Ein Buch des Nicht-Trostes (PDF)

Der Tod muß abgeschafft werden, diese verdammte Schweinerei muß aufhören. Wer ein Wort des Trostes spricht, ist ein Verräter.“ So das titelgebende Zitat in voller Länge. Es stammt von dem Künstler und Kunsttheoretiker Bazon Brock aus dem Jahr 1968. Da war Fritz Bauer bereits tot. 1959 hatte Wolfgang Staudte seinen Spielfilm „Rosen für den Staatsanwalt“ in die westdeutschen Kinos gebracht: Einen Film über die Selbstamnestie der Justiz nach 1945 und die personellen Kontinuitäten deutscher NS-Verbrecher in West-Deutschland (Täterinnen verhandelte dieser Spielfilm nicht). Damals steckte Bauer bereits in den Vorbereitungen des Frankfurter Auschwitz-Prozesses: Im Gegensatz zu dem von Staudte gezeigten Staatsanwalt, der, selbst NS-Verbrecher, anderen „Ehemaligen“ zur Flucht verhalf, war Fritz Bauer von den Nazis inhaftiert worden und 1936 emigriert. 1949 kehrte er nach Deutschland zurück. Als Jurist und späterer Generalstaatsanwalt in Frankfurt am Main verfolgte er mit all der ihm zur Verfügung stehenden Kraft die nationalsozialistischen Verbrechen. 1966 lief Alexander Kluges Film „Abschied von gestern“ in den Kinos. Auch Fritz Bauer tritt darin auf, als er selbst, d.h. als Generalstaatsanwalt, der für die Humanität des Rechts einsteht. Eben dieses verunmöglicht es der Protagonistin Anita, einer aus Ostdeutschland kommenden Jüdin, die die Deportation ihrer Großeltern miterleben musste, in Westdeutschland Fuß zu fassen. Fritz Bauer starb 1968, kurze Zeit nachdem das „Einführungsgesetz zum Gesetz über Ordnungswidrigkeiten“ die Strafverfolgung von „NS-Mittätern“ und „NS-Mittäterinnen“ verhinderte. Dieses Gesetz kam einer „kalten Amnestie“ gleich. Der Massenmörder Adolf Eichmann wäre in Deutschland nach diesem Gesetzbeschluss womöglich als bloßer Gehilfe zu einer geringen, wenn überhaupt zu einer Freiheitsstrafe verurteilt worden. Das Gesetz verunmöglichte eine Strafverfolgung der Beihilfe zum Mord ohne nachweisbares „böswilliges Motiv“.

Fritz Bauer wurde kurze Zeit nachdem das EGOWiG bzw. Verjährungsgesetz in Kraft getreten war, 1968 tot in seiner Badewanne aufgefunden (zu Fritz Bauer siehe Irmtrud Wojak Biografie: Fritz Bauer 1903-1968. Eine Biografie, München 2009 und Ilona Zioks Dokumentarfilm: Fritz Bauer – Tod auf Raten, Deutschland 2010). Thomas Harlan beschreibt die Beerdigung Fritz Bauers in seinem Roman „Heldenfriedhof“ (2006) und zählt hunderte von Namen derjenigen auf, die auf Grund des Verjährungsgesetzes NICHT verurteilt worden waren. (Der Sohn Veit Harlans, des Regisseurs von „Jud Süß“ (1940), der in einem unter anderem von Fritz Bauer angestrengten Prozess eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit angeklagt und freigesprochen worden war, Thomas Harlan unterhielt über lange Zeit als einer von wenigen einen freundschaftlichen Briefwechsel mit Fritz Bauer und er arbeitete eng mit ihm bei der Recherche zu den Frankfurter Auschwitz-Prozessen zusammen. Siehe Jean-Paul Stephan, Fritz Bauers Briefe an Thomas Harlan. Eine deutsche Freundschaft; herunterladbar unter http://fbi.jubelware.de/fileadmin/user_upload/uploadsFBI/einsicht/Einsicht-09.pdf, 30.05.2013 und „Hitler war meine Mitgift“, 2011).

Auch die „48 Geschichten für Fritz Bauer“ beginnen mit der Beschreibung seiner Beerdigung, für die er sich eine Rede verbeten und für die Theodor W. Adorno die Musik (drei komplette Streichquartette von Beethoven) ausgewählt hatte. Die das Buch einführenden und beendenden Abbildungen stammen aus Kluges „Abschied von gestern“. Die ersten zeigen zwei jüdische Grabsteine und darauf jeweils einen fliehenden Hasen. Im Film hört man dazu Anita und ihren Liebsten zum Deutschlandlied summen: Statt „Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland“ singt sie „Glück und Frieden sei jedem beschieden“. Doch sie wird bitter enttäuscht. Und so sind die Abbildungen der fliehenden Hasen auf den jüdischen Grabsteinen ein sprachloser Prolog Alexander Kluges. Der Epilog, die Widmung, zeigt ebenfalls ein Bild aus „Abschied von gestern“: Fritz Bauer an seinem mit Akten überhäuften Schreibtisch sitzend.

Der dokumentarische, nüchterne und doch poetische Stil Kluges beherrscht die ‚Geschichtensammlung‘ für den Generalstaatsanwalt. Wie Rainer Stollmann in seiner Einführung zu Kluges Werk über dessen „Schlachtbeschreibungen“ schrieb, kümmere sich dieses Buch nicht „um die Differenzierung zwischen Geschichtswissenschaft und Literatur“ (Stollmann 1998, S. 56). Ähnlich verhält es sich auch mit den 48 Geschichten für Fritz Bauer. Historische Fakten und deren Narration werden miteinander durch einen nahezu unsichtbaren Mittelpunkt verbunden: Dieser Mittelpunkt ist die Adressierung an den Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der selbst in diesem Buch eine Leerstelle bleibt, die nur durch den Titel, die Beschreibung seiner Beerdigung und die Widmung ansatzweise gefüllt ist. Es ist also kein Trostbuch für den Generalstaatsanwalt, ohne den Adolf Eichmann nicht vor Gericht gestellt worden wäre (Nachdem er von Eichmanns Aufenthaltsort erfuhr, informierte Bauer den israelischen Geheimdienst, da er der westdeutschen Justiz misstraute) und der die Auschwitz Prozesse in Frankfurt am Main initiierte: Ein untröstliches Buch statt Rosen für den Staatsanwalt.

Eine der ersten Geschichten berichtet von zwei Anthropologinnen, die sich dagegen aussprechen, die galizischen Jüdinnen und Juden auszurotten, denn sie seien soeben mit der Erforschung dieses „Materials“ beschäftigt. Doch sie erreichen nichts mit ihrem Einspruch. Auch Jonathan Littell hat in seinem historischen Roman „Die Wohlgesinnten“ (2006) eine Debatte um die Vernichtung oder Schonung eines nach nationalsozialistischer Ideologie nicht eindeutig als jüdisch zu bezeichnenden „Volkes“ aufgenommen und daran die Willkür, mit der Menschen zu lebensunwertem Leben erklärt werden, nachgezeichnet.

Kluge kommentiert seine Geschichten nicht, sondern lässt sie ‚für sich‘ sprechen. Diese hier zeigt, dass Widerworte oder auch Widerstand möglich waren. Aber die Mehrheit der nicht verfolgten Deutschen eigneten sich diesen nicht für antifaschistischen Widerstand an, sondern waren an ihrem eigenen Leben, ihrer Wissenschaft, ihrer Karriere interessiert – ihre Lebensrealität war bestimmt durch nationalsozialistisches Gedankengut, mit dem sich Karriere machen ließ.

Eine andere Geschichte berichtet von einer Untersuchung aus dem Jahr 1935 zur Anzahl der damals in Deutschland befindlichen wehrpflichtigen Juden. Aus ihnen hätten zwei Armeen gebildet werden können. Die wehrpflichtigen Juden wurden jedoch vom Wehrdienst ausgeschlossen. Ironisch bzw. zynisch betrachtet, kann dies als Beispiel für den deutschen ‚Untergang‘, d.h. Hang zur Selbstzerstörung herangezogen werden: Zwei jüdische Armeen hätten vielleicht Stalingrad verhindert. Die Sinnlosigkeit und Ineffektivität des nationalsozialistischen auf Vernichtung zielenden Antisemitismus wird durch diese Geschichte illustriert.

Kluges NICHT-Kommentierung der Geschichten führt jedoch vor Augen, dass der Versuch, die Geschichten jeweils auf einen Punkt hin zu zentrieren, nicht greift, dass ihre vielen Ebenen nicht fassbarer werden durch die Zentrierung, sondern, dass die Geschichten vor allem zusammen im Hinblick auf den Adressaten Bauer wirken. Darüber hinaus ist die Dramaturgie ihrer Abfolge – nicht zuletzt ist Alexander Kluge Filmregisseur – von Bedeutung für die Wirkung der berichteten Ereignisse, das Ineinandergreifen der unterschiedlichen Aspekte der nationalsozialistischen Verbrechen. Dies lässt sich am ehesten an den Titeln der einzelnen Geschichten ablesen: Ist die eben genannte unter dem Titel „In der Zeit, in der noch nichts endgültig beschieden war“ zu lesen, so finden sich danach die Titel „Zwangsverkauf einer traditionsreichen Waffenfabrik in Thüringen“, „Ein Zwangtausch in Budapest“, „Auf den Schienen der Linie 2 der Straßenbahn warteten die Opfer“, „Wechsel der Wachen: Liquidierung einer überholten Planung“ und „Auf den Schienen der Bürokratie“. Oft verstecken sich unvorstellbare Untaten hinter diesen Titeln, die darüber hinaus durch die zynische Umgangsweise der Täter und Täterinnen mit den Verbrechen geprägt sind: Wie beispielsweise in „Auf den Schienen der Linie 2 […]“, die mit dem Ausspruch eines ungarischen Rechtsmediziners endet: „Werft die Juden in die Donau, wir wollen kein zweites Katyn“ (Kluge 2013, 33) (Die Massaker von Katyn wurden von den Nationalsozialisten propagandistisch ausgeschlachtet, es handelt sich dabei um von Stalin angeordnete Massenmorde, die zum Symbol der Leiden der polnischen Bevölkerung unter Stalin wurden). Darüber hinaus zeigt sich die Vielschichtigkeit der nationalsozialistischen Gräueltaten vor dem Hintergrund der europäischen Kollaborationen. Die aufgeführten Titel und die darin berichteten Geschichten zeichnen zum einen das aus dem „Dritten Reich“ auf die anderen Staaten übergreifende nationalsozialistische Regime nach, zum anderen weisen sie damit auf die Mittäter/innenschaft der anderen Nationen hin und auf die Ereignisse und Orte, an denen die Massenverbrechen geschahen.

„Auf den Schienen der Bürokratie“ erzählt von der wiederholten Bitte („zuletzt durch einen slowakischen Rabbiner am 31. März 1944“, Kluge 2013, 35), die Bahnstrecke aus Budapest, die nach Polen und das bedeutete Auschwitz führte, zu bombardieren:  Besonders geeignetes Ziel sei eine Bahnbrücke. Diese Informationen wurden von der Union of Orthodox Rabbis in der Schweiz an die Union of Orthodox Rabbis in New York weitergegeben. Von hier gelangte die Nachricht über Isaac Sternbusch an den Vertreter des War Refugee Board in Bern, Roswell McClelland. Der Leiter des Refugee Council, den zuletzt die Summe der Informationen erreichte, wandte sich an den stellvertretenden Kriegsminister McCloy im Pentagon. Dieser antwortete, eine Bombardierung sei nicht praktikabel, da sie „den Abzug beträchtlicher Luftunterstützung für strategisch wichtige US-Truppen im Mittelmeerraum“ (Kluge 2013, 36-37) bedeutet hätte. Die Schrecken der Shoah haben vor der Befehlskette menschlicher Hierarchien nicht halt gemacht. Politische und bürokratische Hürden mussten genommen werden, wurden genommen und doch scheiterte die Rettung. Wo ist die Verantwortung ‚verloren gegangen‘? An welchem Punkt hätten die ungarischen Juden und Jüdinnen gerettet werden können? Und von wem?

Der Bericht „Die Ohnmacht eines herkömmlichen Einverständnisses gegenüber Kaltenbrunners Leuten“ berichtet von der Deportation von 1259 römischen Juden und Jüdinnen. „Die Aktion wurde von 288 Telefonaten und Telegrammen begleitet, welche der britische Abhördienst registrierte“ (Kluge 2013, 45). Durch Interventionen konnten einige gerettet werden (z.B. Ehepartner aus Mischehen), doch 1007 (darunter 200 Kinder unter 10 Jahren) wurden nach Auschwitz deportiert. Der Papst bestellte den deutschen Gesandten Ernst von Weizsäcker zu sich, der dem Papst davon abriet, die Deportationen zu verhindern. Dazu heißt es: „An der Columbia University in New York wurde 2012 die Frage aufgeworfen, wie es kommen konnte, daß ein kollegial und ständisch abgesichertes Netz von Bevollmächtigten, gestützt durch ein Geflecht praktischer Gründe, verstärkt durch Überlegungen, wie (vor dem Hintergrund der Moralität) das Ereignis NACH DEM KRIEG aufgefaßt werden würde, durch eine herangereiste nicht zahlenstarke Mannschaft (keineswegs Glaubensbrüder, sondern Befehlsempfänger) in ihrer Planung so völlig konterkariert wurde“ (Kluge 2013, 46). Diese Geschichte wird somit explizit in die Gegenwart rückgebunden. Sie endet mit der Feststellung, dass der Fanatismus einer solchen Befehlskette bekämpft werden müsse, bevor er entstehe.

Es sind insbesondere die Geschichten über die Banalität des Bösen, die die Geschichten der Täter nahezu unheimlich machen. So z.B. die über die Nichtberücksichtigung der Patentierung der „Knochenmühle“. Der Oberingenieur Prüfer von Topf & Söhne erwarb für diese ein „Reichspatent“. Mit ihrer Hilfe sollten die nichtbrennbaren Leichenteile vernichtet werden. In den Wirren des Krieges wurde das angemeldete Patent nicht berücksichtigt, obwohl die „Knochenmühle“ u.a. in den so genannten Enterdigungsaktionen eingesetzt wurde und Herr Prüfer konnte sein Patent nach dem Krieg nicht wie angedacht z.B. auf Schlachthöfen anwenden. Einen nahezu direkten Kommentar nicht nur zu dieser Geschichte bildet folgende. Normalerweise waren Fremdwörter im Dritten Reich verpönt, aber das Wort „Desinteressement“ setzte sich in der Verwaltungssprache durch: „Es bezeichnet die kühne und entschlossene Version eines Nicht-Interesses, eine Spielart der Gleichgültigkeit […]“ (86).

Das Gegenteil zeigt hinwiederum die Geschichte „Verwahrlosung der Justiz“. In einem Gefängnis, in dem zum Tode verurteilte Landesverräter einsaßen, entschlossen sich die Bewacher wenige Stunden vor dem Eintreffen der alliierten Truppen, die Verurteilten selbst zu ermorden.

In Odessa wurden nach einem Attentat tausende von Juden und Jüdinnen erschossen, dies beschreibt „Ein Massaker als Repressalie für ein Attentat in Odessa“. Die Leichen wurden zu Hügeln aufgeschichtet und verbrannt. Doch verbrannten sie nicht vollständig und es war nicht mehr möglich, die Leichen abzutragen, da sie miteinander verschmolzen waren.

Es sind keine Anklageschriften, aber Berichte, aus denen Anklagen hätten hervorgehen können. Sie verhandeln die Unfassbarkeit des Mordens und gleichzeitig die Faktizität der Verbrechen, den Zufall, wen traf es, wen nicht. Denn es gibt auch Geschichten, in denen aus Zufall, aus Glück, ja aus Grausamkeit – weil „Feierabend“ war – Menschen ihrer Ermordung entgingen. Jede einzelne Geschichte ist eine Mahnung, verankert im Heute, die auf den Schrecken von damals verweist.

Es sind Details, die schmerzen, richterliche Details, Details, die für Anklagen von Bedeutung sind: Für Anklagen der Täter/-innenschaft, der Mitwisser/-innenschaft, der Mittäter/-innenschaft, der ungenutzten Gelegenheiten. Es sind keine Gerichtsakten, es sind Gerichtsgeschichten. Es ist ein Buch auch über die Ausweichlichkeit von Auschwitz und auch deshalb ein Buch des Nicht-Trostes, ein Buch der unerbittlichen historischen Wahrheit, deren Geschichten trotz des dokumentarischen Stils achtsam, wenn nicht kunstvoll ineinander verwoben, bezogen und auf einander verweisend ein tiefes Geschichtsbild liefern: das letztlich ein unheimlich schmerzendes ist.

Alexander Kluge (Mitarbeit Thomas Combrink): „Wer ein Wort des Trostes spricht, ist ein Verräter“: 48 Geschichten für Fritz Bauer. Berlin: Suhrkamp 2013 (113 S.), 16,95€. ISBN: 978-3-518-42350-9

Konstanze Hanitzsch ist Gender- und Literaturwissenschaftlerin. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

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