Kommentar zur Interviewmontage (PDF)

Auf unsere Leitfrage „Was ist revolutionäre Literatur?“ antwortete die Literatur- und Medienwissenschaftlerin Maud Meyzaud, darunter sei zum einen Literatur, die aus Revolutionen hervorgehe, zum anderen eine revolutionäre Kraft, die die Literatur selbst entfalten und Revolutionen in Gang setzen könne, zu verstehen. Ob das Ereignis (die Revolution) oder die künstlerische Auseinandersetzung mit dem das Ereignis Bestimmende (die Abschaffung der herrschenden Verhältnisse) an erster Stelle stehe, ist dabei oft schwer zu entscheiden. In Bezug auf die Wirkungsweise der Propaganda, vertritt Maud die These, dass „die Schrift eine revolutionäre Zweckmäßigkeit dahingehend aufweist, dass sie ihren Adressaten gleichsam konstituiert“. Mit dieser Aussage wird deutlich, wie vielfältig der Begriff ‚Revolution‘ belegt ist: Gehört Propaganda zu einer Revolution, dann handelt es sich um eine, die den Menschen formen, wenn nicht sogar bestimmen will. Das bedeutet jedoch auch, dass diese Revolution ein neues Herrschaftssystem an die Stelle des alten setzt (wenn auch vielleicht nur vorübergehend). Demgegenüber stehen Revolutionen, die dem Menschen zu seiner ‚eigenen‘ Freiheit verhelfen wollen (das Scheitern einer post-RAF und damit als ‚postrevolutionär‘ gezeigten Gesellschaft zeigte Rainald Goetz in seinem Theaterstück „Krieg“, 1986, anhand der „mündigen Bürger“, die nicht mehr in die Revolution finden, nicht mehr wissen, ob und wenn ja wie sie aus einer Revolution entstanden sind: Sie rennen sich die Köpfe ein an dieser Freiheit). Und diese eigene Freiheit? Handelt vor allem von der Gleichheit aller Menschen, also von der Abschaffung von Herrschaft bzw. Hierarchien. Kann Kunst diese Umwälzungen bewirken? Bzw. wie steht die Revolution mit dem Leben und das Leben mit der Literatur in Verbindung? Einige dieser Fragen beantwortet der Artikel „Revolutionäre Kunst und Kunst der Revolution bei Andrej Platonov“ von Roman Widder am konkreten Beispiel eines revolutionären Literaten und seines revolutionären Werks in unserem aktuellen Schwerpunkt. Einige andere Antworten und Diskussionspunkte wirft unser Interview auf.

Florian Kappeler bestimmt revolutionäre Literatur als Medium, in dem sich „politische, aber auch gesellschaftliche und wissenschaftliche Revolutionen“ niederschlagen können. Sie habe durchaus auch Teil „an politischen (und anderen) Umwälzungen“. Ein konkretes Beispiel liefert Jeanette Ehrmann mit Frantz Fanons „Die Verdammten dieser Erde“ (1961). Sie bezeichnet dieses Werk als eine „Repräsentation von Revolution als Text“ und zitiert Jean Améry, der über dieses Werk schrieb, es sei eine „textliche Aktion“. Der gewaltvolle Ton wiederhole die Gewalt der kolonialen Sprache und damit ein Trauma, das kathartisch durchlebt und zu einer Wiedergewinnung schöpferischer Kraft führen könne. Sprache kann demnach politische Wirkungskraft entfalten – und wenn sie nicht als Bruch, sondern als „eine kontinuierliche Umordnung der westlichen Episteme, der kolonialen Grammatik und Sprache“ gesehen wird, dann kann Poesie als politisch bezeichnet werden. Umwertungen und Aneignungen, die u.a. die Geschlechterverhältnisse revolutioniert haben, sind hier zu nennen, wenn sie auch im Interview keine direkte Erwähnung finden: die Aneignung der Begriffe „queer“, „bitch“, „slut“ um nur einige anzuführen. Nicht nur im Denken, sondern auch in realen Lebensverhältnissen rief der linguistic turn eine Revolution hervor – wenn auch nicht unmittelbar. Die ‚Revolutionierung der Wissenschaft‘ brauchte konkret agierende politische Menschen – zu denen u.a. Frantz Fanon gehört. Insofern ist Jeanettes Verweis auf die Kontinuität mit der die „Umordnung“ vorangetrieben werden muss, wichtig, weil sie dem utopischen Bruch mit dem Alten die (vielleicht sogar realistischere) Möglichkeit der Veränderung, die eher auf Zeit setzt, gegenüberstellt. 

Ein weiterer spannender Punkt zum Themenbereich Genre und Revolution ist die Bezugnahme auf das Werk Marquis de Sades. Maud weist darauf hin, dass sich mit seinem Werk die literarische Reflexion über Herrschaft änderte, u.a. da hier jede_r den absoluten Souverän spielen darf. Pornografie als literarisches Genre, in dem Herrschaftsverhältnisse nach- und neuinszeniert werden und das somit deren Unumstößlichkeit widerlegt, wäre darüber hinaus noch einer Betrachtung wert gewesen. Insbesondere auf Grund der unerbittlichen feministischen Kritik an Pornografie auf der einen Seite und der positiven und subversiven Bezugnahme auf Porno in queeren und anderen subkulturellen und eben auch feministischen Kreisen (beispielsweise Lady Bitch Ray, vgl. auch den Reader ‚Post-Porn-Politics‘ 2009, herausgegeben von Tim Stüttgen).

Auf unsere Fragen „Inwiefern sind Konzepte revolutionärer Literatur eurozentrisch und klassistisch? […] Wie wären Konzepte revolutionärer Literatur zu konstruieren, die die Subalternen und ihre literarischen Praktiken nicht ausschlössen?“ erhielten wir konträre Antworten, die das unterschiedliche Verständnis von bzw. den unterschiedlichen Blickwinkel auf den Begriff Revolution verdeutlichen. Revolutionäre Literatur ist nach Maud sowohl eurozentrisch und sexistisch, wenn auch nicht klassistisch. Damit geht sie von einem kanonisierten Revolutionsbegriff aus. Sie vertritt die These, dass in revolutionärer Literatur bzw. in revolutionärem Umgang mit Texten die Möglichkeit besteht, dass „weitere Gruppen die Stellung der ersten“ einnehmen. Es stellt sich für uns die Frage, wie diese erste Gruppe zu ermitteln ist? Wenn eine erste Gruppe gesetzt wird, entsteht eine Hierarchie der Abfolge und der Wertigkeit. Die verschlungeneren Wege der Entstehung von revolutionärem Gedankengut und politischen Aktionen (die ja auch häufig erst im Rückblick als solche erkannt werden) können durch eine intersektionale Herangehensweise genauer analysiert werden. In diesem Sinne wäre es vielleicht sogar möglich auch von Revolution (ähnlich wie Gender) als einem interdependenten Begriff bzw. einer interdependenten Kategorie zu sprechen (vgl. Walgenbach/u.a. 2012), d.h. als einem Begriff, der in einem Wechselverhältnis zu bzw. mit verschiedenen Ereignissen, Akteur_innen, Kunstformen, etc. steht.

Florian nähert sich der Antwort auf unsere Fragen von einem anderen Standpunkt. Er vertritt die Ansicht, revolutionäre Literatur könne nicht eurozentrisch und klassistisch sein, denn dann wäre sie nicht revolutionär. Dadurch ergibt sich auch die Antwort auf die Frage nach den Subalternen: Um sie einzubeziehen, brauche es daher keine ‚andere‘ Methode/Theorie; im Gegenteil kämen gerade von ihnen wichtige Texte. Hier steht der fortschrittliche und ethische Aspekt einer linken Revolution im Mittelpunkt: Revolution wird begriffen als auf grundlegenden Werten basierend: „Indem Menschen sich Literatur revolutionär aneignen, überwinden sie ja gerade die Schranken, die die Herrschaft (kapitalistische, rassistische, geschlechtliche) setzt.“

Jeanette lenkt den Blick eher auf eine Kritik an herrschenden wissenschaftlichen Methoden und Theorien, die u.a. an der Definition dessen was Literatur sei maßgeblich beteiligt sind: Dadurch ermögliche es (Literatur-)Wissenschaft sowohl Literatur unsichtbar als auch sichtbar zu machen.

Um das Thema Sichtbarkeit/Unsichtbarkeit kreist auch die Frage nach dem Verhältnis von „Geschlecht und Revolution“. Jeanette hebt in diesem Zusammenhang hervor, dass der weibliche Körper „innerhalb der europäischen Kultur schon immer Projektionsfläche symbolischer Repräsentation und Folie politischer Auseinandersetzungen“ war. War die kämpferische Frau in Europa ein Skandalon – erinnert sei an Friedrich Schillers Bezug auf die Französische Revolution in „Die Glocke“ („Da werden Weiber zu Hyänen“) – und die Frau eher als Allegorie – z.B. als Mutter, die die Ebene der Familie und der Nation miteinander verbindet (so Maud) – denn als real handelnde Person präsent, so verweist Jeanette auf die Haitianische Revolution. Die Vodou-Priesterin Cécile Fatiman, die maßgeblich am Beginn der Revolution beteiligt war, stehe als eine von vielen haitianischen Revolutionärinnen für „weibliche agency“ und damit jenseits der dichotomen Gestaltung von Frauen entweder als Heilige oder als Hure wie sie in Europa konstruiert wurden.

Maud vertritt die These, dass die Revolution ‚männlich‘ sei. Das heißt Frauen werden nur als symbolische Gestalten sichtbar und sobald sie – wie Olympe de Gouge – als politische Akteurinnen auftreten, werden sie eliminiert – Olympe de Gouge endete auf dem Schafott. In Bezug auf die aktuelle Gegenwart sagt Maud, dass, da der Kapitalismus die Revolution vereinnahmt habe und geschlechtliche Rollenbilder verhandelt werden, Revolutionen in westlichen Ländern überholt seien: Denn Revolutionen würden gerade da beginnen, wo Frauen noch kein Raum zugebilligt werde. Fraglich bleibt allerdings, in welcher Form eine ‚männliche‘ Revolution Frauen Räume schaffen kann. Bei der Betrachtung der sogenannten 68er wird deutlich, dass diese mit einer sexuellen Revolution eng verknüpft war, auch die Frauenbewegung ging aus ihr hervor. Dennoch waren die revolutionären Bewegungen der 1960er und 1970er Jahre (beispielsweise in Deutschland) nicht per se getragen von einer geschlechtersensiblen bzw. sexismusfeindlichen Haltung. Machismus war (und ist) Teil der linken Szene, auch wenn man das nicht immer wahr haben will. Dennoch haben Frauen aktiv an diesen revolutionären Bewegungen teilgehabt. Florian betont, dass der Anteil, den Frauen (und andere Geschlechter) immer an Revolutionen hatten, von der Geschichtsschreibung und -erinnerung zumeist bzw. lange ignoriert wurde. Daher waren Frauen und andere Geschlechter oft unsichtbar. Auf diese Form der Unsichtbarmachung durch herrschende Überlieferung und Wissenschaft hatte bereits Jeannette hingewiesen. Der Frauenbewegung und der feministischen Literaturwissenschaft ist es u.a. zu verdanken, dass diese Akteur_innen und z.T. ihre Werke ans Licht gebracht wurden.

Zum revolutionären Potential des World Wide Web wurde insbesondere angemerkt, dass Facebook zwar organisierte politische Aktionen ermögliche, der reale Ort der Macht bzw. der symbolische Ort der Herrschaft, noch immer real existiert und auch besetzt wird. Es macht sich Enttäuschung breit, dass die Auflösung der Geschlechter, auf die manche in Bezug auf das Internet gehofft hatten, nicht eingetreten ist, doch verweist Florian zugleich darauf, dass revolutionäre Ansätze wie Donna Haraways „Cyborg Manifest“ eher auf die „Aneignung von Wissen und Technologien“ zielte. So betont Jeanette die Bedeutung des Internets für feministische Gruppen und Netzwerke. Auch die Queer-Aktivistin Riki Wilchins beschrieb die Wichtigkeit beispielsweise von Chatrooms für queer-, trans-, homo-People, die sich so „begegnen“ können, ohne sich einer Gefahr auszusetzen (leider gab/gibt es selbst in alternativen Stadtteilen wie im Berliner Kreuzberg queer-/trans-/homofeindliche Übergriffe).

Nicht zuletzt ging es uns auch um die linke Literaturwissenschaft: Wie kann sie sich einem eurozentrischen und klassistischen System – der Universität – entziehen? Zwar kritisiert Florian unter diesem Gesichtspunkt die Literaturwissenschaft, gleichzeitig verweist er auf Möglichkeiten einer Veränderung: Zum Beispiel solle man sich den „Anforderungen der ‚wissenschaftlichen‘ Institution entziehen“, wenn sie die Revolution denunziere. Eine „herrschaftskritische Forschung“ müsse dazu beitragen, dass „die revolutionären Potentiale von Texten expliziert“ werden. Mit Blick auf die in der universitären Landschaft entstehenden/entstandenen Qualifikationsarbeiten, von denen einige das Denken durchaus revolutionierten, eröffnen sich die Fragen: Wer hat Zugang zur Universität? Unter welchen Verhältnissen werden die Arbeiten verfasst bzw. können hier wirklich revolutionäre Texte entstehen? Wie ließen sich Herrschaft- und Machtverhältnisse, die ja definitiv in Universitäten auch Untersuchungsgegenstand sind, abschaffen?

Jeanette betont, dass die Destabilisierung von Theorien und Methoden eine wichtige Aufgabe der Literaturwissenschaft sei (sie bezieht sich dabei auf Deborah Jenson). So könnte man vielleicht die These aufstellen, dass Literaturwissenschaft sowohl Literatur zum Verschwinden als auch hervorbringen kann? Linke Literaturwissenschaft wäre demzufolge nicht nur herrschaftskritisch und antikapitalistisch, sondern ebenso Produzent_in revolutionärer Literatur – womit wir wieder zu den Fragen und Diskussionspunkten am Beginn unseres Kommentars zurückkehren. Und um diese zu erweitern: Was zählt denn eigentlich als Literatur? Eine Frage, der wir uns mit unserem nächsten Schwerpunkt widmen möchten.

Advertisements