CfA Die Arbeit der Literaturwissenschaft

Literaturwissenschaft ist Arbeit – diese Feststellung ist so banal wie unklar. Sprechen wir von Lohnarbeit, so scheint zumindest eines auf der Hand zu liegen: Viele Literaturwissenschaftler_innen stehen in diversen Verhältnissen i.a. staatlich entlohnter Arbeit, von mies bezahlten und prekärsten Werkarbeitsverträgen bis zur gut entlohnten Professur auf Lebenszeit. Zu klären ist, was die Rede vom ‚Prekären‘ in diesem Arbeitsfeld genau bedeutet. Ist es in diesem Zusammenhang sinnvoll die universitären Arbeitsverhältnisse von solchen in der Privatwirtschaft zu unterscheiden? Und welche ideologischen Einschreibungen wären damit verbunden? Werden die prekärsten Tätigkeiten außerdem in erster Linie Leuten zugewiesen, die innerhalb der geschlechtlichen, ethnisierenden und kapitalistischen Herrschaftsordnung am unteren Ende platziert sind?

Auf der anderen Seite gibt es unzählige Beispiele für konkrete Arbeit am Gegenstand ‚Literatur’, die nicht als Arbeit anerkannt oder zumindest nicht entlohnt wird – von der Dissertation als zentralem Forschungsbeitrag, deren Verfassen gleichwohl schlecht oder gar nicht bezahlt wird und deren Druck meist selbst bezuschusst werden muss, über unbezahlte Lehraufträge und das monatelange unentlohnte Verfassen von Anträgen bis zu hervorragenden Arbeiten zur Literatur von Theoretiker_innen, die ausserhalb jedes bezahlten Arbeitsverhältnisses entstehen, also in der sogenannten ‚Arbeitslosigkeit’. Diese Arbeiter_innen werden nicht nur (zumindest in Deutschland) vom sogenannten ‚JobCenter‘ mit Zwangsmassnahmen drangsaliert, sondern ihre Beiträge werden auch aus der herrschenden Literaturwissenschaft ausgegrenzt. An dieser Stelle muss auch die Frage nach dem Zusammenhang unterschiedlicher Kriterien der Ausgrenzung aus dem hegmonialen Feld der Literaturwissenschaft gestellt werden wie z.B. soziale und ethnisierte Herkunft, Geschlecht, Behinderung etc.

Der Nicht-Anerkennung essentieller Arbeit steht auch im Bereich der Literaturwissenschaft die Anerkennung jeden Mülls als Arbeit entgegen, wenn er nur innerhalb der universitären Institution als solche gilt (und bezahlt wird). Aber könnten nicht ganz im Gegensatz dazu aus einer kritischen Perspektive ständige Antragssprechblasen, pseudo-objektive Evaluationen sowie peer-reviews und Präsenzzeiten im Büro von 9 bis 20 oder auch von 6 bis 22 Uhr als eitle Performanz, wenn nicht Simulation von Arbeit bezeichnet werden? Wird die Selbstdarstellung von Arbeit paradoxerweise umso mehr zu einer großen Luftblase, je mehr Literaturwissenschaftler_innen fürchten, ihre konkreten Tätigkeiten könnten im entwickelten Kapitalismus als irrelevant entsorgt werden?

Doch die Aufrechterhaltung der Luftblase zeitigt überaus reale Wirkungen: Die gnadenlose Ausbeutung von Literaturwissenschaftler_innen, verbunden mit Formen der Selbstausbeutung, verschärft sich durch die ständige Drohung der Arbeitslosigkeit aufgrund des massiven Unterangebots an Stellen und der im Schnitt unverschämt kurzen Laufzeiten von Arbeitsverträgen. Der dadurch entstehende Konkurrenzdruck (und teils sicher auch die Lockung einer angesehenen Lebenszeitstelle) führt zu Profilierungswahn, ‚freiwillig’ geleisteter unbezahlter Arbeit, Depression und Bournout. Davon bleiben selbst die wenigen Literaturwissenschaftler_innen in halbwegs privilegierten Arbeitsverhältnissen nicht verschont. Dieser durch die weiterhin männerbündlerische Strukturierung des universitären Arbeitsfeldes noch verschärfte Konkurrenzdruck dürfte auch eine mögliche Erklärung dafür sein, dass Arbeitskämpfe von Literaturwissenschaftler_innen – selbst im Rahmen etablierter Gewerkschaften – eher selten sind. Auch die hierarchischen androzentrischen Strukturen, an deren Reproduktion nicht nur konservative Männern beteiligt sind, werden zumeist nicht hinterfragt, geschweige denn abgebaut.

Uns interessiert jedoch nicht nur, in welchen Arbeitsverhältnissen Literaturwissenschaftler_innen stehen, sondern auch, in welcher Weise sie die Kategorie der ‚Arbeit’ in ihrer Arbeit thematisieren und analysieren – deshalb der latent doppeldeutige Titel der ‚Arbeit der Literaturwissenschaft‘. Damit beziehen wir uns beispielsweise auf Forschungen zur Darstellung von Arbeit in der Literatur, aber auch auf die Arbeit (und ihre Bedingungen), durch die Literatur produziert wird. Wie verhält sich Arbeit im Bereich der Literatur – als dargestellter Gegenstand oder auch als Mittel der Produktion von Literatur – z.B. zu den Kategorien Kunst und Poiesis oder auch Muße, Freiheit, Freizeit, Faulheit? Und last not least ist zu fragen: Welche Rolle spielt Arbeit als systematische Kategorie in literaturwissenschaftlichen Forschungen?

Zeitlich, räumlich und thematisch sind viele – exemplarische, theoretische, literaturhistorische, poetologische etc. – Beiträge denkbar. Das Thema der Arbeit der Literaturwissenschaft soll in den Artikeln nicht um seiner selbst willen diskutiert werden, sondern zu einer herrschaftskritischen Literaturforschung beitragen. Die Texte dürfen eine Länge von 3000 Worten nicht überschreiten. Fußnoten sind nicht gestattet. Zitiert wird im laufenden Text in Klammern nach dem Muster „Schneider 2014, 3“, mit alphabetischem Literaturverzeichnis am Ende. Einsendeschluss (an undercurrentsforum@gmx.de) ist der 10. Januar 2014. Die Redaktion behält sich eine Auswahl aus den eingesandten Texten vor.

Redaktion Undercurrents, Berlin/New York/Zürich, Oktober 2013

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