Editorial Undercurrents

Inwiefern ist Literaturwissenschaft Arbeit? Ist als Arbeit nur anerkannt, was bezahlt wird, dann ist literaturwissenschaftliche Arbeit nichts als Lohnarbeit. Doch was macht die konkrete Arbeit aus, die Literaturwissenschaftler_innen leisten? Handelt es sich dabei überhaupt um Arbeit und nicht vielmehr um Muße? Einer unserer Interviewpartner_innen in der aktuellen Undercurrents-Ausgabe Die Arbeit der Literaturwissenschaft, Christian Jäger, unterscheidet entlang der Achse von Arbeit und Muße zwei Arten des Lesens. Gleichwohl plädiert er dafür, Arbeit und Literatur auf ihre Überschneidungen hin zu befragen, da die Entgegensetzungen von Kunst und Arbeit heute historisch überholt seien. Und sind Muße und Literatur, Kunst und Arbeit, Wellness und Job nicht tatsächlich heute bis zur Ununterscheidbarkeit vermengt in einer kapitalistischen Betriebsamkeit, die uns in keinem der jeweiligen Felder zu Atem kommen lässt? Dagegen hält Martin Jörg Schäfer im Interview mit Undercurrents fest, dass die historischen Entgegensetzungen von Kunst und Arbeit etwa in der deutschen Klassik ein lohnenswerter Gegenstand der Forschung blieben, insofern sie gerade in der Literaturwissenschaft spezifische Ausformungen der Arbeitsideologie mit generiert hätten.

Ist diese Ideologie der Garant dafür, dass heute, wenn auch gewiss nicht an erster Stelle, in der Literaturwissenschaft massenhaft nicht entlohnte Arbeit geleistet wird? Damit ist nicht nur der Bereich der Erwerbs- und Arbeitslosigkeit angesprochen, – in Zeiten von Hartz IV ist dieses Phänomen zum Vollzeitjob mutiert – sondern auch die meist schlecht bezahlten und prekären Arbeitsverhältnisse an Universitäten, die besonders im deutschsprachigen Raum jeder Beschreibung spotten, worauf Ulrike Stamm im Interview mit Undercurrents hinweist. Die Befristung von Stellen ist hier inzwischen Normalität, scheint dem (eingebildeten) ‚Adel’ der universitären Anstellung jedoch keinerlei Abbruch zu tun. Martin Jörg Schäfer hat eine einleuchtende Erklärung dafür, dass dieses System nicht kollabiert: „Dass der Übergang aus der jahrelangen Prekarität in die Lebenszeitanstellung zwar rechnerisch höchst unwahrscheinlich ist, aber nichtsdestotrotz möglich scheint und dies praktisch auch ist, hält viele Betroffene so lange bei der Stange.“

Die Frage wäre allein, ob das Privileg der professoralen Lebenszeitanstellung sich nicht am Ende als Verurteilung zu lebenslangem Überarbeiten entpuppt und damit die vorhergehenden Entsagungen nicht entschädigt, sondern fortsetzt. Alle anderen werden im Idealfall in Diversity-Nischen abgeschoben, im schlechteren in die lebenslange Prekarität, in den meisten Fällen in die Depression. Dagegen wäre es nicht das Geringste, wenn unser Blog zu erkennen hülfe, dass wir daran nicht allein die Schuld tragen bzw. es nötig ist die Selbstverwicklung in dieses System kritisch zu reflektieren. Statt wie der Hase hinter der Karotte hinterher zu hüpfen sollten wir lieber ab und an Sackhüpfen auf der Stelle machen: Sprich einfach mal ein gutes Buch lesen. Diese und andere Überlegungen können Sie bzw. könnt ihr  in unserem Interview mit uns selbst, redaktionsintern auch Selbstgespräch genannt, nachlesen.

Ein Wort trotzdem zu Perspektiven, diese Zustände zu ändern. Wir sind sehr skeptisch, ob der Prekarität in der Literaturwissenschaft mit einer gesellschaftlichen Aufwertung dieser beizukommen ist. Dagegen scheint selbst „das Bewusstsein, gemeinsam in einer manchmal groteske Züge annehmenden Lage zu stecken“ (Schäfer) einen besseren Ausgangspunkt zu bieten. Die Annahme, die Lösung könne allein in verlässlicheren Arbeitsverhältnissen für Wenige mit noch höherer Arbeitsbelastung und härteren Zugangsbeschränkungen bereits zur Promotion liegen, beurteilen wir gleichfalls sehr kritisch. Wären nicht näherliegende erste Schritte eine prinzipielle Entfristung von Stellen und die Einrichtung eines breiten permanenten Mittelbaus (so Jäger und Stamm) – wie in anderen Staaten auch – und eine Personalpolitik, die nicht an ständig neue Forschungsanträge und die Kopplung von Stellen an den Erfolg von Berufungsverhandlungen sowie Evaluationen geknüpft wäre? Warum sollte eine gewerkschaftliche Organisierung nicht der erste Schritt in diese Richtung sein? Wäre das noch zu wenig oder gegenwärtig von den meisten Akademiker_innen schon zu viel verlangt? Müsste Solidarität mit den noch prekärer Beschäftigten im Reproduktionsbereich (an Universitäten etwa Mensen, Reinigung und Sicherheit) hinzukommen? Die Perspektive ließe sich dann mit einem einzigen poetischen Wort benennen: Streik.

Nicht in der Sache, doch in diesem Editorial lassen wir der Literatur das letzte Wort und weisen auf die Rezension von Martin Brandt zu den Ambivalenzen der literarischen Darstellung von Arbeitslosigkeit in Frank Schulz Roman Onno Viets und der Irre vom Kiez hin. In einem exklusiv für Undercurrents verfassten literarischen Text der Autorin Juliane Beer, deren neuen Roman Kreuzkölln Superprovisorium Boris Michel in dieser Ausgabe rezensiert, wird schließlich die Zukunft der Prekären, wenn nicht Überflüssigen skizziert: „Data-Mining Lowetsch“.

Redaktion Undercurrents

Advertisements