Dath_Kirchner Rezension (PDF)

Der Furor, mit dem Barbara Kirchners und Dietmar Daths neues Buch Der Implex im deutschen Feuilleton verrissen wurde, nährt den Verdacht, dass dieses zumindest in Teilen ins Schwarze getroffen haben muss. Ein Grund für das Ressentiment von Blättchen wie der ZEIT ist leicht auszumachen: Kirchners/Daths Intellekt ist dem pseudoelitären Kultur-Geschwafel einfach haushoch überlegen. Wenn die zentralen Ideen der Aufklärung nicht anhand ehrwürdiger deutscher Idealisten, sondern  durch Texte der Schriftstellerin Anna Laetitia Barbauld (1753-1825) erläutert werden, so stört die biederen Rezensenten wahrscheinlich allein schon, dass sie die britische Denkerin nicht einmal kennen (wir kannten sie auch nicht, aber wir wettern deshalb nicht über Kirchner/Dath). Der eigene Sprachdünkel wird dann schon mal gerne auf das Rezensionsobjekt projiziert: Angeblich formulierten Kirchner/Dath in „mäandernden Satzkonstruktionen“ (Die Zeit). Seltsamer Vorwurf angesichts von Sätzen wie diesem: „Die Teepflückerin hat aber nicht deshalb keinen Internetzugang, weil Hindus so etwas nicht wollen, sondern weil sie (…) auf der Plantage statt im Callcenter arbeitet“ (Dath/Kirchner 2012, 21). Und solch klar formulierte Widerlegungen kulturalistischer Ideologien bezeichnet ein Protagonist jenes Feuilletons, das ansonsten jede salbadernde Wortkaskade Marke Heidegger, Lacan, Sloterdijk, Gumbrecht zumindest interessant findet, als intellektualistische „krude Anmaßung“ (Deutschlandradio Kultur)?

Gegen diese Gegner bisweilen tatsächlich hyperintellektuell zu spielen, macht Spaß. Gleichwohl präzise Argumente anzuführen auch. Die trotzdem unbestreitbare Komplexität des Buches liegt eher an seiner Länge, seinem gegen den bildungsbürgerlichen Konsens gerichteten Theoriekanon (Barbauld, Marx, Engels, Lenin, Adorno, Hacks…) und einem gewissen Mangel an narrativer Spannung, da es sich bei diesem „Roman in Begriffen“ (Dath/Kirchner 2012, 15) eben nicht wie im Falle von Daths vom selben deutschen Feuilleton hochgelobtem opus magnum Die Abschaffung der Arten um Dichtung handelt. Deshalb ist er auch nicht linear am besten lesbar, sondern zappend: Man sucht sich, im Inhaltsverzeichnis oder per Zufall, Stellen heraus, die gefallen, sehr richtig (und darum manchmal ein bisschen banal, aber spricht das gegen sie?) erscheinen oder zum Widerspruch anregen. Darin ähnelt Der Implex den Büchern von Gilles Deleuze und Félix Guattari, nur eben in klarerer Sprache und mit besseren Argumenten.

Zunächst: Was ist ein Implex? Kurz gesagt: Etwas Ähnliches wie das zumindest in der Literaturwissenschaft prominente Konzept des Möglichkeitssinns des Schriftstellers Robert Musil. Diesem zufolge gibt es neben ‚wirklichen’, d.h. durch die bestehende Realität evozierten Optionen die Aufgabe eine neue mögliche Wirklichkeit zu schaffen. Der Implexbegriff bei Dath/Kirchner verknüpft nun die beiden Aspekte des Möglichkeitssinns: Die wünschenswerte Zukunft ist der Vergangenheit und Gegenwart selbst schon immanent und bezeichnet damit nicht, wie bei Paul Valéry, von dem der poetologische Begriff des Implexes stammt, nur subjektive Wünsche, sondern objektive Optionen (Dath/Kirchner 2012, 191 u. 341f.). Aufgabe der Theorie wie der Dichtung – mehr noch allerdings der sozialen und politischen Praxis – ist es, diese impliziten Möglichkeiten zu explizieren. Ziel der Dichtung ist dementsprechend nicht, die soziale Wirklichkeit zu repräsentieren (wie Naturalismen oder platte Realismen) oder zu ersetzen (wie Fantastik und Romantik), sondern die „Gegenüberstellung von realistisch behandelter und metaphorisch selbstentfremdeter Welt in ein und demselben Kunstwerk“ (Dath/Kirchner 2012, 398). Dieses poetologische Ziel erklärt allerdings sehr gut, warum am Ende von Die Abschaffung der Arten die Auflösung von Gattungs- und Klassengrenzen ihren Anfang an einer Bäckereitheke in Baden-Württemberg nimmt und in Für immer in Honig neben Zombies und revolutionären Weltkriegen deutsche Kleinstadtverhältnisse zentralen Raum einnehmen. Es ist diese Mischung von sozialem Realismus und Science-Fiction, die in Daths Dichtungen fasziniert und die im Implex erklärt wird, womit sie allerdings auch an Reiz verliert. Denn hier wird weniger dargestellt und imaginiert als expliziert und argumentiert.

Die Menge der dabei angesprochenen Themen, deren Darstellung insgesamt meist in einer konsequenten Herrschaftskritik kulminiert, nötigt zur Auswahl: Freiheit, Arbeit, Geschlecht, Rassismus, Wissenschaft, Liebe, Öffentlichkeit, Fantastik, Revolution, Staat, Arbeitskämpfe, Krieg, Philosophie etc. Da Dath/Kirchner der Kategorie der Klasse besondere Aufmerksamkeit widmen, die ja auch in diesem Undercurrents-Schwerpunkt im Vordergrund steht, sei anhand von ihr kurz exemplarisch verdeutlicht, wie Der Implex operiert. Klassen werden im Implex anhand von Lenin und Barbauld diskutiert (Dath/Kirchner 2012, 66, 84ff.). Klassengegensätze enthalten demnach implizit bereits neue Optionen der Subjektivität, insofern sie etwa – um in den Klassenauseinandersetzungen bestehen zu können – zur Kollektivbildung anregen. Ein anderer, genealogischer Sinn des Implex – Vorfahren einer Person tauchen in ihrer Ahnenliste mehrfach auf, d.h. es gibt weniger als mathematisch erwartbar (dazu ebd., 44, 191) – kommt dagegen darin zum Ausdruck, dass Barbauld Dath/Kirchner zufolge das normative Programm der Aufklärung der Arbeiter_innenbewegung „vermacht“ (Dath/Kirchner 2012, 89). Barbauld und Marx/Lenin implizieren einander demnach theoretisch und genealogisch. Die Befreiung der Menschheit ist ein normatives Implikat des politisch-praktischen Klassenkampfes und umgekehrt. Dass die Arbeiter_innenklasse in ihrer Mehrheit das Buch wahrscheinlich trotzdem nicht lesen wird, wissen die Autor_innen. Dath schreibt in einer anderen theoretischen Schrift (Maschinenwinter, 118f.), er würde leider wohl meist nicht von Arbeiter_innen gelesen, sondern von Intellektuellen im weitesten Sinne (Ärzt_innen, Journalist_innen, Lehrer_innen…). Diese Leute sollen aber im besten Fall agitierende Funktionen gegenüber den Proletarier_innen– etwa Feuerwehrleuten, Polizist_innen, Programmierer_innen – übernehmen. Dass die Literaturwissenschaftler_innen nicht genannt werden, zeugt leider von Realismus.

Ob nun die implizite Unterstellung, Politik jenseits des Klassenkampfes kulminiere im Faschismus (Dath/Kirchner 2012, 71, 75), polemisch genannt werden muss und ob Lohnarbeit tatsächlich das modellhafte Realverhältnis des Kapitalismus darstellt (Ebd., 82), sei den Leser_innen des anregenden Buches überlassen. Solche Kritik erscheint jedoch fast als Detail im Angesicht der ideellen Gesamtdummheit der Rezensenten, die darum zum Schluss noch einmal zu Wort kommen soll: „Und bei einem Technikfetischisten wie Dath erstaunt es, wie er sich offenbar umstürzende technische Revolutionen auch in einer künftigen, nach Plan agierenden kommunistischen Ökonomie vorstellen kann, wo doch große Innovationen wie Computer oder Internet in ihrer enormen Weltdurchdringungskraft offensichtlich kausal mit dem Ermöglicher Kapitalismus zu tun haben“ (Die Zeit). Wissenschaftlich-technische sind aber genau wie politische Revolutionen erstens Produkte von Ingenieur_innen und Techniker_innen, Wissenschaftler_innen und Fabrikarbeiter_innen und nicht „des Kapitalismus“. Zweitens sind wissenschaftlich-technische Revolutionen historisch nicht so sehr mit kapitalistischem Verwertungsdruck, sondern zumindest in gewissen Fällen (so z.B. der chemischen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts) mit politischen Revolutionen institutionell, diskursiv und personell verknüpft. Letzteres verkennen nicht nur die Rezensenten, sondern erstaunlicherweise auch Kirchner/Dath (Dath/Kirchner 2012, 412). Politische Revolutionen sind vielleicht nicht gar so sehr auf ihre normativen Implikationen zu verengen und wissenschaftliche können gewiss nicht nur „metaphysisch-ontologisch“ genannt werden (Ebd.). An diese Fragen wäre anzuknüpfen.

Redaktion Undercurrents, November 2012

Alexander Cammann: Kolossaler Rückschritt. Dietmar Dath und Barbara Kirchner scheitern mit ihrem Buch »Der Implex« am Fortschritt. In: Die ZEIT (16.02. 2012, Nr. 08), http://www.zeit.de/2012/08/L-S-Dath, 16.08. 2012.

Dietmar Dath/Barbara Kirchner: Der Implex. Sozialer Fortschritt: Geschichte und Idee. Berlin 2012.

Dies.: Schwester Mitternacht. Berlin 2002.

Dietmar Dath: Die Abschaffung der Arten. Frankfurt a.M. 2008.

Ders.: Maschinenwinter. Wissen, Technik, Sozialismus. Eine Streitschrift. Frankfurt a.M. 2008.

Ders.: Für immer in Honig. Berlin 2005.

Gilles Deleuze/Felix Guattari: Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie I. Frankfurt a.M. 1977.

Dies.: Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie II. Berlin 1992.

Barbara Kirchner: Die verbesserte Frau. Berlin 2002.

Arno Orzessek: Krude Anmaßung. In: Deutschlandradio Kultur, 23.02. 2012, http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/1684490, 16.08. 2012.

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