Interview Christian Jäger

I. Prekarität

Undercurrents: Inwiefern ist es sinnvoll, bei Arbeitsverhältnissen von Literaturwissenschaftler_innen von ‚Prekarität’ zu reden? Welche Implikationen hat das und welche Bündnisse ermöglicht es (oder auch nicht)?

Christian Jäger: ‚Prekarität’ scheint zunächst einmal eine unnütze Leihnahme aus dem Englischen oder Französischen zu sein: eigentlich reicht hier das ‚Prekäre’ aus. Die Arbeitsverhältnisse im literaturwissenschaftlichen Bereich sind auch nicht prekärer als die der anderen Geisteswissenschaften (Philosophie, Soziologie etc.) und welche Arbeitsverhältnisse sind gemeint: im akademischen Bereich? In Verlagen, Werbeagenturen, der freien Wirtschaft? In Schulen? Bei Zeitungen oder Literaturinstitutionen?

Im gesamten öffentlich-rechtlichen Bereich kann man von einer guten finanziellen Absicherung inklusive Zusatzversicherungen ausgehen. Hier wie andernorts ist ein Problem die Befristung der Arbeitsverträge. Schamlos hingegen ist die Behandlung der Arbeitskräfte bei Verlagen oder von freien Mitarbeiter_innen im journalistischen Bereich. Da gibt es bspw. Einstiegsgehälter für eine 40-Stundenwoche bei Promovierten, die sich als Lektor_in verdingen, in Höhe von 1200 Euro Arbeitnehmerbrutto oder auch bei freien Journalist_innen ganzseitige Artikel, die mit 100 Euro vergütet werden, d.h. zwei Tage Arbeit pro Artikel (dann ist man schon schnell) bei 22 Arbeitstagen pro Monat sind das 1100 Euro, ohne das eine Versicherung oder Steuer bezahlt wäre. Mal abgesehen davon, dass niemand es am Anfang seiner Karriere schafft 11 solche Aufträge an Land zu ziehen. Das Prekäre der Beschäftigungsverhältnisse ist allerdings nicht neu, neu war eher die frühere massenhafte Verbeamtung von Geisteswissenschaftler_innen nach 1968, die nun wieder Stück für Stück zurückgenommen wird. Klar ist, wer gut netzwerkt und ausreichend Protektion erfährt, kann auch heute sein Schäflein ins Trockene bringen; dies tun mehrheitlich und ausweislich diverser Studien die Sprößlinge der herrschenden Klasse. Man möge sich nicht täuschen: nach wie vor dienen die Bildungseinrichtungen der Reproduktion der herrschenden Klasse. Wem es um die darin auch enthaltenen Freiräume geht, der nimmt dafür eben auch ungesicherte und schlecht bezahlte Arbeitsverhältnisse in Kauf.

Kann man sich ernsthaft hinstellen und in einer kapitalistischen Gesellschaft klagen: „Ich will eine Arbeit, die mir Spaß macht und die gut bezahlt wird! Ach ja, außerdem ist die Arbeit nicht direkt Mehrwert schaffend, sondern eher im Bereich der ideologischen Selbstreproduktion  angesiedelt, was ich jedoch gern ändern und mehr in Richtung Subversion drehen würde …“?

Das erinnert an die Klagen von Dissident_innen, denen die DDR die Karriere vermasselt hat: Hätte der DDR-Staat nicht ihre Familien ernährt und ihre Ausbildung  subventioniert, wären sie was ganz viel Tolleres geworden als sie jetzt sind: Ponyhofbesitzer mit einer Yacht im Mittelmeer, auf der sich einflussreiche Politiker_innen und bedeutende Künstler_innen die Badehose in die Hand geben …

Die Arbeit der Literaturwissenschaft ist zunächst einmal recht unspezifisch und so werden die Studierenden vom Arbeitsmarkt auch eher als Universalist_innen absorbiert. Danach richten sich ihre Arbeitsbedingungen nach den Branchen, in denen sie beschäftigt sind. Insofern sie damit Teil der allgemeinen Wirtschaft werden, spiegeln ihre spezifischeren die allgemeinen Arbeitsbedingungen wieder. Deswegen macht eine Rede von besonders prekären Arbeitsbedingungen von Literaturwissenschaftler_innen auch keinen Sinn. Sinnvoller scheint es hingegen sich als Literaturwissenschaftler_in von einem solchen Berufsbegriff zu lösen und sich eher als Journalist_in, Lehrer_in, PR-Mitarbeiter_in o.ä. zu begreifen.

Undercurrents: Ist neben der Prekarität auch die Bezeichnung ‚Prekariat’ sinnvoll? Warum wäre sie der Kategorie der Klasse vorzuziehen – oder umgekehrt diese jener?

Christian Jäger: Im Gegensatz zu ‚Prekarität’ ist ‚Prekariat’ sinnvoll, da der Begriff die Erinnerung an einen Begriff des Klassenkampfs wachhält. Gegenüber dem Proletariat ist der Begriff strategisch sinnvoll, da er suggeriert, hier würde auf eine neue Situation reflektiert. In den 70er Jahren sprach man noch vom akademischen Proletariat, das ein solches war, da es nichts anderes zum Markt zu tragen hatte als seine Arbeitskraft. Das hat sich nicht geändert, doch war der Begriff des Proletariats damals anschlussfähig an die politische Debatte und die in ihr agierenden Strömungen. Die Rückschläge, die die sozialistische Bewegung seither einstecken musste, erfordern offensichtlich andere Begriffe und für einen breiten Solidarisierungseffekt ist ‚Prekariat’ besser geeignet, ohne dabei ganz den historischen Referenzrahmen preiszugeben. Eine begriffslose Klasse mag zwar immer noch eine solche sein, konstituiert sich aber nicht als politisches Subjekt und begreifen tun die Kandidat_innen der Subjektivierung ihre Verhältnisse nicht als proletarisiert, sondern wenn dann als prekär.

Undercurrents: Werden die prekärsten Tätigkeiten, auch im Arbeitsfeld der Literaturwissenschaft, in erster Linie Leuten zugewiesen, die innerhalb der geschlechtlichen, ethnisierenden und kapitalistischen Herrschaftsordnung am unteren Ende platziert sind? Oder sind sie in diesem Feld sogar prinzipiell nicht repräsentiert?

Christian Jäger: Schon der Superlativ zu prekär läuft in die falsche Richtung, die ganze Fragestellung verkennt den systemimmanenten Status, den Minderheiten haben. Diversity ist der Ausweis des funktionierenden Kapitalismus und seiner Kraft, divergierende Strömungen in sich zu integrieren. Identity politics mögen am Rand der bürgerlichen Gesellschaft begonnen haben, seit geraumer Zeit entwerfen sich die entwickelten Gesellschaften aber als Mainstream der Minderheiten und von der Fußballnationalmannschaft über Vorstände von Parteien bis hin zu literaturwissenschaftlichen Departments wird strikt darauf geachtet, dass alle möglichen Minderheiten repräsentiert sind und auf keinen Fall der Anschein entsteht sie könnten diskriminiert werden. An amerikanischen Universitäten gibt es dafür ein sehr striktes Reglement.

Das Angebot von Fächern wie Jewish oder Gender Studies ist  dort deswegen ein Verkaufsargument, weil  sie im Rahmen identitärer Verunsicherung (die Studierenden waren und sind  dort jünger zu Studienbeginn als hierorts) ein identitätspolitisches Remedium anbieten. Es sind identitätsbildende, orientierende Studiengänge, die sich durch  ausreichend zahlende Studenten und hohe Drittmittelakquise finanzieren.  Wenn in der deutschen Unilandschaft solche Studiengänge eingerichtet werden, dann um zahlungsfähige Studierende anzuziehen und sich auf dem internationalen Markt zu behaupten. Warum sollten sich Universitäten dort behaupten wollen, wenn sie nicht irgendwann Geld damit verdienen wollen? Andere, progressive Einrichtungen, die die identitätspolitischen Ziele  eher in ihr Gegenteil verkehren, sind dagegen von der Einstellung bedroht wie die Religionswissenschaft oder wurden  vor ein paar Jahren  aufgegeben wie das in den 70er Jahren legendäre Centre for Contemporary Cultural Studies der University of Birmingham oder an der FU Berlin das Psychologische Institut als Heimstätte der Kritischen (weil marxistischen) Psychologie.  Diversifizierung des akademischen Angebots bedient unter den gegebenen Bedingungen in jeder Form special interests und ist kein intellektueller Fortschritt, sondern ein Lockmittel für künftige, zahlende Kundschaft und Drittmittelgeber. Jüngst wurde an einer ‚privaten’ Uni – bei den Zuschüssen die nicht-staatliche Universitäten erhalten mag man nicht wirklich von ‚privat’ reden – ein literaturwissenschaftlicher Lehrstuhl mit der Denomination ‚Black Atlantic’ eingerichtet. Minderheit sein war schon bei Deleuze/Guattari und ihrer Studie über minoritäre Literatur eine reterritorialisierende Angelegenheit, wohingegen Minderheit werden als erstrebenswerte Sache erschien, daran hat sich nichts geändert, außer dass der Sachverhalt kenntlicher geworden ist.

II. Arbeitskämpfe

Undercurrents: Wer oder was bestimmt eigentlich, was in der Literaturwissenschaft als Arbeit gilt? Einfach das Anstellungsverhältnis? Aber sollte die Beschäftigung mit Literatur nur über die Lohnarbeit definiert werden und nicht beispielsweise auch als otium (lat. Muße)? Gibt es sinnvolle andere Definitionen?

Christian Jäger: Diese Frage als eine nach der Literaturwissenschaft verstehe ich als eine nach dem akademischen Betrieb: In der Regel bestimmt dort, was Arbeit ist, der jeweilige Dienstherr bzw. im Rahmen der akademischen Selbstverwaltung der Institutsrat oder der Fachbereichsrat, diese legen bspw. fest wie viel vor und Nachbereitungszeit pro Semesterwochenstunde zu veranschlagen sind, auch welche Verwaltungsaufgaben wie viel Entlastung vom Lehrdeputat mit sich bringen, wird dort festgelegt. Beschäftigung mit Literatur als Muße ist der Sache nach keine Arbeit, sondern Freizeit. Liest man, um sich zu unterhalten, ist dies ein anderes Lesen als das, welches ein Erkenntnisziel hat. Selbst wenn man aus Lust ein Buch gelesen hat, von dem man dann denkt „Oh, super, das möchte ich im Seminar behandeln“ muss man es hinterher nochmals lesen mit einem anderen, geschärften Fokus, mit Anmerkungen und Notizen versehen. Die  Beschäftigung mit Literatur kann als Arbeit erfolgen und dann sollte sie als solche vergütet werden und sie kann als Muße erfolgen, dann ist sie sich selbst Lohn genug, oder um die Perspektive etwas zu ändern: Literaturwissenschaft dient der Produktion und Vermittlung von Erkenntnis und ist daher Arbeit; die nicht-wissenschaftliche Lektüre von Literatur dient zunächst privaten Interessen und ist Unterhaltung.

Undercurrents: Sollten wir dafür kämpfen, dass literaturwissenschaftliche Tätigkeiten in höherem Maße als Arbeit anerkannt werden und besser entlohnt sowie entfristet werden (z.B. gewerkschaftlich)? Oder sollte in erster Linie das Arbeitsregime in der Literaturwissenschaft mit seinem Dauerantragsschreiben, Evaluationswesen und zunehmenden Büropräsenzzeiten bekämpft werden? Wie können diese Auseinandersetzungen aussehen?

Christian Jäger: So schwierig die Situation Einzelner im literaturwissenschaftlichen Betrieb auch sein mag, möge man doch nicht darüber hinwegsehen, dass es sich dabei um privilegierte Arbeitsbedingungen handelt, die zwar als theoretische Praktiken ein Höchstmaß an Vorbereitung/Training erfordern und insofern verdichtete Arbeit mit höherem Wertgehalt darstellen, die gleichzeitig aber auch bestimmte Gratifikationen mit sich bringen, Befriedigungen in der Arbeit selbst, die wir schon unterstellen müssen, wollten wir nicht alle, die sich dieser Arbeit widmen, zu Idioten erklären.

Dennoch sind Ziele wie Entfristung, permanenter Mittelbau, Änderung der Bologna-Hochschulreform, die zu einer unsinnigen Verdichtung von Studium wie  Lehre geführt haben, und eine stärkere Mitbestimmung  legitime Ziel eines Arbeitskampfes, der sich kaum gewerkschaftlich aber landesweit organisieren ließe. Hier wären Bündnisse der Beschäftigten anzustreben, die von allen akademischen Disziplinen geteilt werden. Forderungen ließen sich nur mittels Arbeitsniederlegungen, die von den Student_innenvertretungen mitgetragen werden, durchsetzen. Derartige Ziele sind jedoch vor allem reformatorische, die nur insofern von übergeordnetem Interesse sind, als sie für andere Berufsgruppen ideale Arbeitsbedingungen vorformulieren, die davon wesentlich weiter entfernt sind als die Literaturwissenschaft.

Undercurrents: Was – wenn überhaupt etwas – ist spezifisch an literaturwissenschaftlichen Arbeitsverhältnissen und Arbeitskämpfen im Gegensatz zu denen in anderen Arbeitsfeldern und in anderen Disziplinen? Und spielt dabei die Unterscheidung von am Nutzen orientierten Wissenschaften und solchen, die eine Gesellschaft sich leisten kann, aber nicht muss, eine Rolle?

Christian Jäger: Es gibt nichts Spezifisches an der Literaturwissenschaft abgesehen vom Gegenstand, der sie definiert: der literarische Text. Mit anderen Geisteswissenschaften und den Künsten respektive der Musik teilt der Arbeitsbereich die Korrumpiertheit der Mitarbeiter_innen durch die Befriedigung, die aus der Arbeit resultiert. Die Motivation erfolgt intrinsisch und muss nicht durch monetäre Vergütungen als Komplement zu einer unbefriedigenden Arbeit bereitgestellt werden, das unterscheidet die intellektuell-künstlerische Praxis von der Mehrzahl anderer Arbeitspraktiken.

Jede komplexe Gesellschaft leistet sich Kulturtechniker_innen, die die Gesellschaft beschreiben und erklären und darin deren Selbstbild entwerfen – wie man diese Wissenschaften nun nennt, in denen die Techniker_innen und Techniken ausgebildet werden und über welche Gegenstände sie sich konstituieren, ist ein kulturhistorisches Phänomen, das den Wandel der Gesellschaft in Abhängigkeit von der Entwicklung der Produktivkräfte und Produktionsmittel ausdrückt. Nicht zufällig löst sich derzeit Literaturwissenschaft sukzessive in Kultur- und Medienwissenschaft auf.

Undercurrents: Welche Stellenprofile im Bereich Literaturwissenschaft wären mittelfristig anzustreben?

Christian Jäger: In Anbetracht des  vorigen Satzes ist die Konsequenz, dass man Generalisti_nnen brauchen wird. Das Fach wird ein  Orchideenfach werden und nur in dem Maße, in dem dort Theorie gepflegt wird im Sinne der Allgemeinen Literaturwissenschaft, wird sie sich selbst als relevant zur Deutung kultureller Phänomene erweisen – und dafür ist es egal, ob sie sich als Bewahrer der Lese- und Buchkultur oder als Interpret neuer Medien darstellt. Dafür darf die Theorie dann aber eben auch nicht Selbstzweck sein, sondern muss Kulturanalyse betreiben, mit dem Ziel Orientierungswissen bereit zu stellen – ohne Parteilichkeit wird das nicht abgehen. Sollen also ernsthaft Stellenprofile, die anzustreben wären, benannt werden, dann: „Grundlagen des historischen Materialismus, seine Anwendungen und Fortentwicklung“ – und dies so oft, so häufig wie möglich.

III. Arbeit in der Literatur

Undercurrents: Wie verhält sich Arbeit im Bereich der Literatur zu den Kategorien Muße, Freiheit, Freizeit, Faulheit? Ist eine Darstellung von Arbeitsverhältnissen für eine sich als progressiv verstehende Literaturanalyse von besonderem Interesse? Oder, wie z.B. Jacques Rancière annimmt, gerade im Gegenteil eine Darstellung der Momente, in denen die Arbeitswelt verlassen werden kann?

Christian Jäger: Eigenartigerweise haben französische Denker immer eine etwas romantische Sicht auf Literatur und die Romantik hat den Nachteil, dass sie Literatur tatsächlich zum Anderen stilisiert und recht begeistert wähnt damit sei sie auch ein Moment der Subversion gegenüber der bürgerlichen Gesellschaft. Bei Foucault hat sich dies Leiden über mehr als eine Dekade hingezogen, bis er die Schönheit von Gerichtsakten und anderen Archivalien erkennt. Derrida idealisiert sie als Igel, der gegen die Technik der Neuzeit Protest einlegt, und Deleuze treibt bis in seine letzten Publikationen hinein Schindluder und Schabernack mit ihr (Heidegger mit Alfred Jarry lesen), was wohl der probate Umgang ist.

Arbeit ist der Bereich, in dem die Selbstverwirklichung des Menschen stattfinden kann, sie ist keineswegs per se von Übel – im Gegenteil. Vielmehr ist die Entbindung von Arbeitsprozessen und -strukturen ein Übel und die Expansion des Freizeitkulturterrors (Adorno: fun ist ein Stahlbad) das nächst größere. Die Arbeit, die Literatur leistet, ist allerdings Wunschproduktion, Begehrensökonomie und muss als solche untersucht werden. Das Auftauchen von Produktion, von Ökonomie, ob nun neuer oder konventioneller, in Texten hat zwar jeweils eine bestimmte Signifikanz, ist aber kein Gradmesser von Qualität; es gibt Literatur, die Arbeitsverhältnisse thematisiert und sehr gut ist und solche, die dies nicht tut und sehr gut ist. Dasselbe gilt für Muße und Langeweile, Spaß und Ennui, etc.

Undercurrents: Inwieweit ist eine Analyse von Arbeit in der Literatur mit einer Untersuchung von Arbeit in der Kunst vergleichbar, wie es z.B. das Projekt Kunst und Arbeit (http://www.kunst-u-arbeit.de) in den Blick nimmt – und inwieweit unterscheidet sich beides? Spielt dabei die Kategorie der Poiesis, wie sie etwa in der Wissenspoetologie verwendet wird, eine Rolle?

Christian Jäger: Das genannte Projekt beruht auf der frühbürgerlichen Dichotomie von Kunst und Arbeit, was ja spätestens seit Marx, Lukacs, Benjamin und Adorno sich erledigt haben dürfte. Der Rückfall auf vor-marxistische Erkenntnispositionen ist gleichwohl symptomatisch für eine Forschungspolitik, die nicht allein geschichtsvergessen ist, sondern auch die intellektuellen Errungenschaften sozialistischer Theoretiker systematisch außer Acht lässt.

Da Kunstproduktion einen kollektiveren Charakter besitzen kann als Literaturproduktion, sind die Produktionsverhältnisse nicht vergleichbar, auch widmet sich Kunst eher dem Imaginären, Literatur dem Symbolischen im Sinne Lacans, was unterschiedliche Wahrnehmungsebenen impliziert. Gemeinsam ist beiden, das sie urheberrechtliche Fragen aufwerfen und in der Regel eine Rest-Autonomie dem Markt gegenüber aufweisen. Arbeit ist, wie gesagt, keineswegs etwas der Literatur gegenüberzustellendes; Literatur ist eine besondere Form von Arbeit, wie die Tätigkeit des/der Literaturwissenschaftler_in eine besondere Form von Arbeit ist in dem Sinne wie die Arbeit eines Schornsteinfegers eine besondere Form von Arbeit ist.

Undercurrents: Welche Rolle spielt Arbeit als systematische Kategorie in (Ihren) literaturwissenschaftlichen Forschungen? Und welche sollte sie in der Literaturwissenschaft spielen?

Christian Jäger: ‚Arbeit’ ist die Zentralkategorie des historischen Materialismus, und da ich meine Arbeit als Fortsetzung des historischen Materialismus unter den theoretischen Gegebenheiten des Post-Strukturalismus verstehe, ist Arbeit eine Zentralkategorie: in der Literatur untersuche ich die Arbeit des Wunsches, die Wunschmaschinen (machines désirantes: Deleuze). Literatur hat immer einen gesellschaftlichen Anlass, der dazu führt, dass in der Literatur etwas gegenüber der Realität verschoben wird. In unbestimmter Weise fungiert Literatur als Wunscherfüllung, die Realität entlang je-spezifischer Begehrenslinien verschiebt. Diese Art der Transponierung ist Arbeit, je nach Komplexität der Texte einfachere oder schwierigere. In den Texten entstellt sich der Wunsch im Anschaulichen, er hängt im Plot, in Worten Szenarien, Gestalten, Dialogen, Schilderungen usw. Darin ist er unbestimmt insofern er begriffslos bleibt. Die Arbeit  der Literaturwissenschaft besteht darin, dem Unbegrifflichen des verarbeiteten  Wunsches kategoriale Gestalt zu verleihen. Macht zu Romanen oder Gedichten theoretische Maschinen! So habe ich nach Deleuze/Guattari die Aufgabe der Literaturwissenschaft verstanden und dies exemplarisch in meiner Schrift zur minoritären Literatur erprobt. Da am Grunde der Wunschproduktion immer die Gesellschaft liegt, kann man ohne gesellschaftsanalytisches Verständnis auch den Text  nicht verstehen und da die bis dato grundlegende Analyse der Gesellschaft, wie sie in ihren Funktionsmechanismen zu erfassen ist, vom Marxismus geliefert wurde, kann man die Arbeit der Wünsche in der Literaturproduktion nicht ohne Kenntnis des Marxschen Kapitals verstehen sowie man für das Verständnis des Begehrens immer noch die freudolacanianische Psychoanalyse mal zur Kenntnis genommen haben sollte. Man ahnt daher, dass in der Literaturwissenschaft tatsächlich Arbeit auch die Voraussetzung der Arbeit  ist, und so wie bestimmt die Arbeit dann darin auch eine zentrale Position innehat, insofern in ihr auch der Widerspruch zum Kapital angelegt ist.

Es ist evident, dass Arbeit in diesem Sinne eher bei Zizek eine Rolle spielt als bei Literaturwissenschaftler_innen, was natürlich heißt, dass es anders sein sollte. Unter den gegebenen politischen Bedingungen allerdings schwerlich anders sein kann, was nicht heißen soll, dass die Beschwerlichkeiten sich nicht lohnten, beschweren sie doch die linke Seite der Fortschrittswaage, und dass es ihn, den Fortschritt, grundsätzlich, als Systemalternative, geben kann, dass sollte man sich nicht nehmen lassen.

Christian Jäger arbeitet als Privatdozent am Institut für deutsche Literatur der HUB. Promotion in Philosophie 1994 mit einer Arbeit zu Michel Foucault, Habilitation in Neuere Deutsche Literatur 2001 mit der Arbeit Minoritäre Literatur (Wiesbaden 2005); 2008 Gastprofessur an der UNC at Chapel Hill und der Duke University, Durham.

Advertisements