Michel Gentrification

Kreuzkölln, Superprovisorium. Die beiden titelgebenden Begriffe des neuen Buchs von Juliane Beer werden unkommentiert auf der ersten Seite mittels Wikipedia-Einträgen bestimmt, also durch ein Wissen, dessen Produktion niemandem den Lebensunterhalt gesichert hat und dessen Beständigkeit prekär ist.

Den Einstieg in die Erzählung bildet das sagenumwobene Westberlin der 1980er Jahre und damit eine Zeit und ein Ort, an dem man – so scheint es heute – noch beschützt auf einer im Kampf gegen den Kommunismus üppig alimentierten Insel lebte. Marlon und Sam, zugezogen aus der Enge Westdeutschlands, aus Paderborn und Hamburg, leben als Punks in Schöneberg, als unbezahlte Praktika bis zur Rente noch nicht erfunden waren und das Versprechen auf eine Dauerstelle bis zur Verrentung eher bedrohlich denn erstrebenswert klang. 

Es kommt die Wende, Berlin wird Hauptstadt und macht sich auf den Weg, eine normale Metropole in einer neuen Welt werden zu wollen. Das Modell Westdeutschland und der Rheinische Kapitalismus enden nicht lange danach in der Berliner Republik bei Schröder, Merkel und Hartz IV. Die Handlung des Romans setzt gegen 2008 ein. Die Träume, die Berlin als neue Global City und Gateway zu den Märkten im Osten sahen, waren zwischenzeitlich geplatzt, und das verarmte aber irgendwie noch immer widerständige und aufregende Berlin begann verstärkt in den Fokus von Immobilienkapital und Easyjetset zu rücken.

Vor diesem Hintergrund entfaltet Juliane Beer eine Erzählung über die Veränderung von Kreuzkölln, jenem Teil von Nordneukölln, der in der Mitte der 2000er Jahren noch durch den Verweis auf seine Nähe zu Kreuzberg als Ort mit ‚Potenzial‘ ausgewiesen werden musste und der um 2008 zum „Epizentrum des internationalen jungen Bürgertums und niederen Adels“ (18) geworden war. Einem Stadtteil also, der zur Zeit sicherlich paradigmatisch für die Aufwertung innerstädtischer Wohnquartiere und die Verdrängung ärmerer Menschen an die Ränder der Stadt steht. Dabei gelingt es Beer anders als der bekanntermaßen oft in Ressentiments gegen Rollkoffer, Schwaben und Caffè Latte sich ereifernden Debatte das Problem in all seinen Widersprüchen zu beschreiben, die nicht zuletzt auch die jeweiligen Subjekte durchziehen. Der Text verfällt nicht in den Modus, all das als ein Problem zu beschreiben, das von irgendwelchen zugezogenen Südeuropäer_innen und Ferienwohnungskäufer_innen ausgelöst wird und wenn doch, dann eben durch solche, deren Mütter und Väter ihre unter Berlusconi oder der Herrschaft der Troika ebenfalls prekär gewordene Altersvorsorge mit den sicher scheinenden Immobilien in Berlin absichern wollen. Die damit einhergehenden Widersprüche diskutiert die Autorin in erster Linie anhand der beiden Protagonist_innen und einiger Nachbarn sowie Gestalten der Neuköllner Straßen, wie dem seine Habseligkeiten und Morgenbiere in Plastiktüten mit sich führenden „Privatier Gerd“ (19). 

Sam, die Hauptfigur des Romans, lebt und arbeitet als Künstlerin in Neukölln, wobei Marlon meint, dass sich heute jedeR zweite in Berlin so nenne. Aus dem was einst die damit verbundene Freiheit und Unabhängigkeit war, werden im Laufe der Zeit Unsicherheit und Prekarität. Der große Durchbruch ist nicht zu erwarten und um noch einmal als ‚digitale Bohème‘ anzufangen, ist man weder jung genug, noch ist man für das Aufhübschen von Homepages dem bürgerlichen Muff der Eltern und ihrer Generation entflohen. Marlon, Kind aus gutem Hause, hat neuerdings zu viele Falten um die Augen um weiterhin in Kreuzberger Kneipen zu arbeiten. Daher beginnt er ein spätes Studium und ist nun Sozialarbeiter in Berliner Brennpunkten mit Aussicht auf Erbschaft. Er glaubt an die Reformierbarkeit, an einen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz und wirft Sam einen naiven Radikalismus vor, den sie als Künstlerin und abhängig von einem kapitalistischen Kunstmarkt, auch wenn er sich für ihre Kunst kaum interessiere, doch bitte sparen möge. Im Verlaufe des Buches wechseln Wohnungen die Besitzer_innen, werden Kündigungen geschrieben, man setzt sich gegen solche in unterschiedlicher Weise und mit unterschiedlichem Erfolg zur Wehr und es wird das Verschwinden eines Ortes beschrieben, an dem es einen Platz für Gerd, Sam und die kranke Nachbarin Frau Stift gibt.

Das Buch ist aber nicht nur ein Buch über die Aufwertung eines Stadtteils und die Verdrängung von Menschen, nicht der Roman zu einem der Lieblingsthemen kritischer Großstadtbewohner_innen, sondern gerade auch ein eindrücklicher Text über das Gefühl der Abwertung des eigenen Lebensentwurfs, über das Umschlagen von Unabhängigkeit in Angst und Prekarität. Konnte man zu der Zeit, in der man für eine eher symbolische Miete an einem Ort Kunst machte, an den andere gezwungen wurden und der für diese Menschen mit einer scharfen Stigmatisierung einherging – erzählt am Zusammentreffen zwischen Sam und der türkischen Hausmeisterfamilie – noch darauf verweisen, dass man zwar arm aber eben auch sexy sei, so drängt sich der Protagonistin immer mehr das Gefühl auf, nun vielleicht doch selbst Teil jener urban outcasts zu sein, für die dies nicht mehr der Ort ist und die hier nicht mehr gebraucht werden. Was einst ausreichendes soziales und kulturelles Kapital war um die Abwesenheit materieller Sicherheit als Freiheit zu begreifen, verliert zunehmend an Wert. Kreuzkölln Superprovisorium ist damit auch ein Buch über das Älterwerden von Leuten, die vor dem bürgerlichen Leben ihrer Eltern geflohen sind und zu deren Lebensentwurf Falten nicht gehörten. Wie zu erwarten, wird hieraus also mehr eine Geschichte des Scheiterns und Verlusts als des Erfolgs und die Zuversicht am Ende des Buches ist folglich eine gebrochene. 

Boris Michel  lebt meist in Berlin und ist Mitherausgeber von sub\urban. zeitschrift für kritische stadtforschung

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