Es gibt für alles eine Lösung! (PDF)

Erst eine angemessene Darstellung des Kapitalismus bringt diesen auch theoretisch auf den Punkt, wie bereits Karl Marx (im Nachwort zur 2. Auflage des Kapital, http://www.mlwerke.de/me/me23/me23_018.html, 25.04.2013) schrieb. In vielen Situationen wünscht man sich jedoch kleinformatigere und zugänglichere Erzählungen als Das Kapital. Eine Möglichkeit ist dann, sich der Literatur zuzuwenden. Wie aber kann der Kapitalismus literarisch dargestellt werden – allgemein, aber auch in seiner Konkretion, etwa seiner aktuellen deutschen Variante? Wie ist eine Literatur seiner Verwerfungen, des durch ihn geschaffenen massenhaften Elends, seiner Absurditäten und Gemeinheiten möglich – eine Literatur, die über der unausweichlichen Logik kapitalistischer Vergesellschaftung nicht die Menschen im Text noch einmal zu reinen Funktionen des Systems degradiert, die aber auch nicht mitleidig über die ‚Armen’ schreibt, die es eben leider schlechter hätten?

Wie beschreibt man umgekehrt die Handlanger des Kapitalismus, ohne die Logik der Produktion von Profit um des Profits willen als persönlich motivierte Gier einzelner Menschen darzustellen? „Sie sind so mies“, heißt es zu Recht schon im Lied von Georg Kreisler, und doch sind sie nur so mies wie die gesellschaftlichen Verhältnisse, die ihre Gemeinheit fordern und fördern. Ist Kapitalismus etwas Schlimmeres als die persönliche Bosheit Einiger, und sind seine Wirkungen nicht bedauerliche Kollateralschäden, wie kann es dann eine Literatur geben, die dieser systemischen Logik Rechnung trägt und dabei die konkreten Menschen nicht auslöscht?

Rainald Goetz hat jüngst in seinem Roman Johann Holtrop (2012) eine meisterhafte Antwort auf diese Fragen gegeben, die sich den kapitalistischen Akteuren in den für die New Economy boomenden, für die meisten Menschen aber düsteren Jahren der rot-grünen Verarmungspolitik widmet. Weniger bekannt, aber ebenso gelungen ist Juliane Beers Roman Arbeit kann zu einem langsamen und schmerzhaften Tod führen (2010). Das von gewissen größeren Verlagen explizit aus politischen Gründen nicht verlegte Buch erschien in der Edition Schwarzdruck zunächst in einer Auflage von 333 Exemplaren.  Zumindest in der Berliner (linken) Literaturszene hat es sich trotzdem zu einem Geheimtipp entwickelt und ist seit kurzem zum Glück wieder lieferbar.

Eigentlich müsste ihr Roman zugleich Arbeitslosigkeit kann zu einem langsamen und schmerzhaften Tod führen heißen. Wird aus der späten UdSSR das Arbeiter_innen-Bonmot „Sie tun so, als ob sie uns bezahlen, und wir tun so, als ob wir arbeiten“ überliefert, so müssten Erwerbsarbeitslose im heutigen Deutschland sagen: „Sie tun so, als ob sie uns Arbeit geben wollen, und wir tun so, als wollten wir arbeiten“. Dass genau das meist nicht gesagt wird, ist der Gegenstand von Beers Satire. „Das Leben ist ein Bluff“ (9), findet Beers Protagonistin Jutta Paesch, erfolgreichste Vermittlerin sog. ‚heavy-Kunden’ (schwer vermittelbare Arbeitslose im O-Ton des Amtsleiters) im Jobcenter – und zumindest die deutsche Arbeitswelt und insbesondere Arbeitsagenturwelt im frühen 21. Jahrhundert ist damit treffend beschrieben: Der Staat simuliert, es gebe Lohnarbeit zu vermitteln, und vernünftige Menschen (wie Jutta Paesch) würden erwarten, dass nun die Arbeitslosen ebenfalls simulieren, nämlich dass sie unbedingt arbeiten wollen.

Dies ist, ganz im Gegensatz zu gängigen Stereotypen reaktionärer Ideologien, zumindest in Germanenland nicht so. „Ein Deutscher ist ein Mensch, der keine Lüge aussprechen kann, ohne sie selbst zu glauben“ (Theodor W. Adorno, Minima Moralia, Frankfurt a.M. 2003, 124). Der/die deutsche Arbeitslose will arbeiten um jeden Preis, und der ist für Hartz IV-Empfänger_innen gleich 0 (bzw. 1, nämlich Euro „Aufwandsentschädigung für Fahrtkosten“, 27). Die noch Arbeit haben dagegen „fühlen sich frei (…), aber wohnen im Büro“ (53).

Diese Scheiße als kapitalistische Logik, aber mit Empathie für die Beschissenen (meist, durchaus realistisch, Frauen) zu erzählen ist die Leistung von Beers Buch. Das gelingt besonders durch die Protagonistin Jutta Paesch, role model und Kulminationspunkt der Kritik. Role Model, weil ihre Versuche, die Arbeitslosen davon abzuhalten, sich billig für jede Arbeitssimulation hinzugeben, den menschlichen Faktor in der Gemeinheit des Systems aufzeigen: Denn wenn auch die Figur Jutta Paesch das System nicht ändern kann, so verweist sie doch darauf, dass in der Realität selbst die kleinen Erleichterungen von den Staatsbütteln (wie ihrem Vorgesetzten, dem in seiner deutschen Borniertheit so grauenvoll wie die Realität gezeichneten Ideologen Kernmann) eben nicht gewährt werden. Jutta Paesch beschämt die deutschen Jobcenter-Bürokrat_innen – und sie sollte deren role model werden, wäre auf diese Leute zu hoffen. Zwar gibt es Jutta Paesch in Einzelfällen auch in der Realität (http://www.youtube.com/watch?v=utfDH2czup0, 25.04.2013), nur ist sie hier nicht wie die echte, d.h. die fiktive Frau Paesch unkündbar (https://www.openpetition.de/petition/online/sofortige-ruecknahme-aller-sanktionen-gegen-die-arbeitsvermittlerin-inge-hannemann, 25.04.2013).

Kulminationspunkt der Kritik ist Jutta Paesch in Verbindung mit der satirischen Verkehrung, in der Juliane Beers Roman die kapitalistisch-deutsche Realität zur Kenntlichkeit entstellt: Die widerständigste Figur muss die systemischen Zwänge letztlich doch exekutieren, und diejenigen, die am meisten unter ihnen leiden, sind zugleich die, die sie am meisten bejahen. Das wiederum könnte die beschämen, die beschämt schweigen zu dem, was mit ihnen gemacht wird. Die Verkehrung der Positionen der liebenswerten Staatsknechtin Paesch und der meist nicht zur Identifikation tauglichen Unterworfenen hat aber noch eine weitere Implikation: Beers Darstellung zeigt, dass die sozialen Positionen von Unterwerfenden und Unterworfenen nicht notwendig so besetzt sind, wie sie besetzt sind. „Würde Gertrud arbeitslos werden, wäre Frau Paesch sie somit zwar als Kollegin los, hätte sie aber demnächst als Kundin auf dem Hals“ (35). Damit gelingt die schwierige Aufgabe, die Logik der kapitalistischen Herrschaft als systemischen Zwang darzustellen, ohne die Empathie für die Subjekte zu verwerfen.

Mit welchen Mitteln Frau Paesch nun zu einem Teil das Unmögliche schafft, nämlich „haevy-Kunden“ Arbeit zu vermitteln – denn „für alles gibt es eine Lösung“ (Jutta Paesch, 52) –, was sie nachts mit Perücke und Brille verkleidet am Berliner Maybachufer tut, warum auch sie bei allem Charme als von den Verhältnissen beschädigte Figur gezeichnet ist, inwiefern Beers Satire auch ein Kriminalroman ist mit einer wunderbar Geschlechterrollen dekonstruierenden Ermittlerin, aber auch Polizeibeamt_innen, die zu maskierten Hartz IV-Empfänger_innen werden – das alles werden Sie wissen, wenn Sie das Buch gelesen haben. Welche Lösung es bezüglich der darin beschriebenen Verwerfungen und Verwerflichkeiten des (nicht nur, aber besonders: aktuellen deutschen) Kapitalismus geben könnte, erfahren Sie vielleicht im aktuellen Schwerpunkt-Thema des Undercurrents-Blogs.

Juliane Beer: Arbeit kann zu einem langsamen und schmerzhaften Tod führen. BWL mit Frau Paesch, Band 16. Berlin: Edition Schwarzdruck 2010 (2. Auflage, 204 S.), 20€.  ISBN: 9783935194358

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