Tahrir als Metapher

Es kommt letztlich immer darauf an, wo man sich befindet. Während die westliche ‚Generation Facebook’ ihre Zeit vor dem Bildschirm mit Trivialem verschwendet, scheint der arabischen Blogosphäre noch etwas zuzukommen, das sich am besten als ‚revolutionäres Potenzial’ beschreiben lässt. Denn wie ließen sich die arabischen Aufstände ohne Blogs, Twitter, Youtube und Facebook erklären, deren Gemeinsamkeit in der basisdemokratischen Produktion und Rezeption von Informationen liegt?
Dass neben und bereits vor dem Aufkommen von Social Media die Literatur eine mobilisierende Rolle für die ägyptische Revolution gespielt hat, davon ist die freie Journalistin Susanne Schanda überzeugt. In ihrem Reportage-Buch Literatur der Rebellion, für das sie über ein Dutzend ägyptischer Literat_innen interviewte, zeichnet sie den Boom nach, der in den vergangenen zehn Jahren die ägyptische Literaturlandschaft umgekrempelt hat. Wo ein Drittel der Bevölkerung weder lesen noch schreiben kann und die Literatur ausschließlich der Bildungselite vorbehalten war, dort wurde sie von der Mubarak-Regierung nicht einmal der Zensur für würdig befunden. Folgt man Schandas Erzählung, so änderte sich alles im Jahre 2002 mit Alaa al-Aswanis Roman Der Jakubijân-Bau, der in einfacher Sprache von den Sorgen und Nöten der Bevölkerung erzählte und damit offene Türen einrannte.

Soziologie statt Ästhetik

Schanda verfolgt in erster Linie kein ästhetisches, sondern ein soziologisches Interesse. So fragt sie weniger, wie sich die ästhetischen Formen durch die Revolution verändert haben, sondern eher, was die Literatur über den ägyptischen Alltag erzählt. Demgemäß nähert sie sich den rund 16 Autor_innen nacheinander jeweils biografisch, werkästhetisch und tagespolitisch: Wie kamen sie zum Schreiben? Welche Schreibstrategien verfolgen sie? Was haben sie vor und nach der Revolution vom 25. Januar 2011 gemacht? Wie sehen sie ihre gesellschaftliche Funktion? Wie sehen sie die Zukunft des Landes? Diese Fragen liefern teils beeindruckende Einblicke in die ägyptische Literaturlandschaft. Dort werden über die sozialen Medien inzwischen viele Bücher nicht-etablierter Autor_innen publiziert, vertrieben und bekannt gemacht; neue Genres wie Selbsterfahrungsliteratur, Krimi, Thriller und Comic suchen ihre Leser_innen. So begann die unerfahrene Bloggerin Ghada Abdelaal im Schutz einer gewissen Netzanonymität über gesellschaftliche Tabuthemen wie Heiratskonventionen und die gesellschaftliche Rolle der Frau zu schreiben, bis die Resonanz anstieg und Abdelaals Blogtexte von Großverlagen verlegt und für das Fernsehen verfilmt wurden:

Von Leserinnen erhielt ich große Unterstützung und Ermunterung. Viele schrieben, dass endlich einmal jemand über dieses Thema spricht. Auch von Männern kamen Reaktionen: vereinzelte aggressive Kommentare, aber auch ein paar interessante Bemerkungen. Einige schrieben, dass sie bisher nicht gewusst hätten, wie Frauen über ihr Leben, ihre Arbeit, Beziehungen und Ehe dächten, geschweige denn, dass die Heiratsbräuche so hart für uns seien. (207)

Neben einem Kapitel zu feministischen Schriftstellerinnen verarbeitet Schanda in weiteren Kapiteln die Erfahrungen von Schriftsteller_innen mit staatlicher Repression und Religion. Damit wirft sie nebenbei kurze Schlaglichter auf die diktaturgeprägte Geschichte Ägyptens, die sich in allen vorgestellten Lebensläufen und Schreibstrategien widerspiegelt.

Begrenzte Seismograf_innen

So einig sich die Literat_innen noch vor der Revolution waren, dass eine solche stattfinden müsste, so weit gehen ihre Meinungen darüber auseinander, welchen Verlauf sie nehmen wird. Groß ist bei der Mehrheit der Autor_innen die berechtigte Angst vor einem neuen und diesmal islamistischen Regime. Vom Sturz der islamistischen Mursi-Regierung durch das Militär konnten sie noch nicht wissen, weil das Buch in der Regierungszeit Mursis endet. Durch die einhellige Bewertung des bisherigen Revolutionsgeschehens und die unterschiedliche Bewertung des weiteren Verlaufs zeigt sich die politische und ästhetische Vielfalt der (mehrheitlich säkularen) Autor_innen. Doch die von Schanda bejubelte Seismograf_innen-Funktion der Schriftsteller_innen – gemeint ist deren Fähigkeit gesellschaftliche Veränderungen voraussagen zu können – scheint damit an ihre Grenzen zu stoßen, wenn es um die genauere Bestimmung der Veränderung geht. Schließlich verstehen unter ‚Demokratie’ und ‚Freiheit’ muslimische Feminist_innen etwas anderes als liberale Linke. So kommt es vor, dass Autor_innen sich aufgrund ästhetischer und politischer Differenzen explizit voneinander abgrenzen oder die stets um politische Neutralität bemühte Schanda die Weltverschwörungstheorien einer Ahdaf Soueif als diejenigen antisemitischen Wahn-Projektionen kritisieren muss, die sie sind.
Ein politischer Blick auf die Literatur der ‚Arabellion’ hat demnach sowohl die politische Positionierung der Autor_innen als auch das Politische der Kunstwerke und ihr Wechselverhältnis präzise herauszuarbeiten, wobei sich das Politische der Kunstwerke nicht in den soziologischen Aussagen über die Gesellschaft erschöpft. Es wird dabei deutlich, dass eine widerspruchsfreie Erfolgserzählung der ägyptischen Literatur als ‚Revolutionsliteratur’ nicht zu haben ist, jedoch Spuren einer oppositionellen Literatur in der ägyptischen Literaturgeschichte durchaus existieren. Und unabhängig von der Frage, wie hoch der Einfluss der Literatur auf die ägyptische Revolution letztlich veranschlagt werden darf: Die Revolution war und ist in jedem Falle eine ‚kulturelle Revolution’, die es politisch weiterzutreiben gilt. Um sie als diese verstehbar zu machen, hat Susanne Schanda eine hervorragende journalistische Einführung in die neueste ägyptische Literatur mit soziologischem Schwerpunkt vorgelegt.

Susanne Schanda: Literatur der Rebellion. Ägyptens Schriftsteller erzählen vom Umbruch. Zürich: Rotpunktverlag 2013. 251 S., EUR 29,90. ISBN 978-3-85869-536-9.

Martin Brandt studiert Neuere Deutsche Literatur an der FU Berlin und ist Redakteur der Rezensionszeitschrift kritisch-lesen.de.

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