Interview mit Elahe Haschemi Yekani

Undercurrents: In welcher Weise stützen Kanons Herrschaft und welche Herrschaftsmechanismen fallen dabei besonders ins Gewicht? Ist die Kritik des Kanons und dessen, was als Literatur zählt, ein linkes Anliegen?

Elahe Haschemi Yekani: Das Kritisieren althergebrachter Konventionen wird seit jeher als ein Motor für ästhetische Umbrüche gesehen. Wie bei den englischen Modernist_innen z.B. zu beobachten, kann das politisch ein sehr breites Spektrum umfassen. Ich glaube daher nicht, dass Kanonkritik per se politisch links anzusiedeln ist. Make It New kann politisch sowohl progressiv als auch extrem konservativ ausgelegt werden. Andererseits ist natürlich von der postkolonialen und feministischen Kritik an English Literature in Großbuchstaben, verstanden als kanonisierte, sehr oft androzentrische Literatur und Literaturgeschichte – eine enorme Wirkung ausgegangen: Inzwischen wird von english literatures im Plural als den globalen anglophonen Literaturen gesprochen und hier stellt sich die literarische Landschaft sicherlich noch mal anders dar als im Deutschen.

Obwohl es im englischsprachigen Raum auch eine ganze Reihe Autor_innen gibt, die queere Literatur schreiben, scheint sich diese Debatte jedoch viel weniger deutlich in der akademischen oder feuilletonistischen Diskussion von Literatur wiederzufinden – so ist zumindest mein Eindruck. Hier fände ich es wichtig, sich politisch eben nicht nur an einer Kategorie abzuarbeiten: gender, race oder class, sondern diese auch in der Literaturwissenschaft stärker als verwoben zu behandeln und dann nicht im Sinne einer Addition einen Band zu postkolonialen Literaturen oder ‚Literatur von Frauen’ neben den Kanon zu stellen. Ich glaube daher, dass wir auch radikaler Literaturgeschichtsschreibung herausfordern müssen, indem wir etwa auf die vielfältigen Verwobenheiten von Zentren und Peripherien der Literatur(geschichtsschreibung) verweisen.

Undercurrents: Welche Funktionen erfüllt der literarische Kanon in Bezug auf Geschlechterherrschaft? Ist die Figur der Autorschaft noch immer ‚männlich‘ konnotiert? Haben sich die geschlechtlichen Implikationen dessen, was als Literatur zählt, historisch verändert?

Elahe Haschemi Yekani: Ich bleibe den einfachen Fortschrittserzählungen gegenüber recht skeptisch. Der Roman war zu Beginn durchaus auch weiblich konnotiert: von den vorwiegend weiblichen Lesenden (der Mittelklasse) über die ‚häuslichen’ Sujets, zu den vermehrt dann weibliche Autoren, wenn auch oft noch unter männlichem Pseudonym wie George Eliot oder die Brontë Schwestern, publizierten. Nichtsdestotrotz sehe ich die Tendenz zur Rephilologisierung der Literaturwissenschaften sehr kritisch, da sie wieder verstärkt nationale und androzentrische Blickwinkel und eine Betonung des Kanonischen forciert. Hier erleben wir klare Abwehrbewegungen gegen jene Ansätze, die dann als ‚kulturwissenschaftlich’ akademisch abgewertet werden sollen. Alles Politische wird dann als passé abgestempelt nach dem Motto: Wir haben jetzt lange genug über Kolonialismus und Sexismus geredet; es ist an der Zeit, sich wieder den ‚großen Autoren’ und den ästhetischen Innovatoren zu widmen und dabei taucht dann auch sehr schnell das Bild des männlichen Autorengenies wieder auf.

Undercurrents: Wie würdest Du den Zusammenhang von kulturellem Nationalismus, Gender und literaturwissenschaftlichen Kanons beschreiben? Bildet der literaturwissenschaftliche Kanon zum Beispiel Leitkulturimaginationen ab?

Elahe Haschemi Yekani: Das ist für die englischsprachige Literatur eine schwierige Frage, da Englisch inzwischen eine globale Sprache ist, die in sehr vielen unterschiedlichen kulturellen Kontexten zum Einsatz kommt. Natürlich ist es für die britischen Inseln so, dass Englisch auch als Sprache die hegemoniale Kraft in der Verdrängung des Walisischen und Gälischen war und ist. Gleichzeitig ist ja das Label ‚britisch’ in sich brüchig und es ist nie ganz klar, inwiefern britisch und englisch dann als austauschbar erachtet werden. Auch wenn Englisch also sicherlich leitkulturelle Funktionen erfüllt, ist das in einem Vielnationenstaat wie Britannien schon immer auch Teil einer politisierten Debatte. Englische Kultur und Literatur war natürlich auch im ‚kolonialen Export’ sehr präsent und gleichzeitig wäre es vereinfacht, darin nur einen Unterdrückungsmechanismus zu entdecken; es ist ja auch zu kreativen Auseinandersetzungen/Verfremdungen und Herausforderungen dessen, was englische Literatur ist, gekommen: Das spiegelt sich auch in den unterschiedlichen Bezeichnungen wieder, die in der anglistischen Literaturwissenschaft Konjunktur haben: anglophone Literatur, Literatures in English, English Literature, British Literature, Black British Literature … Doch trotz oder gerade wegen dieser Pluralität glaube ich auch, dass es so etwas wie einen kulturellen Nationalismus gibt, der sich nach der ‚guten alten Zeit’ sehnt, eine Konstellation, die Paul Gilroy als postcolonial melancholia bezeichnet und die auch das Geschlechterverhältnis prägt. Dies wird deutlich, wenn auf einmal nach einer klaren Rollenverteilung nach dem ganzen queeren/postmodernen ‚anything goes’ gerufen wird – eine zutiefst pejorative Bezeichnung, die Diskriminierungen gewaltvoll ausblendet. Dabei ist diese Nostalgie auch geprägt von idealisierten Vorstellungen des Geschlechterverhältnisses, welches gerade die Literatur des 19. Jahrhunderts in der domestic novel popularisierte und welches nie der Lebenswirklichkeit von Frauen außerhalb der gehobenen Mittelschicht entsprach. Es sind also genau diese kulturellen Imaginationen und das Wiederkehren bestimmter Muster, die mich aus kanonkritischer Perspektive interessieren.

Undercurrents: In Bildungsinstitutionen wie Schule und Universität werden literarische Kanons unterrichtet, aber z.T. auch kritisch hinterfragt. Welche Interventionsmechanismen haben linke herrschaftskritische Literaturwissenschaftler_innen in Bezug auf eine Veränderung eines weißen, männlichen und vor allem patriarchalen, bürgerlichen Kanons?

Elahe Haschemi Yekani: Für die englische Debatte kann man feststellen, dass das writing back, das Umarbeiten kanonischer Stoffe wie Othello, Robinson Crusoe oder Jane Eyre, selbst beinahe schon kanonisch geworden ist. Was mich an diesem Modell nicht so recht zufriedenstellt, ist diese Vorstellung der zeitlich nachgelagerten Kritik. Dabei könnte auch verstärkt mit einer Konzeptualisierung von Gleichzeitigkeiten, Verwebungen und Überlappungen von kanonischen und nichtkanonischen Quellen gearbeitet werden. So beschäftige ich mich in meinem aktuellen Forschungsprojekt mit den frühesten Quellen afro-britischer Autor_innen und wie diese sich mit den zeitgleichen kanonischen Texten zusammen lesen lassen. Autor_innen wie Olaudah Equiano und später auch Mary Seacole haben ja zum Teil sehr konservativ argumentiert und können nicht einfach als radikaler Gegenpart zum Kanon gelesen werden. Equiano wollte seine Leserschaft vom Projekt der Abolition des Sklavenhandels überzeugen und gleichzeitig nicht vor den Kopf stoßen, während Seacole den Dienst für das Mother Country und das britische Empire als Teil ihrer Berufung sah. Politik ist also natürlich nicht einfach nur ein Spiel von Positionen.

Andererseits erlebe ich es auch immer wieder, dass in Schule und Universität in Überblicksveranstaltungen die frühe englische Literaturgeschichte einfach komplett ohne Frauen auskommt. Dann denke ich, dass ich wohl doch zu optimistisch bin. Gerade in Einführungskursen erscheint es mir wichtig, auch mal Texte fernab der usual suspects wie Shakespeare oder Wordsworth zu lesen – wobei ich im Sinne einer verwobenen Literaturgeschichte auch die Analyse hegemonialer Texte für enorm wichtig und fruchtbar halte. Eine kritische Literaturwissenschaft entsteht nicht dadurch, dass wir Texte nach den Identitätskategorisierungen der Autor_innen filtern. Texte prägen, wie wir uns Identitäten vorstellen und wie wir agieren, uns in der Welt positionieren und angerufen werden. Fokalisierung erscheint mir hier eine ganz zentrale Kategorie in der Literaturanalyse. Wie Shlomith Rimmon-Kenan ausgeführt hat, ist der Begriff zunächst einmal abstrakter als Perspektive oder Point of View: er umfasst auch emotionale und ideologische Orientierungen. Es geht also darum, die Erzählperspektive von der Perspektive der Figur zu unterscheiden: Wie wir in Autobiografien sehen, in denen beispielsweise Kindheitserinnerungen retrospektiv erzählt werden, kann dies auch bei Übereinstimmung von Erzähler_in und Figur eine sinnvolle Unterscheidung sein. Dabei haben ja frühe Schwarze Autor_innen ihre Erlebnisse an ein (überwiegend) Weißes Publikum gerichtet: Dieses Wissen um ein ‚aus anderer Perspektive gesehen werden’ hat W.E.B. Du Bois dann bekanntermaßen später als double consciousness bezeichnet. Ich glaube, dass durch die Fokalisierung Empathie beim Lesen maßgeblich gelenkt wird und wir dies auch als einen politisierten Prozess verstehen können. Wir müssen uns beim Lesen immer in die Position eines Anderen einfühlen und dabei sowohl Identitätskonstruktionen auf der Ebene der Figur nachvollziehen als auch unseren eigenen Standpunkt reflektieren: das macht aber auch deutlich, wie Hegemonie und Marginalisierung (oft in nicht klar trennbaren Überlappungen) entstehen und wie messy/unordentlich Identität und Identifizierung eigentlich ist. Bedienen die Texte des Abolitionismus ein Weißes sentimentalisiertes Mitleiden oder fordern sie eine radikale Erweiterung des Subjektbegriffs? Für mich ist genau die Überlappung dieser zwei Prozesse interessant.

Undercurrents: Ist es Deiner Meinung nach nötig und möglich, ganz auf Kanons zu verzichten oder würdest Du eher für die Erhaltung und Neuschaffung von Gegenkanons plädieren? Was bedeutet ein feministischer oder linker Kanon für das Selbstverständnis emanzipatorischer Bewegungen?

Elahe Haschemi Yekani: Ich bin der Vorstellung eines Gegenkanons wahrscheinlich genauso skeptisch wie der eines Kanons gegenüber eingestellt. Schauen wir uns Autor_innen wie Radclyffe Hall an: Einerseits können wir ihren Roman The Well of Loneliness als ganz wichtigen frühen lesbischen Text und Ausgang eines queeren Gegenkanons lesen, andererseits ist sie politisch klar als rechtskonservativ einzuordnen. Es stellt sich hier ganz banal die Frage, nach welcher Politik wir suchen: jener der Texte oder der Autor_innen? Ich finde es in der Regel produktiver, am Text zu arbeiten, was nicht heißt, dass mir Produktionskontexte von Literatur gänzlich egal sind. Sehr viele postkoloniale Autor_innen arbeiten wie erwähnt immer wieder mit Quellen wie Othello oder Robinson Crusoe. Das kann als ein Festhalten an den englischen ‚Mastertexten’ kritisiert oder auch als eine politisierte Form des writing back gesehen werden. Eine politisierte Vorstellung von Intertextualität, wie ich sie verstehe, kommt dabei sicher nicht um den Kanon herum; und auch das Element des ästhetischen Werts einzelner Werke möchte ich dabei nicht unbeachtet lassen. Ich wünsche mir eigentlich eher mehr Unordnung in der Literaturgeschichte, als lediglich einem Kanon einen Gegenkanon gegenüberzustellen. Das bedeutet aber auch eine Achtsamkeit, dass dies nicht als ein Zurückfallen auf eine traditionellere Literaturgeschichte gedeutet wird und wir unser Augenmerk auf das emanzipative Potential im Aushandeln von Identitäten, als das ich Literatur auch verstehe, nicht verlieren.

Dr. Elahe Haschemi Yekani ist Universitätsassistentin am Institut für Anglistik der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck, Österreich.

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