Brandt Rezension Schulz

Zwischen Sozialkritik und Solidarität

Sie schreiben über ihre durchgefeierten Partynächte, ihre Angst vor dem 30. Geburtstag, ihre Flucht aus dem Provinzkaff. Ihre Bücher kreisen sowohl um die Schwierigkeiten der Liebe und die Suche nach der Lieblingsjeans als auch um die Macken der Eltern, denn manchmal ist es gar nicht so einfach, das Leben. Das Leben, das aber auch manchmal richtig schön sein kann. Wo in einem Moment alles passt und man weiß, dass alles gut und richtig so ist, wie es ist. Diesen literarischen Tatorten des belanglosen Einverständnisses mit dem Bestehenden bescheinigt der Literaturwissenschaftler und Autor Enno Stahl in seinem Aufsatzband Diskurspogo völlig zu Recht eine bürgerliche Erfahrungsarmut:

„Die Protagonisten der neueren Literatur heißen Ben, Vinz, Jonas, Fred, Max, Paula oder Ruth, nur zu oft handelt es sich um melancholische Gestalten ohne soziale Kennung, sie sind schweigsam, zurückhaltend, fast ängstlich, alles Monaden, die kaum je wirklich handeln, beinahe autistisch, dabei sehr abgeklärt.“ (Stahl 2013, 34) 

Woher auch die für die Literatur so grundlegenden existenziellen Erschütterungen nehmen, wenn man in finanziell abgesicherten Verhältnissen ein konformes Weltbild zu pflegen gelernt hat? Was Stahl an dieser Form der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, die bereits den Großteil der ernsthafteren Sparte ausmacht, kritisiert, ist die Abwesenheit der sozialen Realität. Im Besonderen die Lebensrealität derjenigen elf Millionen Menschen in Deutschland, die unter der Armutsrisikogrenze leben. Die Sorgen und Nöte derjenigen, die in besonderem Maße unter dem Zwang des Verkaufs ihrer Arbeitskraft zu leiden haben und deren Wohl und Wehe von den Zumutungen eines immer deregulierteren Arbeitsmarktes und der Willkür asozialer Verwaltungsinstitutionen abhängt: „Und die Literatur, deren Aufgabe es sein sollte, auch diesen Minderprivilegierten ihre Stimme zu leihen, bringt sie ein zweites Mal zum Verschwinden“ (Stahl 2013, 35f.).

Inhalt und Personage

Bildet nun Frank Schulz’ 2012 erschienener Detektivroman Onno Viets und der Irre vom Kiez eine der wenigen Ausnahmen auf dem hiesigen Literaturmarkt oder macht er fleißig mit bei der Beschönigung des großen Ganzen? Der Roman handelt von dem 53-jährigen Hartz IV-Empfänger Onno Viets, der nach zahlreichen abgebrochenen Lehren und Studiengängen, Konkurs gegangenen Geschäftsideen und Erfahrungen im Niedriglohnbereich seit zwei Jahren erwerbsarbeitslos ist und beschließt, einen neuen Versuch als Privatdetektiv zu starten. Die Gründe dafür sind, dass er in vierstelliger Höhe bei seinem Rechtsanwaltsfreund verschuldet ist, dass ihm das Finanzamt wegen Steuerhinterziehung im Nacken sitzt und dass er seiner Frau Edda zum Geburtstag ein Fahrrad schenken möchte. Als Privatdetektiv erhält er, vermittelt über seinen Rechtsanwaltsfreund, den Auftrag, die Freundin des Popstars und Porno-Castingshow-Jurors Nick Dolan, Fiona Popo, auf ihre Treue zu überprüfen. Die Beschattung, die Viets unter anderem ins Hamburger Rotlichtmilieu und nach Mallorca verschlägt, fliegt auf und lässt Popos Liebhaber Tibor Tetropov, seines Zeichens rechte Hand eines Kiez-Oligarchen, Rache an ihm üben. Durchgehend wird die Handlung aus der Retrospektive des Rechtsanwalts Dr. jur. Christopher Dannewitz geschildert, der sich mit Viets und zwei anderen Freunden wöchentlich zum Tischtennisspiel trifft. Die Beziehung dieser Tischtennisclique zu Viets, die neben dem Rechtsanwalt aus einem Anzeigenleiter und einem Speditionskaufmann besteht, äußert sich in mehr oder minder subtilen Stiche- und Witzeleien gegen den Erwerbsarbeitslosen:

„Onnos Laufbahn war so voller Stolpersteine, Schlaglöcher und Erdrutsche nicht wegen Faulheit. Nicht, daß er nicht faul wäre. Onno war faul. Verglichen mit Onno war Aas emsig. Doch war das nicht die Ursache für seine illustre Erwerbsbiographie. Er kämpfte ja stets gegen seine Trägheit an. Ausdauernd war er. Ausdauer hatte er wie eine Frau. Nein, begraben lag der Hund in dem sauren Grund, daß er einfach nichts so richtig konnte, unser Onno. Aber auch so gut wie gar nichts […] Um seinen Lebensunterhalt verläßlich zu      bestreiten, reichte jedoch nichts davon hin noch her. In einer Gesellschaft, die nach Leistung bezahlte, war er eigentlich ein Fall für die Organbank.“ (41) 

Diese Stelle schlüsselt das Verhältnis des Erzählers Dannewitz, das stellvertretend für die Gruppe steht, zur erzählten Figur Viets auf. Im ersten Schritt erfährt hier Viets trotz seiner gescheiterten Erwerbsarbeitsbiografie eine grundsätzliche Solidarität: das gesellschaftliche Vorurteil, Erwerbsarbeitslose seien aufgrund ihrer Faulheit ohne Job, wird nicht als Ursache für Viets’ Lebenslauf angeführt. Dass er faul sei, stehe nämlich außer Frage. Der ironisierende Vergleich mit der Faulheit von Kadavern unterstreicht zusätzlich, dass Viets’ Faulheit akzeptiert wird. Die Ursache von Viets’ Erwerbsarbeitslosigkeit sei, so der zweite Schritt, vielmehr in der grundsätzlichen Unfähigkeit zu suchen, den Lebensunterhalt auf eigene Faust zu bestreiten. Genauer: Es wird nicht suggeriert, dass Viets überhaupt nicht in der Lage dazu wäre, sondern, dass seine Leistung dafür nur nicht hinreiche. Sie ist nicht nichts, sie ist nur ungenügend in einer kapitalistischen Gesellschaft. Der Erzähler weiß dabei um eugenische Kosten-Nutzen-Rechnungen über den Wert von Menschen, wenn er, wiederum ironisierend, daran erinnert, dass Viets’ einzige Leistung die Organspende für leistungsfähigere Menschen sein könnte.

Was seine befreundeten Mitspieler schließlich ärgert, ist, dass sich Viets’ diagnostizierte Unfähigkeit nicht auf seinen sportlichen Erfolg auswirkt. Obwohl sie ihn nur deshalb dazu geholt haben, weil sie einen Sparringssack, ein stabiles Opfer“ (35), brauchten, an dem sie sich aufbauen können, besiegt sie der nur in Noppensocken spielende Viets fast immer dank seiner unprätentiösen Spielart. Im Gegensatz zu Onno Viets’ Erwerbsarbeitslosenalltag, der im Mittelpunkt der Geschichte steht, sind die grotesk-überzeichneten Milieuskizzen anhand der Figuren Tibur Tetropov und Nick Dolan zwar für den Roman nicht unwichtig, wirken aber klischeehafter und stereotyper: Tetropov, das sozial verwahrloste und missbrauchte Unterschichtenkind, das seinen weichen Kern mit einer übertriebenen Härte vor dem Außen schützt; Dolan, der aus dem Kleinbürgertum stammende erfolgreiche Fernsehfritze mit mehr Geld als Verstand. Auf die Eingangsfrage, inwiefern im Roman eine soziale Realität realistisch abgebildet wird, gibt am aufschlussreichsten aber die Figur des Erzählers Antworten. 

Darstellung von Erwerbsarbeitslosigkeit

Wie das obige Zitat beweist, ist Viets eine grundsätzliche Solidarität seitens des Erzählers sicher: der gutsituierte Dannewitz deutet eine Kritik an der auf Leistung basierenden Gesellschaft an, indem er Viets’ Lage mit Verständnis und Humor begegnet. Dass durch die Erzählperspektive durchgehend eine Identifikation mit dem sozial Stärkeren stattfindet, sichert zwar über die gesamte Romanlänge die Lacher, hat jedoch einen nervtötenden Effekt. Denn immerzu muss der Sonderling Viets gedeutet werden, darf keine seiner Handlungen als eigene Willensentscheidung für sich stehen, muss zwanghaft jede Regung registriert, interpretiert und in das Schema der Hartz IV-Spezies eingeordnet werden. Viets wird damit einem Streichelzootier gleichgesetzt, das man jederzeit für seine Dusseligkeit demütigen darf. Die Freundschaft scheint für den Erzähler und Anwalt durch Viets’ Erwerbsarbeitslosigkeit einen Makel zu besitzen, den er sich nicht eingestehen darf, weshalb vor diesem Hintergrund Viets’ Wortkargheit und Eigensinn nur rational wirken.

Es ist zu bezweifeln, wie repräsentativ die Lebensrealität des Onno Viets für wirkliche Hartz IV-Bezieher_innen ist. Denn Viets repräsentiert einen Typ Erwerbsarbeitslosen, den es spätestens seit den Hartz-Gesetzen nicht mehr gibt, wenn es ihn denn überhaupt jemals gegeben hatte. Die bürgerliche Vorstellung eines Lebens in der verpönten sozialen Hängematte bleibt jedoch beharrlich als exotistische Fantasie und uneingestandener Neid in den Köpfen der Lohnarbeitssklav_innen und Besserverdienenden, die von der Realität längst überholt wurde. So lebt Onno Viets im Sinne einer Bedarfsgemeinschaft mit seiner Frau zusammen, die auf ihrer 32-Stunden-Stelle als Erzieherin 1500 Euro netto verdient. Zwar wird Onno Viets’ prekäre Lage durch seine Schulden und das Finanzamt verschärft, er ist jedoch sozial fest integriert und wird von seinen Freunden finanziell unterstützt. Er ist physisch und psychisch so gesund, wie man im Kapitalismus eben gesund sein kann, er ist mobil, besitzt ein Auto. Nichts liest man bei Schulz von den existenzgefährdenden Sanktionen, die aktuell durch eine Petition der Hamburger Jobcenter-Mitarbeiterin Inge Hannemann als verfassungsfeindlich und menschenunwürdig abgeschafft werden sollen (vgl. altonabloggt). Nichts von dem endlosen Bewerbungsmarathon, auf den sich Erwerbsarbeitslose mit dem Unterzeichnen der Eingliederungsvereinbarung verpflichten müssen. Nichts von dem sinnlosen Zwang zur Arbeit um der Arbeit willen. Hartz IV-Kritiker_innen wie Inge Hannemann wissen, dass die als faul und unpolitisch apostrophierten Erwerbsarbeitslosen, für die Viets steht,

„keine ‚faulen Arbeitslosen‘, sondern Aussteiger aus der Gesellschaft [sind]. Das hat nachvollziehbare Gründe. Wenn solche Aussteiger sagen, sie würden, ob sie arbeiten oder nicht, eine niedrige Rente erhalten oder einen Lohn erhalten, der nicht zum Leben reicht, muss ich ihnen Recht geben. Anstatt das Bild des faulen Arbeitslosen zu stützen, müssen die Gründe evaluiert werden, warum Menschen resigniert haben.“ (Hannemann)

Die Mühe zu fragen, warum einer wie Viets die ganzen Ausbildungen abgebrochen hat, macht sich Schulz aber nicht, und verhandelt damit die Ursache für Viets’ Erwerbsarbeitslosigkeit nur auf individueller Ebene. Er unterlässt es, seiner Kritik analytische Tiefe zu geben. Der Humor, der mithilfe von Schulz’ innovativer Sprach- und Erzählkunst erzeugt wird, bleibt deshalb letztlich auf der Ebene des Kalauers. Schulz will unterhalten und einen guten Kriminalroman schreiben. Der (Danne-)Witz ist ihm unterm Strich wichtiger als die Sozialkritik. Ideologiekritische Ansätze, die durchaus vorhanden sind, bleiben unvermittelt, stehen unkommentiert im Raum. Schulz, dessen schriftstellerische Qualitäten außer Frage stehen, kommt das Verdienst zu, sich überhaupt den gesellschaftlich Überflüssigen angenommen zu haben. Auch ist die eingangs kritisierte Erfahrungsarmut nichts, was man Schulz vorwerfen könnte. Ob eine lediglich solidarische, nicht aber analytische Haltung gegenüber den Betroffenen für eine realistische und sozialkritische Darstellung von Erwerbsarbeitslosigkeit ausreicht, darf aber bezweifelt werden.

Frank Schulz: Onno Viets und der Irre vom Kiez. Berlin: Galiani 2012. 368 S., EUR 19,99. ISBN 978-3-86971-038-9

altonabloggt: Petition für die Abschaffung der Sanktionen nach dem Sozialgesetzbuch II und IV. URL: http://altonabloggt.wordpress.com/2013/11/20/petition-fur-die-abschaffung-der-sanktionen-nach-dem-sozialgesetzbuch-ii-und-xii/ (05.01.2014)

Inge Hannemann: Hartz IV muss abgeschafft werden! In: analyse & kritik 583. URL: http://www.akweb.de/ak_s/ak583/16.htm (05.01.2014)

Enno Stahl: Diskurspogo. Verbrecher Verlag, Berlin 2013.

Martin Brandt studiert Neuere Deutsche Literatur an der FU Berlin und ist Redakteur der Rezensionszeitschrift kritisch-lesen.de.

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