Gisela Elsners Fliegeralarm

„Heute/da unsere Nation sich wieder zu einer führenden Stellung emporgearbeitet hat/sollten wir uns mit anderen Dinge befassen/als mit Vorwürfen/die längst als verjährt/angesehen werden müßten.

[Laute Zustimmung von seiten der Angeklagten]”

(Peter Weiss: Die Ermittlung; 1960) 

„Jedenfalls hatten die bedeutschten Deutschen im Hinblick auf das Dritte Reich, die Schuldfrage betreffend, auf bedeutscht gesagt: Schwein gehabt. Es ist daher auch davon auszugehen, daß die bedeutschten Deutschen im Hinblick auf das, was sicherlich kein VIERTES REICH genannt werden wird, die Schuldfrage betreffend wiederum Schwein gehabt haben werden./Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch, schrieb Bertolt Brecht zurecht. Wir schreiben aufgrund der um sich greifenden Verschweinigung: Das Abwasserrohr, aus dem das schwemmt, ist immer noch nicht zugeklemmt.”

(Gisela Elsner: Flüche einer Verfluchten; 1989)

1.

Gisela Elsners Roman Fliegeralarm hat, wie die meisten ihrer Texte, eine besondere Publikationsgeschichte. Das Buch erscheint erstmals 1989, zu einer Zeit, in der die kommunistische Autorin Elsner große Probleme hatte, ihre Texte überhaupt noch irgendwo unterzubringen: Der Rowohlt Verlag hatte sich 1986 nach jahrzehntelanger Zusammenarbeit von ihr getrennt; im publizistischen Bereich findet sich die letzte einträgliche Veröffentlichung, eine SWR-Sendung, bereits 1979 (Vgl. Köhler 2011, 292). Schließlich bringt der Wiener Zsolnay-Verlag Fliegeralarm heraus – schlecht lektoriert und mit einem problematischen Klappentext: Die Satire über fanatische Nazikinder, die während des Zweiten Weltkriegs in den Trümmern Nürnbergs SS spielen und den Bombardierungen geradezu entgegenfiebern, wird hier als authentische, autobiographische Erzählung ausgewiesen (Vgl. Künzel 2012, 264 ff.). Die Literaturkritik verreißt Fliegeralarm nahezu einhellig, auf formaler wie inhaltlicher Ebene – man spricht dem Roman schlichtweg die Qualität ab, ein gelungenes literarisches Kunstwerk zu sein. „[A]n diesem Buch ist nichts authentisch, nichts wahr, und nichts wird von dieser peinlich miserablen und zynischen Prosa als Wahrnehmung der Nazizeit vermittelt“ (Rez 1), schreibt etwa Heinz Ludwig Arnold in der Zeit. Dies scheint unter anderem zu bestätigen, dass Gisela Elsner „gewissermaßen ‚zum Abschuss’ freigegeben wurde und die RezensentInnen in den Besprechungen […] noch einmal alle Ressentiments gegen die Autorin aufboten“ (Künzel 2012, 263). Zu Lebzeiten dieser Autorin – Elsner begeht 1992 Suizid – ändert sich an den vernichtenden Urteilen nichts, die übrigens oftmals ihr Gesamtwerk betreffen. Auch knapp zehn Jahre später, im Rahmen der Debatte um Luftkrieg und Literatur (Vgl. Sebald 1990), wird der Roman noch ignoriert, obwohl das Thema Luftkrieg in Fliegeralarm zentral ist, ja dem Buch sogar eine Vorreiterrolle in der Bearbeitung der Thematik zukommt (Vgl. Künzel 2012, 294).

Im Jahr 2009 erscheint Fliegeralarm nun als Teil einer Elsner-Werkausgabe im Berliner Verbrecher Verlag noch einmal neu. Und jetzt fällt das literaturkritische Urteil über den Roman gänzlich anders aus: Sowohl die ästhetische Qualität als auch die Relevanz der behandelten Inhalte werden nicht mehr angezweifelt, sondern hervorgehoben. Für die Rezensentin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung etwa ist das Buch eine „wie in Stein gehauene Groteske, eine stilistisch atemberaubende und in ihrer Konsequenz erschütternde Fratze vom Treiben einer Kindergruppe“ (Rez 2). Insgesamt erfährt Fliegeralarm unter den bislang im Verbrecher Verlag erschienenen Texten Gisela Elsners die wohl breiteste und positivste Rezeption; 2010 und 2012 laufen Adaptionen des Romans am Maxim Gorki Theater in Berlin und an der Badischen Landesbühne.

Deutlich wird: Die Rezeptionsgeschichte von Fliegeralarm zeigt die Veränderbarkeit der Maßstäbe für das, was als Literatur zählt – denn hier kommt „eine Re-Lektüre nach 20 Jahren zu einer gänzlich anderen Einschätzung […] als die damalige Literaturkritik“(Künzel 2012, 268). Dies ist folgerichtig, begreift man Literatur als gesellschaftliches Phänomen, als Ausdruck und Gestaltung spezifischer politischer, sozialer und ökonomischer Verhältnisse – als kulturelles Produkt von hoher ideologischer und ideologiekritischer Relevanz, dessen Definition entsprechend umkämpft ist. Die in dem Sinne prekäre Intervention, die Fliegeralarm vornimmt, ist die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, denn dabei handelt es sich um eines der bedeutsamsten, wenn nicht das zentrale (geschichts-)politische Thema in Deutschland. Mit der Schärfe und ästhetischen wie inhaltlichen Avanciertheit dieser Auseinandersetzung beschäftigen sich auf pointierte Weise bereits etwa Christine Künzel (Vgl. Künzel 2012, 262ff.) und Bernhard Jahn (Jahn 2009, 63ff.). Beide schenken völlig zurecht der ideologiekritischen Metaebene des Romans, nämlich seiner „radikale[n] Durchkreuzung etablierter und tradierter Gedächtnis- und Erinnerungsdiskurse in der Bundesrepublik Deutschland“ (Künzel 2013, 1), besondere Aufmerksamkeit.

Der vorliegende Aufsatz soll nun einen Anfang darstellen, die beiden oben skizzierten Rezeptionsgeschichten von Fliegeralarm als Ausdruck der sozioökonomischen Veränderungen in der Berliner Republik seit 1989 zu lesen, deren Teil die NS-Gedenkpolitik ist: Im Kontext des – eben auch im literarischen Feld verhandelten! – nationalen Projekts, das vereinigte Deutschland als erfolgreiche Ökonomie in der Neuordnung der Welt nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus zu etablieren. Was hat sich zwischen dem „sogenannten Revolutionsjahr 1989“ (Elsner 2011a, 213) und dem „Supergedenkjahr 2009“ (ad hoc 2009, 1) verändert, dass ein Roman, der auf brachiale Weise deutsche Täterschaft betont, nun als wichtiges Kunstwerk betrachtet wird? Besondere Berücksichtigung in der Bearbeitung dieser Frage werden Elsners Texte Flüche einer Verfluchten, Vorsicht, Schlaraffenrafferland! und Die demaskierende Maskerade finden, erstveröffentlicht teils bereits 1990 im Neuen Deutschland, teils erst 2009 bzw. 2011 in der Zeitschrift konkret und der Werkschau des Verbrecher Verlags. Diese Auseinandersetzungen, man könnte auch sagen: Abrechnungen mit der ‚Wende’ und den Deutschen gehören wie Fliegeralarm zu den letzten Texten der Autorin. Sie können in ihrer Zusammenführung der Themen Nationalsozialismus, Geschichtspolitik und Ökonomie gewissermaßen als der analytische Rahmen betrachtet werden, in dem der Roman Fliegeralarm entstanden ist.

2. ‚Revolutionsjahr‘ 1989, oder: Geschichte wird gemacht

1989, in dem Jahr, in dem die Mauer zwischen den beiden deutschen Staaten fiel, wurde […] dieser Roman [Fliegeralarm, T. R.] als anachronistisch wahrgenommen. Wer interessierte sich in Zeiten von ‚Glasnost’ und ‚Perestroika’, da nach der Diktatur des Nationalsozialismus nun auch zahlreiche Diktaturen des Sozialismus stürzen sollten, noch für die literarische Aufarbeitung eines Kapitels des Dritten Reiches […]? (Künzel 2012, 267)

 

Tatsache ist: Während Gisela Elsner damals mit diesem Anliegen in Deutschland zu einer Minderheit gehörte, interessierte man sich außerhalb Deutschlands in dieser Zeit durchaus für die nationalsozialistische deutsche Vergangenheit. Zumal in Frankreich, England und den USA stand die deutsche Vereinigung nicht allein für das Ende des Realsozialismus, sondern für die erschreckende Möglichkeit eines nächsten deutschen Anlaufs zu mörderischer Weltherrschaft. Diese Bedenken wurden durch die Welle rassistischer und antisemitischer Übergriffe im vereinigten Deutschland noch gestützt.

Die Berichterstattung in euren Medien ist einseitig, als gebe es in Ostdeutschland nichts anderes mehr als brennende Asylbewerberheime. Das ist es doch, was man hier von den Deutschen erwartet. Aber es wird die Wiederholung nicht geben, vor der ihr euch fürchtet. (Wolf 2010, 38)

 

Dies versichert deshalb die Erzählerin in Christa Wolfs stark autobiographisch geprägtem Roman Stadt der Engel Anfang der neunziger Jahre in internationaler Runde in Los Angeles ihren Gesprächspartnern. Vor diesem Hintergrund ist es keineswegs anachronistisch, wenn Elsner 1990 in Flüche einer Verfluchten – freilich mit Wolfs Intention entgegengesetzter Stoßrichtung – schreibt:

Das Vaterland der bedeutschten Deutschen, deren Stimmung die Bildzeitung der gehobenen Klugscheißer: nämlich DER SPIEGEL, indem er liebevoll von Faschos spricht, womit die wiedererstarkenden Neofaschisten gemeint sind, durchaus widerspiegelt, fühlt sich neuerdings von neuem dermaßen neu geboren, daß alle Welt ein VIERTES REICH für nicht undenkbar hält. (Elsner 2011a, 208)

 

Die Pogrome, die bis weit in die neunziger Jahre hinein übrigens in ganz Deutschland grassierten, bilden gleichsam ein Scharnier zwischen der NS-Geschichte und den sozioökonomischen Dimensionen der Vereinigung: Die latente (West) bzw. akute (Ost) Konfrontation mit den Härten kapitalistischer Vergesellschaftung und die allgemeine nationalistische Mobilmachung weckten in größeren Teilen der deutschen Bevölkerung eben nicht zum ersten Mal den Wunsch nach Ausmerzung alles ‚Fremden’.

Die Gewaltförmigkeit dieser Zustände betrachtet Gisela Elsner nicht allein aus analytischer Distanz, sondern erlebt sie auch in spannungsvollen persönlichen Dimensionen – als herkunftsmäßig durchaus auf der Täterseite stehende Person, die aber als radikal linke Frau auch Angriffsfläche für Ressentiments war

Das Problem der Bewältigung des Faschismus hat sich mir immer wieder gestellt, also nicht nur in meinen Erinnerungen, die ich im Buch ‚Fliegeralarm’ zu Papier brachte. Das hat sich mir immer wieder im Verhalten gewisser Leute, Beamter, Polizisten gezeigt. Ich habe mich hier immer bedroht gefühlt und fühle mich auch heute noch bedroht, zumal als Kommunistin. (Elsner 2011b, 249/250)

Mit Verweis auf Kontinuitäten beschreibt Elsner die BRD als postfaschistisch; dabei betont sie hier vor allem den Fortbestand von Antikommunismus. Und das Thema Antikommunismus ist auch in Fliegeralarm zentral: Rudi Tründel, der Sohn eines (bereits deportierten) Kommunisten aus der Nachbarschaft, wird von der Kinder-SS gefangengenommen, zum Juden erklärt und schließlich im eigens eingerichteten Spiel-KZ ganz real ermordet. Die Logik ist klar:

Du kannst kein Mensch sein, weil du der Sohn eines Kommunisten bist, der wie alle Kommunisten ein Jude ist, fiel dem Juden Rudi Tründel mein MANN […] ins Wort. […] Wenn nicht alle Kommunisten Juden und nicht alle Juden Kommunisten wären, kämen sie doch nicht samt und sonders ins KZ, rief ich. (Elsner 2009, 81)

Die Tatsache, dass die Kinder Rudi Tründel vorrangig als Juden und erst nachgeordnet als Kommunistensohn verfolgen, verweist auf die besondere Rolle des Antisemitismus im Nationalsozialismus. Mit der Gleichsetzung von Juden/Jüdinnen und Kommunist_innen, welche die Protagonistin Lisa vornimmt, thematisiert Fliegeralarm zudem aber die – gerade in ihrer Verknüpfung mit Antisemitismus – große Wirkmächtigkeit antikommunistischer Ideologie. Ausgerechnet der Kommunistensohn Rudi Tründel jedenfalls ist nun die einzige eindeutig positiv gezeichnete Figur des Romans, die Stimme der Vernunft gewissermaßen. Diese Stimme dringt aber zu den fanatischen Kindernazis nicht durch, welche im Übrigen nicht nur die Vernichtungsmethoden der Erwachsenen kopieren, sondern auch deren ökonomisches System: So ist etwa die Bedürfnisbefriedigung zwischen den Kindern geldvermittelt, muss jeder noch so spielerische Vorgang mit der richtigen Anzahl der zur Währung erklärten Bombensplitter bezahlt werden. Es geht Elsner in Fliegeralarm „einmal mehr darum, den – bis heute kontrovers diskutierten – Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Faschismus herauszuarbeiten“ (Künzel 2012, 279).

Die Hervorhebung dieses Zusammenhanges liegt selbstverständlich quer zu einem Bild vom Kapitalismus als dem in jeder Hinsicht überlegenen System. Dabei war gerade dieses Bild 1989 für die Befürworter der ‚deutschen Einheit’ von größter Wichtigkeit, denn „[i]n diesen ersten Monaten des Jahres 1990 ist noch nicht entschieden, ob es schnell zur deutschen Einheit kommt. Die Mehrheit der politisch Aktiven in der DDR will ihren Staat umkrempeln aber nicht aufgeben“ (Apel 2000, 56), schreibt etwa Hans Apel, SPD-Bundespolitiker bis 1990 und später als Treuhandverwalter maßgeblich an der Abwicklung der DDR beteiligt. Für Apel erhält die Einheit Deutschlands bezeichnenderweise gleich den Charakter einer „Zwangsläufigkeit“ (ebd.), von der Frankreich und Großbritannien, ebenso wie die DDR-Opposition, nur „noch nicht“ (ebd.) überzeugt seien. Gerade im Kontext dieser widersprüchlichen Argumentation wird deutlich: Die ‚deutsche Einheit’ war eben kein historischer Automatismus, sondern musste hergestellt werden, und dabei galt es neben Deutschlands nationalsozialistischer Vergangenheit eben auch den Realsozialismus ‚zu bewältigen’.

Für Zwischentöne ist in diesem historischen Moment kein Platz, geschweige denn für die Texte einer Schriftstellerin, die „durch die genaue Schilderung der Verhältnisse die darüber herrschenden Illusionen zerreißt, den Optimismus der bürgerlichen Welt erschüttert und den Zweifel an der ewigen Gültigkeit des Bestehenden unvermeidlich macht“ (Elsner 2011b, 13), wie Gisela Elsner ihr literarisch-politisches Programm formuliert. Vielmehr wird in dieser ‚Wiedervereinigungs‘-Atmosphäre im sogenannten deutsch-deutschen Literaturstreit selbst die Büchnerpreisträgerin Christa Wolf mit ihrem „ästhetischen Konzept der ‚subjektiven Authentizität’“ (Koch 2001, 451) aufs Schärfste angegriffen, weil sie sich weigert, dem Sozialismus eine Totalabsage zu erteilen – obwohl der „moralische Anspruch von Wolfs Literatur […] zunächst an sie selbst gerichtet und es […] nicht ihre Absicht [ist], eine dezidierte Moral zu befördern“ (ebd.). Gisela Elsner hingegen will durchaus eine dezidierte ‚Moral’ befördern: Die Verdeutlichung der Grausamkeit kapitalistischer Vergesellschaftung, deren Exzess im Nationalsozialismus der Gegenstand von Fliegeralarm ist. Um den Schutz der deutschen „Normalisierung“ (Fischer/Lorenz 2007, 226), die Elsner damit zu durchkreuzen versucht, geht es vermutlich auch Heinz Ludwig Arnold, wenn er das Buch 1989 als den „fahrlässigsten und sorglosesten“ (Rez 1) Roman beschreibt, den er seit vielen Jahren gelesen habe.

3. ‚Supergedenkjahr‘ 2009, oder: Geschichte wird erinnert

Zwanzig Jahre später erscheint der Roman Fliegeralarm erneut. Im Jahr 2009 wird erinnert, was das Zeug hält – 70 Jahre Kriegsbeginn, 20 Jahre ‚Friedliche Revolution’, 60 Jahre Bundesrepublik. Das vereinigte Deutschland ist konsolidiert, die private Aneignung des Staatseigentums der DDR ist längst abgeschlossen und firmiert nun sogar als ‚Gerechtigkeit’:

Die Friedliche Revolution und die Wiedervereinigung ermöglichten die Schaffung gesetzlicher Grundlagen zur Aufklärung und Strafverfolgung von Unrecht und einen bisher nicht erlebten Elitentransfer. […] Westdeutsche besetzten mehrheitlich Spitzenpositionen in Politik, Gewerkschaften, Medien, Justiz, Militär und Universitäten Ostdeutschlands […]. Solch ‚komfortable‘ Bedingungen für den als Transitional Justice bezeichneten Prozess fanden sich in keinem anderen Land, das kommunistische Herrschaft, Militärdiktatur oder Genozid hinter sich hat. (ad hoc 2009, 14)

In den zwanzig Jahren nach dem ‚Ende der Geschichte’ sind Aufarbeitung und Erinnerung zentrale Kategorien; es geht, vereinfacht gesagt, nicht mehr darum, grundlegende gesellschaftliche Veränderungen zu erkämpfen, sondern um Inventarisierung und Bewertung von bereits Vergangenem, vermeintlich Abgeschlossenem. In der Literatur spiegelt sich diese Entwicklung – für die sich der Begriff der „Normalisierung“ (Krauss 2008, 46) tatsächlich auch durchgesetzt hat – wieder in der Zunahme von „Erinnerungsliteratur“ nach 1989 (ebd.). Entsprechend der oben bei Hans Apel zitierten Vorstellung einer historischen Zwangsläufigkeit der deutschen Vereinigung erscheint die Teilung hier als Ursache einer regelrechten psychischen Kollektivstörung, die mit der „die Erinnerung stimulierende[n]“ deutschen Vereinigung endlich beseitigt worden sei (vgl. ebd.). Dabei kommt es vor allem darauf an, dass es eben die gesamtdeutsche Geschichte ist, erinnert von „rund 82 Millionen […] Individuen, die den Grundkonsens der nationalen Einheit in den jetzt bestehenden Grenzen nicht mehr in Frage stellen und deren Schwierigkeiten miteinander durch Austausch und Akzeptanz geringer werden (können)“ (Neuhaus 2002, 483). Der Akt des Erinnerns ist dabei nicht nur Effekt, sondern Träger des Vollzugs der deutschen Vereinigung; die Erinnerungs-Literatur soll konstitutiv sein für eine „Revision und Neukonstituierung kollektiver Identität. Einer Identität allerdings, die Zweifel sät und oberflächliches Selbstbewusstsein erschüttert“ (ebd., 56).

Es handelt sich hier um so etwas wie einen kritischen Nationalismus, eine „selbstverständliche Souveränität, […] mit der die deutsche Geschichte behandelt wird“ (Kunstreich 2009, 117), und in diesem Kontext wird klarer, weshalb man im Jahr 2009 „offenbar leichter mit Elsner und ihrem Werk umgehen kann“ (ebd.). Auf Fliegeralarm trifft das sogar in besonderem Maße zu, da die von Elsner in dem Roman vorgenommene Vereindeutigung deutscher Täterschaft durchaus mit der ‚selbstkritischen’ NS-Gedenkpolitik der Berliner Republik vereinbar ist. Vor allem die Erinnerung an die Shoah ist anstelle einer positiven Bereinigung der deutschen Geschichte durch Leugnung und Schuldabweis, wie noch in den 80er Jahren angestrebt (Vgl. Seuthe 2001, 254 ff.), geradezu Kernstück der deutschen Identität geworden. Aber auch im Diskurs um die Bombardierung deutscher Städte durch die Alliierten – der Themenkreis, in den Fliegeralarm hauptsächlich gehört – ist das Opfernarrativ in Forschung und offizieller Gedenkpolitik weitgehend von einer differenzierteren Darstellung ersetzt worden. Hier haben sich die ästhetischen Maßstäbe sozusagen zu Elsners Gunsten verschoben: Die satirische, anti-psychologische Gestaltung von Luftkrieg und Nationalsozialismus passt in aktuelle Programmatiken von der Zertrümmerung des Realismus als „wirkungsvolle[r] Strategie, das unbeschreibliche Maß der Verheerung zu markieren“ (Koch/Vogel 2007, 139). Derselbe ästhetisierte Anti-Realismus wurde an Fliegeralarm nach der Erstveröffentlichung scharf kritisiert und entsprach auch den etwa ein Jahrzehnt später im Kontext der Luftkrieg-und-Literatur-Debatte aufgestellten Forderungen nach „autobiografisch motivierte[n], psychologisch nachvollziehbare[n], einfühlsame[n], weitgehend auf ästhetische Bearbeitung verzichtende[n] Schilderungen der Schrecken des Bombenkrieges“ (Künzel 2013, 9) nicht. Nun ist er erwünscht, legitim – ja, wird sogar als dem Gegenstand angemessener betrachtet.

Was nun aber auffällt, ist die Gleichzeitigkeit der Begriffe Authentizität und Unbeschreibbarkeit, die so etwa auch in der positiven Fliegeralarm-Besprechung des Deutschlandfunks zu finden ist. Hier schreibt Sabine Peters, der Faschismus könne „bis heute nicht schlüssig erklärt werden, immer bleibt ein Rest, ob in politischen Analysen oder in künstlerischen und literarischen Annäherungen” (Rez 3). Dies mag zutreffen hinsichtlich der emotionalen Nachvollziehbarkeit individueller oder kollektiver Leiderfahrung, um welche übrigens auch die Rede von einem „unbeschreibliche[n] Maß der Verheerung“ (Koch/Vogel 2007, 139) zentriert ist. Nur ist eben die angemessene Darstellung von Leid gar nicht der Gegenstand von Fliegeralarm; vielmehr geht es hier um die ideologiekritische Darstellung nationalsozialistischer Denk- und Handlungsstrukturen. Denn die Möglichkeit – und Notwendigkeit! – schlüssiger Erklärbarkeit ist, soviel dürfte bereits deutlich geworden sein, geradezu Grundanliegen des literarisch-politischen Programms von Gisela Elsner: Literarische Ästhetisierung nicht als Mittel zur Verdeutlichung der objektiven Unfassbarkeit eines Ereignisses, sondern umgekehrt als Mittel zur Wahrheitsfindung, zur Entlarvung der Unfassbarkeit als ideologischem Schein. Es geht nicht um Einfühlung, sondern um kritische Distanz. In diesem Sinne ist der Begriff der Authentizität, an dem auch aktuelle Konzepte zur künstlerischen Verarbeitung von NS-Themen festhalten, in seinem Verweis auf originär Erfahrbares ebenfalls keine kritische, sondern eine widerspruchsbereinigende Kategorie.

Es ist also festzuhalten: Obwohl im Jahr 2009 eine „Vielfalt der ästhetischen Konzepte und Schreibpraxen, der literarischen Regionen und gesellschaftlichen Funktionen, der Autorengenerationen und ihrer politischen Standorte“ (Emmerich 2008, 28) nicht als problematisch, sondern als „Gewinn“ (ebd.) betrachtet wird, bleibt Gisela Elsners Werk auch jetzt noch weitgehend ‚missverstanden’. Dies gilt zumal hinsichtlich des bereits skizzierten Elsner’schen Anliegens, Nationalsozialismus und Kapitalismus zusammenzudenken, eine antikapitalistische Perspektive zu eröffnen, die immer auch auf die radikale Kritik der Gegenwart abzielt. Spätestens nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus kann jede Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus immer auch unter totalitarismustheoretischen Kategorien subsumiert und die Verbindung von Kapitalismus und Nationalsozialismus leicht als DDR-Staatsideologie verworfen werden. Und so ist denn in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu lesen, Fliegeralarm verarbeite „[s]o ziemlich alles, was über die Psychodynamik des Totalitarismus ans Licht gekommen“ (Rez 2) sei. Die ‚Theorie’ des Totalitarismus gibt eine analytische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus vor, strukturiert selbige aber immer schon antikommunistisch. Der ideologiekritische Fluchtpunkt auch von Fliegeralarm ist jedoch die Parteinahme für den Kommunismus, nicht zuletzt im Sinne des Imperativs, die Welt so einzurichten, dass Auschwitz nie wieder geschehen kann. Dass Fliegeralarm diese politische Programmatik indirekter verarbeitet als andere Texte Elsners, ist deshalb wohl relevant für den großen Erfolg des Romans im Jahr 2009.   

Nun ist diese – milde ausgedrückt – Vernachlässigung des ökonomischen Aspekts keine von intellektuellen und politischen Eliten angeordnete Zensur gedenkpolitischer Diskurse, sondern scheint eine gesamtgesellschaftliche Bewusstseinsentwicklung zu sein. So wird noch 2008 geschrieben, es verwundere nicht [sic!], wenn sich „mit dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus die literarische Produktion zunehmend von der Arbeitswelt distanziert“ (Chilese 2008, 294/295). Hier fragt sich, weshalb gerade mit dem Totalwerden kapitalistischer Vergesellschaftung die „Kritik des herrschenden ökonomischen Systems gedämpft und das Interesse an den Mechanismen und Motiven der materiellen Produktion endgültig aus dem Weg geräumt“ (ebd.) sein soll. Denn schließlich haben mindestens „die Ostdeutschen“ (Apel 2000, 100) bereits 1989 „Probleme, diesen grundsätzlichen gesellschaftspolitischen Umschwung zu verstehen“ (ebd.) und vermögen darin – nur aufgrund „jahrzehntelange[r] Indoktrinationen“ (ebd.) selbstverständlich – bloß den „eiskalten Kapitalismus“ (ebd.) zu erblicken. Es ist die ideologische Bereinigung solcher Widersprüche, die ein attraktives Narrativ deutscher Nationalidentität leisten kann und muss. Die anhand von Fliegeralarm skizzierte Gedenk- und Erinnerungspolitik ist integraler Bestandteil dieser Dynamik, deren notwendige Flexibilität sich auch in der Veränderung ästhetischer Maßstäbe ausdrückt. In dem Sinne ist jede Pluralisierung solcher diskursiven Phänomene innerhalb des Bestehenden letztlich nicht viel mehr als eine integrativere, funktionalere Organisierung kapitalistischer Zustände. Mit Gisela Elsner polemisiert: „VIERTES REICH wird sich das, was da angeblich zusammenwächst, schon aufgrund der Geschäftstüchtigkeit der bedeutschten deutschen Anordnungsanordner wegen des ihm anhaftenden geschäftsschädigenden Ruchs zweifellos nicht nennen“ (Elsner 2011a, 208).

 

Bibliographie

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