sie gleichzeitig Brüche ermöglicht. Das gilt für die Art, wie wir uns gegenseitig Arbeit erzählen, wie für alles andere auch. Worum und ob es uns mit dieser Behauptung damals um etwas Spezifisches ging weiß ich nicht mehr. Vielleicht um den Umstand, dass dieser Zusammenhang beim Thema der Arbeit ganz traditionell selbstreflexiv im Sinne moderner Kunst seit Friedrich Schlegels Definition wird: Es gibt eben auch immer eine mitlaufende Reflektion auf den literarischen Text selbst als Produktionsinstanz seines Sinns sowie seiner Sinnverschiebung, -verdichtung und -verstörung.

Im genannten Sinne wären Arbeit (und Nichtarbeit und Kunst) eher als „absolute Metaphern“ (Blumenberg) zu fassen: als Spielmarken, in deren Rahmen wir operieren, ohne dass uns dieser Rahmen noch als solcher einsichtig werden kann. Auf diese Weise leuchtet mir auch die wissenspoetologische Verwendung von poiesis (Vogl) sehr ein: als Produktionsinstanz von Sinn und seiner Kehrseite in entsprechenden materiellen Manifestationen. Dass es sich dabei um eine absolute Metapher als dem Kunst-/Arbeitskontext handelt, muss man zwar mitreflektieren. Denn als ‚schöpferische’ bezieht poiesis sich ja durchaus auf die der ‚eigentlichen’ Arbeit gerne unterstellte Kunstdimension Und wahrscheinlich ist diese Befangenheit des eigenen Vokabulars auch nicht weiter schlimm, solange man sich nicht von den Implikationen ‚mitreißen’ lässt. Ich glaube jedoch, dass Arbeit in ihrer phantasmatischen Verbindung mit der Kunst durchaus im engeren Sinne ins Spiel kommt, wenn man versucht ein Wissen von der modernen Poetik nach der Autonomieästhetik zu skizzieren. Zahlreiche implizite Poetiken sind von einer ihnen selbstverständlichen Vorstellung von der Kunst als befreiter oder besserer Arbeit/Produktivität durchzogen. – Manchmal ist diese Verbindung vielleicht als zu selbstverständlich gesetzt, als dass eine Analyse wirklich interessant wäre.

Undercurrents: Welche Rolle spielt Arbeit als systematische Kategorie in (Ihren) literaturwissenschaftlichen Forschungen? Und welche sollte sie in der Literaturwissenschaft spielen?

Martin Jörg Schäfer: Da ich, wie oben beschrieben, im diffusen Begriff der Arbeit eine semantisch extrem aufgeladene absolute Metapher sehe, versuche ich ein eher distanziertes Verhältnis zum Begriff einzunehmen. Und in meiner ‚Arbeit’ auf diesen Status der Arbeit zu reflektieren – gerade wo ich nicht um sie herumkomme. Wahrscheinlich hilft es, sich, wo immer von ‚Arbeit’ die Rede ist, an die eher nüchterne Rolle zu erinnern, die sie etwa in der Thermodynamik spielt: nämlich die einer (meist mechanischen) Übertragung von Energie.  Demgegenüber lassen sich dann die semantischen Aufladungen eines emphatischen, „kulturschöpferischen“ Arbeitsbegriffs konturieren. Von einer Analyse der semantischen Aufladung der Arbeit her lässt sich aber (und ich bin mir nicht sicher, ob das verallgemeinerbar ist, oder nur mein persönlicher Weg war) auf die Inszenierung von angeblichen Notwendigkeiten auch in wissenschaftlichen Kategorien reflektieren. Ebenso auf das Funktionieren einer absoluten Metapher, die seit ein paar Jahrhunderten alles andere als unschuldig ist. Und natürlich auch abseits der eigenen ‚wissenschaftlichen Arbeit’ auf gesellschaftliche Zusammenhänge, die bestimmte Tätigkeitsweisen mit Lohn vergüten (die dann aber vielleicht ‚Jobs’ sind und keine ‚sinnstiftende Arbeit’ mehr – so sehr die persönliche Sinnkonstruktion an der dadurch entstehenden sozialen Teilhabe hängen mag), andere vergütete Tätigkeit an andere Orte des Globus auslagern und zahlreiche weiteren Tätigkeiten aber nicht vergüten (und dann vielleicht auch keine anerkannte ‚Arbeit’ sein lassen).

Martin Jörg Schäfer ist Privatdozent am Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Univesität Erfurt.

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