Beer Data-Mining Lowetsch

„O Faulheit, erbarme du dich des unendlichen Elends! O Faulheit, Mutter aller Künste und der edlen Tugenden, sei du der Balsam für die Schmerzen der Menschheit.“ (Paul Lafargue, französischer Sozialist und Schwiegersohn von Karl Marx)

Sicher, kostengünstiger als in Deutschland lebt man hier, da haben die Regierenden Recht. Das Brot kostet 20 Cent pro Laib und ist so trocken, dass es sich über Wochen hält. 500 Gramm Kaffee gibt es für einen Euro. Zigaretten sind auch schon ab einem Euro zu haben, zwar nicht Marlboro oder Luckys, aber so widerlich, wie immer behauptet wird, ist das bulgarische Kraut nun auch wieder nicht.

Trotzdem kein Grund, nur noch 300 Euro rauszurücken, schließlich wurde uns ein höherer Lebensstandard als in Deutschland versprochen. Aber nun gut, wegen eines höheren Lebensstandards oder den versprochenen Annehmlichkeiten haben sich die meisten von uns ja auch nicht auf den Deal eingelassen. Dem Amt für Projektwirtschaft glaubt doch eh kein Mensch noch irgend was. Noch weniger als dem Vorgänger, dem Arbeitsamt.

Meine Wohnung hier ist allerdings in der Tat etwas größer als die in Deutschland, heller und leichter warm zu kriegen ist sie auch. Sage ich jetzt mal vom Gefühl her, ob es stimmt weiß ich nicht, die Heizkosten werden wie die Stromkosten und die Miete ja direkt aus Deutschland an den Betreiber unserer Anlage überwiesen. Telefonieren ist auch billig. 15 Minuten Deutschland 20 Cent. Ein Sondertarif, extra für uns. Aber wie gesagt, all das war für mich kein Grund, herzukommen, geradezu lächerlich vom Amt, so etwas zu denken.

Und ich bin nicht die Einzige, die aus einem ganz anderen Grund hergekommen ist.

D. und K., die mich bereits in Deutschland eingeweiht hatten, rekrutierten gerade gestern wieder ein paar neue Mitglieder. Obwohl sie vorsichtig sein müssen, haben sie schnell sechs Leute zusammen gekriegt. Wir sind jetzt 32, so viele waren wir noch nie, zumindest nicht, seit ich hier bin. D. war richtig happy und schenkte mir zur Feier des Tages dieses altmodische Diktiergerät. Wenn wir es geschafft hätten, würden mir ein paar Aufzeichnungen im Nachhinein Freude machen. Auch ein Handy-App-Verbot ließe sich umschiffen, grinste er. 

Er hat mal wieder ins Schwarze getroffen. D. und K. waren damals über Bekannte auf mich aufmerksam geworden. Sie hätten gehört, ich sei auch so eine Ungehorsame – sie zwinkerten mir zu – so eine von den Wenigen, die Verantwortung für ihr Land übernehmen wollten, koste es, was es wolle… So ist es. Und wie mir das gelungen ist werde ich nun später einmal ´nachhören´ können. Tagebuch schreiben ist nämlich nicht so mein Ding. Scheint D. begriffen zu haben, aufmerksam wie er ist.

Gestern habe ich einen schönen Mann gesehen. Groß, schlank und viel Gesicht. Aber wund funkelnde Augen. Er ist zu jung für mich.

Ich hatte gerade eingecheckt, da stand er plötzlich vor dem Lesegerät. Er betrachtete die Aufschrift über dem Bildschirm Willkommen in Lowetsch ohne jede Regung, obwohl dieser Satz doch ziemlich albern ist, wo Lowetsch eine Stunde Fußweg von hier entfernt sein soll, wir uns aber höchstens im Radius von drei Kilometern um die  Wohnanlage bewegen dürfen.

Was macht ein Mann in dem Alter hier?, überlegte ich, mit 30 hat man doch in Deutschland noch ein paar Chancen.

Dann bemerkte ich, dass sein leerer, linker Pulloverärmel in der Hosentasche steckte. Da wurde mir einiges klar.

Als er an der Reihe war, wusste er nicht, wie er seine Chipkarte in das Lesegerät stecken sollte. Allem Anschein nach hatte er früher nie in einer Fabrik gearbeitet. Wie auch, mit nur einem Arm? Sonst finden sich alle neuen Kollegen sofort mit dem Lesegerät zurecht. Die meisten kennen das in ähnlicher Form noch von ganz früher. Selbst ich als Krankenschwester habe noch die Zeit der guten alten Stechuhr erlebt. Ewig her…

Es war kein Teamleiter in Sicht, also ging ich zurück, nahm dem schönen Mann die Karte aus der Hand und schob sie mit dem Magnetstreifen zuerst in den unteren Schlitz. Vorher spähte ich unauffällig auf seine Outsourcing-Nummer. Die letzten vier Zahlen sind immer das Geburtsjahr. 2001, in Altersfragen täusche ich mich nie. Der Rechner rasselte die Daten runter. Das bisherige Leben des schönen Mannes schoss in circa einer Minute über den Monitor. Wo geboren, von wem, Schulbildung, Ausbildung, bisherige Jobs, besondere Fähigkeiten, Hobbys, Krankheiten, Süchte. So schnell, wie das geht, kann kein Mensch gucken. Auf dem Monitor blinkte die Uhrzeit auf. 8:20 Uhr: Frühgang.

Ich hielt dem Mann seine Karte wieder hin; er schaute zu Boden, wirkte beschämt.

Du wirst dich eingewöhnen, mein Kleiner!, dachte ich und ließ ihn in Ruhe. 

Im Bus saß er ganz hinten. Schaute aus dem Fenster in die Ferne, obwohl es da nichts zu sehen gibt. Brachland, soweit das Auge reicht. Wie eine bunte Oase in einer horizontlosen, schmutzigen Wüste wirkt unsere Anlage mit dem blauen Wohnblock, dem knallgelben Kaufhaus, dem roten Kinogebäude und dem kleinen Flughafen. Und auch der Sandboden ist nur genau bis zum Anlagengrenzzaun grün und türkis. Aber wenn die meinen, mit ein paar bunten Farben können sie uns bis an unser Lebensende bei Laune halten, müssen sie uns ja wirklich für verrückt halten. Oder sie denken gar nicht groß über uns nach, was ich viel mehr vermute.

Nach fünf Minuten Fahrt erhob sich vorne wie üblich der Teamleiter von seinem Platz. „Alle aussteigen, bitte aktivieren Sie Ihre Sender! Zuhause ist, wo es bunt leuchtet, meine Damen und Herren! Guten Marsch!“

Der schöne Mann verzog das Gesicht. Ich überlegte den ganzen Rückweg über, ob ich ihn schon einweihen sollte, ließ es dann aber doch noch. Vorher beobachte ich ihn lieber noch eine Weile. D. und K. haben gerade gestern darüber gesprochen, dass hier sicher schon wieder Spitzel unterwegs wären. Wir sollten vorsichtig sein. Wegen möglicher Spitzel sei es bislang noch nicht gelungen, deuteten sie an. Sie hatten in Deutschland ja bereits seit Jahren Telefonkontakt mit hiesigen Bewohnern. Ich schätze, dass die darüber berichteten.

Was mich angeht – ich möchte nicht das kleinste Risiko eingehen, dazu ist mir unser Vorhaben zu wichtig. Oder genauer: Unser Vorhaben ist für mich das Wichtigste überhaupt. Nur deswegen komme ich heiter über den Tag. Besser also, ich beobachte den schönen Mann noch eine Weile.

Dass wir unsere Sender aktivieren müssen, wenn wir uns zweimal am Tag außerhalb der Anlage aufhalten, schien er bereits verinnerlicht zu haben.

 

Beim zweiten Einchecken stand er nicht in der Warteschlange. Er war wohl schneller als die meisten von uns zuhause gewesen. Kunststück, in dem Alter.  

Aber zehn Minuten später, beim Motorik-Training im Gemeinschaftsraum, saß er wieder in meiner Nähe. Mit Todesverachtung sortierte er seine zwanzig Würfel nach Farben, wie für diese Runde angeordnet worden war, und stapelte sie aufeinander. Wahrscheinlich fand er es sinnlos, aus bunten Plastikquadern Türme zu bauen, die der Teamleiter dann sofort wieder in sich zusammen stürzen ließ. Es ist sinnlos. Aber sobald ich ihn eingeweiht habe, wird er es mit Humor nehmen.

 

Mittags, im Speisesaal, sah ich ihn nicht. Ich setzte mich ans Fenster und schaute hinaus. Wo der grüne und türkisfarbene Sand aufhört, liegt Bulgarien. Oder das, was wir für Bulgarien halten. Ödes, staubiges Land. Kein Baum, nichts. Nur in weiter Ferne ein einziger Fabrikschlot, aus dem es Tag und Nacht dampft. Steht der Wind ungünstig, riecht die Luft verbrannt. Uns tränen die Augen. Der Betreiber der Anlage richtet dann ein riesiges Gebläse, das in einer Art Kanonenrohr steckt, in Richtung Schornstein. Helfen tut´s nicht viel. Schon allein das würde mich zur sofortigen Abreise veranlassen, wenn nicht… ah, draußen auf der Treppe saß der schöne Mann und aß eine Banane. Die ist im Supermarkt genauso teuer oder billig – das ist Auslegungssache – wie das täglich wechselnde, ausgewogene Eintopfgericht plus Nachtisch im Speisesaal.

Ich löffelte meinen Teller in Windeseile leer. Nie war mir diese Pampe, in der sich immerhin stets drei Möhren- oder Kohlrabischeiben und ein paar Tofu- oder Fischstückchen ausmachen lassen, so schnell die Kehle hinunter geflutscht. Den Nachtisch, zwei eingemachte Birnenhälften mit Sahnehäubchen, schenkte ich der Kollegin am Nebentisch. Ich wollte als erste am Lesegerät sein, auf den schönen Mann warten.

Als ich kam, stand er bereits da.

„Jetzt schon?“, fragte er mich und deutete auf die Zeitanzeige. Es war viertel vor eins.

„Wenn Sie möchten! Aber Sie haben noch gute zwanzig Minuten. Bis spätestens zehn nach eins muss man eingecheckt haben!“

„Warum vier mal am Tag?“, fragte er.

„Damit die so schnell wie möglich merken, wenn jemand getürmt ist!“, versuchte ich einen Scherz. „Wir haben uns ja immerhin verpflichtet… wenn wir jetzt doch plötzlich alle wieder zuhause aufkreuzen… die Arbeitslosenstatistik… na, Sie wissen schon.“

„Wie soll man weglaufen? Und wohin?“, fragte er ohne den geringsten Humor.

Ich stutzte einen Moment. Eine Fangfrage?

„Die nächste Stadt ist nur etwa eine Stunde Fußmarsch entfernt, wie ich hörte. Lowetsch. Einen Bahnhof haben die auch.“ Ich sagte das ironisch, sicher ist sicher.

Er lachte wieder nicht. Schaute vielmehr noch mutloser.  

Da war ich wieder drauf und dran, ihn einzuweihen. Nein. Was hatten D. und K. gestern gesagt? Bisher ist es immer daran gescheitert, dass Leute unter Spitzelverdacht standen. Man darf das nicht riskieren, das kapiere ich. Danach ist es nämlich aus, ein für alle Mal. Das wäre für mich das Schlimmste überhaupt. Man kann sagen, ich lebe nur noch auf den Moment zu, in dem ich meinen neuen Pass in der Hand halte. Um die Arbeitserlaubnis mache ich mir übrigens keine Sorge. Krankenschwestern werden so dringend gebraucht in Deutschland. Und Klinik-Reinigungskräfte ebenso, womit ich auch zufrieden wäre.

Ich blieb also vorsichtig, sagte ganz naiv zu meinem schönen Mann: „Sehen Sie es doch so: In Deutschland hätten wir kältere Wohnungen, schlechteres Essen, und mich würden sie jetzt in die Gemeinwohl-Maßnahme Vl stecken. Rohstoffrückgewinnung. Haushaltsmüll sortieren. Für unsere eigentlichen Berufe waren wir nun mal alle zu teuer, die Globalisierung macht´s möglich.“

`Aber du glaubst nicht, welche Chance sich hier auftun wird!`, hätte ich am liebsten hinterher geschickt – und ließ es bleiben. Noch. Für heute hoffte ich, er würde mir jetzt eine Kleinigkeit über sich verraten, aber er schwieg.

Hinten in der Küche setzte das Geklapper von Geschirr ein.

„Gruppe 6 hat diese Woche Küchendienst. Natürlich freiwillig, aber es machen immer alle mit. In welcher Gruppe sind Sie denn?“

„Gruppe 12!“, sagte er, „also habe ich noch sechs Wochen Zeit, bevor es an die Reststoffbeseitigungsmaßnahme l  geht?“

Ich meinte, ein kleines, ironisches Lächeln um seinen Mund herum bemerkt zu haben.

 

Wir gingen in den Gemeinschaftsraum. Donnerstagnachmittag ist Zeichnen.

Er zeichnete phantastisch. Auf seinem Blatt Papier entstand Bulgarien mit unserer Anlage darin, als handle es sich um ein dicht bepflanztes Märchenland in deren Mitte ein herrliches Schloss stand. Die Farben, die er wählte, waren auch schöner als im Original. Die schmutzige Wüste wurde grasgrün, unsere Anlage zeichnete er in ganz zarten Blautönen. Auf den türkisfarbenen Sand verzichte er ganz, wir bekamen Gehwege in hellem, warmem Beige. Bald drängten sich alle um seinen Platz und sahen atemlos zu, wie er lediglich durch ein paar Schatten und Schraffierungen unser Bulgarien zum Leben erweckte. Den Fabrikschlot ließ er weg. Niemand machte ihn auf diese Ungenauigkeit aufmerksam, nicht einmal jemand von den Kollegen, die immer alles besser wissen. Der Teamleiter fragte ihn höflich, aber uninteressiert wie immer, nach seinem früheren Beruf. Ob er aus dem künstlerischen Fach sei? Statt einer Antwort schüttelte mein schöner Mann den Kopf.

 

Am Lesegerät fand er sich anschließend allein zurecht. Fast betrübte mich das ein wenig. Ich hätte es genossen, wenn er mich noch ein, zwei Tage länger brauchen gebraucht hätte.

 

Beim Spätgang sonderte er sich sowohl im Bus als auch auf dem Heimweg ab. Und beim Aussteigen hatte er vergessen, seinen Sender zu aktivieren. Der Teamleiter rief ihm aus dem Bus, der im Schritttempo neben uns her fuhr, etwas zu, das ich nicht verstand. Es klang höflich aber bestimmt.

Wenig später saß mein schöner Mann wieder draußen auf der Treppe. Er schrieb etwas in ein dickes, abgegriffenes Notizbuch. Immer wenn einer der Kollegen die Treppe hochkam und einen Schatten auf das Notizbuch warf, hielt der schöne Mann kurz inne, ohne aufzublicken. Sobald er wieder Sonne hatte, machte er weiter. Ich wurde kurz misstrauisch. Schrieb er einen Bericht über uns? Nein, das würde er garantiert nicht hier vor aller Augen tun. Oder gerade. Ach was…

Ein paar Meter entfernt veranstalteten Teamleiter ein Federballturnier. Obwohl sich  kaum jemand beteiligte, stieg wie üblich unaufhörlich chemisch riechender Staub vom bunten Sandboden auf.

Hinten an der kleinen Bar vor dem Kaufhaus standen D. und K., tranken Kaffee und tuschelten mit einem Teamleiter. Geschickt fand ich das. Den Schein wahren. Kein Mensch, der eingeweiht ist, wechselt noch mehr als zwei Sätze mit den Teamleitern. Wozu auch? Sie sind auf Höflichkeit programmierte Roboter. Sag ich jetzt mal so.

Ich verzichtete auf meinen täglichen Kaufhausbesuch. Ich befürchtete, der schöne Mann würde es seltsam finden, dass ich in ein Kaufhaus ging, in dem es nur Lebensmittel, die wohnanlageneigene Zeitung und ein paar unmoderne Klamotten gab, ohne etwas davon zu brauchen; nur so, um die Zeit totzuschlagen.

Als könne er Gedanken lesen sah er kurz von seinem Notizbuch auf und lächelte ein bisschen.

In diesem Moment wünschte ich mir so sehr wie noch nie, dass es jetzt schon so weit wäre!

Zum Teufel mit der Warterei! Ich sah mich aus dem Krankenhaus kommen, abgekämpft und glücklich wie damals… und auf der Bank vor meinem Berliner Wohnhaus sitzt seit ein paar Tagen immer so ein hübscher Bengel. Ob er neu zugezogen ist? Einfach mal rausgehen, ihn fragen, ob er nachher mitkäme ins Kino, aber nicht in die Spätvorstellung, „in meiner Branche geht es früh los, wissen Sie…“ 

Bulgarien.

Draußen hatte offenbar der Frühling Einzug gehalten. Aber Jahreszeitenwechsel und kein Ziel, zumindest offiziell nicht, das geht kaum zusammen. Der Betreiber unserer Anlage musste das gewusst haben. Weit und breit kein Baum, kein Strauch, nichts. Jetzt aber, wo ich sah, wie die letzten Sonnenstrahlen des Tages durch das Haar des schönen Mannes schillerten, jetzt fiel mir auf, dass der Frühling da sein musste!

 

Beim Abendessen war ich dann regelrecht beschwingt. Ich verbarg es vor ihm. Er hatte sich auf den Platz mir gegenüber gesetzt, was mich zusätzlich in Aufregung versetzte. Er aß nicht viel. Nur zwei Scheiben Käse und das Salatarrangement, das eigentlich zur Verzierung gedacht ist. Neben ihm goss ein Typ unter dem Tisch Bier aus dem Kaufhaus in seine Teetasse. Alkohol ist im Haus verboten. Aber dieser Typ gehörte eh zu denen, die offenbar gedenken, dauerhaft hier zu bleiben. Zu denen, die keine beruflichen Pläne mehr haben. Ich könnte mit dieser Aussicht nicht überleben.  Kein Wunder, dass man da saufen muss.

Hin und wieder sah der schöne Mann zu mir herüber. Ich versuchte, meinen mehr und mehr aufkeimenden Übermut im Zaum zu halten. Was hätte er von mir gedacht, wenn ich ihn schamlos angelächelt hätte? Eine Frau Ende 40, die schon einen Knitterhals kriegt, gerät immer noch in Aufregung, weil es Mai ist, und ein hübscher Bengel sie anschaut?

Zuletzt war ich so verlegen, dass ich mich nach dem Essen nicht traute, ihm eine gute Nacht zu wünschen. Ich sprang auf, als alle anderen noch saßen, vor dem Fahrstuhl schob ich in Windeseile – quasi im Vorbeigehen – meine Chipkarte ins Lesegerät und floh in meine Wohnung.

 

Oben angekommen steckte ich meinen Sender in die Ladestation. Und bereute meine Hast. Warum so eilig? Mir fiel jetzt ein, dass ich ihn ganz in Ruhe hätte fragen können, ob in seinem Vertrag ein Fernseher inklusive sei, oder ob er sein eigenes Gerät von zu Hause mitgebracht hätte und ich ihm die Hausprogramme einstellen sollte. Eine völlig unverfängliche, harmlose Frage wäre das gewesen. Die meisten Kollegen, die herkommen, haben doch vorher ihren Haushalt aufgelöst, alles verkauft. Offenbar haben sie so sehr den Mut verloren, dass sie nicht mehr damit rechnen, zurückzukehren.

Ich habe da wirklich Glück gehabt.

Ich holte mein neues altmodisches Diktiergerät hervor, um die Ereignisse des Tages festzuhalten, und begann so: Ich habe Glück gehabt, dass ich in Deutschland D. und K. kennenlernte! Glück, Glück!

Sie waren es, die mich überzeugten, den Outsourcing-Vertrag zu unterschreiben und hier so zu tun als ob. Sie machten es ebenso, hätten in Bulgarien aber bereits über Mittelsleute die nötigen Kontakte geknüpft. Ein bulgarischer Pass und Zeugnisse seien bei denen wirklich erschwinglich, die Namensänderung auch. Und dann zum Beispiel als bulgarische Krankenschwester ab nach Deutschland. Mindestens einen 3-Jahres-Vertrag biete das Amt für Projektwirtschaft. Das wäre doch was für einen verantwortungsbewussten Menschen wie mich, ich wollte die Krankenversorgung doch auch nicht Frauen überlassen, die kaum ein Wort deutsch sprächen? 

Ich war dabei.

Das ist sechs Jahre her. D. und K. sind dran. Halten Kontakt mit den Leuten, die die Pässe ausstellen, führen die Teamleiter hinters Licht. Ich werde übrigens Dana Petrov Nicolov heißen.

Und es kamen im letzten Jahr immer mehr Kollegen aus Deutschland, die mitmachen wollen, ganz klare Berufspläne haben. Wir müssen nur noch den richtigen Moment abwarten, den Moment, in dem wir sicher sein können, dass kein Spitzel unter uns ist. Ein paar Tage noch, ich denke, dann kann ich den schönen Mann einweihen.

Aber morgen könnte ich ihn ja schon mal dran erinnern, dass hier Samstagabend immer Tanz ist. Vertraglich zugesichert für dreißig Jahre.

©j.beer2014

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