Von der Geburt der Literatur aus dem Geiste der Sekundärliteratur

I. Vermeintliche Allgemeinplätze

Richard Terry eröffnete seinen inspirierenden Aufsatz zur ‚Erfindung der englischen Literatur im 18. Jahrhundert‘ 1996 mit der Behauptung, hier nur noch ‚Allgemeinplätze‘ referieren zu können. Klar sei in den letzten Jahrzehnten geworden, dass wir zwar über Artefakte aus der ganzen Tiefe der menschlichen Überlieferung verfügten, die wir als ‚literarische’ verbuchen können – allen voran Gedichte, Dramen, Erzählungen…; die Kategorie ‚Literatur’ erwies sich dagegen als relativ jung, grob auf die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts zu datieren. Die Literaturgeschichtsschreibung stelle das gegenwärtig vor zwei Herausforderungen: Zum einen müsste sie eine Bewegung ‚seismischer’ Gewalt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts annehmen, jene, die unsere heutige Debattenlandschaft erzeugte. Zum anderen müsste sie davon ausgehen, dass ihre Untersuchungsgegenstände vor 1750 in ganz anderen Kontexten verfasst wurden.

Das dürfte vor allem taktisch klug eröffnet gewesen sein, denn von der „Erfindung der Literatur“ spricht man noch immer bevorzugt im Blick auf die Antike (so Florence Dupont 1994) oder in Anbetracht der großen Autoren der Weltliteratur von Homer bis zu Cervantes (so der Kurs, der am New Yorker Eugene Lang College seit Jahren unter dem Titel läuft). Eine Universalie wird hier noch immer alternativ behauptet, etwa von Paul Hernadi 2002, der die Literatur an die menschliche Evolution band (als Ort der Simulation subjektiven Erlebens das Lyrische, der Geschichte das Epische, und sozialer Interaktion das Dramatische). Wie man negieren wolle, dass es Literatur ganz wie sie der moderne Brockhaus definiere, schon bei den Griechen gab und zudem Literaturkritik, Kritik an dieser Literatur, fragte Sylvia Heudecker 2005 im Blick auf Arbeiten, wie sie Herbert Jaumann vorlegte, mit besonderem Unmut über die These, erst die Literaturkritik der Journale habe die Literatur erfunden.

Für die Konstitution der Literatur im Rezensionsbetrieb des 18. Jahrhundert spricht dessen ungeachtet viel. Wer die These riskiert, erntet überraschenderweise kaum den Gegenwind derer, die die Erfindung der Literatur woanders sehen. Brenzlig wird für ihn vielmehr die Entgegnung, all das sei exakt so bereits von der Forschung wahrgenommen. Hier ist Forschung zu nennen, die irgendwie das Problem tangiert: Gunter E. Grimm notierte 1983, dass Literatur als Gelehrsamkeit definiert wurde, das Ideal des Dichters sei das eines Gelehrten, des ‚poeta doctus‘ gewesen. Rüdiger Campe untersuchte 1990, wie sich die ‚Literaturdiskussion‘ im 18. Jahrhundert von der Poetik zur Hermeneutik bewegte. Ingo Stöckmann gab dem in Vor der Literatur 2001 eine systemtheoretische Interpretation, die die Regelpoetik mit den Idealvorstellungen des Absolutismus abglich. Klar sei, dass eine neue das Subjekt befreiende Literaturdebatte nach 1750 aufkam. Die größeren historischen Linien konnte Jürgen Habermas bereits 1962 gängigen Literaturgeschichten entnehmen: Mit innovativer bürgerlicher Literatur und deren Diskussion in moralischen Wochenschriften kamen im 18. Jahrhundert erstmals freiere Debatten von England aus auf den Kontinent. Sie führten am Ende in die Ära der kritischen bürgerlichen Öffentlichkeit. Lee Morrisseys The Constitution of Literature galt 2008 den Debatten um Freiheit der Interpretation und politische Mitsprache, die in England zwischen 1640 und 1740 die Literaturdiskussion vorformatierten. Jacques Derrida gab Morrissey die Eröffnungsthese mit seinem Diktum „No democracy without literature; no literature without democracy“ von 1993.

Zu den Arbeiten, die die Leitlinien setzten, kommen die Detailanalysen: Rainer Rosenberg rekapitulierte 1990 die ‚verworrene’ Begriffsgeschichte. Was heute Literatur sei, hieß mal ‚Poesie’, mal ‚Dichtung’, auch ‚Belles Lettres’ und ‚Schöne Wissenschaften’ – eine verworrene Lage, da das Wort ‚Literatur’ selbst eigentlich für die Wissenschaften stand. Jürgen Fohrmann skizzierte, wie das moderne Projekt der ‚Literaturgeschichte’ an die ‚Historia Literaria’ des frühen und die ‚Litterar-’ und ‚Litterärgeschichte’ des späteren 18. Jahrhunderts anschloss, das heißt an Projekte der Wissenschaftsgeschichte.

Äußert man sich ohne Bezug auf diese Arbeiten, so setzt man sich dem Vorwurf aus, hinter ihnen zurückzubleiben. Lässt man sich auf sie ein, begibt man sich auf einen Parcours punktueller Fragen, auf dem man um ein anderes Verständnis der Problemlage ringen müsste, doch mit der Diskussion auf die bestehende Problemkonstitution fixiert wird.

Klärungen, die man nicht immer die erhoffte Klärung bringen

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Abb. 1: Titelblatt der ‚Breslauischen Sammlungen‘ 1718, einer Literatur- und Kunstzeitschrift des frühen 18. Jahrhunderts. Die Literaturgeschichtschreibung bietet sich hier noch keinem Austausch über Dramen, Romane und Gedichte an.

Um ‚Literatur’ geht es in den englischen moralischen Wochenschriften nicht, die nach 1709 Europa erobern. Das Wort behält auf Londons Pressemarkt vor 1750 den Beigeschmack krauser kontinentaler Gelehrsamkeit. Die erste moderne ‚Geschichte der englischen Literatur’ wurde Ende 1863/64 von einem Franzosen vorgelegt, Hippolyte Taine, der 1871 für den englischen Markt notierte, dass diese Debatte keine hundert Jahre alt sei und in Deutschland mit einer Neuausrichtung der ehedem wissenschaftlichen historischen Debatte begann – das widerspricht diametral der These der englischen Genese des Debattengegenstands. Rüdiger Campe tangierte diesen Prozess tatsächlich eher peripher, wo er von der ‚Literaturdiskussion des 18. Jahrhunderts’ sprach. Er selbst legte dabei fest, was für ihn ‚Literatur’ war. Für die Literaturdebatte (und hier ist das Wort jetzt vom Titelblatt abgenommen) der Breslauischen Sammlungen in ihrer ersten Ausgabe von 1718 (Abb. 1) hat Campe keinen Raum. ‚Kunst- und Literatur-Geschichte’, verbaliter Berichte von neuesten technischen Apparaturen und wissenschaftlichen Publikationen (in ihrem Fall aus den Bereichen der Medizin und der Meteorologie) sind das Metier des Fachorgans, das den Begriff an aller Poetik und Hermeneutik vorbei benutzt und dabei die Regel vorgibt. Woher die fraglose Perspektive auf die Poesie als Ahn der Literatur? Ingo Stöckmann wartete erneut mit ihr auf. Und warum sah Stöckmann nicht die ‚Belles Lettres’ als Vorgängerdiskurs? Er hätte Behauptungen in Anbetracht eines Debattenfeldes des Irregulären aufstellen müssen, der Caprice der Autoren und Autorinnen, der Launen der Moden, der Freiheit des Geschmacks und ein ganz anderes Buch schreiben müssen. Und können wir, nebenbei, davon ausgehen, dass der ‚poeta doctus’ vor 1750 das Ideal auch nur in der Poesie war? Der Artikel des Zedler zum Poeten gilt Wirrköpfen und Geisteskranken. Man habe aber doch zwischen ‚Litteratur’ und ‚Literatur’ geschieden, um zwischen den Wissenschaften und der Literatur unterscheiden zu können, so ein weiterer häufiger Einwurf. Man kann auch auf ihn kaum eingehen, ohne sich selbst des mangelnden Feingefühls zu überführen (tatsächlich besteht hier nicht der Unterschied, den die moderne Forschung hier gerne sähe).

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Abb. 2 und 3: Londons Buchmarkt im Angebotsspektrum der ‚Term Catalogues‘ des Jahres 1700 und das Themenspektrum der ‚Allgemeinen deutschen Bibliothek‘ 1770. Hier wie da wird dem späteren Segment literarischer Texte noch kein zusammenhängendes Terrain zugewiesen. Im Lauf des 18. Jahrhunderts zeichnet sich die Arrondierung dieses Terrains jedoch zunehmend ab. Die ‚AdB‘ bietet 1770 unter „Schönen Wissenschaften“ primär Poesie sowie deren Sekundärliteratur. Der Roman bleibt, wie im Buchhandel üblich, der Historie zugeordnet.

Es ist vergleichsweise einfach, nachzuweisen, dass das Wort ‚Literatur’ in einem ganz anderen Austausch bestand, und dass der Gegenstand, den wir unter ihm – allerdings heute kontrovers – konstituieren, so erst seit etwa 1790 klarer zusammenhängt. Register von Rezensionsorganen zeigen zuvor Einteilungen, in denen die ‚Poesie’ ein eigenes Gebiet erhält, der Roman aber der Geschichte untergeordnet bleibt. Buchhandelskataloge kommen mit ihnen überein und lassen zwischen der Jahrhundertmitte und den 1790er Jahren ein Verschwimmen der Ordnungsangebote erkennen (Abb. 2 und 3). Man wird mit solchen Demonstrationen keine historische Recherche auslösen, zum einen, weil man damit das Recht der Literaturwissenschaft anzuzweifeln scheint, ihren Gegenstand laufend selbst zu definieren, zum anderen, weil man hier an einer grundlegenden Wahrnehmung vorbei geht: Die Literaturdebatte gilt heute gar keinem Gattungsensemble aus Drama, Roman und Gedicht mehr. Derartige Gattungspoetik überwand sie gerade. Sie verteidigt nicht einmal einen bestimmten Literaturbegriff, eher den offenen Umgang mit interessanten Gegenständen, wenn sie Texturanalysen und Interpretationen anbieten.

 

II. Die Geschichte des Austauschs schreiben, der den Gegenstand konstituiert

Das Wort ‚Literatur’ findet sich das Mittelalter hindurch als Inbegriff für die Wissenschaften. Nach 1485, mit der Selbstkonstitution der ‚res publica literaria’ avanciert die ‚historia literatura’ (so der Begriff, den Christophe de Molin 1551 wählt) zur neuen Leitwissenschaft und unabdingbaren Praxis: Man bricht mit den Autoritäten des Mittelalters; im modernen Wissenschaftsbetrieb wird der kollegiale und unparteiische Bezug auf die gesamte Forschung im jeweiligen Gebiet verpflichtend. 1665 kommt mit dem Journal des Sçavans die erste Literaturzeitschrift in den Handel. Vierzig Jahre später boomt das Projekt – nicht in London, sondern in Leipzig, Halle und Jena zwischen Professoren und Studenten, die auf seinem Terrain eine eigene Blogosphäre unterhalten.

Titelblatt und Frontispiz der 'Aufrichtigen und unpartheyischen Gedancken' 10 (1715)

Abb. 4: Titelblatt und Frontispiz der ‚Aufrichtigen und unpartheyischen Gedancken‘ 10 (1715), eines den Journalmarkt beobachtenden Journals. Der Gelehrte sitzt im Käfig des Rezensionswesens, das bestimmt, was an Literatur interessiert – so vermessen wie der Vogelbesitzer, der seinem Tier die Flötentöne beibringt.

Um das Jahr 1710 herum setzt in Deutschland die – eminent produktive – Krise ein, in deren Verlauf die Literaturdebatte ihren Gegenstand wechselt. Im Ringen um die Publikumsgunst bestimmt zunehmend das Rezensionswesen, was an Literatur wahrgenommen wird und damit Literatur ist (Abb. 4). Neue Literaturzeitschriften richten sich Mitte des 18. Jahrhunderts im Blick auf die populärere Debatte auf die ‚Belles Lettres’, den eleganten Buchmarkt aus. Poesie der Nation im internationalen Wettbewerb interessiert dabei in Reformangeboten: Von eleganten Büchern soll hier so wenig gehandelt werden wie von der Oper als führender Gattung der Poesie. Dramen, Romane und Gedichte machen das Rennen als Anspielpartner der Reform. Die Wissenschaften weichen auf Fachdebatten aus. Die sich selbst zuspitzende allgemeine Literaturdebatte arbeitet dagegen von nun an primär an einer Grenzziehung zwischen diskutabler Literatur im engeren Sinn von künstlerisch wertvollen Werken auf den Gebieten Drama, Roman und Gedicht und einer Massenware, der alle literarischen Meriten fehlen (Abb. 5).

Die Literaturdebatte wechselt ihren Gegenstand zwischen 1700 und 1850

Abb. 5, schematisch dargestellt: Der Austausch über Literatur öffnet sich im Lauf des 18. Jahrhunderts den ‚Belles Lettres‘ und richtet sich dabei auf Dramen, Romane und Gedichte aus, der neue Austausch gerät ins Zentrum der Literaturdebatte, Trivialliteratur wird dabei ausgesondert, die Wissenschaften verlassen die allgemeine Debatte.

Mit der modernen Literaturkritik, die über Journale ausgetragen wird, steht den Gefilden, die hier Literatur werden, ab etwa 1750 erstmals ein verlässlicher eigen strukturierter, dezidiert sekundärer Diskurs gegenüber. Autoren und Autorinnen von Dramen, Romanen und Gedichten können neue Werke von nun an sowohl gezielt auf die hier zu erwartende Rezeption ausrichten, wie an ihr vorbei publizieren. Ein Feld neuer taktischer Prämissen eröffnet sich: epigonal zu schreiben oder den provokanten Bruch mit der Literaturgeschichte zu riskieren; spannend wird es, Werke zu publizieren, die der Kritik über Jahrzehnte hinweg Aufgaben stellen. Ein neues Copyright muss eingeführt werden, um Autoren und Autorinnen am späten Ruhm zu beteiligen, der Teil der Rezeption von ‚Literatur‘ (im Gegensatz zu modischer ‚Belletristik‘) ist. Auf dem Romanmarkt wurden bislang Manuskripte verkauft. Autoren und Autorinnen setzten sich danach gerne in die Anonymität ab. Der neue Austausch sucht dagegen namhafte Publizierende, die sich über Jahrzehnte mit immer neuen Werken auf die Interaktion mit der Kritik einlassen.

Der heutige Kanon deutscher Literatur zeigt, dass Mitte des 18. Jahrhunderts erste größere Mengen von nun an in Diskussionsschüben zu besprechender Werke erschienen. Eher lückenhaft ist dieser Literatur eine Vergangenheit vor 1730 auf den Leib geschrieben (Abb. 6).

Chronologische Distribution der in 'Frenzels Daten deutscher Dichtung' gelisteten Titel

Abb. 6: Was im Rückblick Literatur wurde nach einer statistische Auswertung von H. A. und E. Frenzels ‚Daten deutscher Dichtung‘. Eine sich der Literaturdebatte in Schüben anbietende Primärproduktion kommt im 18. Jahrhundert auf und erobert die Literaturgeschichtsschreibung; sie wird von dieser mit einer brüchigen Vergangenheit ausgestattet.

Im 19. Jahrhundert nimmt sich der moderne Nationalstaat des neuen Bildungsgegenstands an – zögerlich im anglophonen Raum, dessen Buchmarkt ganz anders dem Marktgeschehen anvertraut bleibt, innovativ ausgerechnet in Territorien wie Bayern, die hier einen Gegenstand säkularer Bildung gewinnen und am Wettbewerb um die Konstitution der größeren nationalen Öffentlichkeit teilnehmen. Englische Autoren mögen Moden setzen, was an Literatur produziert wird. Die Literaturdebatte ist dagegen eher eine Geburt des kontinentalen Wissenschaftsbetriebs und des kommenden Nationalstaats.

Der Austausch der frühmodernen res publica literariaAus dem ehemals internen egalitären internationalen Austausch von Wissenschaftlern innerhalb der ‚res publica literaria‘ ist Ende des 19. Jahrhunderts ein gesellschaftlich integrativer primär nationaler geworden, den der internationale Wissenschaftsbetrieb als zentraler Akteur weiterhin mit internationaler Forschung bedient (Abb. 7 und 8).

Literarisches_Leben_2009-09-07Asymmetrien bestimmen den neuen Austausch. Primär- und Sekundärliteratur sind mit ihm arbeitsteilig getrennt. Die Autoren und Autorinnen von Literatur werden von nun an gezielt als Andersartige gegenüber dem Publikum gebildet – als Künstler und Künstlerinnen, wenn nicht als Genies, deren Werke sich schon immer erst in der Vermittlung der Literaturkritik entfalteten (so Roger D. Sell 2000). Die Literaturwissenschaft betreut im Schulunterricht das heranwachsende Publikum in der Bewältigung dieser Asymmetrien. Zwischen Markt und Staat baut sie ein neues Spannungsverhältnis auf, in dem die Autorschaft zwischen den vermeintlichen Verlockungen des ‚Literaturbetriebs’ und nationaler Verantwortung zu wählen hat (Simons 2013). ‚Kunst um der Kunst willen’ wird zur Option der Kunstschaffenden, sich diesen Vereinnahmungen zu widersetzen.

Das Wort ‚Literatur’ war und ist bis heute ein Wort, das erst der sekundäre Diskurs vergibt (es erscheint nicht wie ‚ein Roman‘ auf Titelblättern). Der heutige Gegenstand ist dabei historisch paradox: Gerade das Außerwissenschaftliche wird ‚Literatur im engeren Sinne‘, ab den 1750er Jahren werden vom sekundären Diskurs gezielt Werke zu ‚Literatur‘ erklärt, die vormals alles andere waren. Es werden von nun an gleichzeitig ganz neuartige Werke verfasst mit Anspruch darauf als ‚Literatur‘ anerkannt und gewürdigt zu werden. Der sekundäre Diskurs inspiriert eine primäre Produktion neuer Perspektiven auf zu erregende und zu vermeidende Interaktion, neuer Komplexitäten und neuer Bereitschaft sich Erwartungen der Kritik zu widersetzen.

 

III. Die Option von Industriegesellschaften, die auf die produktive und integrative Auseinandersetzng mit der öffentlichen Meinung setzten

Es ist verlockend, Aussagen über die Qualitäten zu machen, die bei näherer Analyse alle literarischen Werke miteinander teilen. Man zeigt sich, wenn man das tut, bereit, den Kanon zu unterstützen, wird indes nur klarer sprechen, wenn man Werke analysiert, deren literarische Qualitäten unumstritten sind – und wird damit den Kanon kontrovers akzentuieren. Mit den Fokussierungen beginnen jeweils die Angebote einer neuen Forschung, die neuen Allianzen in die Hände spielen wird und die eigene Position stärkt: Man selbst bietet den klareren Blick auf das an, was die Literatur wirklich ist.

Aussagen über den Diskurs zu machen, der Gegenstände als Literatur annimmt, ist dagegen ein vergleichsweise deskriptives Projekt – und keines, das einfache Antworten bereithält, denn man geht hier mit keinem homogenen und keinem historisch abgeschlossenem Austausch um. Was im literaturwissenschaftlichen Diskurs Literatur werden soll, muss andere Qualitäten aufweisen, als was im Feuilleton laufende Kontroversen bedient. Der Schulunterricht muss sich auf für die jeweiligen Altersgruppen Verständliches ausrichten. Literaturpreise spezialisieren sich in Konkurrenz untereinander auf Literatur, die ohne sie nicht genug gewürdigt würde, und setzen damit eigene Qualitäten des Gebrauchs fest.

Die interessanteren Antworten über diesen Diskurs wird man gewinnen, wenn man fragt, wie er zu konkurrierenden Formen des Austauschs etwa über die Belletristik, Poesie, den Roman, das beliebige Buch, das man gerade liest… steht. Im Alltag sind wir zurückhaltend damit, von ‚Literatur’ zu sprechen, schlicht weil hier eine Würdigung einsetzt, in der wir uns selbst profilieren müssten mit Aussagen dazu, warum wir jetzt diese Würdigung wagen. Innerhalb der Literaturdebatte werden wir dagegen überall Literatur besprochen sehen, wo wir Gegenstände angesprochen sehen, die wir selbst für Literatur erachten.

1. Der Austausch über Literatur definiert sich wissenschaftlich über den Gegenstand und destabilisiert dabei alternativen Austausch. Unauffällig tut er das, wo der Schulunterricht klärt, dass jeder über Literatur spricht, der auch nur die Harry Potter Bücher ‚geil’ findet. Durchaus parallel agiert der Literaturwissenschaftler – Horst Steinmetz, 1972 in diesem Fall –, der Johann Christoph Gottscheds Schriften zur Literatur herausgibt und im Nachwort eröffnet, dass der Autor selbst andere Worte benutzte. Wenn wir besehen, was er besprach, müssten wir anerkennen, dass er ‚Literaturtheorie‘ betrieb. Es zeigt sich im selben Moment, dass Gottsched dem Gegenstand kaum gerecht wurde.

Die begriffliche Intervention wird in der Regel positiv aufgenommen, da hier ein wissenschaftlicher Austausch lediglich etwas anders benennen will. Es folgt, willkommener noch, eine Würdigung: Autoren und Autorinnen außereuropäischer Literaturen gereicht es zur Ehre, Preise bis hin zum Literaturnobelpreis zugesprochen zu erhalten. Japan kann stolz darauf sein, Meisterwerke auf dem Gebiet des Romans – und damit der Literatur – weit vor Europa vorgelegt zu haben. Ein Diskurs ohne Gegner breitet sich hier in seinen eigenen Darlegungen aus.

2. Der Austausch über Literatur hat keine Gegner, da er selbst eine Plattform ist, auf der sich Positionen und Allianzen öffentlichkeitswirksam artikulieren lassen. Das trifft vor allem dank der Wissenschaften als zentralem Akteur zu: Theologie, Jurisprudenz und Medizin waren vor 1750 die drei großen Fakultäten der Wissenschaften und Felder der Literatur im Interesse der Religion, des Staats und der Menschheit. Auf ihrem Terrain Kritik zu üben, war in jedem Fall interessanter, als gegen alle Literatur, alle Bildung zu sprechen – etwa im Plädoyer für mehr Barbarei? Von der Themenverlagerung nach 1750 profitierten nach anfänglicher Skepsis erneut die Wissenschaften, die sich rasch mit den Geistes- und Sozialwissenschaften auf das gesamte Spektrum öffentlicher Meinungen ausrichteten. Der Buchhandel belieferte die neue Literaturkritik, neue ‚literarische‘ Autoren und Autorinnen ließen sich auf sie ein. Den Diskurs um bessere Literatur zu führen, blieb interessanter, als gegen Literatur generell zu sprechen – und das, obwohl nun Produktionsfelder Literatur wurden, gegen die gerade die Wissenschaften jahrhundertelang polemisiert hatten.

3. Der Austausch über Literatur leitet einen Wettlauf um Win/Win-Situationen im produktiven Umgang mit dem potentiell Prekären ein. Lang diskreditierte Felder werden nach 1750 Literatur. Gattungen machen hier zwar das Rennen: der Roman, das Drama, das Gedicht. Gerade um Gattungen soll es an dieser Stelle jedoch gar nicht gehen, sondern um die Texte, die die Gesellschaften würdigen und, viel wichtiger: nicht genug würdigen. Mit der Arbeit an der möglichen Würdigung, mit Angeboten denkbarer Interpretationen und denkbarer Ästhetik kommen die literarischen Gattungen plötzlich dort zum Zuge, wo der proliferierende öffentlichen Konsum von Texten und die breite Bedeutungskonstitution grassieren.

Ein positives, eminent produktives Regime löst an dieser Nahtstelle zwei konkurrierende Vorgänger der Fokussierung auf Problemfelder ab: Gelehrte des Mittelalters und der frühen Neuzeit hatten sich dem Kampf gegen Irrtümer, Aberglauben und Lustbarkeiten verschrieben und waren Fiktionen und poetischen Inventionen breitflächig mit Reglementierungen, wenn nicht mit Abwehr begegnet. Die Aufklärung brachte das bahnbrechende produktivere Kalkül in Anschlag, mittels Bildung von Irrtümern und Vorurteilen zu befreien und den öffentlichen Geschmack zur wahren Ästhetik zu führen. Die Fortentwicklung siegte nun über die Ausrottung.

Die moderne Industriegesellschaft wagt das dritte, ein nochmals produktiveres Anschlussregime mit der grundsätzlichen Würdigung aller menschlichen Artefakte, die theoretisch öffentlich bedeutungsvoll werden könnten und darum als Artefakte der ‚Kultur‘ Wertschätzung einfordern müssen. Das Prekäre der individuellen Würdigung und Interpretation bleibt auch in dieser dritten Ära der Problemkonstitution eingegrenzt, doch wechselt das Vorzeichen der Eingrenzung: Es droht nun nicht mehr das Zuviel an Bedeutungskonstitution und das Zuviel an Wertschätzung, sondern das Zuwenig. Dass die Jugend Romanen nicht genug Bedeutung beimisst, ist von nun an das Problem, dem der Literaturunterricht kreativ begegnen muss. Dass einzelne Äußerungen selbst in Fachkreisen in ihrer Komplexität unterschätzt bleiben, wird das neue Problem, dem sich die Literaturwissenschaft in immer neuen Problemanalysen widmet. Das unterentwickelte Verständnis und in der breiten Bevölkerung eine Desinteresse an Literatur werden die neuen Probleme dort, wo zuvor dieselben Gattungen bei marginaler Produktion viel zu viel Interesse und viel zu hitzige Aktivität auf sich zu ziehen drohten.

4. Der Austausch über Literatur bleibt in wissenschaftlicher Tradition undemokratisch. Welche Verfassung sich die ‚res publica literaria‘ denn nun gebe, fragte Nicolaus Hieronymus Gundling 1734 in der ersten Fußnote: Wohl keine monarchistische – nun nachdem päpstliche Dicta nichts mehr gälten; doch auch keine demokratische, verteidigt doch jeder moderne Wissenschaftler selbstherrlich seine Sicht als die, der die Geschichte Recht geben werde.

Mit dem 18. Jahrhundert wurden zwar Gegenstände außerhalb der Wissenschaften Literatur. Der Publikumsgeschmack siegt mit ihnen jedoch nicht. Die Urteile der Öffentlichkeit werden von der Literaturdebatte flächendeckend diskreditiert – Robert Heron gibt 1785 die satirische Aufstellung nach allen Produktionsfeldern (und nebenbei eine Momentaufnahme der Umstrukturierung des Literaturbegriffs): Einzelne Gattungen machen es dem Kritiker unterschiedlich schwer zu entscheiden, was historisch bedeutsam ist (Abb. 9) – das Urteil der Geschichte zeichnet sich unterschiedlich schnell ab. Im Schulunterricht bleibt die Demokratie so sehr ausgespart wie in der Literaturwissenschaft, in der Forscher ihre Arbeiten als Revision bestehender Perspektiven anbieten. Die Literaturkritik in den Zeitungen lebt von Versuchen, das Urteil der Geschichte vorwegzunehmen.

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Abb. 9 aus Robert Heron: Letters of Literature. London: G. G. J.; J. Robinson, 1785, S. 482: Wie viel Zeit muss vergehen, bevor wir einem Werk literaturhistorischen Rang bescheinigen können? In den verschiedenen Gattungen unterschiedlich viel. Nebenbei eine Momentaufnahme des Gattungsensembles im laufenden Umbruch. Die Gattungen subjektiver und künstlerischer Gestaltung verdrängen die originären Felder der Literaturdiskussion.

5. Der Austausch über Literatur lässt gerade, da er der Geschichte das Urteil überlässt, die freie Meinungsäußerung zu – mit der Macht, jede Sicht grundlegend zu relativieren. Der Schulunterricht bietet hier die klareren Einblicke. Ob in der Diktatur oder der Demokratie, es gewinnt in ihm, wer sein Urteil vorausschauend kompetent behauptet und relativiert. Benotet wird Wissen, doch eben auch Wissen um alternative Urteile, Wissen um die Konsistenz des eigenen Urteils – ist es nur eigene Privatmeinung, ist es mehr? Ist es Teil des öffentlichen Konsenses oder schon wissenschaftlich erwiesenes Urteil? Dem Diskurs der ‚freien’ Meinung, der sich vom Schulunterricht in die Literaturkritik erstreckt, steht der wissenschaftliche Austausch gegenüber: Hier geht es erneut um persönliche Verantwortung, doch nun gerade für unpersönliche, dafür jedoch plötzlich theoretisch zwingende Positionen. Freiwillig relativiert werden auch sie in der Antizipation möglicher Debatten.

Vielleicht könnte man zurückhaltend formulieren, dass die Literaturdebatte die Demokratie weniger herbeiführt als zulässt, sie zulässt, wie sie die Diktatur in Industriegesellschaften zulässt. Die Literaturdiskussion bietet sich modernen Öffentlichkeiten an, die auf die großflächige Relativierung von individuellen ‚freien’ Meinungen setzen. Sie bietet sich dem modernen Nationalstaat an, der auf den Vertrag mit dem Individuum setzt, dem er erst die Chance gibt, sich mit eigenen Anschauungen zu entfalten. Frei ist dabei die persönliche Sicht mit dem Nachteil, sich als solche zu relativieren. Frei ist nicht minder die wissenschaftliche Perspektive – mit dem Nachteil, in den Wissenschaften relativ zu bleiben.

Gesellschaften, die auf Produktion setzen – moderne Gesellschaften mit intensiver Medienberichterstattung, säkulare und hochgradig integrative Staaten finden hier ein Terrain breiter Debatten mit interessanter Anbindung an die Wissenschaften – ein Terrain, dank dessen sie die Demokratie ganz anders riskieren können als traditionelle Gesellschaften zuvor. Mithin das Plädoyer, bei der Frage „Was ist Literatur?“ weniger auf die einzelnen Artefakte zu sehen, die uns der Debatte Wert erscheinen, denn auf den Austausch, den wir dabei in Anschlag zu bringen suchen. Er weist im Moment eine eher unterbelichtete mit dem Wort gegebene Geschichte auf sowie Institutionalisierungen, deren Zusammenspiel schlecht erfasst ist. Eigenartig vorbereitet ist dieser Austausch darauf, mit anderem Gebrauch (und dessen ganz eigenem sprachlichen Niederschlag) der betrachteten Gegenstände in Konkurrenz zu treten.

Dr. Olaf Simons arbeitet z.Z. in Gotha an einem Buchprojekt zur Geschichte des Literaturbegriffs.

Rüdiger Campe: Affekt und Ausdruck: Zur Umwandlung der literarischen Rede im 17. und 18. Jahrhundert. Tübingen: Max Niemeyer Verlag 1990.

Jacques Derrida: „Passions: An Oblique Offering”. In: Thomas Dutoit (Hg.): On the Name. Übers.: David Wood. Stanford: Stanford UP 1993. S. 1-31.

Florence Dupont: L’invention de la littérature : de l’ivresse greque au livre latin. Paris: Éd. La Découverte, 1994. Englisch: The Invention of Literature: From Greek Intoxication to the Latin Book. Übers. von Janet Lloyd. Baltimore, London: John Hopkins University Press 1999.

Jürgen Fohrmann: Das Projekt der deutschen Literaturgeschichte. Entstehung und Scheitern einer nationalen Poesiegeschichtsschreibung zwischen Humanismus und Deutschem Kaiserreich. Stuttgart: Metzler 1989.

Gunter E. Grimm: Literatur und Gelehrtentum in Deutschland: Untersuchungen zum Wandel ihres Verhältnisses vom Humanismus bis zur Frühaufklärung. Berlin: De Gruyter 1983.

Nicolaus Hieronymus Gundling: Vollständige Historie der Gelahrtheit. Bd. 1, hg. Johann Erhard Kapp, Christian Friedrich Hempel. Frankfurt: Wolffgang Ludwig Spring 1734.

Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft. Neuwied: Luchterhand 1962.

Paul Hernadi: “Why Is Literature: A Coevolutionary Perspective on Imaginative Worldmaking”. In: Poetics Today. 23.1 Literature and the Cognitive Revolution. (Spring, 2002), S. 21-42.

Robert Heron: Letters of Literature. London: G. G. J.; J. Robinson 1785.

Sylvia Heudecker: Modelle literaturkritischen Schreibens. Dialog, Apologie, Satire vom späten 17. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts. Tübingen: Niemeyer 2005.

Herbert Jaumann: Critica. Untersuchungen zur Geschichte der Literaturkritik zwischen Quintilian und Thomasius. Leiden: Brill 1995.

Lee Morrissey: The Constitution of Literature. Literacy, Democracy, and Early English Literary Criticism. Stanford CA: Stanford UP 2008.

Christophorus Mylaeus: De scribenda universitatis rerum historia libri quinque. Basel: J. Oporinus 1551, darin Buch 5 zur „Historia literaturae“.

Rainer Rosenberg: „Eine verworrene Geschichte. Vorüberlegungen zu einer Biographie des Literaturbegriffs”. In: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik. 77 (1990), S. 36-65.

Roger D. Sell: Literature as Communication. The foundations of mediating criticism. Amsterdam, Philadelphia: John Benjamins Publishing Company 2000.

Olaf Simons: Marteaus Europa oder Der Roman bevor er Literatur wurde: eine Untersuchung des deutschen und englischen Buchangebots der Jahre 1710 bis 1720. Amsterdam, Atlanta: Rodopi 2001.

Olaf Simons: Literaturbetrieb – ein Konzept staatsnaher Auseinandersetzung mit Literatur? In: Philipp Theisohn / Christine Weder (Hg.): Literaturbetrieb. Zur Poetik einer Produktionsgemeinschaft. Paderborn: Fink 2013, S. 115-132.

Horst Steinmetz: Nachwort zu: J. Chr. Gottsched: Schriften zur Literatur. Hg. v. Horst Steinmetz. Stuttgart: Reclam 1972, S. 368-71.

Ingo Stöckmann: Vor der Literatur: eine Evolutionstheorie der Poetik Alteuropas. Tübingen: Niemeyer 2001.

Hippolyte Taine: History of English Literature. [1863/1864] Edinburgh: Edmonston & Douglas 1871.

Richard Terry: “The Eighteenth-Century Invention of English Literature. A Truism Revisited”. In: Journal for Eigtheenth Century Studies. 19.1. (1996), S. 47-62.

Simone Winko / Fotis Jannidis / Gerhard Lauer (Hg): Grenzen der Literatur. Zu Begriff und Phänomen des Literarischen. Berlin, New York: Walter de Gruyter 2009.