Editorial Was zählt als Literatur

Der Undercurrents-Blog befasst sich mit linker Literatur. Doch was ist eigentlich dieser Gegenstand ‚Literatur’, der für den Literaturmarkt ebenso selbstverständlich zu sein scheint wie für die Alltagspraxis der universitären Literaturwissenschaft? Kanonisierte ‚Höhenkammliteratur’? Belletristik? Dichtung? Oder einfach alle Schriftdokumente? Doch warum nur die schriftlich fixierten Zeugnisse und nicht beispielsweise auch orale Praktiken? Und welches Verhältnis gegenüber dem, was jeweils Literatur genannt wird, wäre dann ‚links’? Eine Kritik des herrschenden oder der Entwurf eines alternativen ‚linken’ Kanons? Ein kleines Korpus an Texten dezidiert linker Dichtung oder ein möglichst extensives Konvolut verschiedenster Texte und Praktiken, das auch Revolutionslieder, politische Schriften, Rap etc. umfasst? 

Zumindest historisch ist ‚Literatur’ nicht mit ‚Dichtung’ zu verwechseln: Als zunächst europäisches und bürgerliches Phänomen, das seit dem 18. Jahrhundert in die Welt gesetzt wurde, bezeichnet sie nur einen kleinen Ausschnitt aus der Vielzahl der weltweiten Praktiken, die Dichtung genannt werden mögen. Bis ins 18. (und teils bis ins 19.) Jahrhundert wurde als ‚res publica literaria’ dagegen jenes Kollektiv genannt, das heute unter dem Namen ‚scientific community’ bekannt ist. Als ‚Literatur’ galten dementprechend Texte, die den Bereichen des Wissens zugeordnet werden können. Die Oper war hingegen Teil der Dichtung, während der Roman mit dieser nichts zu tun hatte, sondern der Geschichte subsumiert wurde.

Olaf Simons diskutiert den historischen Wandel des Literaturbegriffs besonders im Zusammenhang mit der Entstehung eines sekundären Diskurses der Literaturwissenschaft, der definiert, was als Literatur zählen soll. In Frage kommen dafür gerade vormals abgewertete fiktionale Artefakte, die nun einen Bereich der Kultur bilden, welche wiederum für die Nationsbildung eine wichtige Rolle spielen wird. Unabhängig vom jeweiligen politischen Regime unterliegen sie Simons zufolge dem Regime des Interpretierens und des Relativierens der Interpretationen, welches das letzte Urteil ‚der Geschichte’ überlasse. Ob dieses Regime selbst mit der Zuordnung zu ‚modernen Industriegesellschaften’ zureichend sozial kontextualisiert ist, mag allerdings kontrovers beurteilt werden.

Wenn es nicht nur um Literatur, sondern um ‚linke’ Literatur gehen soll, so stellt sich die Frage nach dem Verhältnis der theoretischen und historischen Definitionen, was als Literatur gilt, zu herrschaftsförmigen oder herrschaftskritischen Praktiken. Was kann wo als Literatur publiziert und vermarktet werden? Wie hängen Kanonisierungsprozesse und Herrschaftsverhältnisse zusammen und welche Literatur kann herrschaftskritisch genannt werden? Bedarf es eines alternativen ‚linken’ Kanons oder einer Kritik jedes Kanons?

Die Anglistin Elahe Haschemi Yekani betrachtet Kanonkritik nicht per se als ‚links’, sieht emanzipatorische Potentiale aber in einer intersektionalen Perspektive auf Literatur und Literaturkanons anhand von Herrschaftskategorien wie race, class und gender. Wie sie in ihrem Interview mit Undercurrents ausführt, sollte dabei gerade auch die Verwobenheit von kanonischen und nicht-kanonischen Texten in den Blick genommen werden. Das Ziel ist Haschemi Yekani zufolge nicht, „einem Kanon einen Gegenkanon gegenüberzustellen“, sondern mehr Unordnung in der Literaturgeschichte zu schaffen, ohne dabei in traditionelle Literaturgeschichtsschreibung zurückzufallen. Ihr besonderes Augenmerk gilt dem emanzipativen Potential im Aushandeln von Identitäten durch Literatur. Dies eröffnet zugleich die Frage, welche Potentiale Literatur neben der Aushandlung von Identitäten noch besitzen mag.

Damit stellt sich erneut das Problem, was als Literatur gelten kann. Nur jener Bereich mehrdeutiger Schreibkunst, der seit dem 19. Jahrhundert in westlichen kapitalistischen Gesellschaften in besonderem Maße als ‚literarisch’ betrachtet wurde? Oder gerade politische, kollektive, auch anonyme Texte und Praktiken unterworfener Frauen, Arbeiter_innen, Migrant_innen, die nicht zur Literatur gezählt wurden? Und wie sind politische Proklamationen, Popliteratur oder literarische Praktiken jenseits der Schrift zu verstehen?

Im Interview von Christoph Schaub mit Adam Bradley werden diese Fragen anhand von Rap als Literaturform diskutiert, die Bradley zufolge sowohl afroamerikanischen Kulturen jenseits der Höhenkammliteratur als auch Formen der westlichen Dichtung entspringt. Bradley interessieren besonders die Verflechtungen von ‚Hochkultur’ und ‚Populärkultur’, von „Lady Gaga und Lady Chatterley“ sowie von schriftförmiger und oraler Literatur auch innerhalb des Rap, die in ihrer jeweiligen poetischen Gestalt vielfältig zwischen diesen Polen fluktuieren. Bradleys Verweis auf Rap als „the future of the retro“ verweist zum einen auf Rap als Abkömmling der ersten Verknüpfungen von Melodie und Stimme, zum anderen auf die professionelle Rap-Kultur. Als rebellische Form musikorientierter Dichtung hat Rap demzufolge trotz der in einigen seiner Spielarten selbst existierenden Ausschlussmechanismen das Potential, diese zu überwinden, da er qua Form prinzipiell von Allen praktizierbar ist.

Tanja Röckemann untersucht anhand der Rezeption von Gisela Elsners Roman Fliegeralarm, wie die politische Situation 1989 und 2009 dessen Geltung als literarisches Werk bedingt. Die Zeit der so genannten ‚Wiedervereinigung’ war die denkbar schlechteste für die bekennende Kommunistin und Autorin Elsner. Ihr Roman, der die Erwachsenen der Zeit um 1989 als verbrecherische Nazi-Kinder zeigt, geriet nicht nur wegen des Themas, sondern auch wegen seiner sprachlich revolutionären Eigenheiten unter die Räder der damaligen Literaturkritik. Röckemann zeichnet mit dieser Rezeptionsanalyse beispielhaft nach, dass und wie die Anerkennung von Texten als Literatur durch sozioökonomische Veränderungen insbesondere in Bezug auf die Vergangenheitspolitik Deutschlands bedingt war und ist. Die nationale Bedeutung des literaturwissenschaftlichen Kanons und dessen Macht werden hier unmittelbar deutlich. Auf der anderen Seite erzählt diese Rezeptionsgeschichte auch von der Möglichkeit der Intervention und der großen Bedeutung kleiner Verlage jenseits des Mainstream wie des Verbrecher-Verlags, der Elsners Werk nun herausgibt.

Die Rezension von Martin Brandt zu revolutionärer Literatur in Ägypten (Susanne Schanda, Literatur der Rebellion) schlägt den Bogen zur aktuellsten Situation, in der sich die Frage nach der Gestalt und dem Potential linker Literatur stellt. In ‚klassischen’ literarischen Genres, aber auch in Blogs, Krimis, Thrillern oder Comics wird in Schandas Buch nach der Spur gesucht, welche das weite Feld literarischer Praktiken mit emanzipatorischer Politik verbindet. Dabei stellt sich das Problem, wie ausgehend von literarischen Formen betrachtet überhaupt ermessen werden kann, was Emanzipation sein könnte. Denn Schanda stellt Brandt zufolge eine Frage nicht: Was könnte Literatur zum Streit darüber beitragen, was Emanzipation ist?

In Ankara haben in diesem Jahr Angehörige der Universität Bücherstände in Parks aufgebaut – nicht nur für den intellektuellen Austausch in der politischen Bewegung gegen das islamistische Regime, sondern auch, um die Polizei an Angriffen auf die dortigen Besetzer_innen zu hindern.

Zeigt sich hier eine ganz neue Perspektive auf die Frage, was linke Literatur sein könnte?

Redaktion Undercurrents

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